Technikphilosophie — I. Die Technik und die Kehre

Fabian Willkomm
Jan 15, 2017 · 17 min read

Möchte man hinter das blicken, was wir Technik nennen, ihr sozusagen auf den Grund gehen, und schaut man dazu in die Philosophie, dann stößt man relativ schnell auf einen Autor, den man wohl zunächst nicht erwartet hätte: Martin Heidegger (1889–1976).

Dass jener in den letzten Jahren aufgrund antisemitischer Passagen in seinen Werken eher im Bücherregal nach unten rechts verschoben wurde, ist bekannt und berechtigt. Dass seine Texte jedoch eine hochaktuelle Lektüre bleiben, wenn es um die Frage nach dem Wahrheitsanspruch der Wissenschaft und die Auswirkungen einer mechanischen Moderne auf den Menschen gehen soll, wird dabei selten erwähnt.

Die Beschäftigung mit Heideggers Arbeit, so sei vorweg gesagt, ist immer auch eine Beschäftigung mit einem gewissen Fortschritts-Unglauben, einer Position, die sich gegen die Naturwissenschaft und damit verbunden auch die Technik richtet. Es ist jedoch unter Betrachtung seiner Biographie nicht erstaunlich, dass der im provinziellen Meßkirch geborene Dorfbub die Entwicklungen seiner Zeit aus einer wohl dörflichen und geistig-mystischen Naturverbundenheiten heraus kritisch beleuchtet hat. Er stammte aus einem tief gläubigen Elternhaus, diente in seiner Jugend als Ministrant, studierte später Theologie und Philosophie und strebte den Eintritt in den Jesuitenorden an, was jedoch aufgrund seelischer Schwierigkeiten scheiterte. Seine Stationen sind Zeugen davon, dass seine eigentliche geistige Heimat immer in der Tiefe und den Fragen nach der Metaphysik lag, fernab von den weltlichen Dingen und damit erst recht den vermeintlichen Errungenschaften der industriellen Moderne.

In seinem Hauptwerk Sein und Zeit versucht Heidegger der abendländischen Philosophie ein neues Fundament zu bauen. Jenes Sein ist für den Denker Mittel- und Ausgangspunkt aller Überlegungen und die Endlichkeit des Menschen die entscheidende und Existenz bedingende Komponente. Es sollte hierbei klar werden, dass die Anfänge für ihn immer maßgeblicher sind als das Werdende. Warum? Weil eine Philosophie, sobald sie über das Sein spricht, zur Ontologie wird und dadurch selbst innerhalb der Betrachtung unserer Gegenwart auf einen Anfangspunkt zurück verweist. Insofern ist es unter Berücksichtigung seines Anliegens und damit auch seiner Methodik logisch das Momentane kritisch zu beleuchten, um wieder auf die Anfänge verweisen zu können.

Vornehmlich in den Manuskripten der Bremer Vorträge (1949) und seinem Vortrag Die Technik und die Kehre (1951) widmet sich Heidegger dem Wesen der Technik und der Frage, inwiefern diese Einfluss auf die menschliche Existenz hat. Nur bedingt auf seinen systemischen Ansatz eingehend, welcher sich immer in zahlreichen Begriffsdefinitionen, Umdeutungen und Erklärungen entfaltet, möchte ich versuchen die groben, inhaltlichen Aussagen darzustellen, um damit seine Position verkürzt, aber hoffentlich zureichend wiedergeben zu können.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Heidegger aufgrund der tiefgreifenden Wirkung von Technologie auf uns Menschen und die Welt in dieser eine Gefahr sieht. Aber und gerade deshalb für die Menschheit die Möglichkeit einer Kehre am Horizont erscheint.

Die Universalität der Technik

Um beschreiben zu können, was Heidegger meint, wenn er von Technik spricht, muss man an den übergeordneten Anfang seiner Überlegungen treten. Was ist Technik für den Philosophen Heidegger, was ist ihr Wesen?

Für ihn ist die Technik zunächst eine Art der Entbergung, ein Transfer von Etwas aus dem Unbekannten in das Bekannte. Wenn man sich früher noch bei Augustinus eine vermeintlich göttliche Schöpfung aus dem Nichts (creatio ex nihilo) vorzustellen versuchte, so muss man sich jenes Hervorbringen als ein Entstehen aus etwas anderem vorstellen. Man könnte hier einen Wanderer als Beispiel nehmen, der aus einem gefundenen Stück Holz eine Puppe schnitzt, diese sozusagen dadurch erst erscheinen lässt; und man kann sich genauso gut eine Knospe vorstellen, aus der eine Blüte wird, die damit aus sich selbst entsteht, zwei verschieden Arten der gleichen Entbergung.

Er schreibt der Technik aufgrund dessen eine gewisse Universalität, eine allumfassende Ausprägung zu. Es geht ihm darum zu zeigen, dass das, was ist, immer auch scheinbar dazu da ist weiterverwendet zu werden, zur Herstellung, zum Hervorbringen von irgendetwas anderem. An jedes Hervorbringen schließe sich eine weitere Nutzung, ein weiteres Entstehen an und all dies vollziehe sich in einem Kreislauf, in einer Art unendlichen Kette.

Ein Beispiel mag dies verständlicher machen: Explosionen auf der Sonne erzeugen Strahlung, welche wiederum über Solarzellen Strom auf der Erde erzeugt. Strom wird weiter gedacht produziert, um beispielsweise Werkzeug herzustellen. Werkzeug wird genutzt um Häuser zu bauen, Häuser erschaffen Räume, Räume benötigen Licht, Licht kommt von den Solarzellen und somit kann man den Kreis Schritt für Schritt wieder zurück gehen oder eben vorwärts gehen bis zur Sonne.

Diese Einbettung in solche Wirkungskreisläufe sei mit allen Dingen möglich und die Summe aller einzelnen Stationen, aller Dinge, ergibt bei Heidegger das universal waltende Gestell. Philosophisch gesprochen ist dies für ihn das Wesen der Technik, das was sie ausmacht, wenn man hinter sie blickt. Technik ist für ihn jene rotierende, allumfassende Bewegung des Gestells, die alles in sich vereint was ist und darüber hinaus dahin bringt weiterverwendet zu werden. Sie existierte daher für ihn schon bereits vor der Erfindung des Telegraphen oder der Dampfmaschine, da diese lediglich aus ihr entsprungen seien.

Die moderne Technik, über die Heidegger zusätzlich sprechen möchte, bringe zwar auch, wie alles andere Entbergen Dinge hervor, unterscheide sich in ihrem Wesen jedoch dadurch, dass sie zusätzlich auch etwas hervorbringe, um es zu speichern und dann erst später weiterzuverwenden, beispielsweise Energie. Sie fordere die Natur in einem bisher unbekannten Maße heraus. Die Natur, so werden wir sehen, wird für ihn, wenn es um die Frage der Technik gehen soll, eine bedeutende Rolle spielen.

Die Natur als Bestand

Heidegger argumentiert, die Moderne versuche die Natur innerhalb und durch die Naturwissenschaften messbar, beschreibbar zu machen, damit sie für das Gestell und die Technik zu einer prognostizierbaren Größe werden könne. Sie werde aber dadurch lediglich zu einer Ressource, zu einem Bestand, auf eine, einem größeren Zweck dienlichen Nutzbarkeit degradiert, womit sich ihr Wesen uns jedoch nicht mehr erschließe.

Das Pflegen des Ackers aus den frühen Zeiten sei eine in sich geschlossene Aktivität des Bauers gewesen, die der Versorgung mit Nahrung der eigenen Familie gedient und den Boden nicht belastet habe. In der Moderne werde jedoch der Boden und Acker nur noch als Grundlage für Bergwerke, für Minen und Landwirtschaftsmaschinen und somit eine Quelle oder Station für weitere Kausalzusammenhänge innerhalb der Ketten des Gestells.

Natur sei jedoch für den Menschen mehr als ein Reservoir, mehr als nur ein Teil von und für Wirkungszusammenhänge einer allumfassenden, rotierenden Nutzbarkeitsbewegung. Diesen Gedanken macht Heidegger in der Technik und die Kehre am Beispiel des Rheins und einem Wasserkraftwerk deutlich:

“Das Wasserkraftwerk ist nicht in den Rheinstrom gebaut, sondern der Strom ist in das Kraftwerk verbaut und ist, was er da ist, aus dessen Wesen. Achten wir, um das Ungeheuere, das hier waltet, einigermaßen zu ermessen, nur für einen Augenblick auf den Gegensatz, der sich in den beiden Titeln ausspricht: Der Rhein, verbaut in das Kraftwerk — »der Rhein«, gesagt in das Kunstwerk der gleichnamigen Hymne Hölderlins.“

In Hölderlins Rhein ist der Fluss der Ursprung mystischer Erfahrungen, ein Rätsel, Quell des Lebens, der Kultur, der Tiefe und Ursächlichkeit. Er ist zudem einfach nur in der Welt, ohne direkt erkennbaren Sinn oder Grund. Er wird eingebettet in einen riesigen Zusammenhang aus menschlichen Gefühlen und aus existenziellen Fragen und wird sprachlich in eine scheinbar unendlich weite Natur des Kosmos gelegt.

Der Rhein, so erscheint es nach der Lektüre von Hölderlins Text, ist überhaupt nicht dazu da, um Energie zu produzieren. Diese Reinheit und Zwecklosigkeit sei aber mit einer naturwissenschaftlichen Betrachtung der Welt und der einhergehenden Technisierung unvereinbar. Der große Strom, so Heidegger, werde zur Energiequelle und nur dazu und er falle damit für ihn einzig und allein in den Bereich der Produktion. Und so wie die Natur oder eben der Rhein auf eine Zweckrationalität degradiert werde, so geschehe es mit allem Natürlichen. Der erzeugende, hervorbringende Kreislauf des Gestells raffe alles und ziehe alles in sich hinein.

Der Krug als Ding — Kritik der Wissenschaft

Doch woher kommt diese neue Art der Betrachtung? Wenn das Gestell schon immer aktiv war, warum hat es sich nach Heidegger auf einmal ins Negative gedreht, warum hat es sich verändert wie etwas hergestellt, hervorgebracht wird?

Für ihn kommt dieser Umschwung letztendlich mit dem und durch das Aufkommen der neuzeitlichen, physikalischen Theorie. Diese sei nicht nur Konsequenz, sondern viel mehr Wegbereiterin jener modernen Technik, die er so kritisch betrachtet. Auch wenn die Technik, die Messinstrumente und Gerätschaften auf den Gesetzen der Physik beruhen und man so das Ganze umgedreht sehen könnte, waltete jedoch bereits für ihn die physikalische Theorie früher und konkretisierte sich als Technik. Sie wurde in seinen Augen nur bisher nie als derart umfassend und einschneidend entlarvt. Es musste Zeit vergehen, bis man dies sehen konnte. Und hier zeigt sich Heideggers methodischer Hang zum Verweis auf das Früheste, oder wie er sagen würde:

“Dem Menschen zeigt sich die anfängliche Frühe erst zuletzt”

Was an der naturwissenschaftlichen, physikalischen Theorie und Perspektive unzureichend sei, führt Heidegger in einem anderen Bremer Vortrag aus. Er nimmt hier das Beispiel eines Kruges, der nach seiner Funktionalität entsprechen geformt wird, mit einem, und das ist wichtig für den Menschen, leeren Innenkörper. Was der Mensch jedoch als leer bezeichne, der Funktionalität eines Kruges inhärent, eine ovale Form, ein Hohlraum mit Wand und Henkel, einer Öffnung nach oben sowie ein Schnabel zum Ausschenken, sei unter einer wissenschaftlichen Betrachtung etwas anderes. Denn als Naturwissenschaftler würde man, so Heidegger, nicht sagen, dass der Krug leer sei, denn er ist ja gefüllt mit Luft, einem Gemisch aus Sauerstoff, Stickstoff etc. Somit sei auch das Füllen des Kruges mit Wein für die Wissenschaft lediglich ein Verdrängen der einen durch die andere Masse, während es für den Menschen jedoch ein Auffüllen und damit eine ganz andere Bedeutung, eine ganz andere Wirklichkeit habe.

Das Wirkliche an einem solchen Krug ist für uns Menschen der Krug ansich und der darin befindliche Mangel an Wein, eben die Leere. Für die Naturwissenschaft ist er noch nicht einmal ein Krug, sondern nur geformter Ton und er ist nicht leer, sondern voll eines Gasgemisches. Und so erschaffe sich nach Heidegger die quantitative Wissenschaft selbst, indem sie sich von Annahmen leiten lasse, die sie selbst voraussetzt, diese als objektiv darstellt, das Restliche an Spielraum und damit das eigentlich Wahrhafte verdrängt.

Um genau zu verstehen was der Krug wirklich ist, dazu reicht nach Heidegger eine physikalische Betrachtung schlichtweg nicht aus. Und weiterführend sagt er, dass man zum Verständnis darüber was die Physik wirklich aufzeigt, das was sie eigentlich beschreiben möchte, dass dafür ihre eigene Methodik nicht anwendbar sei, da diese nicht den eigentlichen Kern des Ganzen beschreibe. In anderen Worten, die Regeln, Gründe und Zusammenhänge der Physik ließen sich nicht innerhalb und mit den Mitteln der selbigen Disziplin untersuchen. Es bedarf nach ihm somit der Philosophie, um die Wahrheit über die Dinge, den Krug, über ihre und sein Wesen zu erfahren.

Die Relativität von Nähe und das Entstehen der Öffentlichkeit

Möchte man jedoch verstehen, was die Technisierung der Welt konkret mit uns Menschen macht, dann hat Martin Heidegger auch hier ganz eigene Ansichten und Beispiele. So schreibt er im Kontext des aufkommenden Flugverkehrs, des Telegraphen und des Fernsehapparats kurz nach dem Zweiten Weltkrieg über die Folgen der Technik auf die menschliche Empfindung:

“Alle Entfernungen in der Zeit und im Raum schrumpfen ein”.

Was hier lediglich der Betrachtungen damaliger Entwicklungen gilt, lässt sich ohne Probleme auch auf Phänomene beziehen, die insbesondere durch das Internet an Geschwindigkeit aufgenommen haben: Orte und Ereignisse der ganzen Welt lassen sich in einer Unmittelbarkeit erfahren, wie das vorher noch die der Fall war.

Auf den Menschen bezogen, bedeute dies hingegen nicht, dass alles was fern erscheine, auch fern sei und im Umkehrschluss, dass nicht alles was nah wirke, auch nah sei. Diese im Menschen angelehnte Diskrepanz zwischen einem Gefühl von erfahrener Unmittelbarkeit und oder eben Mittelbarkeit in Bezug auf Ereignisse und menschliche Beziehungen bleibt trotz der neuartigen Entwicklungen, in seinem Verständnis konstant. Ein guter Freund bleibt einem eben auch auf fernen Reisen nahe, während der Tischnachbar einem am Mittagstisch doch so fern erscheinen kann.

“Kleine Entfernung ist nicht schon Nähe. Große Entfernung ist noch nicht Ferne”

Und es ist ganz und gar nicht so abstrakt was hier zudem in Bezug auf Ereignisse gemeint ist: Man trauert heute in der westlichen Welt mehr über einen Terroranschlag in den USA als über die lokale Armut in den eigenen Straßen. Die Ferne erscheint hier präsenter als die unmittelbare Nähe.

Als Konsequenz und gleichzeitige Ursache für das Entstehen jener Mittel- oder eben Unmittelbarkeit über weite Distanzen hinaus, sieht Heidegger das Aufziehen einer breiten, allgemeinen Öffentlichkeit. Diese schaffe Realität — und hier liegt das Problem für ihn — dekonstruiere gleichzeitig und zwangsläufig und lasse vieles an tiefergehenden Zusammenhängen unbeachtet. Die Öffentlichkeit vereinheitliche, verwische, begrenze und stumpfe ab. Sie schaffe eine allgemeine Meinung, ein allgemeines Gefühl, die durch den schnellen, technologischen Informationsfluss ermöglicht und verstärkt werde. Aber nicht nur das Orts-, sondern auch das Zeitempfinden werde verzerrt. Ereignisse die sich beispielsweise vorgestern weit entfernt vollzogen, könnten mir durch die Öffentlichkeit heute, in der Gegenwart, näher vorkommen als Gegenwärtiges.

Dadurch wird das zeitliche, das nahe oder ferne Empfinden nach Heidegger aber eben nicht mehr zu einem subjektiven Akt. Was mir fern und was mir nah erscheint, entscheide nicht mehr ich. Es entscheide, wenn überhaupt, die Öffentlichkeit. Und da zeigt sich für Heidegger eine erste gefährliche Folge der modernen Technik für den Menschen und lässt sich an der allgegenwärtigen Smartphone Nutzung exemplarisch beobachten: In Anbetracht jener öffentlichen Einheit und damit der Distanzlosigkeit zu allem werde jegliche Nähe zu Ereignisse oder Menschen nur noch bedingt möglich. Der Terroranschlag wirkt nah, durch die öffentliche Ausschlachtung des Ereignisses, und ist dennoch fern. Oder die Armut in den Straßen meiner Umgebung ist nah, bleibt jedoch fern, da die Öffentlichkeit ihr keine Beachtung schenkt.

Die Technik und die Freiheit dazu

Innerhalb eines solchen öffentlichen Raumes drohe dem Menschen somit die Gefahr etwas ganz Entscheidendes von sich selbst zu verlieren, nämlich die Nähe zur eigenen Welt. Folgt man angesichts dieser Position einer altbekannten Kritik an den Produktionszusammenhängen unserer Zeit, so müsste man denken, dass Heidegger zusätzlich fürchtet, dass der Mensch versklavt werde, zur Ressource werde durch die Technologie. Das er selbst zum Bestand wird, so wie die Natur. Und viele Interpretationen seiner Texte wählen auch diesen Weg. Doch schauen wir uns an was er eigentlich sagt:

“Doch gerade weil der Mensch ursprünglicher als die Naturenergien herausgefordert ist, nämlich in das Bestellen, wird er niemals zu einem bloßen Bestand. Indem der Mensch die Technik betreibt, nimmt er am Bestellen als einer Weise des Entbergens teil.”

Dies bedeutet, dass Heidegger zwar erneut die Universalität und Eigenständigkeit Technik unterstreicht, den Menschen aber nur als freiwilligen Partizipator sieht, der in seiner Freiheit das Gestell bedient, aber selbst nicht zwangsläufig unterworfen wird. Das Gestell dränge ihn zwar dazu zu bestellen, im Sinne des Bestellens zu arbeiten, zu erschaffen, aber er habe immer noch die Wahl.

Entscheide er sich dafür, dann werde er maschinenartig, was bei Heidegger lediglich bedeutet, dass eine Maschine, so wie der Mensch der sie bedient, immer austauschbar und ersetzbar, keine individuelle Voraussetzung für ein Funktionieren des Ganzen ist. Andererseits gelten im Unterschied zum Menschen für die Maschine beispielsweise keine moralischen Kategorien. Maschinen können nicht gut oder böse innerhalb ihrer Arbeit vorgehen. Ein Mensch könne dies schon. Somit ist die Einführung von einer moralischen Kategorie hier als Möglichkeit zur Freiheit zu verstehen, eine Freiheit, die keine Maschine der Welt habe.

Somit besteht die Gefahr für Heidegger nicht in einer Versklavung des Menschen durch die Technik, sondern in dem Vernachlässigen oder Ausblenden eines Weges, der die Dinge fernab von einer quantitativ messbaren Nutzbarkeit oder Bestellbarkeit betrachtet und erschafft. Der Mensch gehe

“immerfort am Rande der Möglichkeit, nur das im Bestellen Entborgene zu verfolgen und zu betreiben und von da her alle Maße zu nehmen.”

Hierdurch verschließt sich die andere Möglichkeit, das Wesen der Dinge auf eine andere Weise zu erfahren, als jene, die das Gestell ihm ermöglicht zu denken.

Es ist ganz und gar nicht so unwirklich, wovon er hier spricht. Nimmt man heutzutage an gewissen Veranstaltungen teil, so ist es kinderleicht auf Leute zu treffen, die in ihrer Funktion den anderen Menschen auf der Veranstaltung nach Kriterien der Nutzbarkeit begegnen. Wofür kann ich ihn gebrauchen, lautet die Frage die darüber bestimmt, ob ich mit ihm rede. Was hier waltet, ist — mit Heidegger gesprochen — das Gestell in und durch den Menschen. Oder nehmen wir einen Spaziergänger, der durch die Stadt oder über das Land läuft und alles nur unter dem Gesichtspunkt der Investitionsmöglichkeit betrachtet. Auch hier würde man verstehen, was Heidegger meint, wenn er von dem äußersten Band des Absturzes spricht, an dem sich der Mensch in so einem Fall bewege, wo er selbst Gefahr laufe, alles und sich selbst als Bestand zu sehen und gesehen zu werden (nicht zu werden).

Die Frage nach dem Sein

So wie das Ausschenken eines Kruges für reine Bedürfnisbefriedigung oder auch Freude, Geselligkeit und Muße, kulturelle Praxis stehen könne, so sei dies darüber hinaus zugleich immer auch Teil eines kulturellen, religiösen Ritus, manchmal ganz offensichtlich symbolische Repräsentanz für ein Sakrament, Opfer oder eine Weihe beispielsweise. Und so wie ein Tempel nicht nur ein Gebäude aus Stein sei, sondern in Bezug zu einer höheren Wirklichkeit stehe, so stehe der Mensch auch immer im Verhältnis zu etwas Höherem. So wie der Tempel und der Krug, so ist jeder Mensch, und ist doch zugleich nach Heidegger über sich hinaus.

Das Faktum des Sterbens bedinge beim Menschen diesen allgegenwärtigen Bezug zu einem höheren, unbekannten, rätselhaften Etwas. Denn das Tier verende lediglich, es müsse sich nicht vorbereiten, es wisse nichts von einem Tod. Und so wie die Sprache den Mensch zum Menschen, über das Tier hinaus erhebe, so sei der Tod das viel entscheidendere Kriterium, das ihn in seinem weltlichen Sein konditioniere und ihn auf etwas hinweise.

Gehen wir also zum Anfang zurück und betrachten das, was er über die Technik gesagt hat, innerhalb der Frage nach dem Sein. Man könnte auch den Titel von Heideggers Opus Magnum in jenen von Sartres Hauptwerk Das Sein und das Nichts (Sartres Philosophie ist ohne die Auseinandersetzung mit Heidegger nicht zu denken) abändern, um zu verstehen, was er mit dem Verborgenen, Unverborgenen und Entbergen bezeichnet hat. Die Fragestellung die hier die gesamte nachfolgende Ebene durchdringt lautet: “Pourquoi il y a plus tôt quelque chose que rien?“ bei Leibniz beziehungsweise bei Schelling “Warum ist nicht nichts, warum ist überhaupt etwas?”. Um zu verstehen, was das Sein ist, muss man diese Frage zum Ausgangspunkt nehmen.

Das Sein liegt also zunächst für Heidegger im Bereich des Nichts, in der Verborgenheit sowie später auf der Seite der Unverborgenheit, im Seienden. Das Sein ist der Weg aus dem Nichts in das Seiende. Diesen Weg, etwas Verborgenes in das Unverborgene zu bringen, das eigentliche Sein zu entbergen, nannten die Griechen aleteia, die Römer veritas und wir heute übersetzt Wahrheit. Und hier sollte sich für uns erschließen, warum es für Heidegger so wichtig erscheint über die Technik zu sprechen. Entbergen heißt für ihn das wirkliche Sein, die Wahrheit zu Tage zu tragen und bedeutet daher existenzbedingende Erkenntnis.

Die Wissenschaft als Religionsersatz

Die Moderne hat jedoch nach Heidegger diesen rätselhaften, verborgenen, spirituellen oder auch religiösen Fixpunkt der Verborgenheit durch die weltliche Naturwissenschaft ersetzt und damit einen einseitigen, unzureichenden Weg die Wahrheit zu erkennen gewählt. Für ihn ist der Glaube an die quantitativ analytische Wissenschaft und die damit verbundene Technologisierung purer Dogmatismus, das Auslöschen des Tempels, das Verneinen der Leere des Kruges, das Ignorieren des höheren Bezugspunktes. Die Strenge dieser fast schon neuen Religion begrenze, hemme und unterbinde den Zugang zu Erkenntnis und Wahrheit. Doch nicht nur das. Dieser Glaube verweise zusätzlich in eine völlig falsche Richtung. Denn beispielsweise Nähe und Ferne sind für ihn physikalisch schlichtweg nicht messbar, durch die Naturwissenschaft nicht zu bestimmen; und dennoch hätten sie einen enormen, tiefgreifenden Einfluss auf das Gefühl Mensch zu sein, auf unsere Wirklichkeit und Wahrheit, auf das berühmte Sein innerhalb der Zeit. Heidegger bezieht sich oft auf ein Zitat von Max Planck, um das Fundament dieses, in seinen Augen, ausufernden Glaubens an die Quantifizierbarkeit der Welt zu beschreiben:

“Wirklich ist, was messbar ist, und Gott ist nicht messbar”.

Somit sieht er das Entstehen der Technik auch durch die Philosophie, auch von dieser kommend und er sieht in und durch sie die Erschaffung einer neuen Metaphysik als Ersatz für das verlorene Rätsel um Gott. So verschreibt er als Philosoph, wie schon Carl Gustav Jung in seiner Psychoanalyse zuvor all seinen Patienten, der Moderne ein Spiritualitätsproblem, das symptomatisch als Denkproblem hervortrete. Und die Technik hat ihren maßgeblichen Beitrag daran. Sie bedeute schlichtweg Seinsvergessenheit.

Der folgende Ausschnitt ermöglicht einen außerordentlich guten Eindruck von seinem Gedankengebäude, da er hier kurz und prägnant zusammenfasst, worauf er die Details seiner Untersuchungen stützt.

Aus dem Jahr 1964. ARD/SWF. Der Name des Mönchs lautet: Bhikku Maha Mani

Die Kehre

Soviel zur Gefahr, die in der Technik liegt. Doch wo ist das Rettende, von dem Heidegger spricht? Worin besteht die Kehre, die er aufzeigen möchte?

Nach seiner Überzeugung war sie bereits die ganze Zeit da. Um dies zu erklären, verwendet er ein Zitat von Hölderlin, den Dichter, den er wohl mehr als verehrte, eines welches nach ihm die Ambivalenz, die Doppeldeutigkeit einer Gefahr aufzeige.

“Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch”

Das klingt zunächst unverständlich, aber schauen wir uns an was Heidegger über diesen Zusammenhang sagt: Schon der Begriff Technik habe den Ursprung im griechischen Techne, einem Wort, das in der Antike nicht nur handwerkliches Schaffen beschrieb, sondern ein Hervorbringen im Allgemeinen, also auch ein Erschaffen von Worten, von Dichtung und Schönheit, von Göttern, von Mythen, Geschichten und Liedern. Somit liegt für ihn ein alternativer Weg zum allumfassenden Gestell, bereits am Anfang und somit auch im Gestell selbst, also im Wort Techne verborgen. Es gilt zu diesem Ursprung zurück zu kehren und jenes andere Entbergen wieder stärker in die Handlungen und Entscheidungen einfließen zu lassen. Die Alternative liegt für ihn letztendlich in der Betrachtung der Welt und dem Entstehen von Neuem durch die Kunst, einer Kunst, die durch ein weiteres Entbergen in ihrem Sinne immer die ganze menschliche Wahrheit zu Tage bringe, fernab vom technischen Gestell, was dies verfehle. Ergo, je mehr Gefahr walte, desto eher erscheine das Rettende als neue Perspektive, als ein Licht am Horizont.

Die Voraussetzung für jene Kehre besteht für Heidegger, wie wir gesehen haben, in der Freiheit und Möglichkeit des Menschen die Zusammenhänge zu analysieren, sie zu entschlüsseln, neu zu denken, zu einer Wahrheit zu gelangen und ihnen dadurch eine neue Richtung zu geben. Er zeigt damit auf, dass es notwendig bleibt, dass Denken frei zu halten und in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen neue Wege zu finden. Da diese Freiheit für ihn oberste Priorität hat, gilt es sie zu schützen, eben vor jener Einheitlichkeit, vor der Öffentlichkeit, vor Starrheit oder eben durch vermeintlich objektivierte Wissenschaft, durch neue, dogmatische Glaubensbekenntnisse.

“Aber es ist nie das Verhängnis eines Zwanges. Denn der Mensch wird gerade erst frei, [ … ] so ein Hörender wird, nicht aber ein Höriger”

Heidegger und die Dialektik der Aufklärung

Bereits im Jahr 1919 hat der deutsche Soziologe Max Weber, dass, was Heidegger hier teilweise beschreibt, unter dem Begriff der Entzauberung der Welt benannt. In der zunehmenden Rationalisierung und Intellektualisierung der Zusammenhänge sah Weber das Verdrängen von übersinnlichen oder magischen Erklärungsansätzen und das Entstehen eines Glaubens, die Welt durch die Vernunft beherrschen zu können.

Heideggers Kritik an der Technik, die in ihr ein strukturelles, ein durch Ideen und Theoriekonzepte (vornehmlich die physikalische Theorie) ausuferndes Problem sieht, hatte aber gerade in der Nachkriegszeit viele Freunde im Geiste. Man weiß nicht, inwiefern das Eine mit dem Anderen zusammenhängt, aber fast gleichzeitig, etwas früher im Vergleich zu Heideggers Vorträgen zur Frage nach der Technik, schrieben die Philosophen und Soziologen der Frankfurter Schule, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ihr berühmtes Buch über die Dialektik der Aufklärung. Hier wird die Moderne, die Aufklärung zwar einerseits als befreiende Bewegung und Notwendigkeit aufgefasst, jedoch andererseits ihre unterdrückende Systematik die sie entwickelt hat entlarvt und analysiert. Der Gedanke, dass Vernunft und Rationalität, auf die sich die Naturwissenschaft beruft, sich in etwas Mythisches verdreht und sich in Unfreiheit und als Herrschafts- und Repressionselemente entpuppt hätten, lässt sich, wie wir gesehen haben, relativ leicht auch in Heideggers Gedanken über die Technik wiederfinden.

Auch der kürzlich verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman sprach etwas später als Heidegger von einer desensibilisierenden Wirkung der Technologie auf den Menschen. Die Moral und humanistische Ansätze zählten nicht in Anbetracht des Waltens einer Vernunft, die durch das Mechanische durch und durch gesteuert werde und auch er geht auf die Unmittelbarkeit von Erfahrung durch die Technologie ein.

Jedoch gilt es zu bedenken, dass vor allem Bauman, Horkheimer und Adorno im Vergleich zu Heidegger analysieren, verstehen und die katastrophalen Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts erklären wollen. Sie rufen aber letztendlich zu nichts auf, erwarten keinen Umsturz, schreiben nichts von einer Kehre, auch wenn die Kritik sich inhaltlich stark ähneln mag.

Heidegger und seine ganz eigene Ent-täuschung

Heideggers einseitige Haltung, für die er heute als Autor nicht zu Unrecht büßen muss, kommt vor allem zum Tragen, wenn er die, durch die Technik entstandene, neue Weltöffentlichkeit als den Feind des Denkens im Andenken bezeichnet, wenn er von einem neuen Sein, einer metaphysischen Umkehr spricht, wenn er die Technik und den Fortschritt, die Naturwissenschaft und Quantifizierbarkeit als Teufelswerk betrachtet. Es ist ein äußerst ausgeprägter Technikpessimismus, der sich hier zeigt und der natürlich auch viele positive Aspekte jener Entwicklungen auslässt.

Und so sah er im Nationalsozialismus jene Möglichkeit zur Umkehr, zur Befreiung von der Moderne, von welchem er sich dann später enttäuscht abwendete, als er einsehen musste, dass diese Bande die Technik und Naturwissenschaft nicht abschaffen wollte, sondern für ihre eigenen, dreckigen Machenschaften nutzte, zur Zerstörung im größtmöglichen Maße. Dass er so, und man kann es nicht anders nennen, dumm war, diese Entwicklungen, wie von den Nationalsozialisten propagiert, einer Volksgruppe, einer Ethnie oder Religion zuzuschreiben, das hat wohl jeden erstaunt, der sich mit ihm auseinandergesetzt hat. Und so bleibt Heidegger zurecht ein Geächteter aufgrund der stark reaktionären, politischen Note seiner Arbeit, aber zugleich in einer unpolitischen, philosophischen Betrachtung, wenn es so etwas denn gibt, spannend und einleuchtend.

Weiterführende Literatur

http://www.sesink.de/wordpress/wp-content/uploads/2014/10/Heideggers-Frage-nach-der-Technik.pdf

https://cartoon.iguw.tuwien.ac.at/christian/technsoz/heidegger.html

http://www.philosophie.uni-wuppertal.de/fileadmin/philosophie/PDFs_allg/Seminarmaterialien/Trawny/Heideggers_Ge-Stell.pdf

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