Friedhof Nieder-Olm

Friedhöfe, Abbilder der Arbeitskultur

Friedhöfe sind Abbilder der jeweiligen Kultur. Ich dachte, das beziehe sich in Deutschland vor allem auf unseren christlichen Glauben. Doch Friedhöfe sind Abbilder unserer Arbeitskultur.

Gerne spaziere oder verweile ich auf Friedhöfen. Sie strahlen für mich meistens eine Ruhe aus, die mir zu Ausgewogenheit verhilft. Stille, Landschaften, Grabsteine. Nicht nur mir geht es so, immer wieder erkenne ich Seelenverwandte. Früher waren dies vor Allem Ältere, doch inzwischen sehe ich auch Jüngere auf Friedhöfen. Oft sitzen sie auf einer Bank und lesen ein Buch. Auch wenn ich das gelegentlich mache, so lese ich oft die Grabsteine. Die Schriften und die Sprüche änderten sich im Laufe der Jahrzehnte. Früher waren es (für mein jetziges Empfinden) gestelzte Sprüche, oft Bibelzitate. Namen, Geburtstage, Todestage. Die Sprüche nehmen mit dem Todesdatum ab. Die Angaben werden immer kürzer. Ich glaube, die Länge und die Anzahl der Angaben spiegeln die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft wieder. Immer schneller, weiter, höher. Immer mehr Bruttosozialprodukt, Wachstum, Wachstum, Wachstum.


Es begann schleichend. Der Wettbewerb in der Wirtschaft nahm immer mehr zu. Der Druck auf die Mitarbeiter wurde immer höher. Für Persönliches war und ist immer weniger Zeit. Die Arbeit und die Menschen mussten da hin, wo die Unternehmen immer schneller, kostengünstiger und mehr leisten können. Rendite, Rendite, Rendite! Egal ob Eigenkapitalrendite, Umsatzrendite, Aktienrendite – immer mehr und immer Rendite. Kein Quartal ohne positive, möglichst zweistellige Rendite. Alles andere ist Versagen. Und die Menschen ziehen der Rendite hinterher. Zuerst nur am Morgen, um am Abend wieder zurückzukehren in die “Heimat”. Die persönliche Zeit mit der Familie wird immer kürzer. Da ist dann auch immer weniger Zeit, um die Zeit mit den verstorbenen Familienangehörigen zu verbringen. Warum also noch große Sprüche, lange Angaben auf den Grabsteinen… wer liest sie noch? Die Pendlerzeit wird immer länger.

Doch irgendwann passiert es: Die Pendlerzeit wird zu lange. Die Rendite zieht nicht nur in die Kreisstadt, die Nachbarregion oder die nächste größere Stadt. Die Rendite zieht in ein anderes Bundesland, ins Ausland. Und die Menschen ziehen mit. Die Menschen, die eine Arbeit haben und sie behalten wollen, und die Menschen, die eine Arbeit haben wollen. Die Unternehmen und ihre Renditen zwingen Menschen in ein neues Korsett: Heimat ist da, wo die Arbeit ist. Lange Zeit nur für die “Abhängigen”: die Arbeiter, die Angestellten, die Leitenden Angestellten, die Vorstände. Dann für die Zeitarbeiter, die Selbstständigen, die Projektarbeiter. Denn mit denen ist die Rendite höher. Sie kosten keine Sozialversicherung, keine Abgaben, keinen Arbeitsplatz. Vor allem nicht in Phasen mit wenig oder keiner Rendite. Menschen werden zur austauschbaren Ressource. Und die Ressource Mensch hechelt der Rendite hinterher, nicht nur auf den Aktienmärkten sondern auch in ihren Wohnungen. Heute Odenwald, morgen Stuttgart, übermorgen Hamburg.

Soweit die Rendite trägt. Soweit die Füße tragen. Irgendwann tragen die Füße nicht mehr. Und alte Füße verpflanzt man nicht. Die Alten und die Toten bleiben zurück. Die Alten pflegen die Grabstätten, solange es irgendwie geht. Im Winter Reisig drüber, immer schön gekehrt. Im Frühling neue blühende Setzpflanzen. Im Sommer wieder etwas anderes, dann etwas Praktisches im Herbst. Wässern, sauber machen. So eine Grabstätte braucht Zeit. Zeit, die immer weniger Berufstätige erübrigen können.


Irgenwann wurden die Toten auch nicht mehr begraben sondern verbrannt. An der Grabstätte hatte sich zuerst nicht viel geändert. Ein Namensschild auf dem eigenen Fleckchen Tod. Doch das Fleckchen, die Urne, braucht nicht mehr so viel Platz. An der Wand lässt sich das Fleckchen Tod gut stapeln. Oder in einer Wiese einen halben Meter unter der Erde – anonym oder mit Namensschild an einer Stele. Six Feet Under ist nicht mehr. Unsere Friedhöfe verändern sich. Früher wurden die Friedhöfe größer, oder es gab einen neuen Friedhof. Der Platzbedarf für unsere Toten war enorm. Jetzt werden alte Teile renaturiert und mit einer Wiese für Urnenbestattungen versehen.

Friedhof Nieder-Olm

Urnenbestattungen sind praktisch. Sie brauchen keine Pflege, kein regelmäßiges Hegen der Pflanzen, kein Wässern. Aber warum sind sie so praktisch? Weil niemand mehr da ist, der die Grabstätten pflegen könnte. Alle sind den Unternehmen und der Rendite hinterhergezogen. Nahezu immer, wenn ich mit meiner Mutter auf den Friedhof zu meinem Vater gehe, treffen wir andere Menschen. Alte Menschen.

Ich habe das Grab wegmachen lassen, ich kann das nicht mehr pflegen. Die Knochen wollen nicht mehr. Und die Kinder sind alle weg, die haben keine Zeit dafür. Ich verstehe das. Die haben so viel Streß auf der Arbeit, die schaffen es kaum, mich zu besuchen. Ich habe das jetzt klar gemacht, ich lasse mich verbrennen. Die Kinder können nicht jeden Monat für die Grabpflege aus Hamburg herunterkommen.

So etwas oder so ähnliches höre ich dann jedes Mal. Auch in Höchst im Odenwald werden die Erdbestattungen immer weniger, die Urnenbestattungen immer mehr. Die Alten werden immer weniger, die Jungen sind immer weiter weg. Und deren Kinder? Die werden wieder woanders sein. In einer anderen Stadt, in einer anderen Region, in einem anderen Land. Einer anderen Rendite hinterher.


Die Friedhöfe werden immer seelenloser. Noch gibt es für mich etwas zu lesen auf den Grabsteinen, aber irgendwann werden da nur noch ein paar wenige Namen stehen. Oder gar nichts mehr. Irgendwann werden die ersten Friedhöfe schließen müssen. Dann werden wir die vollmobile Renditeressource haben, die der Arbeit hinterherzieht. Dann wird es noch diejenigen geben, die keine Arbeit bekommen. Sie werden vollkommen anonym “entsorgt”. Unsere Friedhöfe sind Abbilder unserer renditegeilen Arbeitskultur. Bis wir keine mehr haben.

In den letzten Jahren wird viel über “Home Office” und “Mobile Office” geschrieben und gesprochen. Auch ich kenne “Home Officers” und “Mobile Officers”. Bei den Friedhöfen ist diese Arbeitskultur noch nicht angekommen. Sie zeigen das Bild einer marodierenden Workforce, die ihre Angehörigen hinter sich lassen muss. Aber vielleicht ändert sich doch noch etwas. Zuerst müssten die Unternehmen ihre Arbeitskultur ändern, sie müssten sich ändern. Wirklich?

Unsere Unternehmen sind Abbilder unserer Kultur.