Problemlos Nonalkoholiker sein
Fabian Neidhardt
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Seit letztem Jahr trinke ich ab und zu wieder, allerdings aus rein gesellschaftlichen Gründen.

Endspiel gewonnen mit den Jungs vom Fußball, ein Kasten Pils in der Kabine. Alle stoßen an und — meine Wasserflasche ist leer. Die Botschaft ist klar: der will nicht mit uns feiern. Wenn es dann beim 0,33l Pils bleibt, ist alles in Ordnung.

31. Dezember, 23:58 Uhr. Gleich ist Neujahr, für alle stehen zwei Schlücke Sekt bereit. Es gibt nichts anderes. Ich stoße mit allen anderen an und feiere den Beginn der nächsten 365 Tage, an denen garantiert alles anders wird oder ich stehe mit leeren Händen im Konfettiregen und reagiere auf die Anfrage, zwei Gläser zum Klingen zu bringen, mit Schulterzucken und einem “Sorry, hab’ nichts! Gibt’s hier Orangensaft?”.

Rotwein in der Soße? Kein Grund ein Abendessen abzulehnen, während alle anderen essen. Was? Cointreau im Nachtisch? “Sorry, nichts für mich!” Hungrig und abgekapselt sitze ich vor meinem Restaurantbesteck und schaue es beim Glänzen zu.

Möchte ich so leben?

Alkohol komplett abzulehnen bringt nicht nur mich, sondern auch andere Menschen in eine unangenehme Situation — auch wenn das bedeutet, dass sie einen Spiegel vorgehalten bekommen. Ich bin gern unter Leuten. Da ich mich nicht ständig ausschließen möchte aus (leider) normalen Gepflogenheiten unter Menschen, trinke ich in Situationen, in denen es unumgänglich ist.

Ich habe mich auch gefragt, ob das nicht eine Charakterschwäche sei. Bin ich nicht konsequent genug? Das ist doch garnicht meine Art. Schwarz oder Weiß, Eins oder Null, Yin oder Yang. Die Antwort ist nicht einfach. Eine ausgeglichene Lösung entsteht für mich, wenn beide Extreme berücksichtigt werden. Diese Situationen kommen für mich so selten vor, dass meine Maxime für mich Ausnahmen legitimiert.

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