2 Gringos in Salvador de Bahia

Willkommen in der gefährlichsten Stadt Brasiliens

Zum vorigen Stopp: Chapada Diamantina

Gestatten, Salvador de Bahia. (Mal wieder) eine der gefährlichsten Städte der Welt, mit der höchsten Mordrate Brasiliens. Deswegen setzen wir uns auch vom Busbahnhof aus direkt in ein Taxi und lassen uns vor die Tür unserer Pousada (ähnlich einem Bed&Breakfast) fahren. Denn ein Bekannter, der in Bahia wohnt (Ola Markus ;) ), hat uns schwerstens davon abgeraten, durch unbekannte Straßen zu laufen, vor allem nicht mit unserem Backpack auf dem Rücken.

Die Pousada ist ein schönes Kolonialhaus in knalligen Gelb nur wenige Gehminuten vom historischen Zentrum der Stadt entfernt.

Max, unser deutscher Freund aus Praia de Pipa, ist ebenfalls gerade hier und so verabreden wir uns für den Abend. Auch drei Französinnen, die gemeinsam mit uns in der Chapada Diamantina waren, sind heute auf Erkundungstour in der Altstadt. Wir treffen uns mit ihnen um gemeinsam etwas Touri zu sein.

❤ Kirchen

Was keiner wissen konnte: Die wollen sich eine Kirche nach der anderen angucken… Für uns beiden hochgläubigen, kulturell enorm interessierten Kirchenarchitekturexperten natürlich ein äußerst gefundenes Fressen.

Die Straßen der Altstadt, durch die wir dabei laufen, sind allerdings eine Augenweide. Lauter Kolonialhäuser in Bonbonfarben, manche heruntergekommen, manche gerade erst restauriert, durchziehen das gesamte Terrain. In den Straßen — diese Woche beginnt Karneval — werden viele Vorbereitungen getroffen, es wird aufgebaut, organisiert und geprobt.

Man kann sich hier sogar mit Michael Jackson fotografieren lassen!

Afrika in Südamerika

In einer kleinen Nebenstraße treffen wir auf eine große Schlagzeugband. Interessanterweise spielen darin fast nur Gringas (Ausländerinnen, vornehmlich Weiße), nur der Taktgeber und Vortrommler ist ein Brasilianer. Eigentlich ist er schwarz.

Bahia ist bekannt dafür die mit Abstand größte afrikanisch-stämmige Bevölkerung in Brasilien zu haben — aufgrund der Sklaven, die sich die Kolonialherren aus Europa in diese ehemalige Hauptstadt Brasiliens bringen ließen. Den Einfluss spürt man an jeder Ecke.

Die Musik, die Kunst, alles erinnert einen ein wenig an Afrika. Auch der Tanz: Salvador gilt als die Geburtstätte und Hauptstadt von Capoeira, einer Mischung aus Kampfkunst und Tanz. Den Sklaven der Obrigkeit war es verboten jegliche Art von Kampfsport auszuführen.

Und so versteckten sie diese in einem Tanzstil, den sie extra dafür erfanden: Capoeira war geboren. Wer auf der Playstation schonmal Tekken gespielt und Eddy als Kämpfer gewählt hat, wird es kennen.

So sieht Capoeira aus

Geschenke sind nicht immer geschenkt

Ich einigen Irrwegen durch kommen wir in der Unterstadt an, die das Geschäftsviertel und auch den Hafen beherbergt. Hier ist nicht mehr viel zu sehen vom kolonialen Charme. Hochhäuser, Menschen, die in Anzügen durch die Straßen laufen und jede Menge Geschäftigkeit.

Wir finden den Weg zu einem sehr bekannten Markt, dem Mercado Modelo. Es gibt jede Menge Kram, den wirklich niemand braucht. Bilder, Skulpturen, Kühlschrankmagneten und alles, was das Touriherz begehrt. Warum dieser Markt als Touristenattraktion beworben wird, bleibt uns ein Rätsel.

Beim Rausgehen wird Silvan von einem recht ranzig und etwas verwirrt aussehenden Straßenhändler überfallen. Er möchte gar nichts verkaufen, er möchte Silvan etwas schenken. Und so bindet er ihm ein kleines Bändchen mit einem Spruch darauf um den Arm. Als der Deutsche sich bedankt und gehen will, macht der Händler ihm verständlich, dass er nun auch ein Geschenk haben will, Geld zum Beispiel. Der Vorschlag wird dankend abgelehnt.

Anstatt aufzugeben, schenkt er Silvan noch eine Halskette dazu, die er ihm gleich umlegt. Jetzt müsse er ihm aber wirklich etwas zurückschenken, wo er doch so großzügig war. Als Silvan weiterhin dankend ablehnt, wird der Händler etwas säuerlich, nimmt ihm die Kette wieder ab, sieht ein, dass sein Armbändchen verloren ist und zieht von dannen. Aber die Idee war nicht schlecht…

Mit dem Aufzug durch die Stadt

Um wieder in die Oberstadt zu gelangen, kann man den Aufzug nehmen. Denn die zwei Teile der Stadt, “cidade baixa” und “cidade baja” sind — wie auch in Lissabon — über einen überdimensionalen Aufzug verbunden. Der Eintritt kostet horrende 0,15 Real, also 5 Euro-Cent. Und da ich heute die Spendierhosen anhab, geht die Fahrt auf mich.

Der Blick aus der Ciudade Alta mit Aufzug und Hafen

Back in time Restaurant

Zurück im historischen Zentrum besuchen wir auf den Tipp eines Einheimischen hin ein Restaurant, in dem sich ein merkwürdiges Bild ergibt. Das erste, was wir sehen, als wir es betreten, ist ein ganz normales Pro-Kilo-Restaurant. Also eines, bei dem man sein Essen an einem Buffet holt und dann nach Gewicht bezahlt. Die Kellner bringen uns allerdings direkt einen Stock weiter nach oben.

Dieser Raum nun sieht aus wie eine perfekte Nachbildung einer US-Südstaaten-Villa aus dem 19. Jahrhundert, als wäre sie kopiert aus Django Unchained. Hohe Decken, dunkelgrüne Holzstreben an den Wänden und Decken, hohe Fenster mit Rundbögen. Und als ob das noch nicht reicht, sind alle Kellner fein gekleidet, mit weißem Hemd, schwarzer Hose — und schwarz.

Das gesamte Ambiente ist deutlich schicker, als es die umgebende Stadt eigentlich hergibt, was die ganze Situation etwas surreal erscheinen lässt. Vielleicht geht es nur mir so, denn niemand sagt etwas. Ein beklemmendes Gefühl, das einen zurückversetzt in ein dunkles Kapitel der Menschheit.

Zu allem Überfluss ist auch noch das Essen hier in Salvador angelehnt an die Südstaatenküche: Es gibt Gumbo, Jambalaya, Stew… die Gerichte heißen nur etwas anders. Nichtsdestotrotz ist das Essen hier sehr lecker (und sehr teuer für brasilianische Verhältnisse: Wir bezahlen €20 pro Person für das Buffet ohne Getränke).

Eine Bestellung bringt Chaos in die Sache

Als Silvan einen Drink bestellen will, ereignet sich ein Highlight: Schon seit einigen Tagen fragt er sich, warum Cachaca (der Nationalschnaps) und Guarana (eine sehr beliebte, koffeinhaltige Limo) nicht zu einem Drink gemixt werden. Also fragt er einen Kellner, ob er “Guarana com Cachaca” haben kann, und erntet dafür einen durchaus erstaunten Blick. “Nao tenemos”, sagt der Kellner, das haben sie nicht. Dann bestellt Silvan eben ein Glas Guarana und einen Shot Cachaca. Das versteht der Kellner zumindest halbwegs, kommt aber noch zweimal zurück, um sicherzugehen, ob er alles richtig verstanden hat.

Er spricht sich mit seinen Kollegen ab und ein kleines Chaos bricht aus. Anscheinend hat diese Bestellung in Brasilien noch nie jemand aufgegeben. Nach knapp 20 Minuten, vielen fragenden Blicken und hin- und herlaufenden Kellnern kommt endlich eine Dose und ein Schnaps. Die Dose ist allerdings kein Guarana, sondern irgendeine Limetten-Limoade. Silvan gibt enttäuscht auf und entschließt sich, seine Neugierde ein andermal zu befriedigen.

Hier sind wir sicher, in der nächsten Straße … naja.

Abends treffen wir Max, unseren deutschen Freund aus Praia de Pipa, am Stadtplatz der Altstadt. Freudig tritt er an uns heran und sagt: “Jungs, ich weiß, was wir heute machen! Wisst ihr, wer heute auftritt?? GIlberto Gil!!” — betretenes Schweigen aus der Kölner Ecke. “Das ist ne ganz große Nummer der brasilianischen Musik, den kennt hier jeder! Und es kostet nur 60 Real (29 Euro)! Und er tritt gleich da drüben auf, keine Ahnung warum es noch Tickets gibt!”

Angesteckt von Max Enthusiasmus und nicht wissend, was auf uns zukommt, erklären wir uns einverstanden, zum Konzert zu gehen. Vorher laufen wir noch ein wenig durch die Straßen und trinken ein Bier. Auffällig: An jeder Ecke stehen teils mit Maschinengewehren bewaffnete Polizisten oder Soldaten.

Das historische Zentrum war einst ein heißes Pflaster, für Touristen abends quasi unzugänglich. Überfälle und Bandenkriege standen auf der Tagesordnung. Vor einigen Jahren schickten die Regierung dann ihre Truppen, um aufzuräumen. Seitdem ist es ein beliebtes Areal, allerdings nur, weil es zu allen Seiten hin von hoch bewaffnetem Personal beschützt wird.

Max und einige weitere Personen raten uns davon ab, auch nur einen Fuß aus diesem beschützten Bereich zu setzen. Per Taxi kann man zwar in andere sichere Teile der Stadt fahren, aber sobald man auch nur einen davon verlässt, wird es schnell lebensgefährlich. Der 11. Januar 2017 war der erste Tag seit 2 Jahren in Salvador ohne Mord.

Auch Einheimische meiden viele Gegenden der Stadt. Das ist wohl der Preis einer Armutsschere, die niemand mehr unter Kontrolle hat. Hier zahlt ihn zum größten Teil die Bevölkerung, das Polizei-Aufgebot — oder eben Touristen, die ein Abenteuer suchen.

Ein brasilianisches Konzert

Beim Ticketverkauf ereignet sich ein gutes Beispiel für brasilianische Genauigkeit. Man muss dafür wissen: In Brasilien ist es Gesetz, dass Studenten und Senioren für kulturelle Veranstaltungen und einiges anderes nur 50% zahlen. Max weiß das und sagt: “Somos estudiantes!” zur Verkäuferin. Wo denn unsere Studentenausweise wären, fragt sie zurück. “Nao tenemos aqui”, haben wir nicht dabei. Sie zuckt mit den Schultern und schon kosten unsere Tickets nicht mehr 60, sondern 30 Real.

Die Location ist ein weitläufiger Freiluft-Innenhof, den man so nie hinter all den Häuserfassaden vermutet hätte. Nachdem wir einen Platz in der Menge gefunden haben, treffen wir lustigerweise auf die Irin, die sich in Praia de Pipa mit uns ein Uber geteilt hat. Zufälle gibt’s… aber die werden uns noch öfter begegnen.

Der Konzertbeginn war für 21 Uhr angesagt. Deutsch wie wir sind, sind wir um 20.30 Uhr da und müssen dann gut 150 Minuten auf die Vorband warten. Doch die ist die Wartezeit wert. Unheimlich viele afrikanisch-stämmige Brasilianer betreten die Bühne in komplett weißen Gewändern und spielen Musik, die einen Mischmasch aus südamerikanischer und afrikanischer Kultur darstellt. Dabei rocken sie die Bühne und die Menge hat einen Riesenspaß.

Ein großer Mann der brasilianischen Musik ist recht klein

Nach ca. 2 Stunden betritt ein bestimmt 70-jähriger Mann die Bühne und Silvan fragt mich: “Ist das der Hauptact?”  “Nein, das ist einer der Opas von der Vorband” gebe ich zurück. Als wenige Sekunden später die ersten Klänge seiner Gitarre ertönen und die Menge sich in ein Meer von Armen, Pfiffen und Schreien verwandelt, kommt mir der Gedanke, dass ich eventuell Unrecht hatte.

Gilberto Gli, Quelle: Wikipedia

Ein kleiner, magerer, unscheinbarer, alter Mann mit Halbglatze und Gitarre hält die nächsten 2–3 Stunden eine junge Menge von Menschen in Beigesterung, Extase und Feierlaune. Bis auf uns Gringos kennen alle Besucher jedes Lied, raunen laut bei deren ersten Klängen, singen lauthals mit und liegen sich in den Armen. Das ist ansteckend — und so machen wir einfach mit. Mit dröhnenden Ohren und guter Laune gehen wir nach Ende des Konzerts nach Hause, während die Vorband nochmal (sehr erfolgreich) alles gibt, um die Menge bei Laune zu halten.

Bonfim und der Club der bunten Bänder

Der letzte Tag in Salvador ist — auch aufgrund des schlechten Wetters — eher von Arbeit geprägt. Wir besuchen tagsüber noch Bonfim, die bekannteste Kirche der Stadt. Dort angekommen fällt uns einmal mehr auf, dass man nicht wegen imposanter Gebäude nach Brasilien reisen sollte. Sie ist zwar schön, allerdings durchaus austauschbar.

Nett dagegen sind die zu tausenden angebrachten buntene Bänder an den Zäunen drumherum. Jede Farbe steht für etwas anderes: Liebe, Glück, Gesundheit… je nach dem, was man gerne hätte, kauft man sich eine bestimmte Farbe und knotet sie an den Zaun.

Da wir weder besonders religiös, noch besonders abergläubig sind, lassen wir es sein. Wir fahren zurück zu unserer Pousada und arbeiten weiter.

Rainer Zufall hits again

Zum Abend hin ertönt immer lautere Musik von der Straße, sodass ich irgendwann entscheide, dem auf den Grund zu gehen. Ich finde heraus: Genau vor unserer Tür findet eine Pre-Carnaval-Party in einer Bar statt — und die erste Person, die ich sehe, ist eine Frau, die mir unheimlich bekannt vorkommt, zuordnen kann ich sie zunächst aber nicht.

Und so gehe ich zurück uns Zimmer und hole Silvan, der sich auch nicht zweimal bitten lässt. Unterwegs fällt mir ein, wen ich da gesehen habe. Emily, die zusammen mit uns in der Chapada Diamatina war — glaube ich zumindest, denn sie ist als Geisha verkleidet. Wäre aber auch ein dummer Zufall — mal wieder.

Wir treten aus der Tür und werden herangewunken von — der Geisha. 3 Millionen Menschen, einen davon kennen wir. Und die feiert in unserer Straße irgendwo in Salvador eine Party…

Wenn auf der Party keine brasilianische Musik vom Band läuft, spielt eine spontan zusammengefundene Drum-Band inklusive Sänger, was sehr cool ist. Außerdem gehören 4 Straßenhunde zur Partygemeinde. Die dürfen zwar nicht rein, aber da die Party mindestens zur Hälfte auf der Straße stattfindet, haben sie immer genug Menschen zum Streicheln-lassen, Hochheben oder Spielen.

Ab nach Rio!

Am nächsten Tag fliegen wir weiter nach Rio de Janeiro, wo der weltberühmte Karneval auf uns wartet.

Salvador ist ein zweischneidiges Schwert. Der afrikanische Einfluss, die pittoreske Altstadt, die vielen, wunderschönen (und von uns nicht besuchten) Strände und die freundlichen Menschen machen sie zu einem durchaus sehenswerten Reiseziel.

Doch man merkt an vielen Ecken und Enden, dass das nur die halbe Wahrheit ist über eine Stadt, in der man als Tourist niemals Bus fahren, nicht in Seitenstraßen gehen, viele Viertel überhaupt nicht betreten und um Gottes Willen nachts nicht alleine rumlaufen sollte. Aber nun ab zum Carnaval!