Peter Thiel und seine Zeit

From Zero to One heißt ein im Jahre 2014 erschienenes Buch des deutschstämmigen US-Amerikaners Peter Thiel, einer der wohl einflussreichsten Unternehmerpersönlichkeiten des amerikanischen Silicon Valleys. Es handelt dabei sich um eine Sammlung von Niederschriften seiner hauptsächlich die betriebs- und volkswirtschaftliche Theorie behandelnden Vorlesungen, welche er an der Stanford-Universität einige Jahre vor dem Erscheinen gehalten hat. Obwohl die einzelnen Kapitel Teile einer Anleitung zur Gründung eines Startup-Unternehmens sind, schimmert immer wieder die allgemeinere Bildung dieses universalistischen Kopfes hervor, was erstaunliche Einblicke in das Denken des Technologie-Adels der amerikanischen Westküste ermöglicht. Als eine der wenigen Schriften direkt von einer Person, die zu einer Gruppe von Unternehmern zählt, die unsere Zeit und wohl auch die kommenden Jahrzehnte in einer radikalen Art und Weise prägen werden, wie das wenige vor ihnen getan haben, erscheint das Buch besonders interessant. Sinn und Zweck dieses Textes soll es sein, die underlying concepts, jene ganz spezifischen, versteckten ideologischen und politischen Implikationen, denen sich der Autor verschrieben hat, aufzudecken und zu schildern.

Peter Thiels Werdegang lässt Rückschlüsse auf Interessen zu, die sich auch in seinen Ansichten und somit im Text widerspiegeln, denen sich andere Gründer des Valleys scheinbar weniger oder zumindest nicht öffentlich widmen. Ursprünglich studierte Thiel Jura und Philosophie an der Stanford-Universität, bevor er später dann milliardenschwere Unternehmen wie Paypal, ein Online-Bezahldienst, und Palantir mitgründete. Letzteres ist eine Big-Data-Analyse-Firma, der enge Verbindungen zu den US-Geheimdiensten nachgesagt werden. Es ist vielleicht auch kein Zufall, dass auch andere Silicon-Valley-Größen wie Reid Hoffmann (LinkedIn), Paul Graham (Y-Combinator) und Stewart Butterfield (Slack) Philosophie studierten, da Unternehmertum, so sei dahingestellt, häufig das Infragestellen ganz fundamentaler Prinzipien, quasi ein Verlassen der platonischen Höhle, bedeutet.

Eine seiner ersten Investments war Facebook und seine Fonds beteiligen sich weiter fleißig an verschiedenen Technologie-Startups in den USA und mittlerweile sogar an Firmen in Berlin. Seit 2014 und der Veröffentlichung von From Zero to One ist er zudem auch als Redner in Erscheinung getreten. Zuletzt fand er in der Presse hauptsächlich deshalb Erwähnung, weil er sich für den republikanischen Präsidentschaftskandidat Donald Trump ausgesprochen hatte, während der versammelte Rest des Silicon Valley Hillary Clinton von den Demokraten unterstütze. Nach dem Wahlsieg von Trump, wird er wohl auch die Politik Amerikas deutlich und indirekt mitgestalten, auch wenn er einen offiziellen Posten zunächst abgelehnt hat. Dennoch wird man noch in Zukunft viel von ihm hören und so erscheint sein Buch heute umso interessanter als Einstieg in sein Denken.

Die Monopolstellung als heilbringender Alleinherrscher

Thiel beginnt seinen Text mit dem gut gemeinten Ratschlag, dass Gründer mit ihrem Unternehmen eine Monopolstellung innerhalb eines Marktes anstreben sollten (From Zero to One). Das macht Sinn und ist soweit nachvollziehbar. Neu ist allerdings die These, dass Unternehmen in Monopolstellungen gleichzeitig auch den größten gesamtwirtschaftlichen Nutzen beitragen würden. Das ist eine geradezu revolutionäre Sichtweise, galt doch der Konkurrenzkampf immer als Grundpfeiler des modernen wirtschaftlichen Liberalismus. Nach Adam Smith ist schließlich Wettbewerb der Garant für den größten Endnutzen, weil er zu den besten Produkten und niedrigsten Preisen für Konsumenten führt. Für ihn war Konkurrenz der maßgebliche Faktor für den Wohlstand der Nationen und der notwendige Antrieb für Innovation, weshalb eine Monopolstellung das größte zu verhindernde Übel innerhalb seiner Theorie darstellt.

Bei Thiel steht das Monopol als konkurrenzloses Gegenkonstrukt jedoch nicht mehr für Stagnation, Machtmissbrauch und Bequemlichkeit, die nur durch die Gefahr der Konkurrenz verhindert werden könne, sondern für eine neue Form der bestmöglichen, flexiblen Innovation in einer sich ständig verändernden Welt. Beispiele solcher creative monopolies verkörpern für ihn in den 1960ern und 70ern IBM, in den 80ern und 90ern Microsoft und schließlich Google und Apple in den 2000er Jahren. Durch und zudem ausschließlich aufgrund ihrer marktbeherrschenden Stellung und damit ihrer ökonomischen Stärke hätten diese Firmen eine technologische Innovationskraft entwickelt, die einen größtmöglichen Beitrag zum technischen Fortschritt leiste. Dafür ist es in seinen Augen entscheidend, dass sie sich nicht mit Reibereien aufgrund von Konkurrenz aufhalten mussten. Diese Konkurrenzideologie, jener Kampf untereinander, bindet nach Thiel zu viele Ressourcen. Er fragt daher zu Recht, warum dieses Konzept global nach wie vor befürwortet, gelehrt und gelebt wird, als gäbe es keine Alternative.

Sucht man nach den Gründen für diesen ständigen Drang zum ökonomischen Kampf, der an Business Schools im Bereich Unternehmensphilosophie mit Verweis auf Clausewitz und Sun Tzus The Art of War weiteren Nährboden erhält, so fehlt es auch ins Thiels Text an überzeugenden Erklärungen. Er zitiert Shakespeare, der letztendlich auch keinen entscheidenden Grund für die Feindschaften der Menschen erkennen konnte, sie aber trotzdem als Konstante der conditio humana sah. Ein Individuum oder soziales System ohne Feindbild scheint undenkbar, wobei — was aus psychologischer Sicht interessant ist — die Parteien sich im Eigentlichen immer sehr stark ähneln. Thiel zitiert hier den ersten Satz von Rome und Julia, Two households, both alike in dignity, um diesen Zusammenhang zu beschreiben. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Der Autor beginnt hier also einem Philosophen gleich, mutig ganz von vorne zu denken. Er macht damit wohl auch einer Sehnsucht nach paradiesischen Zuständen, einer anders organisierten und funktionierenden Wirtschaft und Menschheit Luft. Allerdings steht dabei die Frage im Raum, was die theoretische sowie praktische Lücke füllen könnte, die eine konkurrenzfreie, auf Monopolen gebaute Welt mit sich bringen würde, wenn es darum geht, soziale Systeme zu organisieren. Im Grunde kommen ja nur eine Ordnung die sich der völlig gleichberechtigten Kooperation verschrieben hat oder jener eines Alleinherrscher in Frage, um hier die Extreme aufzuzeigen, in die das Pendel schlagen könnte.

Nimmt man Variante Eins, die der Kooperation, denkt man, um bei technologischen und wirtschaftlichen Begriffen zu bleiben, die dem Valley zugeschriebenen werden, schnell an Open Source, Sharing Economy und oder Crowdfunding als neue Formen von gemeinschaftlicher Organisation. Zu nennen wären noch weitere solcher Demokratisierungsprozesse, die früher streng hierarchische Organisationen und Institutionen abflachen und damit vermeintlich auch die Konkurrenzdenke. Und tatsächlich ist die New Economy nämlich nicht nur im zeitlichen Sinne neu. Digitale Geschäftsmodelle verändern in ganz erheblichem Maße die Welt und das Denken der Nutzer. Menschen beginnen zu sharen, zu teilen und zu kooperieren, wobei sie dem gemeinsamen Ziel bzw. der Prämisse folgen, dass das Kollektiv besser arbeitet als die Hierarchie. Die neuen Technologien ermöglichen solche Kooperation sogar über nationale Grenzen hinaus.

Die Fähigkeit dieser Systeme, sich selbst zu organisieren, ist erstaunlich. Warum wird beispielsweise das Google-Navigationssystem GoogleMaps im Zweifelsfall immer besser sein als jenes von Audi? Das Erstere basiert auf Daten, die nutzergeneriert sind; da sie vom Kollektiv stammen, sind sie exakter, flexibler und schneller. Das erzeugt sozusagen einen Bottom-Up-Und-Wieder-Down-Informationsfluss. Das System von Audi basiert (noch) im Gegensatz dazu auf Daten, die aus einer Zentrale und einer CD im Handschuhfach stammen, also einem Top-Down-Prinzip folgen. Zwangsläufig vollziehen sich damit die Prognosen zu optimaler Navigation langsamer, schwerfälliger, unpräziser und im Vergleich zu Google zeitlich verzögert. Das Gleiche Prinzip zeigt sich beispielsweise auch im Bereich des Verbreitens und Entstehen von Nachrichten (Twitter, Facebook). Nutzergeneriertes Bottom-Up löst Top-Down ab und die Masse wacht im optimalen Fall über die Richtigkeit der Nachricht.

Hier zeigt sich nicht nur ein neuer Ansatz der Produktentwicklung, vom Konsumenten zum Prosumenten, sondern zugleich ein völlig neue Struktur gemeinschaftlicher Zusammenarbeit, die wohl zunächst unbewusst im Hintergrund entsteht. Betrachtet man zum Beispiel Airbnb, kann man die Dezentralisierung der Tourismusindustrie durch den bewussten Sharing-Ansatz einer neuen Generation beobachten, Einer der ganz bewusst gestaltet wird. Ähnliches gilt für Uber, WeWork als Shared-Offices-Unternehmen und viele andere. Nimmt man zudem das Holokratie-Konzept des amerikanischen Schuhversandhändlers Zappos hinzu, steht die Abschaffung von Machthierarchien innerhalb von Organisationen im Rahmen ihrer Umstellung auf eine digitale Welt im Raum. Auch das deutsche Pendant Zalando hat vor kurzem eine agile Unternehmensführung implementiert. Dezentralisierte Organisation wird dabei durch dezentrale Kommunikation ermöglicht. Hier deutet sich ein Weg eines scheinbaren Techno-Anarchismus einer kollektivistischen Masse an, der durch den nächsten großen Schritt weiter verstärkt wird, die Technologie der Blockchain. Um es kurz versuchen zu umschreiben, handelt es sich hierbei um völlig dezentral operierenden Code ohne eine zentrale Kontrolle. Das Prinzip kennt man bereits von der Digitalwährung Bitcoin.

Der britische Journalist Paul Mason hat es in seinem Buch Postkapitalismus so formuliert: Zwischen der Wirtschaft von heute und morgen besteht ein Kampf zwischen kollektivistischer und hierarchischer Organisation. Diese Entwicklung bringt jede Menge Konflikte (Taxis vs. Uber) und Verlierer mit sich (Hotels vs. Airbnb), was zu neuen Verteilungskämpfen führt. Momentan beruht dieser Trend zudem noch sehr stark auf fast schon in monopolisierter Form operierende Plattformen, bei denen die Macht konzentriert scheint. Geht man jedoch einen Schritt weiter, so sollte selbst diese Macht eines Tages bröckeln, da so die Technologien nicht optimal genuzt werden koennen und weiter dezentralisiert wird. Dennoch ist bemerkenswert, wie sich bereits die Denke eines Menschen, der die Technologie nutzt, durch den Ansatz verändert, der sich dahinter verbirgt. Und das Entstehen einer Sharing Economy, so wie es von Jeremy Rifkin, einem bedeutenden US-amerikanischen Wirtschaftstheoretiker detailliert imaginiert wird, stellt aus Sicht eines Neoliberalen, der das Konstrukt des Eigentums oder Besitztums, wie John Locke es tat, als ein unveräußerliches Grundrecht bezeichnen würde, eine Attacke auf ideologische Grundpfeiler eines ganzen Wirtschaftssystems dar.

Bedenkt man den Anti-Kommunismus und damit Anti-Kollektivismus Amerikas, welcher sich in den letzten Jahrzehnten literarisch in der Wiederentdeckung der Autorin Ayn Rand und ihres Konzepts des ethical-egoism widerspiegelt, sind die Versprechen der New Economy geradezu mutig und beeindruckend subversiv. Dass die Vertreter des Silicon Valley noch nicht als verkappte Commies beschimpft wurden, sondern vom amerikanischen Staat und der Gesellschaft eher hofiert werden, ist aufgrund dessen verwunderlich. Es scheint jedoch kein Zufall zu sein, dass die Betreffenden in und um San Francisco leben und wirken und den Geist der Hippies aus den 1960er Jahren auf Festivals wie Burning-Men weiterzelebrieren. Sie haben scheinbar ähnlich radikale Ideen wie ihre Vorgänger, aber völlig neue Mittel, um sie zu gestalten.

Angesichts der neuen Möglichkeiten hat Peter Thiel bei diesen Gedanken offensichtlich den Mut verloren. Bei der Frage nämlich, wie eine konkurrenzfreie Welt funktionieren soll, entscheidet er sich für Variante Zwei, die des Alleinherrschers auf Zeit. Dieser ist, glaubt man seinem Buch, für ihn die beste Lösung, wenn es darum gehen soll Output zu generieren. In Thiels Augen ist das Monopol oder eben der Alleinherrscher auf Zeit die produktivste, kreativste und sinnvollste Struktur und Umgebung einer Organisationsform.

Hier kann man vielleicht die Erklärung dafür finden, warum Thiel auf Trump als autoritäre Herrscherfigur gesetzt hat. Sein Denken beruht auf der Hoffnung, dass eine Einzelfigur, die in der Lage ist, ohne lästige Opposition und Konkurrenz zu gestalten, den größtmöglichen Nutzen für die Allgemeinheit schafft. Diese Vorstellung erinnert durchaus an den Glauben Goethes an einen aufgeklärten Despoten, der alle Macht innehat und diese nur zum Wohle seiner Untertanen einsetzt. Geht man dagegen davon aus, dass Macht korrumpiert, dann übt die Existenz eines marktdominierenden Unternehmens, eines Alleinherrschers, eigentlich wenig Attraktivität auf den Endkunden oder die Untertanen aus. Hier zeigt sich eine gewisse unternehmerische Verblendung seitens Thiels, denn demokratische Politik funktioniert eben ganz bewusst nicht so wie ein hierarchisches Unternehmen in Monopolstellung, einer Erfahrung die Trump wohl auch noch machen wird. Das Ringen eines Dualismus zweier Pole, die niemals vollständig den anderen vernichten können, sich zeitlich gegenseitig ablösen und sich gegenseitig kontrollieren, ist die Basis demokratischen Entscheidungsprozesse und dient der Verhinderung absoluter Macht.

Man könnte dem höchstens entgegenhalten, um hier mal den Text zu verlassen, dass jener zukünftige Despot einfach kein Mensch mit Schwächen sein könnte, der seine Macht eben nicht hauptsächlich zur Sicherung dieser und damit seinem eigenen Wohl einsetzt. Aber wer oder was könnte das sein? Vielleicht bräuchte man dafür das allwissende Auge, einen Big-Data-Computer, einen allumfassenden hegelianischen Weltgeist, vollgestopft mit Information, Erfahrung und Weisheit. Vielleicht könnte es einfach Thiels Firma Palantir sein, die nicht umsonst nach dem allessehenden Stein aus J. R. R. Tolkiens Romantrilogie Der Herr der Ringe benannt ist. Auch wenn Thiel diese Frage, aus welchem Grund auch immer, nicht einmal anschneidet, zeigen sich hier schon die Probleme dieser, weiterführenden radikalen Idee.

Denn bei dieser scheiden sich die selbst Tech-Geister. Der sehr angesehene Astrophysiker Stephen Hawking oder Elon Musk, Gründer von Space X und Tesla, warnen bereits vor einer solchen intelligenten Supermacht Computer. Sind diese Warnungen nur eine anthropomorphe Projektion von menschlichem Überlebenstrieb und Machtwillen auf einen programmierten Code, der im Zweifelsfall diese Konzepte oder Bedürfnisse gar nicht kennt? Warum sollte Eigennutz intelligent sein und das Überleben einem Code als wichtig erscheinen? Dieser lernt ja nicht vom Menschen, sondern im Rahmen seiner Entscheidungen. Doch diese Überlegungen scheinen zumindest im Hintergrund zu lauern, wenn man Thiels Kapitel über das Monopol als bestmögliche Marktposition eines Unternehmens liest.

Determinismus im Zeitalter der Selbstbestimmung

Ein zweiter Punkt, der Spannendes über Thiel und sein Weltbild verrät, ist seine Position zur Frage, ob eher Glück oder Können zum Erfolg eines Unternehmens beiträgt. Man könne hier das Wort Unternehmen durch Leben ersetzen und steht dann zwischen der Fatalität des Lebens oder eben der erfolgreichen Eigenermächtigung. Hier argumentiert Thiel ganz und gar calvinistisch. Wohl seiner deutsch-amerikanischen Prägung folgend, beschwört er den Gründergeist, die harte Arbeit und den Glauben, dass die Zukunft gestaltet werden könne.

Interessant ist, dass Thiel den Zufall nicht ausschließt, sondern ihn nur zur Seite drängt. Diesen Gedankengang mit autosuggestiver Funktion, kann man in seinem Fall kaum auf die Idee eines ausgewählten protestantischen Gottesvolkes zurückführen, das Arbeit und Ethik verknüpft. Vielmehr spielt hier wohl eine nietzianische Fokussierung auf die eigene Subjektivität und den Willen als gestaltendes Momentum eine interessante, aber auch fatale Rolle in seinem Denken und jenes des modernen Menschen. Ursprung des Ganzen ist hier Idee vom Gottestod, so dass wir es sind, die selbstverantwortlich den Verlauf unseres Lebens bestimmen. Allerdings scheint die Sehnsucht nach einer Vaterfigur, wie Trump sie gerne verkörpern möchte, gleichzeitig und zumindest bei Thiel.

Ein amüsanter TED-Talk des Philosophen Alain de Botton parodiert die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen jener, auf das Subjekt als Entscheider und Bestimmer bezogenen, gelebten Philosophie. Habe man im Mittelalter noch von einer unfortunate person gesprochen, wenn man einen Bettler passierte, so sei es heute gleich ein Looser. De Botton beschreibt die theoretische Unmöglichkeit einer Meritokratie, also einer Gesellschaft, in der jeder abhängig von seiner Leistung den richtigen Platz erhält. Eine Gewinner-Verlierer-Mentalität und die Erwartung, theoretisch nur durch den Willen alles schaffen zu können, führe zwangsläufig zu geringem Selbstwertgefühl und erhöhten Suizidraten. Auf diese Weise rücke man das persönliche Scheitern mit oder an etwas in eine abnormale Dimension. Soziologisch sei zudem das ganze Konzept eine Katastrophe, denn eine Bewertung nach Leistung, die aber gleichzeitig von Umständen abhängt, die man nicht beherrschen könne, Stichwort Geburt, sei inkonsistent. Es sei aufgrund dessen schon bei Augustinus eine Sünde gewesen, einen Menschen nach seiner Position innerhalb der sozialen Hierarchie zu bewerten, erläutert der angelsächsische Atheist de Botton.

Es ist also eine sehr moderne Idee vom Menschen als selbstbestimmtes Wesen, auf die sich Thiel hier letztlich beruft. Er tut das jedoch raffinierter und subtiler, indem er lediglich sagt, dass eine solche Einstellung vorhanden sein sollte, nicht dass man durch und durch selbstbestimmt sein kann. Ein Unternehmen zu gründen, steht für ihn für genau diese Chance, diesen Versuch, dem Zufall zu entgehen und mit einem guten Plan, das eigene Leben gestalten zu können. Hier schimmert der ungebrochen ansteckende, überaus optimistische und dadurch verführerische Geist des Silicon Valleys durch, den Immigranten der zweiten und dritten Generation mit Leben füllen. Im alten Europa, das sich auf seine Vergangenheit beruft, verursacht das zurecht Unbehagen, denn es steht ein weiterer Teil einer letztendlich imaginierten Vormachtstellung auf dem Spiel.

In diesem Teil zeigt sich jedoch noch ein weiterer Aspekt seiner Zeit. Das Unternehmertum hat als gestaltende Kraft unserer Gesellschaften dem Politischen in den letzten Jahren deutlich Konkurrenz gemacht. Es übt zudem auf eine Generation erhebliche Anziehungskraft aus, die Freiheit über alles stellt und sich damit mehr und mehr von Statusdenken, Anstellungsverhältnissen und dem Heiligtum Besitz abzuwenden scheint. Und Thiels motivierender Text lädt dazu ein, diesen Weg zu gehen.

The Power Law — Matthäus und die Verteilung

In einem weiteren, interessanten Kapitel widmet sich der Text dem Phänomen des exponentiellen Wachstums. Nach Einstein sei dies ein unbestreitbares Prinzip, ein Power Law nennt es Thiel. Ausgangspunkt der Diskussion ist das biblische Bildnis vom Vater, der jedem seiner Söhne ähnliche Talente schenkt, von dem der Evangelist Matthäus berichtet. Der Vater gibt, ganz unmetaphorisch gesprochen, Startkapital mit auf den Weg, das er je nach Wachstum oder Schrumpfung belohnt oder bestraft. Der eine Sohn vermehrt exponentiell, dem anderen Sohn droht Strafe, da er es lediglich verschwendet hat. Als universelles Verteilungsmaß sieht Thiel dabei das aus der Ökonomie stammende Pareto-Prinzip, welches im ausgehenden 19. Jahrhundert für die Beschreibung der ungleichen Boden- und damit Einkommensverteilung Italiens verwenden wurde und seitdem für eine Verteilung 20 zu 80 Prozent steht. Diese Ungleichheit könne man in jeglichen Bereichen beobachten, beispielsweise in der Biologie und vor allem in den Finanzstatistiken von Venture-Capital-Fonds. Sie liegt für Thiel in der Natur von produktiven Subjekten oder Objekten, denn auch von zehn Töpfen Bohnen produzierten zwei die meiste Ernte.

Wir sitzen nun also wieder als Studenten im Hörsaal der Stanford-Universität und was er hier als universelles Prinzip, als Investment-Strategie propagiert, ist in seinem Kern zugleich ein Konzept, das den Konkurrenzkampf und damit die sogenannte natürliche Selektion aufs Extremste befeuert. Die unterschiedliche Produktivität einzelner Entitäten, seien es nun Menschen oder Firmen, kann man als gegeben annehmen. Doch die Unproduktivität mancher einem Todesurteil gleichkommen zu lassen und diese als Looser möglichst schnell untergehen zu lassen, um dies mit der Produktivität anderer auszugleichen, ist natürlich in Anbetracht der vorhergehenden Kritik am Wettbewerb paradox. Was gilt als produktiv? Bedeutet in einer solchen Struktur Produktivität nicht einfach nur, produktiver als andere zu sein und das auf Basis von Kennzahlen, die im Zweifelsfall die Sinnhaftigkeit einer Existenzform gar nicht vollständig beschreiben können? Befeuert das nicht ein Gegeneinander am größtmöglichen Gesamtnutzen vorbei?

Gemessen an klassischen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen sind zudem alle Ideen oder Neugründungen von Firmen zunächst immer unproduktiv. Hier kommt ein entscheidendes Problem der Digitalwirtschaft zum Tragen, nämlich die Messbarkeit einer Ökonomie, in der Follower, Subscriber, User und Interactions als Bewertungskriterien für Firmen gelten. In der dominierenden Lehre ist eine Bewertung aufgrund solcher Daten betriebswirtschaftlich eigentlich gar nicht möglich, da diese Kennzahlen keinem Output im klassischen Sinne entsprechen, sondern soziale Interaktion messen. Die Produktivität im klassischen Sinne wird dagegen in die Zukunft projiziert. Soviel zur Frage, was Produktivität zu einem bestimmten Zeitraum eigentlich sein soll.

Letztlich bleibt Thiels Ansatz einer konkurrenzfreien Welt somit löblich, scheitert jedoch an sich selbst. Sich Organisationen und ein Umfeld zu wünschen, die auf politisch-demokratischer Ebene nicht funktionieren, da keine Opposition vorgesehen ist, ist nicht modern. Es ist zutiefst archaisch. Auf diese Weise ließe sich vielleicht das Problem der Konkurrenz unterdrücken, aber nicht jenes einer korrumpierenden, zentralistischen Macht lösen, ganz im Gegenteil. Letzteres würde wiederum dazu führen, dass jene Waffen schmieden, die unter dem Machtmissbrauch leiden, und damit einen neuen Konkurrenzzustand, Mord und Totschlag schaffen. Dies versuchen zu unterbinden und gleichzeitig Investitionsstrategien zu verfolgen, die das pure Konkurrenzdenken fördern, ist ein unüberwindbarer Widerspruch seines Textes und seiner Person.

Aber wie heißt es doch so schön: Alle großen Ideen scheitern an den Leuten und Peter Thiel wäre dann wohl einer davon.

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