Unter Strom
Montag, 05.10.2015
Ich lade gerade das iPhone, nachdem Kindle und iPad schon schick auf 100% stehen. Das MacBook auf meinem Schoß, schaue ich mir meinen CV noch einmal in Ruhe an, gehe meine Unterlagen von dem netten Outplacementgedöns durch. Nebenbei läuft irgendeine Doku im Fernseher…
Plopp! Fernseher aus. Hm. Teste mal das Licht?! Geht nicht an. Küche, Bad? Nada. Schlafzimmer? Nope. Sicherungskasten über der Wohnungstür – stell dich auf Zehenspitzen auf den kleinen Hocker und vor allem: fall da jetzt bloß nicht runter! Sicherungen alle drin. Was machen, was machen? Online mal gucken, ob geplante Arbeiten sind – Stromausfall gehört ja in der Türkei eigentlich zum daily business. Nichts. Was machen? Stromversorger anrufen. Der sagt, dass zwei aufeinanderfolgende Rechnungen nicht bezahlt und der Strom daher abgeschaltet worden sei. Okay. Deniz, den Vormieter anrufen. Was machen? Tante anrufen, Klamotten für das Gespräch beim potentiellen, merkwürdigen Arbeitgeber zusammenpacken und los. Am Vorabend für so einen Termin kann das ja nicht schaden, Strom zu haben und sogar noch mit warmem Wasser duschen zu können. Herrje, was hab’ ich auch für hohe Ansprüche!
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Dienstag, 06.10.2015
Deniz hat die Rechnungen schon morgens früh bei mir abgeholt. Waren aber bereits beglichen. Okay, wieso habe ich also am Nachmittag noch immer keinen Strom? Genau. Weil nämlich der Vertrag gekündigt wurde und ich so lange das einfache Leben leben darf, bis ich den Stromanschluss neu anmelde. Danke. Was machen? Nötigung! Muss ich also wieder zur Tante.
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Mittwoch, 07.10.2015
Ah ja, ich habe ja noch immer keinen Strom! Also los, erstmal eine Versicherung gegen Erdbeben abschließen, einhundertundpaarzerquetschte Teelöffel blechen, die ich von der Novembermiete ‘runterrechnen darf. Dann nach Taksim und von A nach B nach C laufen, schließlich nach R und K dann bei D den Anbieter finden, Strom anmelden, Kaution über einhundertundwiederpaarzerquetschte Teelöffel hinterlegen, Hausnummer von 31 auf 25 korrigieren lassen. Bis zu drei Werktagen soll das dauern, aber alle sind zuversichtlich, dass die Technikerteams, die ab 17 bis 22 Uhr arbeiten, noch heute kommen und den Strom freischalten. Trotzdem mal sicherheitshalber Kerzen und Batterien für die MiniMaglite (die ich zum Glück nicht doch noch vor dem Umzug entsorgt habe) kaufen.
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Donnerstag, 08.10.2015
Gut, dass ich mit ausreichend iPhones und einem Kindle ausgestattet bin. Danke, KE, für die Nötigung zum Kindle-Kauf! Trotzdem, Akkus müssen geladen werden.
Erstmal raus nach Taksim, um endlich Kaffee trinken und Starbucks-Strom abzapfen zu können. Starbucks öffnet ja immerhin schon um 7 Uhr. Um 7:30 Uhr sitze ich draußen und habe schon Besitz von zwei Steckdosen ergriffen.
Seit zwei Tagen ruft mich schon die Tochter meiner Vermieterin an, blondiert, Leopardenmustersträhnchen, Duckface, laut. Sehr laut. Der Albtraum eines jeden Servicemitarbeiters. Meiner nicht. Sie fragt, kümmert sich, stalkt die Hotline für mich – aber bisher kein Ergebnis.
Die Hotline stalke ich mittlerweile auch, so kommt es mir vor. Deren Mitarbeiter – ich hatte sie alle: Murat, Nazlı, Tülay, Metin – lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Die Regel lautet: gesetzlich sind drei Werktage für die Stromversorgung nach Anmeldung vorgesehen. Einwände und Beschwerden prallen an der höflichen, vollkommen ruhigen Fassade des Mitarbeiters ab. Hat nämlich alles seine Richtigkeit. Und wer braucht denn schon so etwas banales wie Strom?
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Freitag, 09.10.2015
Gleich mal mit 19% Akku auf dem Zweitgerät aus dem Haus und ab zum Starbucks. Kaffee! Strom! Dinge erledigen, telefonieren, Dinge tun, Stromversorger anrufen und wieder auf den Abend vertrösten lassen. Abends auf dem Sofa eindösen, um 21:54 Uhr aufwachen und feststellen: Kein Strom. Immerhin Kerzen. Hotline anrufen. Sagen lassen, dass die Techniker am Vortag da waren und ich die Tür nicht geöffnet hätte. Ja, wie denn auch, wenn ihr Tröten bei Hausnummer 31 klingelt und nicht bei mir in der 25?! Also zum zweiten Mal Adresse korrigieren lassen. Weiterschlafen. Hilft ja alles nichts…
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Samstag, 10.10.2015
7 Uhr, Starbucks Taksim. Akkus laden, Kaffee trinken, ab nach Hause. Oh, Moment, rufste doch zur Sicherheit nochmal an und lässt die Hausnummer bestätigen. Ahaa! Noch immer falsch! Also noch ein neuer Versuch, wozu Strom? Und was, frage ich die bezaubernde Stimme von Ayşegül am anderen Ende der Leitung, mache ich, wenn heute noch immer niemand kommt und den verdammten Strom freigibt? Och, meint sie ganz entspannt, wenn die heute nicht kommen, dann eben morgen…
Fazit: nachdem ich noch einmal zwischen 13 und 16 Uhr im Ağa Bilardo Café umme Ecke Strom und WiFi abgezapft habe, gehe ich nach Hause, öffne die Tür und werde – tadaaaaa! Applaus, Applaus, Applaus! – mit Licht in der Küche begrüßt.
Das wörtliche Licht im Dunkeln des gesamten Tages nach dem Anschlag…