Money Talks. Über Misstrauen und Dankbarkeit.

Gestern Abend sprach mich ein Junge an und fragte mich, ob ich ihm einen Euro geben könne. Ich kam gerade von der Arbeit, stand am Doberaner Platz, wartete auf die Straßenbahn und las Nachrichten auf meinem Handy. Überrascht schaute ich ihn an. Er sah aus, als könnte er einer Flüchtlingsfamilie angehören, sprach aber akzentfreies Deutsch. “Wofür brauchst du denn das Geld?” fragte ich ihn skeptisch. “Ich will mir was zu essen kaufen.” sagte er. “Ich habe Hunger.”

Er sprach mit ruhiger Stimme und stand etwas eingeknickt vor mir. Wurde er eventuell von seinen Eltern zum Betteln geschickt? Wollte er sich vielleicht nur etwas Taschengeld organisieren? “Wie alt bist du überhaupt?” wollte ich wissen. “11.” antwortete er und schaute mich an wie ein kleiner, schüchterner Hund. “Und wo sind deine Eltern? Kaufen die dir nichts zu essen?” “Mein Vater ist auf der Arbeit im Hafen und kommt erst spät nach Hause.” “Und deine Mutter?” “Die ist nicht da.”

Merkwürdig, dachte ich. Trotzdem schien er mir irgendwie glaubwürdig. Wo auch immer seine Eltern waren, irgendwas lag hier gewaltig im Argen. Da es bereits dunkel war, fragte ich ihn, ob er nicht nach Hause gehen wollte. “Wir haben aber nichts zu essen zu Hause. Deswegen bin ich hier.” sagte er und schaute auf den Boden. Ich sah ihn an. Seine dunklen, schlichten Klamotten waren offensichtlich nicht gerade aus dem Gucci-Store. Adidas-Sneaker oder sonstige Markensachen? Keine Spur. Dieser Junge war wirklich nicht reich.

Studie: #Kinderarmut in Westdeutschland wächst weiter — DGB fordert Aktionsprogramm https://t.co/fBBzuhHxfe pic.twitter.com/Dxlct1cHu1
— DGB-Bundesvorstand (@dgb_news) 6. April 2016

Außerdem schien er zu frieren in seiner dünnen Jacke. Ich griff in mein Portemonnaie und gab ihm ein paar Euro. “Dann fahr mal lieber nach Hause jetzt.” riet ich ihm noch. “Vielen Dank. Ja, das mach ich gleich.” sagte er mit einem dankbaren Lächeln und rannte los, bevor ich mich richtig von ihm verabschieden konnte. Wollte er sich am Ende doch nur Süßigkeiten kaufen? Oder Kippen? Ich hatte keine Ahnung, befürchtete es aber.

Was aber, wenn er die Wahrheit gesagt hatte? Was, wenn er wirklich Hunger hatte, weil es zu hause nichts gab? Was, wenn er losziehen musste, um zu betteln? Eine schreckliche Vorstellung. Hungernde Kinder passen ja irgendwie auch nicht in unser Verständnis von Deutschland. Klar müssen wir alle mehr auf´s Geld gucken. Alles wird teurer, Inflation dies das. Aber Kinderarmut? Das ist ein absolutes Tabuthema. Tatsächlich ist Kinderarmut aber längst in deutschen Städten angekommen. Jedes 5. Kind wächst unterhalb der Armutsgrenze auf, wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zeigt.

Der Sozialverband VdK startet am 4. März 2008 eine bundesweite Kampagne “Aktion gegen Armut”.

Wir reden immerhin über 2,1 Millionen Jungen und Mädchen, die in Familien leben, die weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Netto-Einkommens zur Verfügung haben. Das ist schon krass. Und es ist ein Thema, dass wir gekonnt ignorieren — so als würde es uns nichts angehen.

Als Vater kenne ich es zwar, wenn unsere beiden Töchter Alarm schlagen, weil sie Hunger haben. Aber wir reden hier eigentlich von Appetit. Da wird mir dann traditionell ein kräftiges “PAPA, HUNGER!” entgegen geschmettert, und siehe da, kurze Zeit später sitzen die beiden dann da und essen sich satt. Selbstverständlich können sich die Damen vorher auch noch aussuchen, was sie dinieren möchten. “Wollt ihr heute morgen Kellogg`s oder ein Marmeladenbrot?” “Was wollt ihr zum Abendbrot essen? Käsebrot? Würstchen? Gurke? Alles?”

Oder am Wochenende, da überlegen wir morgens zusammen, was wir mittags essen wollen. Zwischendurch gibt´s Obst, Kekse oder sonstige Snacks. Und das alles ist total selbstverständlich. Ich predige meinen Kindern daher auch immer, dass man dankbar sein sollte, für das was man hat. Und dass es vielen Kindern eben nicht so gut geht. Dass diese Kinder allerdings auch in unserer Stadt wohnen, vielleicht sogar einen Block weiter, das ahnen meine Kids nicht. Während ich darüber nachdachte, sah ich dem Jungen noch hinterher. Er lief über die Kreuzung in Richtung Brink und bog dann rechts ein. In den Laden der Stadtbäckerei.

Wie denkt ihr über das Thema? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Schreibt´s mir in die Kommentare.

Dieser Text erschien bereits als Kolumne im Rostocker Stadtmagazin 0381, Ausgabe Februar 2016. Weitere Daddymodus Artikel von mir gibt es auf www.daddymodus.de. Neuerdings gibt´s außerdem eine Facebook-Seite, auf der die Tweets, Gastartikel und Blogartikel gesammelt werden. Würde mich freuen, wenn ihr mir da folgt. Checkt dazu mal www.facebook.com/daddymodus.

Originally published at gabrielrath.com on April 17, 2016.