Technikphilosophie XI. Die Postmoderne und die Realität des Virtuellen

Fabian Willkomm
Mar 3 · 40 min read
Quelle: https://zkm.de/de/baudrillard-entschluesselt-matrix

Die Realität ist ein kalter Ort. So wird sie jedenfalls im Film Die Matrix aus dem Jahr 1999 dargestellt. Die Kombination aus grauer Optik, dunklen Landschaften, unterirdischen Städten und bleichen Menschen lässt den Zuschauer verstehen, warum sich so manch einer der Protagonisten dazu verführen lässt lieber in einer virtuellen Scheinwelt zu leben, ebenjener Matrix, und sich so seiner eigentlichen Umgebung und Zusammenhängen zu entledigen. Es ist schlichtweg angenehmer.

Der zentrale Charakter des Films, der Hacker Neo, kommt dieser konstruierten Virtualität und damit der anderen, eigentlichen, realen Umgebung auf die Schliche und muss schließlich lernen, dass der größte Teil der Menschheit als Energieproduzent für die wirklichen Herren der Erde, die Maschinen, herhalten muss. Die virtuelle Realität der Matrix dient den Maschinen als programmiertes Traumland, um die unzähligen menschlichen Organismen kognitiv am Leben zu halten.

Mag, wie im Film eine Person namens Cypher, so manch einer das Verlangen nach Harmonie, Klarheit, Ruhe und Schönheit in Anbetracht einer zum Teil schwierigen, realen Welt kennen, so erscheint die Vorstellung sich dieser Realität zu verweigern recht attraktiv. Und so liegt es nahe, dass manche Menschen sich ihr schlichtweg entledigen. Cypher geht einen Pakt mit den Maschinen ein, um aus der grauen Wahrheit endlich wieder in die vergleichsweise bunte Welt der konstruierten Realität eintauchen zu dürfen. Doch die Verdrängungen, die Leugnungen und das Ausblenden von Tatsachen, unangenehmen Beisätzen der eigenen Existenz oder einfachen Missständen bleiben am Ende, was sie sind: falsch, im Sinne von unwahr, aber bequem. Und wehe dem, der dies aufdeckt.

Das wusste auch schon Sokrates, von dem Platon in seiner Politeia berichtet und der im Dialog mit Platons älterem Bruder Glaukon anschaulich und auf eine erzählerische Art und Weise von der Reise eines Unbequemen erzählt und dies im doppelten Sinne. In Sokrates berühmten Höhlengleichnis sehen die Menschen als Gefesselte nur die Schatten der realen Dinge. Das eigentliche Feuer, das die Schatten erzeugt, befindet sich hinter Ihnen und bleibt fürs Erste unentdeckt.

Um die psychologische Reise eines echten Lehrmeisters zu skizzieren lässt Sokrates die Fesseln einer der betroffenen Personen lösen, welche in Folge die Existenz einer Lichtquelle überhaupt erst einmal bemerkt und damit schnell erkennt, dass seine Mitmenschen sowie er selbst nur Abbilder beziehungsweise Trugbilder gesehen haben. Ausgestattet mit diesen neuen Fundamentalerkenntnissen kehrt die Person in ihre Gemeinschaft zurück und berichtet seinen Zeitgenossen von den desillusionierenden Einsichten und Erfahrungen — In diesem Fall, dass die Realität, die sie sehen, eigentlich gar nicht in der angenommenen Art und Weise existiert. Im Film Die Matrix heißt dieser aufklärende Weise Morpheus, der nur eine ganz bestimmte Gruppe in die Geheimnisse ihrer eigentlichen Existenz einweiht.

Glaukon stimmt Sokrates zu, wenn dieser im Folgenden davon spricht, dass die Stammesgenossen wohl nur mit Mord auf eine solche Frechheit reagieren könnten. Die Bequemlichkeit siegt und wo die eigentlichen Ursprünge für das liegen, was sie als Wirklichkeit erachten, das können oder wollen sie niemals wissen. Geknebelt an die Routinen und Gewohnheiten bleibt man lieber bei der Wärme des sozialen Feuers als in die Kälte einer erhellenden Isolation zu treten. Und wer könnte es Ihnen verübeln.

Die alte und neue Frage nach der Wahrheit

Gerade in diesen Tagen ist die Frage nach der Wahrheit und damit einer Realität und wie wir diese erkennen können wieder aktueller denn je geworden. Und jede philosophische Position beginnt mit dieser grundlegenden Frage die Richtung ihrer Arbeit — Wie erfahren wir Menschen das, was wir als Realität bezeichnen? Wenn Platon noch von Schatten der Wirklichkeit spricht sagen die einen, die Sinnesorgane geben Aufschluss über die diese Frage (Empiristen), sagen die anderen es sei unsere Vernunft, unser Denkvermögen (Rationalisten) und sagen weitere es sei eine Verbindung von Geist und Außenwelt (Idealisten), die es uns ermöglicht zu erkennen, was tatsächlich ist. Und wie wir alle wissen bleibt der Skeptiker wort- und naturgemäß skeptisch und besteht darauf, dass nur das nicht angezweifelt werden kann, was man selbst denken kann. Der Rest ist und bleibt für ihn unbeweisbar. Eine Position, die bis heute René Descartes (1596–1650) zugeordnet wird, der in einer kalten Nacht des dreißigjährigen Krieges in einen Ofen kroch, um sich zu wärmen und mit dieser neuen Philosophie wieder heraus kommen sollte.

Der Berliner Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770–1831) schrieb in der Tradition eines philosophischen Idealismus, dass man dort von Wahrheit sprechen könne, wo Begriff, also Wissen und Gegenstand, also Realität übereinstimmen. Die Übereinkunft dieser beiden, man könnte auch sagen, materiellen und immateriellen Sphären, sei das Ziel alles Bewusstseins. Bereits Thomas von Aquin (1225 -1274) hatte rund fünfhundert Jahre früher eine ähnliche Vorstellung von Wahrheit, wenn er sie als eine Vereinigung von Sache und Vernunft beschrieb. Und nicht erst seit Aquin oder Hegel ist das Streben nach einer gemeinsamen Realität, nach Objektivität, nach einer Grundlage an Begriffen, Vorstellungen und Werten ein Zivilisationsprojekt und der Verlust dieser Übereinstimmungen zumeist, wie man wieder in diesen Tagen erkennen kann, mit enormen Konflikten verbunden.

Die psychologische Notwendigkeit von subjektiven Wahrheiten für das Geschöpf Mensch hat ein anderer Denker, der berüchtigte Friedrich Nietzsche (1844–1900) hervorgehoben. Er schreibt, dass Wahrheit, „die Art von Irrtum (sei), ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte”, natürlich nicht ohne gleichzeitig zu erwähnen, dass diese Wesen zumeist auch davon ausgehen würden, die eigene Ansichten seien auch die einzig wirklich erkennbaren Wahrheiten.

Schaut man in einen der wohl ältesten überlieferten Texte europäischer Zivilisationen kann man erkennen, dass diese Idee von einer Relativität der Realität schon sehr früh Einzug gehalten haben muss in die Argumentationsmuster der Menschen. Denn in der Bibel ist eine Szene zu finden, in der Jesus Pontius Pilatus, dem Statthalter der Provinz Judäa vorgeführt wird. Pilatus Aufgabe ist es in enger Abstimmung mit dem Volk über Jesus anmaßende Worte zu richten, er sei der König der Juden. Und so fragt Pilatus:

„Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme. Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.“ (Joh. 18,37)

Pilatus also als einer der ersten Jünger einer post-truth Bewegung?

Spricht man aber in unseren Zeiten über das, was man als wahr, faktisch oder als das Reale bezeichnet, dann fällt fast immer unweigerlich der Begriff der virtuellen Realität. Auch wenn dieser etwas rein Artifizielles, Konstruiertes oder Immaterielles beschreibt, so lässt sich heutzutage die virtuelle und die materielle Realität und damit Wahrheit nicht mehr eindeutig voneinander trennen. In den heutigen, von Informationstechnologien durchzogenen Gesellschaften, zerfließt die Grenze zwischen dem, was Kultur und was Natur ist zunehmend. Diese Entwicklung ist in die allgemeine Tendenz menschlichen Wirkens einzuordnen, die unsere Lebensräume nach einem funktionellen Ideal gestaltet. Die Strukturierung und Formung unserer Umgebung im Sinne der menschlichen Bedürfnisse wird in diesen Zeiten mehr und mehr in immaterielle Sphären getragen mit Hilfe der sich ständig weiterentwickelnden technischen Möglichkeiten.

Waren die dabei verwendeten Werkzeuge früher noch vornehmlich die Schöpfung einer Ingenieurskunst, die sich die Materie als Zielobjekt ausgesucht hatte, so wird heute zunächst einmal versucht durch Smartphones, Virtual-Reality-Brillen und andere Erfindungen die materielle Welt durch eine immaterielle Dosis anzureichern. So entsteht zum ersten Mal etwas ganz eigenes, was jedoch bereits schon viel früher, subtiler sein Unwesen trieb — Die Verschmelzung einer konstruierten, ideellen und auf Imagination basierenden programmierten Wirklichkeit und die faktische physisch anwesende Welt der vermeintlich reinen Materialität.

Baudrillard und seine Zeit

Wenn über diese Dichotomie diskutiert wird, dann fällt erstaunlicherweise eher selten der Name eines französischen Deutschlehrers, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat: Jean Baudrillard (1929–2007). Der Sohn eines Polizeibeamten aus Reims studierte zunächst Germanistik an der Pariser Sorbonne an, um, wie er einmal sagte, Nietzsche im Original lesen zu können und schrieb als Übersetzer an den Werken eines Hölderlin, Brecht und Friedrich Engels. Dabei entwickelte er sich aber in seinem akademischen Wirken über eine Professur der Soziologe hinaus zu einem Philosophen, wirkte an der Universität IX. Dauphine und lebte bis zu seinem Tod als freier Schriftsteller in Paris.

Auch wenn die akademische Philosophie Baudrillard bis heute kritisch gegenübersteht und sein Werk eher als unwissenschaftlich erachtet, bietet er ein interessantes und umfassendes System, eine ganz eigene Vorstellung von dem, was Realität ist und was sie sein kann, womit er gedanklich weit über ein Dasein als reiner Medientheoretiker hinaus gegangen ist. Sein Werk bietet besonders in diesen Zeiten, in denen über die Möglichkeit von Wahrheit und Objektivität diskutiert wird, eine ganz besonders interessante Lektüre. Auch die Schöpfer des Filmes Die Matrix widmen ihm eine Szene, indem in einer Szene eines seiner Bücher auf einem Nachtisch zu sehen ist und es gibt unzählige Arbeiten, die den Film und seine Ideen in Verbindung betrachten.

Um Baudrillard zu verstehen muss man sich die vorherrschende geisteswissenschaftliche Strömung der 70er und 80er Jahre eintauchen, innerhalb derer er sich gedanklich bewegte — den Strukturalismus. Diese Schule hatte einen ganz eigenen Blick auf unsere sozialen und kulturellen Prozesse, indem sie diese als Zeichenphänomene betrachtete und sie mit Hilfe von linguistischen Methoden analysierte. Roland Barthes, Jaques Lacan und Michel Foucault gelten als einflussreiche Autoren dieser Zeit und aus dieser Tradition heraus entwickelte sich fließend der Poststrukturalismus mit seinen Vertretern Gilles Deleuze, Pierre Bourdieu, Alain Badiou und Jaques Rancierre, und eben Jean Baudrillard. Die Neulinge versuchten weniger eine allgemeine umfassende Theorie der Zeichen zu entwickeln, sondern untersuchten darüber hinaus die Umgebungs- und Entstehungsbedingungen, die Strukturen und Dynamiken jener Zeichen und ließen diese in ihre Erklärungsmuster einfließen. Grundgedanke ist jedoch bei beiden, dass Strukturen Bedeutung in sich tragen. Damit zeigt sich uns in den Augen eines Strukturalisten Sinn und Kommunikation in der Analyse von Zusammenhängen, in den Objekten und Verhältnissen dieser zueinander.

Wird man unsere Zeit möglicherweise rückblickend eines Tages als Postmoderne bezeichnen, dann gilt Baudrillard als einer der Theoretiker, der mit seinen Schriften maßgeblich versucht hat, ihre Merkmale zu entschlüsseln. Wenige wagten diesen Sprung wie er ihn vollzogen hat, als er bereits in den 70er Jahren Merkmale einer sich in seinen Augen entfernt abzeichnenden Zukunft ausgearbeitet hat. Und so wurde er hin und wieder auch als „Papst der Postmoderne“ betitelt . Kann und wird eine Vorstellung einer solchen Epoche niemals ohne die Technik gedacht werden, dann sollte klar werden, warum er die technischen Entwicklungen in seinen Theorien nicht hat ausblenden können, schreibt er, wie viele andere, Ihnen eine bedeutsame Wirkungskraft auf unsere Gesellschaften zu.

Die Wüste des Realen oder die Theorie der Simulation

Die Idee, die ihn berühmt gemacht hat und die sein gesamtes Werk durchzieht, lässt sich am besten unter dem von ihm eigenwillig eingesetzten Begriff der Simulation erfassen. Was er in den 70er Jahren vor allem einhergehend mit der steigenden Relevanz des visuellen Bildes aufziehen sah, war ein Phänomen, dass er mit dem „Verschwinden unserer Wirklichkeit” bezeichnete. Um zu erklären, wie es zu so einem Untergehen von etwas zunächst so Selbstverständlichem kommen konnte, teilte er die neuere Kulturgeschichte in drei Phasen auf, die er die drei Simulakren nennt.

Nach Baudrillard hätten menschliche Gesellschaften von der Renaissance bis zur französischen Revolution vornehmlich in einem Zeitalter der Imitation gelebt. Die Natur sei hier der Referenzpunkt gewesen, an dem sich Ästhetik, Technik und damit die Zeichen, Symbolsysteme und somit die Kultur im Allgemeinen orientiert hätte. Es wurde nachgebildet, abgeguckt und ausgeformt und auf Basis dessen eben noch im Sinne eines Gebrauchswertes oder Naturwertes produziert. Die Kralle eines Falken lässt sich eben ganz direkt einer Sichel vergleichen.

Die industrielle Epoche hätte dann aber — diesen Schritt gibt es noch nachzulesen bei Karl Marx — die Produktion eines Gebrauchswertes durch den eines Tauschwertes ersetzt. Losgekoppelt und unabhängig von der natürlichen Umgebung und ihren Notwendigkeiten sei von nun an das produziert worden, was sich am Markt gut tauschen lässt und die ursprüngliche Produktion und damit die Befriedigung unmittelbare Bedürfnisse verschwand zunehmend. Die neuen Gegenstände, die endlosen Reihen an Volkswagen und Cola-Dosen brachten nach Baudrillard ihre ganz eigene Wirklichkeit mit sich. Sie orientieren sich nicht mehr an der Natur und stellten für ihn nur ein Modell ohne Individualität, eine Seriennummer und damit eine Ausführung einer ursprünglicheren künstlichen Idee von Produkt dar. Die Modellkennzeichnung sei ihre einzige, flächendeckende Referenz und darüber hinaus seien sich nicht mehr in der Lage irgendetwas zu repräsentieren, schreibt Baudrillard in seinem Werk Der symbolische Tausch und der Tod von 1976. Diese umspannende und neue (Re-)Produktionsmethode bestimmte also von nun an den Menschen und sein Schaffen, veränderte jedoch zugleich Anspruch des Betrachters und Wirklichkeit dieser Gegenstände, was zuvor Andy Warhol mit seinem Siebdruck der Campbell-Dosen und Walter Benjamin mit seinem Text Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ausgearbeitet hatten. Die Aura des einzelnen Objekts, wie Benjamin den Kern des Verlustes benennt, verschwindet im Rahmen der Reproduktion und die Referenz zu etwas Eigentümlichen wird aufgehoben. Nach Baudrillard entstand damit zum ersten Mal so etwas wie eine Hyperrealität, da alles Reale verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht wurde bis es langsam aber sicher seinen eigentlichen — er nennt ihn symbolischen — Ursprung verloren habe.

In einem dritten Zeitalter, an dessen Ausgang wir uns nach Baudrillard momentan befinden, beherrsche der Wert der Zeichen die Produktion, damit die menschlichen Kultursysteme und so sämtliche modernen, sozialen und ökonomische Prozesse. Das Prinzip der Ausrichtung der Produktionsstrukturen an einem abstrakten Tauschwert von Waren verlagere sich hier mehr und mehr hinzu einer Orientierung an semiotischen Kriterien. Da Gegenstände in dieser neuen Wirklichkeit zu abstrakten Symbolen für etwas Immaterielles, darüber hinausgehendes werden, beispielsweise für ein Gefühl, eine Idee und oder einen (sozialen) Status, werden sie nun aufgrund dieses Zeichenwertes konsumiert und eben produziert. Die Zeichen und die dadurch entstehenden Assoziationen bestimmen von nun an den eigentlichen Wert der Ware. Der Wert hat dabei aber fast nichts Reales, man könnte auch sagen, Materielles mehr.

In Anlehnung an den Begründer des Strukturalismus Ferdinand Saussure (1857–1913) löse sich in diesem Simulakrum aus einer linguistischen Perspektive das Signifikat (das Bezeichnende) von dem Signifikanten (das Bezeichnete) ab. Ein Stuhl wird durch das Wort Stuhl (Signifikant) identifizierbar gemacht und bezeichnet zugleich ein hölzernes Objekt mit einer Lehne, vier Füßen und einem Polster (Signifikat). Doch der Stuhl ist eben heutzutage begrifflich nicht mehr nur ein Stuhl, wie dies im Imitationszeitalter noch der Fall war, sondern wird als ein Regal für Bücher oder gleich als Komfort-Enhancer eingesetzt. Begriffe können und werden ihm relativ wahllos zugeordnet oder auf andere Gegenstände übertragen. Die ursprüngliche Ordnung, in der Begriff und Gegenstand noch in fester Übereinstimmung lebten, löst sich hier auf.

Nimmt man das Phänomen des Geldes hinzu, dann ist diese Zu- oder Einteilung noch undeutlicher. Geld kann in Form von Münzen, Scheinen haptisch oder auch virtuell in Form eines Bankguthabens vorhanden sein. Es kann aber auch der Fall sein, dass Daten oder Zigaretten als bares Geld bezeichnet werden. Die Wertzuschreibung anderer Objekte durch ein solch fiktionales Mittel beziehungsweise durch einen quantitativen Zahlencode virtualisiert jeden Signifikanten, jeden Begriff. Dies führe zu einem neuen Aggregatzustand der Zeichen: Immateriellen Ungebundenheit, beliebige Einsatzbarkeit und das ohne festgesetzte Referenz — das ist nach Baudrillard von nun an das Schicksal des Zeichens.

Das Beispiel des Geldes veranschaulicht außerdem, was der Poststrukturalist meint, wenn er Zeichen als eine Art qualitativen virtuell-abstrakten Treibstoff der sozialen Prozesse und damit auch der marktwirtschaftlich geprägten Produktionsgesellschaften sieht. Denn das Geld kann für das Diktat des abstrakten Zeichens über die eigentlichen, tatsächlichen Werte stehen. Am Beispiel der Finanzkrise macht er dies exemplarisch. Durch den Zins, den Preis für das Geld, bekommt es einen ultimativen Selbstbezug und komplexe Finanzprodukte spiegeln in Konsequenz nicht mehr das Reale, die Realwirtschaft ab. Sie sind nur noch Symbole des Realen und entwickeln ihre ganz eigenen Bewegungsabläufe innerhalb eines eigens für sie entwickelten Systems. Begriffe und Geld sind in Baudrillards Sinne also Zeichen, ausgestattet mit einer jeweiligen Symbolik, die die eigentliche, für uns fassbare Realität des Abgebildeten mehr und mehr in eine lockere, losgelöste Sphäre katapultieren. Finanzprodukte sollen an reale Werte gebunden sein und zeigen doch im Moment der Spekulation oder Krise ihre völlige Unabhängigkeit und Dominanz gegenüber des eigentlich zu Beschreibenden, gegenüber ihren materiellen Herren.//

Warum dadurch die Realität verschwindet, wird außerdem deutlich, wenn man sich sein Beispiel der Karte als Abbildung einer topographischen Realität vornimmt. Eine Karte entstand für Baudrillard ursprünglich mal auf Basis eines Territoriums, es wurde vermessen, dann gezeichnet und damit galt in Folge die Abbildung als Hilfsmittel zur Orientierung. Jedoch werde dieses Prinzip im dritten Simulakrum umgedreht: durch die Verschmelzung von Realem und Abgebildetem wird die Karte zum Territorium. Wir blicken auf die Zeichnung und meinen eine Realität zu sehen, die aber eigentlich gar nicht in dieser Art existiert. Wahr und Falsch ist an diesem Punkt nicht mehr unterscheidbar. Das Dargestellte, die Zeichen lassen in unserem Kopf eine faktische Landschaft entstehen auf die wir uns konzentrieren. Das Realitätsprinzip, ursprünglich ein Begriff der von Freud verwendet wurde, werde angegriffen.

Heutzutage kann man sich diesen Effekt noch viel besser vor Augen führen: Kommt es zu Unstimmigkeiten zwischen unserem Smartphone, unseren Navigationsgeräten und unserer Wegstrecke, sind wir irritiert. Wir schenken Kartendiensten mehr Vertrauen als unseren eigenen Augen. Die Karte wird in einem solchen Fall dem Territorium vorgelagert. Aus Fiktion wird Realität. Dadurch entstehe nach Baudrillard eine eindimensionale Welt und das wiederum bedeute, dass Verschwinden der Wirklichkeit wie wir sie kennen.

Die Herrschaft des Codes

Programmierte Codes ermöglichten uns ursprünglich mal das Erschaffen von Parallelwelten, eine Virtualität, in die man flüchten konnte. Bei Baudrillard wird der Code zu einem Begriff für die Strukturierung unserer eigentlichen Realität durch Zeichensysteme, die in einem zweiten Schritt jedoch nicht mehr nur unsere materielle Wirklichkeit spiegelt oder sie erweitert, sondern diese beginnt zu ersetzen. Denn ab einem gewissen Zeitpunkt beginne die Simulation alles zu verschlingen. Und dies wiederrum münde in der Herrschaft des Codes./

Baudrillard im Wortlaut:

„Das Zeitalter der Simulation wird überall eröffnet durch die Austauschbarkeit von ehemals sich widersprechenden oder dialektisch einander entgegengesetzten Begriffen. Überall die gleiche Genesis der Simulakren: die Austauschbarkeit des Schönen und des Häßlichen in der Mode, der Linken und der Rechten in der Politik, des Wahren und des Falschen in allen Botschaften der Medien, des Nützlichen und des Unnützen auf der Ebene der Gegenstände, der Natur und der Kultur auf allen Ebenen der Signifikation… Alles wird unentscheidbar, das ist die charakteristische Wirkung der Herrschaft des Codes, die auf dem Prinzip der Neutralisierung und Indifferent beruht. Das ist das allgemeine Bordell des Kapitals, das kein Bordell der Prostitution ist, sondern ein Bordell der Substitution und Kommutation.”

In einem vierten, aufziehenden Simulakrum realisiert sich zusätzlich noch eine sich abzeichnende Ordnung von der Baudrillard aber erst in seinem Spätwerk sprechen wird. Der Code, das System, verselbständigt sich hier völlig und breitet sich virusartig als „Epidemie (…), Metastase (…), Wucherung” aus. Die Unbestimmtheit der Zeichen erreicht dabei ihre größtmögliche Dimension. Es ergießt sich eine “Ekstase der Kommunikation” über die Welt. Daten, Bilder, Texte, Musik und damit Information, die früher noch manuell durch copy & paste weitergereicht, verbreitet und damit dupliziert werden mussten, rechnen sich hier selbstständig und unabhängig durch. Daten fließen in alle Richtungen, ohne eine Steuerungsinstanz und ohne, dass es dazu menschlicher Impulse bedarf.

Wenn vergangene Lebensrealitäten noch stark durch Orte und den Faktor Zeit, also das Konzept einer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geprägt wurden, so löst sich im letzten Simulakrum durch die nicht-materielle Natur einer ungebundenen Information ein geographisch bedingte Raum-Zeit-Gefüge in einer absoluten immateriellen Simulation der Realität des Computer auf.⁷

Massenmedien und Wirklichkeit

Doch wie konnte es nur soweit kommen? Der modernen Technik sei Dank, oder eben Undank. Denn für Baudrillard wird erst mit dem Erscheinen der Massenmedien der Eintritt in ein Zeitalter der Simulation exponentiell verstärkt. Die in seiner Zeit immer relevanteren neuen Medien — er dachte noch sehr stark über das Fernsehen nach — verbreiten nach ihm die indifferenten Symbole und Zeichen in alle Welt und lösen sie so weiter von ihren ursprünglichen Referenzsystemen ab. Zugleich erschaffen, verwalten und steuern sie als Herrschaftsinstanz die Zeichen, und damit die Werte unserer Gesellschaften.

Da Bildschirme immer und jederzeit omnipräsent in unser Leben wirken und wir als Betrachter von Information diesem Fluss an Signalen ständig ausgesetzt sind, beschleunigt sich die Auflösung zwischen der Realität, der Materie und den wirklichen Ereignissen auf der einen und der Simulation, dem Digitalen und der abstrakten Informationen auf der anderen Seite. Ab einem gewissen Zeitpunkt erzeugt der Code eine Realität, die aber faktisch nicht überprüfbar ist und dadurch vom Zuschauer als unzureichend, fast schon als nicht-existent erscheint zugleich aber maßgeblichen Einfluss auf deren individuelles Empfinden und Lebenssituation nimmt. Es entsteht das Gefühl, dass etwas faul ist im Staate Dänemark.

Dieser Schritt in die „Entmaterialisierte Medien- und Informationsgesellschaft“ zeigt sich in den Differenzen und Ähnlichkeiten von Virtuellem und Realem. Der Krieg wird heute medienwirksam inszeniert. Jeder Terroranschlag wird so ausgeführt, dass er eine möglich große Reichweite in Fernsehen und Internet erzielen kann, was Baudrillard an den Terroranschlägen auf das World Trade Center 2001 deutlich macht. Nach ihm ginge es dem Terrorismus von heute viel eher darum Bilder zu erzeugen, als tatsächlichen materiellen Schaden anzurichten. Die Kriege, die heute geführt werden, dienten der Inszenierung, den Video-Clips für Propagandamaschinen. Der reale, der eigentliche Krieg, findet im Internet, durch und mit Hilfe von Algorithmen, sozialen Netzwerken statt und nicht mehr auf dem Schlachtfeld einer materiellen Realität. Dabei bleibt offen, ob die dargestellte Information eine Wahrheit wiedergibt, ob das Ereignis überhaupt stattgefunden hat und ob es sich tatsächlich in der Art vollzogen hat. Nichts kann überprüft werden und alles zugleich behauptet werden.

Dabei bleibt eine Distanz zwischen dem Betrachter auf der einen und dem Mediengeschehen, der neuen Realität, auf der anderen Seite immer bestehen. Die Genauigkeit von modernen, digitalen Abbildungen gaukelt eine Unmittelbarkeit vor, beendet jedoch zugleich auch die Repräsentation von Realität durch die Kunst der subjektiven Malerei oder Bildhauerei. Sie hebt die Schranke zwischen Künstlichem und Ursprünglichen auf. Der Imaginationsprozess, der sich beginnt zu entwickeln, wenn wir Texte über ferne Länder lesen, uns im Traum Bilder erscheinen oder wir mit Phantasie, das ausmalen, was wir im Radio hören, wird mit dem überrealen Bild beendet. Wenn Bildschirme in einer höheren Auflösung Landschaften zeigen als wir das je mit unseren Augen in der Lage sein werden, dann zeigt sich die Geburt der neuen Realität aus dem Geiste der Technik.

Die technischen Bilder kennen dabei keinen Tod, keinen Verfall und besitzen genau dadurch eine enorme Anziehungskraft, da sie nach Baudrillard einem menschlichen Aufbäumen gegen die eigene Vergänglichkeit dienen, ein Mittel gegen den eigenen Tod und für eine immer doch angestrebte Unsterblichkeit. Die quantitative Ausbreitung dieser Bilder ist darüber hinaus unbegrenzt. Und all dies nähre, so der Theoretiker, den menschlichen Wunsch nach Unendlichkeit.¹²

Das Soziale und die Konsumkritik

Zwei andere Denker, der amerikanische Marshall McLuhmann und der Franzose Guy Debord waren bereits etwas früher auf ähnlichen Gedankenspuren. Wenn Debord von einer Gesellschaft des Spektakels sprach, in der die Menschen als Protagonisten in einer inszenierten Welt aus festen Kategorien und Funktionslogiken ohne jegliche Eigentlichkeit austauschbare Platzhalter spielen und McLuhan seine berühmte Formel vom Medium als die Botschaft ausruft, welche die Eigenarten von Wahrnehmung und Medium unmittelbar miteinander verknüpft, dann erkennt man hier die Grundzüge der baudrillard’schen Symptombeschreibungen.

Die Funktionslogik eines Menschen in kapitalistischen Verhältnissen erscheint nach Baudrillard insbesondere, wenn es um sein Kaufverhalten geht. In seinem Buch Die Konsumgesellschaft — Ihre Mythen, ihre Strukturen beschreibt er, wie die Integration von Individuen in sich hybriden, ständig wechselnden Gesellschaftsverhältnissen gelingt: durch das Aneignen von Gegenständen. Damit kommt den Zeichen eine soziologische Funktion zu , denn die Rollenzuweisung erfolgt durch codierte Information. Was wir kaufen, was wir konsumieren, welche Zeichen wir annehmen, definiert die Unterschiede in unserem Auftreten und unserer Identität. Die Unterschiede der einzelnen Objekte zueinander werden durch den Erwerb auf die betreffenden Individuen übertragen. Der Code strukturiert damit auch die Verhältnisse und Differenzen zwischen einzelnen Objekten und damit Subjekten. Die Persönlichkeit entsteht und zeigt sich durch die Auswahl beispielsweise der Möbel- oder Modehändler, die wir besuchen: Ikea vs. Flo-Markt vs. Boutique, H&M vs. Second Hand vs. Laufsteg-Mode etc. Dadurch wird der Konsum nach Baudrillard zur Kommunikation. Wir sprechen über uns selbst und zugleich miteinander durch und mit Hilfe des Warenerwerbs. Die “Verpersönlichung der Wahl” und die einhergehende Differenzierung dient der Platzzuweisung des Individuums in das jeweilige soziale, kulturelle System. Ob ich nun Coca- oder Vita-Cola trinke zeigt meinem Gegenüber, wo ich herkomme.

Damit werde Konsum zu einer Notwendigkeit, zu einer ideologischen Tätigkeit. In der Tradition einer Ideologiekritik könnte man also frei nach Karl Marx sagen: Wir tun es, aber wir wissen es nicht, dass wir es tun.

Baudrillards Kritik am Marxismus

Weiterführend bietet Baudrillards Theoriekonstrukt spannende Implikationen für theologische oder politische Heilsversprechen. Denn wenn sich das Reale aufgelöst, sich das Imaginäre als Gegensatz mit diesem vermischt hat und dadurch auch verschwindet, dann könne man das Ende der Metaphysik durch die Simulation proklamieren. Wenn es keine Wirklichkeit mehr gibt, dann gibt es auch keine Unwirklichkeit mehr darüber hinaus. Sie wird schlichtweg nicht mehr gebraucht. Da der geographische Raum durch die angewandte Technik, durch den Code, verschwindet und irrelevant wird, braucht es keine immaterielle andersartige höhere Sphäre mehr. Denn die Inhalte dieser höheren Ebene werden bereits von der neuen Technik der Massenmedien bedient. Sie sind es nun, die für unsere Mythen zuständig sind. Unsere Götter sind Fussballspieler, die im abendlichen Fernsehprogramm ihre Anbetung erhalten und die mythischen Bestien werden durch die zahlreichen Berichte über die Serienmörder ersetzt, die zu genüge in den medialen Erzeugnissen zu finden sind./

Dadurch ergibt sich, dass sich nach Baudrillard auch die Utopie als eine erhoffte Realisation von Unwirklichkeit in der Vorstellung eines Reich Gottes oder der klassenlosen Gesellschaft nur als Zeichensystem und Teil der Simulation begreifen lässt und dadurch unzureichend in Bezug auf eine Befreiungsmission wirken kann. Das Aufsaugen von und Beten zu Ikonographien ist trotz eines göttlichen Bilderverbotes eine der größtmöglichen täglich gelebten spirituellen Erfahrungen. Ein möglicher Beweis für die Dominanz des Zeichens über die Substanz in unserer Kultur. Gott stirbt in diesem Fall durch das Bild, dass ihn ersetzt. Andere meinen allein das Tragen eines Ché Guevara T-Shirts, eines Zeichens, sei eine aktive Form der Rebellion.

Für Baudrillard gibt es in der Simulation keinerlei wirklichen fernen Bezugspunkt einer Geschichte, keinerlei Transzendenz. Denn aufgrund der Geschwindigkeit, der Masse und Beliebigkeit der durch die Medien vermittelten Informationen, können Ereignisse in keinen größeren Zusammenhang eingeordnet werden. Es passiert so vieles, dass die Fülle an verschiedensten Signalen lediglich Indifferenz und Betäubung erzeuge. Geschichte werde so nicht mehr erlebbar, als nicht mehr vorhanden empfunden. Es passiert gefühlt eigentlich gar nichts mehr. Es entstehe ein Zustand des ewigen Stillstands.

Dadurch beginnt sich der Franzose deutlich von seinen Zeitgenossen abzusetzen. Er kritisiert die Ideen der damaligen Linken, die weiterhin einen Geschichtsprozess optimistisch als konsequent linearen Verlauf zeichne. Nach Baudrillard reduziere man dadurch aber komplizierteste Entwicklungen auf ein simples Prinzip und verdränge die Widersprüche, die Schwankungen und temporären Aussetzer. Und in seinen Augen dient das Fortschritts-Narrativ einem ganz anderen Zweck: nämlich dem Unterjubeln eines Technikoptimismus, damit sich der Mensch bereitwillig der Arbeit an einer solchen Vision unterwerfe. Denn so stelle niemand mehr die Prämisse des Alles-wird-immer-besser in Frage.

In seinem Text Le mirior de la production ou l’illusion critique du materialsme von 1976 greift er den Marxismus aufgrund weiterer Aspekte als Gesamtkonzept, als mangelhafte Zukunfts- und Revolutionsalternative an. Denn dieser räume den Konzepten der Produktion und der Arbeit zu viel Dominanz ein. In dem marx‘schen “Paradigma der Produktion” zeige sich die klassisch westliche Metaphysik einer fehlgeleiteten Rationalität, so Baudrillard. Die Kritik der Bedingungen komme nur innerhalb der Produktions- und Arbeitsfrage auf und ist damit von vorneherein verseucht von “okzidentaler ökonomischer Rationalität und politischer Ökonomie”.

Auch die Vorstellung einer „produktiven Arbeit“ sei im Marxismus zu dominant. Es sei Marx nie darum gegangen den Menschen von der Arbeit, sondern die Arbeit von ihrem Charakter der Entfremdung zu befreien. Doch die protestantische Vorstellung von der Arbeit als befreiendes Mittel komme einer Romantisierung derselbigen gleich.

Man könne die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Postmoderne nicht mehr mit der Dominanz eines „Gespenst des Kapitals“ erklären, da auch das Kapital, so wie Begriffe wie die Klasse, nur Symbole und beliebig einsetzbare Zeichen geworden seien. Gegenwärtige politische Bestrebungen von der linken Seite könnten somit nur versagen, wenn sie nicht erkennen würden, dass Politik nur noch auf simulierter Macht beruhe. Politik habe ein Stadium erreicht, indem nicht mehr Technokraten, Denker oder Führer regieren würden, sondern Medienexperten und PR-Genies, die die Zeichen und Medien richtig einzusetzen wüssten. Die Politik verbringe die meiste Zeit damit zu inszenieren, dass so etwas wie Macht heutzutage überhaupt noch möglich sei. Bei der Komplexität der weltpolitischen Zusammenhänge, dem Abstraktionslevel der mathematischen Modelle und der Verselbstständigung der Zeichen- und Informationsströme sei jedoch ein wirkungsvolles politisches Einschreiten einer Gruppe oder einzelnen Individuen so gut wie unmöglich geworden.

Der symbolische Tausch

Doch es bleibt zum Glück nicht nur bei einer Analyse. Um diesen ganzen Realitäts- und Simulationsdilemmata zu entgehen, beruft sich Baudrillard auf verschiedenste Ansätze. In einer Schaffensperiode spricht er immer wieder davon durch Überspitzung und Übertreibung die Herrschaft der Zeichen zur Implosion zu bringen. Exemplarisch macht er dies in einem Aufsatz über die Grafitti-Bewegung deutlich. In den Großstadt-Kritzeleien sieht er das, was sie zunächst ganz unmittelbar sind: reine selbstbezügliche Malereien ohne Sinn und Inhalt. Dadurch betrachtet er sie als gegen eine Ökonomie der Zeichen eingesetzt. Dort wo alles seinen Sinn hat und alles mit Bedeutung, meist mit einer zweckbeladenen Natur, aufgeladen ist — in der Großstadt — werden die Graffitis zu einer Art letzten Anti-Bewegung. Im archaischen Sinne könne man den Kritzeleien eine Art Totemfunktion unterstellen und die Clan-Tags erinnern ihn an Kulturphänomene vergangener Stammesgesellschaft, die, im Gegensatz zur bürgerlichen Individualgesellschaft, noch die Gemeinschaft gekannt hätten.

Es deutet sich hier also bereits an, dass es vor allem die Praktiken vormoderner Gesellschaften Baudrillard angetan haben. Grob gefasst sind jene die Lösungsansätze, die er als Ausweg aus der Simulation aufzeigen möchte. Denn in den vermeintlich primitiven Völkern gibt es nach ihm noch zu entdecken, was als tatsächliche alternative Lebensform in Frage kommen könnte, möchte man eine Gesellschaft der Simulation überwinden. Dazu bedarf es nach ihm einer Revitalisierung der Riten, anders gesagt, einer Lebendigkeit des Sozialen als nicht-ökonomische und dennoch gesellschafts- und kulturbedingender Faktor.

In seinem bereits erwähnten und wohl bekanntesten Text Der symbolische Tausch und der Tod argumentiert er, dass es in primitiven Gesellschaften das Ökonomische nie gegeben habe, also eine Produktionsmethodik, die es darauf abgesehen hätte ein Mehr an Wert oder Waren zum Tausch als Selbstzweck herzustellen. Die ökonomische Transaktion schaffe den eigentlichen symbolischen Wert der Objekte und damit die ursprüngliche einhergehende Kommunikation des Handels ab. Sie abstrahiert, indem sie Gegenständen einen scheinbar objektiven Marktwert zuschreibt, der ihr eigentliches Sein jedoch in der Beschreibung verfehlt. In einem, wie er es nennt, symbolischen Tausch werde jedoch der verloren gegangene subjektive Bemessung und Eigentlichkeit von Wert innerhalb eines, und das ist entscheidend, sozialen Prozesses wieder hergestellt.

Ein symbolischer Tausch ist in der Tradition des französischen Soziologen Marcel Mauss (1872–1950) für Baudrillard damit eine systeminkompatible Handlung. Denn wenn alles einer Ökonomie entspricht, die abstrakte Werte um den abstrakten Wertes Willen ohne wirkliche daran vorbeigehende Interaktion miteinander tauscht, dann erhebt sich die direkte Gabe als Handlung über die alltägliche konforme Form des Austausches, als Ritus und kommunikativer Akt. Als Beispiel eines solchen symbolischen Tausches wählt Baudrillard den Potlatch, den auch schon Mauss heranzog, um seine Theorie der Gabe zu erläutern, eine Art Festakt des Schenkens, das nordamerikanische Indianerstämme bis zum Verbot durch die Kolonialherren 1884 zu zelebrieren wussten. Es wurde gesungen, musiziert und getanzt und je mehr Geschenke der Veranstalter, in den meisten Fällen ein Häuptling, seinen Gästen zu bieten hatte, desto mehr wurde er von der Gemeinschaft geschätzt. Viele verausgabten sich, so wird gesagt, bis zur Privatinsolvenz, weshalb ein solches Fest zumeist nur einmal im Leben eines jeden Stammesbewohners abgehalten werden konnte.

Diese Form von Tausch vollzieht sich im Gegensatz zu einer reinen Transaktion also in einem weiteren Schritt dialogisch, da sich das Spiel zwischen Geben und Nehmen ständig hin und her bewegt. Die anderen Stammesmitglieder reagierten ihrerseits mit dem Versuch ein noch größeres Fest auf die Beine zu stellen. Dies erzeugt weitere Bemühungen und so weiter. Damit werden diese Aktivitäten zu einer Art dialektischem Dialog, zu einer puren sozialen Erfahrung. Der Tausch steht damit in der Tradition einer klassischen Kommunikation einer beidseitigen Betätigung mit Verpflichtungen und Herausforderung. Es gilt: keine Gabe ohne Gegengabe. Das archaische Ritual vollzieht sich zwischen Hinwendung und Umkehrbarkeit, von Geben und Nehmen, von Erlangen und Verlieren in einem wechselseitigen Spiel.

Der Tod, die Macht und die wahre Rebellion

Wie der Titel seines Hauptwerkes Der symbolische Tausch und der Tod schon andeutet geht Baudrillard jedoch einen weiter, indem er dieses Prinzip auf das Rätsel des Todes anwendet. Er stellt die These auf, dass in den modernen westlichen Gesellschaften, der Tod als Tatsache Schritt für Schritt aus dem Bewusstsein der Menschen ausgeblendet werden sollte.

Er entfaltet auf Basis einer institutionellen Verwaltung des Todes eine völlig eigene Machttheorie. Denn wirkliche Macht konnte man nach ihm in der Vergangenheit immer dort antreffen, wo Organisationen oder Menschen eine Herrschaft über diese andere Welt innehatten. Es seien die Priester, Schamanen und Geistlichen gewesen, die in verschiedensten Epochen in unterschiedlichster Art und Weise über den Tod gewacht hätten. Was sie vereint, sei jedoch die Tatsache, dass sie der Mittelpunkt der Gesellschaft gewesen seien, gerade weil sie aufgrund ihrer Funktion den Zugang und Einlass zum Reich der Toten regulieren konnten. Sie hatten als Brückenbauer zwischen Irdischem und Überirdischem eine mächtige Vermittlerrolle und damit das Monopol über den Tod. Die Kirche fungierte wie eine Zollstation zwischen dem Totenreich und dem Leben. Spenden und Ablässe ermöglichten den Bürgern den Zugang zum Himmelreich, ansonsten drohte das Fegefeuer. Damit war die institutionalisierte christliche Kirche für Baudrillard die Macht überhaupt.

Die Ausblendung, die gedankliche und nicht nur geographische Verdrängung des Todes an den Rand der Gesellschaft (Friedhöfe, Krankenhäuser) habe mit der Reformation und Gegenreformation eingesetzt. Zu diesem Zeitpunkt hätte die Angst vor dem großen Unbekannten in den westlichen Gesellschaften Einzug gehalten. Im Gegensatz dazu sei im alten Ägypten, antiken Griechenland oder kontinentaleuropäischen Mittelalter der Tod noch in die alltäglichen Vorgänge der Gesellschaften vollends integriert gewesen.

Auch an diesem Punkt empfiehlt Baudrillard den Blick zurückzuwenden auf die archaischen Gesellschaftsformen. Er schaut sich an, wie man dort dem Tod als unausweichbares Phänomen kulturell begegnete. Die Opfergabe von Tieren, Blumen oder Gold, wie man sie noch heute in den vom Buddhisten und Hinduisten dominierten Weltteilen beobachten kann, war für ihn Teil eines symbolischen Tauschs zwischen Lebendigem und Toten, zwischen Diesseits und Jenseits. Werde der Tod in der heutigen Zeit ignoriert, so wurde er damals noch vollends in das alltägliche Leben, in die Riten der Stämme integriert. Der Tod war ein aktives Gegenüber, mit dem getauscht und kommuniziert wurde, er war eine „soziale Beziehung“.

An diesem Punkt zeigt sich im Detail wie sein Konzept der Macht gedacht ist. Denn die Versklavung eines Menschen ist für ihn nur ein Aufschieben des Todes durch einen mächtigeren Gegenpart. In Kriegen werde den Soldaten oder Arbeitssklaven durch Gefangenschaft der ursprüngliche Opfertod versagt, dadurch der symbolische Tausch gestört und ein Schuldverhältnis zwischen Herrn und Knecht geschaffen, da letzterer vom Tode verschont bleibe und nun durch Arbeit als Gegengabe die Schuld abtragen müsse. Damit ergibt sich der Zusammenhang zwischen symbolischem Tausch und Machthierarchien. Ein solches Schuldverhältnis sei aber schlichtweg nicht abzuarbeiten. Es sei nur durch den Tod außer Kraft zu setzen. Denn die Unterlegenheit im Kampf forderte ursprünglich mal ein irdisches Abdanken. Damit entsteht über die Nicht-Erfüllung des Tausches, die Aufschiebung des eigentlich notwendig gewordenen Ablebens, die Sklaverei und damit schlussendlich die Herrschaft des einen über den anderen.

Und so macht Baudrillard seinen finalen Punkt: Um die Macht zu stürzen müsse also der symbolische Tausch mit dem Tod vollzogen werden. Denn die Macht und Ökonomie der Zeichen lebe davon, dass sie den Tod als unökonomischstes Phänomen überhaupt nicht integrieren könne. Alle Wertgesetze seien außer Kraft gesetzt und so könne der Selbstmord als subversivste Tat überhaupt eingeordnet werden. Das eigene Leben also als Gabe. Damit wird der Tod für ihn zur letzten Möglichkeit, zur letzten großen Rebellion.

“Das System herausfordern durch eine Gabe, auf die es nicht antworten kann, sei es denn durch seinen eigenen Tod und Zusammenbruch. Denn niemand, nicht einmal das System, entgeht der symbolischen Verpflichtung und in dieser Falle liegt die einzige Chance, seine Katastrophe herbeizuführen”

Er schildert in seinem Aufsatz Der Geist des Terrorismus exemplarisch, wie man sich diesen modernen Ausweg, diesen Akt der Rebellion vorstellen hat. Die Selbstmordanschläge des 11. Septembers 2001 sieht er als zwangläufiges Aufbäumen von Individuen gegen die Dominanz einer Supermacht, deren Anliegen es sei den Tod aus der Welt zu schaffen. Es sei einer solchen Art von System implizit, dass der Tod eines Tages als Waffe gegen es verwendet werde. Eine Deutung für die er enorm viel Kritik geerntet hat.

Denn Nine-Eleven war für ihn damit nicht nur ein medial perfekt inszenierter, sondern zugleich ein symbolischer Akt. Die reale Gewalt war laut Baudrillard zwar existent, aber die symbolische Wirkung noch viel existenzieller. Das betroffene politische System musste auf diese Lebensgabe im Sinne eines symbolischen Tausches reagieren, indem es selbst einen Todesakt vollzieht. Der 11. September, in Folge auch der Irakkrieg mit all seinen Konsequenzen können nach der Lektüre Baudrillards also als Anfang vom Ende des westlichen Lebensmodells gedeutet werden. Und das Infragestellen des eigenen Werte- und Freiheitssystem, das sich konkret in der Nichtbeachtung universell gültiger Menschenrechte zeigte (Folter etc.), mag von dieser selbstzerstörerischen Antwort, dieser verzweifelten Gegengabe bzw. Selbstaufgabe zeugen.

Der postmoderne Trick

Es wird sich lediglich rückblickend beurteilen können, ob Baudrillard mit seiner Arbeit und Diagnose der Gegenwart Recht behalten wird, ob sich seine Vorstellung einer simulierten, unwirklichen Wirklichkeit und ob seine These vom Beginn des Untergang des westlichen Modells im Nachhinein tatsächlich als haltbar erachtet werden kann. Hegel beschrieb bereits die Möglichkeit Ereignisse nur mit dem späteren Blick der Retrospektive mit Weisheit verstehen und bewerten zu können, indem er den Flug der Eule der Minerva erst mit der „einbrechenden Dämmerung“ ihren Flug beginnen lässt.

Jedoch mehren sich zumindest erste Indizien für eine Belastbarkeit von Baudrillards Theoriekonstrukt. Dies wird besonders dann interessant, wenn man erkennt, dass sein Ansatz etwas Fundamentales über die jüngste Geschichte, unsere Gegenwart und damit die Postmoderne entschlüsseln kann. Seine Beschreibungen entfalten nämlich dann ihre Wucht, wenn man zum einen den weltweiten Aufstieg des Populismus als selbstmörderischen Akt der Bewohner der westlichen Hemisphäre deutet, die in ihrer verzweifelten Antwort auf den doppelten Terror, den der islamischen Welt und den darauffolgenden Darstellungen in Massenmedien, ihre hart erkämpften Prinzipien und Bürgerrechte über Bord werfen. Zum anderen werden sie interessant, wenn man das Kernkonzept der Postmoderne, nämlich, dass es keine Wahrheit gibt, sondern nur subjektive Ansichten sowie die Idee der Referenzlosigkeit der Zeichen auf die heutigen Menschen, auf seine Art und Weise zu kommunizieren überträgt und so auch die damit verbundenen politischen Präferenzen besser verstehen kann.

Der Berliner Dramaturg Bernd Stegemann macht in seinem Buch Das Gespenst des Populismus (2017) darauf aufmerksam, dass durch die Verneinung einer Realität und damit einer objektiven Wahrheit, durch die Annahme also, dass Konstruktionen unseren Alltag bestimmen und damit Dekonstruktion immer und jederzeit möglich sind, alles zur Interpretationsfrage wird.

Er überträgt, so könnte man sagen, die Ideen Baudrillards von einer Postmoderne, von losgelösten Zeichen und der umherirrenden Symboliken, auf den Menschen, seine politischen Begriffe und damit Agitationsmuster. Wie die Zeichen und Begriffe in der Simulation lösen sich nach beiden Autoren die Menschen in der Postmoderne von ihren ursprünglichen kulturellen Zugehörigkeitssystemen ab. Herkunft, Glaube oder Geschlecht, also identitätsstiftende Faktoren, bieten aufgrund der gestiegenen Mobilität und weltweiten Vernetzung nur noch bedingt Halt.

An diesem Punkt sieht Stegemann in den einhergehenden neuen Diskursen eine Falle zuschnappen, die den Demokratien Westeuropas von ultra-liberalen Kräften gestellt wurde. Denn was an Form und gelebter Kommunikation bleibe, sei geprägt von reiner Selbstreferenzialität, vom Drehen um die eigene Achse, eine Eigenschaft, die, wie wir gesehen haben, auch Baudrillard immer wieder den Zeichen in der Simulation zuschreibt. Daraus ergibt sich für Stegemann, dass jede gesellschaftliche Einbettung in ein (oppositionelles) Kollektiv vom System der Freiheit — wo ursprünglich mal in seinen Augen die individuelle, menschliche Freiheit gemeint war und heute nur noch die Freiheit eines global fließenden Kapitals — als faschistisch oder archaisch abgetan werde. Ein Punkt, den wiederrum Baudrillard unterschreiben würde, betont er doch immer wieder die kulturellen Grundmuster vergangener Stammesgesellschaften als authentisch, offeriert diese als Ausweg aus der Simulation und identifiziert sie damit als Gefahr für die Herrschaft des Codes. Auch nach Stegemann erscheint Kollegialität heutzutage als Gefahr schlechthin für ein System, das seine Existenz einem gegenteiligen Prinzip verdankt — denn der Kritik an der Masse folgt die Vereinzelung als Voraussetzung für einen ultimativen Konkurrenzkampf, der aber nur den ökonomischen Output von Gesellschaften maximiert, jedoch nicht das seelische Wohlbefinden der Akteure.

Der Vorwurf, der in Folge also auch den sich selbstbeweihräuchernden Eliten in Funk, Fernsehen und Internet gemacht werde könne, laute, dass diese mit ihren Fähigkeiten nicht mehr versuchen würden die Gesellschaft zu verbessern, sondern nur noch ihre eigene Position in dieser. Damit seien diese in Stegemanns Augen jedoch nur einem allgemein zu vernehmendem Aufruf zu Selbstverantwortlichkeit gefolgt, der die Menschen zu “unsolidarischen Einzelkämpfern” erziehe. Die britische Premierministerin Margret Thatcher (1925–2013) hat dieses individuelle Abverlangen und damit ihre politische Agenda einmal passend mit den Worten beschrieben: „There is no such thing as a society“.

Der auf dieser Prämisse basierende liberale Kniff bestand nach Stegemann darin, durch die Dekonstruktion eines Begriffs wie der Klasse, ein gesamtes Theoriegebäude gesprengt zu haben. Denn der Vereinzelungsagenda des Liberalismus komme eine postmoderne Sprache, die alles an Zeichen und Symbolen dekonstruiert, loslöst, seziert, teilt und isoliert betrachtet ganz gelegen. Auf der politisch linken Seite habe dies zu einer verfehlten Identitätspolitik geführt, in der Randgruppenschicksale als beachtenswerter erscheinen als Themen, die das gesamte Kollektiv betreffen.

Darüber hinaus hätten die Mächtigen auf diese Art jegliches strukturelle Problem als individuelles Problem auslegen können, dem man in Folge also nur mit Selbstverantwortlichkeit begegnen könne. Mit diesem Trick werde verhindert, dass die Staatsbürger empfundene Unzulänglichkeiten der politischen Sphäre zuordnen und man selbst als Politik und Vertreter einer bürgerlichen Eigentumskaste entziehe sich so strukturrelevanter, die eigenen Privilegien betreffenden Veränderungen und damit Verantwortlichkeiten.

Wahrheit & Interesse

Indem er jedoch in der Sprache des Liberalismus lediglich die Interessen der besitzenden Schicht als politische Agenda verschleiert sieht, spielt er zugleich seinem politischen Feind in die Hände, dem rechten Populismus, um den es eigentlich in dem Buch gehen soll, der alles und jedwede politische Entscheidung nicht mehr als richtig oder falsch oder als sinnvoll oder unsinnig bewertet, sondern in diesen nur Machterhaltungsmaßnahmen einer etablierten Kaste vermutet.

Die dahinterliegende Idee eines Klassenkampfes ist tatsächlich insofern verkürzt, da sie in der Tradition eines historischen Materialismus vornehmlich materielle Interessen als grundlegenden Treiber der Geschichte betont und immaterielle Faktoren wie Ideensysteme und soziale Beziehungsgeflechte nur sehr bedingt gewichtet. Natürlich kann sich kein Mensch ohne eine grundsätzliche Versorgung darüber hinausgehenden Projekten widmen, aber wittert man überall nur Verteilungskämpfe, dann wären auch Stegemanns Feinde, die modernen Populisten, und deren Ausführungen zur eigenen Omnipotenz, zu der Frage, was wahr ist und was nicht, einfach nur die Verkörperung eines individuellen Politikstils, der mit jeder Debatte oder Argumentation nur versucht den eigenen Zugang zum Fressnapf für sich selbst gegen andere entscheiden zu können.

Doch es gibt eine Wahrheit, fernab von persönlichen Interessen, ein Standpunkt den Markus Gabriel (geb. 1980), der in Bonn lehrende Philosoph mit seinen Ideen zu einem Neuen Realismus wieder deutlicher vertritt. Wahrheit ist bei ihm ein Denkprozess, der sich aus einem kritischen Verhältnis zu Gegenwart und Vergangenheit speist. Man könnte also auch sagen, dass Wahrheit aufgrund von Erfahrungswerten ermittelt werden kann. Und so plädiert für einen „aufgeklärten Humanismus, der die intellektuellen und ethischen Fähigkeiten der Menschheit gegen unsere post- und transhumanistischen Verächter verteidigt“.

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek (geb. 1949) wiederrum unterstreicht zwar wie Stegemann auch, dass sich Wahrheit und Interesse nicht immer eindeutig voneinander trennen lassen, dass ein persönlicher Bezug zu einem Thema natürlich dazu führt, dass man sich diesem eher widmet. In manchen Fällen sei der emotionale Zugang zu einem Engagement und damit einer Wahrheitsfindung schlichtweg von existenziellen Fragen bestimmt. Doch dies bedeute nicht, dass man Fakten dazu verwenden dürfe eine Lüge zu verbreiten. Kurzum auch nach Žižek gibt es Fakten.

Aber wenn man wie Stegemann tatsächlich denkt, dass sich in allen politischen Entscheidungen, Vorhaben und Reformen nur der Wille zur Macht, zum Ressourcenzugriff spiegelt, dann ist man tatsächlich am Ende einer sachlichen Diskussion angekommen. Dann kann man das Spielfeld tatsächlich den Tyrannen und ihren Schlägertrupps überlassen. Denn dann wäre Geschichte tatsächlich nur eine Abfolge von Klassen- und damit Verteilungskämpfen. Jedoch sind Demokratie, Gewaltenteilung und die Gleichheit vor dem Gesetz nicht nur materielle Sicherungssysteme. Sie sind zusätzlich, und vielleicht sogar noch viel mehr, aus den ideellen Wertvorstellungen von einer gerechteren, und vor allem friedvolleren Welt entstanden. Denn geht es nicht zuallererst um die Würde des Menschen, etymologisch gesehen ein rein sozialer, immaterieller Wert.

Natürlich steht heute der Vorwurf im Raum, dass diese Prinzipien und Rechte mittlerweile nur noch die Agenda einer besitzenden Klasse sind, die nur dann diese modernen Errungenschaften einfordert, wenn es um das eigene Wohl geht, ein Punkt den auch Stegemann aufgreift — aber selbst dann muss man die grundsätzliche Idee und den darauf basierenden tatsächlich auch humanisierenden Fortschritt nicht gleich ganz verteufeln, sondern sollte für diesen weiterhin einstehen.

Der Postmoderne Typus

Gleichzeitig zeugen die Beobachtungen Baudrillards und auch eines Stegemanns aber tatsächlich von neuen Zuständen. Denn mit Sprache (programmiert und verbalisiert) kann theoretisch erst einmal wirklich alles behauptet werden. Erst danach kann man das Ergebnis einer Überprüfung oder Wahrheitsfindung unterziehen. Im Code, in der virtuellen Welt sowie in einer postmodernen Realität können Aussagen zwar definitiv als unlogisch (error) ausgewiesen werden, jedoch nicht mehr so leicht als unwahr. Kann man also in Anbetracht dieser Virtualität überhaupt noch im Sinne Hegels von einer Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand sprechen? Was ist, wenn Begriffe und Gegenstände eins werden, indem zweitere programmiert, also nicht nur be- sondern ge-schrieben werden?

Hinzu kommt, dass die naturgemäße Dezentralität der Informationsströme von Social-Media-Kanälen die ursprüngliche ideologische Hierarchie aufgebrochen hat. Ein Zusammenhang, den Žižek erwähnt und der zeigt wie fraglich das Konzept einer Wahrheit, wie gefährlich diese Entwicklung für die vorherrschenden Strukturen geworden ist. Die moderne Technik erscheint also im Rahmen dessen wie ein grelles, aber hoffnungsvolles Licht, in dessen Schatten die Menschen momentan scheinbar viel eher ihr Vergnügen finden.

Von diesem Denken zeugen auch Populisten, die ein vermeintlich allgemein so funktionierendes Spiel der heutigen Vertreter der Macht, um den Fressnapf und nicht um wirkliche Inhalte, glauben durchschaut zu haben. Kein Wunder also, dass sie denken, sie seien tatsächliche Genies, denn in den Augen von postmodernen Figuren sind Entscheidungen irrelevant, denn es ist ja alles nur noch zu einer Interpretationsfrage geworden. In Konsequenz stellt man das zwischenmenschliche Gerangel in den Mittelpunkt allen Handelns, legt die Spielregeln eines vertuschten hemmungslosen Sozialdarwinismus offen, fegt Errungenschaften und Abkommen vom Tisch, da man in diesen nur das Protektorat eines Establishments sieht völlig unabhängig von der dahinterliegenden Sinnhaftigkeit dieser ins Leben gerufenen Regelsysteme.

Wahllos bestimmt man über Wahrheiten, über fake news oder eben alternative facts. Man ist darüber hinaus im baudrillardschen Sinne sowieso kein Politiker mehr, sondern nur noch ein PR-Genie, das die eigene weltweite, politische Allmacht nur über Social Media simuliert. Als Zyniker in Hinblick auf inhaltlich vernünftige oder angebrachte Diskussionen vermisst man bei diesem Typus Politiker in diesen Tagen wirkliche Zukunftskonzepte.

Auch damit werden sie durch und durch als postmoderne Subjekte in die Geschichte eingehen: Denn Stegemann beschreibt ganz passend wie das Bürgertum der Jahrhundertwende noch versucht habe, die Quellen der Schuld und die negativen Konsequenzen der eigenen Existenzform unter den Teppich zu kehren oder zu verschweigen, was in zahllosen Romanen über die bürgerliche Gesellschaft und ihre Schattenseiten ausgearbeitet wurde. Eine Matrix der Verdrängung war hier also noch intakt. Im Gegensatz dazu trägt das postmoderne Wesen seine ganze Amoralität und Widerlichkeit stolz zur Schau als Beweis einer wirtschaftlichen Potenz, ganz nach dem eigenartig anmutenden Motto: The winner takes it all.

Diesem neuen Typus, der losgelöst von jeglichem familiären, ideologischen, religiösen Wertesystem die Welt durchpflügt, der jede größere Bindung verloren hat und dadurch bedingt nur noch alles durch die Konkurrenzbrille sieht, fällt nur noch ein Schlüsselsatz ein, wenn es in seiner berechtigten Wut über die daraus resultierende emotionale Leere, die Vereinzelung und die Ohnmacht wütend nicht mehr zum Himmel, zum Abstrahieren, zu den Strukturen, zu dem System blickt, sondern zu seinesgleichen und dann immer nur eine Erklärung für die empfundenen Unzulänglichkeiten im Zwischenmenschlichen sowie im Vorzufindenden entdecken muss: der Grund für das schreckliche Unbehagen muss das blanke Interesse des anderen, des Konkurrenten, des Nächsten sein. In lateinischer Kurzform: cui bono- oder auch: Keine Politik, kein Ereignis, ohne persönliche Agenda.

Der Schritt hinzu dem Glauben an Verschwörungstheorien ist dann natürlich nicht mehr weit, wenn alles nur als Ergebnis von Interessen gedeutet wird. Jedoch können Baudrillards Ausführungen hier glücklicherweise Abhilfe schaffen, indem sie auf der einen Seite deskriptiv die Komplexität der Zusammenhänge aufzeigen und auf der anderen Seite normativ die Rettung im Sozialen in den Vordergrund stellen.

Wenn also Populisten als personifizierte Maschinen der Postmoderne scham- und skrupellos ihre Interessen vertreten und mit Hilfe unmittelbarer Kommunikation die Realität einer Begriffs- und damit Wertegemeinschaft in Frage stellen, dann zeigt sich, wie die Vereinzelung, die individuelle Referenzlosigkeit nicht nur innerhalb Gesellschaften, sondern selbst bis in die höchsten Bereiche politische Verantwortung wirkt.

Bestätigt wird diese Annahme durch ein weiteres zu beobachtendes Phänomen, das in diesen Tagen Aufmerksamkeit erhält. Wo manch einer früher noch in der Hoffnung arbeitete, dass es den nachfolgenden Generationen möglichst besser ergehen möge als einem selbst, ein Verhalten, dass sich in westlichen Gesellschaften noch häufig relatisch frisch immigrierten Familien beobachten lässt, so achten im Gegensatz dazu in diesen Tagen die meisten Alteingesessene tunlichst darauf, dass eine Lebensrealität der kommenden Generationen nicht auf Kosten der eigenen materiellen Bequemlichkeit geht. Denn ohne diese Annahme bleibt offen, warum sich mittlerweile Schulklassen ohne Lehreraufsicht mobilisieren und sich sechzehnjährige Rädelsführer für den Klimaschutz einsetzen müssen, damit eine generationsübergreifende Politik stärker diskutiert wird. Wer sonst, außer sie selbst, könnte für sie selbst eintreten? Und im Sinne des postmodernen Typus könnte man sagen: Wer sonst ist für sie verantwortlich außer sie selbst?

Doch woher kommt eigentlich dieses Denken? Nach Baudrillard wäre der ideologische Kern dieser Entwicklung zunächst im ökonomischen Denken zu finden. In seinem Aufsatz über einen seiner geistigen Mentoren Georges Bataille von 1976, schreibt er, dass das ungeschriebene Gesetz unserer Ordnung laute, dass alles nach seiner Nützlichkeit zu bewerten sei. Dies sei nach Bataille das „metaphyische Prinzip der Ökonomie“. Als Folge also die Politik von Populisten, die als Geschäftsmänner nur noch an die Macht des Stärkeren glauben, die in ökonomischen Deals, in Kosten/Umsatz-Relationen denken und nicht in Kompromissen. Aber ist man damit nicht lediglich das Produkt einer Wirtschaftsordnung, in der richtig oder falsch, moralisch oder unmoralisch keine Kategorien sind? Überträgt man das Geschäftsgebaren nicht einfach auf die Politik und macht man damit nicht das, was von einem anständigen postmodernen Individuum gefordert wird? America-, Hungary- oder Brasil First oder Me First?

Das totale Individuum

Die Möglichkeit Baudrillards Analyse auf einen wortwörtlich zu nehmenden Realitätssinn hin zu überprüfen, ergeben sich weiterführend jedoch mehr und mehr in unserer Zeit, in der Medien unseren Alltag durch die Allgegenwart der Smartphones durchdringen wie nie zuvor und in der Digitales und Reales damit unmittelbar verschmelzen. Die Live-Streaming Möglichkeiten, die automatischen Filter und Algorithmus gesteuerten Empfehlungssysteme, die bestimmte Inhalte in so gut wie alle Bereiche dieser Welt tragen, verstärken Baudrillards Bild von der Realität einer Simulation. Die Symbole und Zeichen lösen, kopieren, zerstreuen sich in einem atemberaubenden Tempo. Tweets befeuern Informationsflüsse. Hashtags und Posts bestimmen weltweite Debatten und damit die Gedanken von ganzen Gesellschaften. Bilder-Plattformen erschaffen eine perfekte Illusion der schönen Momente für den Erzeuger des Profils sowie den Betrachter. Dabei bleibt all dies jedoch am Ende lediglich virtuelle Information. Was als real empfunden wird, ist also durch etwas Konstruiertes bestimmt — und wird es damit nicht zugleich auch wieder zu einer erfundenen Wahrheit?

Baudrillard sah in den Massenmedien seiner Zeit noch unzulängliche Mittel der Kommunikation. Er beschreibt sie als eine rein passive Einbahnstraße, denn Radio und Fernsehen seien Kommunikation in Form einer “Rede ohne Antwort”, da es keinerlei Möglichkeit gebe für den Zuschauer in einen wirklichen Austausch zu treten. Dies erachtet er als ein falsches und doch aussagekräftiges Verhältnis. Denn wer spreche, ohne dass ihm widersprochen wird, der besitze omnipotente Macht. Somit sei es ein leichtes diesen Medien eine soziale Kontrollfunktion zu unterstellen.

Diese Kritik war eigentlich mal in Zeiten des freien Internets und Social Media obsolet. Die Kommentarfunktionen bieten Beantwortung und Fragestellungen in Bezug auf Inhalte in Echtzeit. Damit verlagerte sich jedoch die Macht hinzu einer Deutungshoheit von Bildern. Und um nichts anderes drehen sich die Debatten um fake news. Daraus resultieren wiederum die neu formulierten Ansprüche an Plattformen Verantwortung für die Inhalte zu übernehmen und zu zensieren. Im Zuge dessen entstehen auch die Forderungen nach Kontrollinstanzen, nach Löschzwang und Upload-Filtern. Auch wenn man sich bei lezteren auf das Urheberrecht beruft, diese Vorhaben könnte aus technischer Sicht eines Tages ein exzellentes Werkzeug zur Zensur darstellen.

Ganz andere Filter existieren bereits durch die Möglichkeit Werbung in sozialen Netzwerken zu schalten. Gezeigt werden jene Inhalte, für deren Ausstrahlung am meisten bezahlt wird. Und man könnte sagen, dass die Politik genau auf diesem Wege in den letzten Jahren, wie eben ein paar Jahre zuvor die Wirtschaft, disrupted wurde, gibt man den sozialen Netzwerken nicht auch die Schuld an den unerwünschten Wahlergebnissen und einhergehenden politischen Entscheidungen der letzten Jahre. Denn es gab Parteien und Interessensgruppen die schlichtweg einfach schneller und besser waren in der Nutzung der neuen Technologien.

Darüber hinaus ergießt sich in Zukunft der von Baudrillard ausgearbeitete Zusammenhang von Konsum und Sozialem in zusätzliche, neue Formen. Nimmt man die Disziplinen des Online Marketings oder moderne Fertigungsmethoden (Stichwort: Mass Customization), dann zeigt sich, wie eine Personalisierung der Produkte und Werbung einzelne Bedürfnisse abdecken, aber eben auch eine Vereinzelung erzeugen. Der Warenerwerb ursprünglich mal als Akt sozialer Integration — oder sollte man heutzutage nicht vielleicht besser sagen Desintegration?

Am Ende dieses Prozesses steht das totale Individuum. Die finale, absolute „Verpersönlichung der Wahl“ dient keiner Einbettung in ein soziales Umfeld, in eine Gruppe, die mit Marken, Symbolen oder Riten ihren Zusammenhalt zementiert, sondern sie dient nur noch der Zuweisung zu einem völlig isolierten selbst, einer reinen Selbstbestätigung. Ansätze dieses Menschenbildes existieren bereits virtuell in den Datensätzen der Big-Data-Programme, den dahinterliegenden Datenstrukturen. Denn jeder Konsument hat sein eigenes Profil und bekommt je nach technischer Fähigkeit einer Firma völlig eigene Werbung, Produktvorteile ausgespielt oder Waren angeboten. In Bezug auf die Wirtschaftlichkeit funktioniert dies bewiesenermaßen sehr gut. Die Klick- und Kaufraten auf personalisierte Inhalte oder Produkte sind deutlich höher als bei klassischen Formen von Werbung.

Ein ganz anderer Punkt, der in diesen Tagen durch die Einführung der Datenschutzgrundverordnung Relevanz erhält, ist das sogenannte Recht auf Vergessen im digitalen Raum. Dass die Macht nach Baudrillard in der Verwaltung des Todes liegt, lässt sich auf unsere Zeit übertragen. Stirbt ein Mensch, was passiert dann eigentlich mit seiner digitalen Identität. Lebt diese weiter? Wenn nach Baudrillard die irdische Macht sich am Styx, dem Totenfluss zeigt, sind dann die Datenbanken der Tech-Konzerne auch und gerade deshalb unsere neuen Machthaber schlechthin, da sie über die virtuelle Existenz oder Nicht-Existenz von Menschen bestimmen? Sind wir alle also das, was Datensilos über uns wissen? Die neuen Gesetzesvorhaben sollen hier Abhilfe schaffen, auch wenn eine Umsetzung auf europäischer Ebene innerhalb einer im Kern internationalen Infrastruktur des Internets schwierig sein dürfte — man kann gar noch gar nicht ermessen wie wichtig diese Gesetze für den Fortbestand unserer Demokratien sein werden.

Wenn sich nach Baudrillard aber auch im Digitalen, heute würde man genauer sagen, in der Lust am Erstellen von Content der menschliche Hang zum Streben nach Unendlichkeit zeigt, wie sind dann meine Interaktionen und Handlungen in dieser Sphäre zu bewerten? Wirken diese in alle Zeit weiter? Vielleicht schon, in dem Sinne wie auch meine weltlichen sozialen Handlungen ihre Spuren zeichnen. Søren Kierkegaard (1813–1855) beschrieb dies in seinem Werk Der Begriff der Angst, wenn er sagt, dass jegliche bösartige Handlung Steigerung ihrer Natur erfährt, indem sie durch die einhergehenden Konsequenzen exponentielle verstärkt in die Welt strahlt. Gilt dies nicht also auch für ein Like, das Kopieren eines böswilligen Memes oder ein Hass-Kommentar? Schreitet man auf den Gedankenpfaden eines Baudrillards dann wäre dies der Fall. Denn die Information verweilt auf Servern im Internet, verteilt sich zunehmend in Zukunft selbstständig, wird kopiert und wirkt so in die entlegensten Winkel eines weltweiten Kommunikationsnetzes. Das Recht auf Vergessen hilft da nur bedingt, wenn Information zwar entpersonalisiert, nicht aber gelöscht wird und die Folgen meiner Handlungen anonymisiert ins nur scheinbare Nichts, sondern in eine digitale Unendlichkeit wandern.

Die Technik und das Erschaffen neuer Realitäten

Baudrillards Analyse birgt in diesem Moment eine weitere erhellende Antwort, wenn man über die Frage grübelt, wie und warum eigentlich Maschinen die Geschichte von morgen schreiben werden. Die Darstellung seines letzten Simulakrums, in der die Informationen ohne menschliches Zutun durch die virtuelle Welt fließen, sich wahllos verbreiten, verdoppeln und verdreifachen und zugleich in unsere Realität wirken, beschreibt jenes Stadium eines Zeitalters ohne Richtung, einer Geschichte ohne menschliche Kontrolle.

Damit erkennt man auch welch enormen Stellenwert unsere Epoche für die strukturelle Entwicklung der Informationsströme haben wird. Es gilt also in diesen Jahrzehnten die Rahmenbedingungen zu setzen für ein völlig neues Universum, dessen Regeln wir noch selbst bestimmen können und welches unsere ursprüngliche materielle Welt maßgeblich beeinflussen wird. Von dieser Notwendigkeit wird vor allem immer dann gesprochen, wenn es um die Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenzen geht. Vergessen wird dabei oft, dass momentan jedenfalls nur Variablen in diese mathematischen Modelle einfließen, die von Menschen definiert und messbar gemacht wurden. Maschinen lernen noch nicht selbstständig, sondern werden lediglich gefüttert und widmen sich lediglich (noch) ganz gezielten Problemstellungen. Ohne Sensorik ist es schwer eigenständig zu lernen. Und dennoch ergibt sich hier eine Perspektive, die auf selbstlernende, automatisierte Entscheidungsprozesse zielt und Baudrillards Vision vom Ende der Macht des Menschen über sein Schicksal wird tragfähiger.

In diesen Zusammenhängen ist das Vorhaben des britischen Startups Improbable zu erwähnen, das sich auf die Fahne geschrieben hat im Grunde „die Matrix zu bauen“. Zwar arbeitet man momentan noch an der Simulation von Computerspielwelten — jedoch soll ein neuer Geschäftsbereich für zahlungskräftige Unternehmen vollständige Geschäftsentscheidungen mit allen möglichen Konsequenzen vorsimulieren. Für das Unternehmen gelten Daten insofern als langweilig, weil sie lediglich die Vergangenheit beschreiben. Der wirkliche Kniff besteht in der Simulation einer virtuellen Zukunft, die dann zurück wirken soll in die Gegenwart. Die Zukunftsprognose als Diener für Entscheidungsfindungsprozesse der Gegenwart. Damit könnte man nach Baudrillard abgewandelt und in einer neuen Form sagen, dass ein Charakteristikum des dritten Simulakrums eingetroffen ist: „das Vorausgehen der Modelle gegenüber dem Realen“.

Seit ein paar Jahren diskutieren bereits ernstzunehmende Wissenschaftler, Unternehmer und IT-Experten, ob wir nicht schon längst in einer Art Matrix leben. Als ein Beweis dient die Möglichkeit einer exakten Beschreibung der Natur durch zahlenbasierte Mathematik. Physikalische Gesetze wären in diesem Sinne ein von einem unbekannten Schöpfer definierter Code, der uns, wie in einem Videospiel, die Grenzen des Machbaren und Gehbaren aufzeigt.

Auch unter Berufung auf Baudrillard gehen zumindest die Anhänger der simulation hypothesis davon aus. Der Oxford Professor Nick Bostrom publizierte 2003 ein Paper mit dem Titel „Are you living in a simulation?“, indem er drei einfache Annahmen gegeneinander ausspielt. Die erste besagt, dass unsere Zivilisation ausstirbt, bevor sie künstliche, virtuelle Lebewesen erzeugen kann. Die zweite geht davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit einer zukünftigen Menschheit, die ein Interesse daran hat, vergangene Gesellschaften wie unsere zu replizieren gleich Null ist. Und die dritte Hypothese behauptet, dass wir bereits in einer Simulation leben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eines der Szenarien eintritt ist gleich verteilt. Sollte die Menschheit also aussterben macht die gesamte Diskussion keinen Sinn, da es keine derart technisch servierte Zukunft geben wird. Und wenn tatsächlich keine der Vielzahl an kommenden, unterschiedlichen Gesellschaften vergangene Welten simulieren möchte, auch dann haben wir ein Problem mit der Behauptung, dass wir in einer Simulation leben. Es folgt, dass Annahme eins und zwei nur dann gemeinsam falsch sein können, wenn die dritte richtig ist.

Dabei wäre die Rechenleistung für derartige hochkomplexe Vorhaben nach Bostrom bald vorhanden. Die Entwicklung einer virtuellen und simulierten Welt mit zigmillionen Individuen bedarf lediglich eines Hochleistungscomputers. Das Argument ist also zudem ein statistisches. Wenn es so einfach sein wird komplexe Welten zu simulieren, dann wären unsere Existenzen mit höherer Wahrscheinlichkeit bereits simuliert. Denn die Anzahl wirklicher, biologischer Organismen wäre aufgrund des Aufwandes der Reproduktion geringer.

Aber warum sollten zukünftige Gesellschaften Welten wie die unsrige erschaffen, in der Krieg, Hunger, Gewalt und damit Leid herrscht. Es ergibt sich hier also eine Variante der alten theologischen Frage nach der Theodizee. Warum wirft uns ein Schöpfer, sei er nun Mensch oder Gott, in solche Zustände? Warum also simuliert man nicht ein Paradies?

Wir sind also an einem entscheidenden Punkt angelangt, denn wenn man Augmented Reality als das erste greifbare Beispiel für das Entstehen einer Realität nehmen, die wir nicht mehr nur hinnehmen, sondern sie bewusst verändern, in diesem Fall, sie ergänzen, dann wäre Virtual Reality wiederum den nächsten Schritt bedeuten: Eine völlige Ausgrenzung der natürlichen und damit unzufriedenstellenden Zusammenhänge, so wie wir sie bisher gekannt haben. Es lässt sich so alles Erdenkliche konzipieren und es entsteht ein grenzenloser Gestaltungsspielraum. Und was, wenn man all diese Möglichkeiten völlig neu nutzen würde?

“Bedenken wir, was für eine erstaunliche Erfahrung es wäre, eine reale Welt außerhalb der unseren zu entdecken. Unsere haben wir eines Tages entdeckt. Die Objektivität unserer Welt haben wir etwas zur selbsten Zeit entdeckt wie Amerika. Doch was man entdeckt hat, kann man niemals mehr erfinden. So haben wir die Realität entdeckt, die zu erfinden bleibt (oder alternativ: so haben wir die Realität erfunden, die zu entdecken bleibt). Warum sollte es nicht eben so viele reale Welten geben wie imaginäre? Warum nur eine einzige reale Welt, warum eine solche Ausnahme? Eigentlich ist die reale Welt unter allen anderen möglichen Welten undenkbar, es sei denn als gefährlicher Aberglaube. Wir müssen uns von ihr lösen, wie sich das kritische Denken eins (im Namen des Realen!) vom religiösen Aberglauben gelöst hat. Denker, strengt euch noch einmal an!”

So verweist auch ein Baudrillard hier wieder auf den Ursprungspunkt. Die Möglichkeit nämlich, auch diese Technologien für etwas zu nutzen, vor dessen momentan zu beobachtenden Konsequenzen viele warnen. Das nicht nur funktionelle, sondern auch humanisierende Ideal einer Gestaltung kann auch und muss gerade heute wiederentdeckt werden.

Platon formuliert den Schritt des einen Höhlenmenschen, der sich von seinen Fesseln los seilt als eine “Erhebung der Seele in das Reich des nur Denkbaren”, als einen Denkprozess. Auch wenn er in seinem Idealstaat vor den Dichtern warnt und ihnen keinen Platz einräumt — wäre es nicht vielleicht an der Zeit dies wie Hannah Arendt (1906–1975) neu zu denken, die sich von den Dichtern Wahrheit erhoffte. Wenn das Ende der Metaphysik seit Heidegger bereits beschlossene Sache ist und man nach Baudrillard keine Unwirklichkeit im Rahmen einer grenzenlosen immateriellen Sphäre mehr braucht, wie wäre es also mit einer zwar irgendwo minderwertigen, aber nicht weniger hilfreichen, gedichteten, künstlichen Metaphysik von und für den Menschen?

Eine solche Realität wäre erschaffbar in programmierten Worten. Wie ein guter Roman, so kann eine virtuelle Realität gestaltet werden, damit entweder einem notwendig gewordenen Eskapismus dienlich sein oder aber durch die Programmierung von schönen, friedlichen Welten mit humanisierender Rückwirkung in die physische Realität ihr Bestes tun. Eine Utopie, eine Befreiungsmission sozusagen als immaterielle Simulation einer zukünftigen Realität.

Denn der Geist ermöglicht jene immaterielle Realität, diejenige von der geträumt wird. Und so wird auch hier die Utopie wieder möglich — und das Erreichte ganz im Sinne Hans Blumenbergs ein Beweis gegen den „Schein der falschen Endgültigkeiten”.

Bleiben wir also realistisch — wagen wir das Unmögliche!

Fabian Willkomm
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