Madison Avenue

Als Gerald und ich es geschafft hatten (Teil 1)

Dieser Text stammt von meinem Partner Elmar von Hoesslin aus dem Buch “#G50 Book for Gee”, einer Geschichtensammlung, die ich zum Geburtstag von meinen Freunden geschenkt bekommen habe.

Elmar (Foto: Tom Wagner)

Ein extrem schwülwarmer Tag im August 2000. Ich schwitze. Wir stehen auf dem tristen Balkon mit Blick in einen noch tristeren Innenhof. Eine Melange aus Beton, Backsteinen, Lüftungsrohren, Kaminen und unzähligen heftig summenden Klimaanlagen unter unzähligen Fenstern. 15. oder 16. Stock. Der Boden ist nicht zu sehen. Raucherbalkon, der Duchgang zur Nottreppe. Der Aussätzigenbereich. Wir ziehen tief an unseren Zigaretten. Schauen uns an.

„Was meinst Du?“ fragt mich Gerald.

„2 Millionen upfront statt 1,5 Millionen. Faktor 3,5 für den PBT in der Earnout Phase. Und fette Gehälter für die nächsten fünf Jahre. Eigentlich alles, was wir wollten. Ich find‘s ok. Mehr können wir da nicht rausschlagen. Oder?“

„Glaub ich auch nicht. Ich find‘s auch ok. Und die zwanzig Prozent Wachstum schaffen wir in jedem Fall.“

„Dann machen wir das.“

„Wir machen das.“

„Dann lass uns wieder reingehen.“

Die Verhandlungspause, die wir uns erbeten haben, um uns über das letzte Angebot zu beraten, ist vorüber. Wir treten durch die Notausgangtür in das wohlklimatisierte Büro von MS&L an der Madison Avenue in New York City und gehen zurück in das für New Yorker Verhältnisse üppige, gläserne Büro von Joe Tomasulo. Joe ist Chef für Merger & Acquisitions von Bcom3, der Holding, zu der MS&L gehört. Ein typischer Konzerntyp. Grauer Anzug, leichter Bauchansatz. Jurist. Das graue Gesicht zeigt viel zu lange Office-Tage. Wir nehmen an seinem Schreibtisch Platz. „Ok Mister Tomasulo, wir haben einen Deal“. Ein klassisches amerikanisches Lächeln zeigt sich auf seinem Gesicht.

„That‘s great to hear!“ Er erhebt sich aus seinem ledernen Multifunktionsbürostuhl und gibt erst Gerald, dann mir die Hand.

Handshake! The Deal is done.

Zwar nicht New York 2000, sondern Prag 2003, aber doch irgendwie ein passendes Foto, dachte ich

Die Neunziger sind endgültig vorbei. Nicht unerfolgreich. Auch mit viel Spaß verbunden. Aber das vermeintlich „Höhere“, das Wachstum in Größe und Qualität, das Internationale, die großen Konzerne und das Big Business scheinen aus eigener Kraft unerreichbar. Wir wollen Know-How, Herausforderungen, kreativ und innovativ sein und uns weniger mit dem lang- weiligen Adminstrationskram herumschlagen.

Steuern, Mitarbeiterzufriedenheit, technische Büroausstattung, Buchhaltung. Alltagskram, der nervt. Wir sind an einer Grenze, an der wir das Gefühl haben, jetzt geht‘s aus eigener Kraft nicht mehr weiter. Um uns herum der Dotcom-Boom. Die Aktien schießen unbändig in die Höhe. Jeden Tag werden irgendwo neue und spannende Unternehmen mit genialen Geschäftsideen gegründet. Überall liegen die Chancen nur so auf der Straße herum. Wir wollen dabei sein, was erleben. Was entwickeln. Uns entwickeln. Teilnehmen an der Aufbruchstimmung. Raus aus dem Mief von Obi und Rewe, von Store Openings und Prollveranstaltungen, von Soap Launches und Einführungen von neuen Geschmacksrichtungen von Kartoffelchips. Da muss es mehr geben. Und das wollen wir haben.

Als Jürgen Togotzes Mitte 1999 anruft und sich als Vertreter der deutschen Niederlassung von MS&L vorstellte, kommt er ziemlich schnell auf den Punkt. Globale Netzwerke können nur bestehen, wenn Sie wachsen. Da sie dies nur zum Teil aus eigener Kraft können, müssen sie Partner zukaufen. Ob wir uns vorstellen können, Teil eines globalen Netzwerkes zu sein? Wir würden gut dorthin passen. Vor allem unsere Lifestyle-Kompetenz, die bisher im Konzern nicht allzu groß vertreten sei. Ein wenig in L.A. vielleicht. Wir wären ein echter Mehrwert. Nicht nur hier in Deutschland. Unsere Expertise wäre relevant für das gesamte Netzwerk. Die können wir überall einbringen. Zielkongruenz allenthalben. Und das wichtigste: Man habe uns beobachtet und recherchiert. Die Unternehmenskulturen würden ebenfalls ganz gut zusammenpassen. MS&L sei kein Sweat Shop, kein Turbokapitalist, das Wachstum soll nachhaltig stattfinden, die Mitarbeiter sollen mitwachsen dürfen. Kein Kunde wird um jeden Preis angenommen. Die Philosophien harmonieren.

Er könne sich uns im Netzwerk ganz gut vorstellen. Am besten wäre ein persönliches Treffen mit dem Global CEO aus New York. Chemistry Meeting.

Jürgen Togotzes, genannt Togo, leitet mit seiner ehemaligen Geschäftspartnerin Erika Backhaus MS&L Deutschland. Beide haben in Deutschland Anfang der Neunziger Burson Marsteller geleitet und groß gemacht. Beide sind super sympathisch, super locker, unaufwendig und, trotz ihres Alters, ziemlich jung geblieben. Und sie haben es finanziell geschafft. Irgendwie cool.

Wir sind beeindruckt. So wollen wir auch sein. In zehn oder fünfzehn Jahren. Nur stylischer.

Lou Capozzi, der CEO, bestätigt die Erwartungen voll. Das Klischee eines New Yorkers. Ein älterer Herr, so um die Mitte 50, tiefenentspannt. Supercool.

Ja, gegen Turbokapitalismus hat er ehrlich was. Das braucht keiner. Kunden um jeden Preis annehmen? Nein, kommt nicht in Frage. Für Kunden müssen zwei von drei Voraussetzungen gelten: Sie müssen Geld verdienen, Spaß machen und man muss von ihnen lernen können.

Und Kunden, die ganz schnell alles wollen, so richtig Druck machen, lehnt er ab. Sagt „We are not the Sharks in the Marketing Bassin.“

Kundenüberschneidungen gibt es ein paar. Und keine uninteressanten. P&G, Nike. L.A. betreut Nike im ganz großen Stil. Mit General Motors und vielen dazugehörigen Marken wollen Sie ebenfalls expandieren. „Mit Automotive habt ihr bestimmt Erfahrung.“ Und ja, Lifestyle-Expertise sei wichtig. Die können wir überall einbringen, das wird dringend gebraucht.

Das global Network hat auch richtig Vorteile. Eine Abteilung, die in- zwischen als eigene Firma outgesourced wurde, kümmert sich um alles.

Re:Sources, so heißt sie, kauft zentral Rechner, was viel bessere Preise möglich macht. Es gibt einen Cash-Pool, der gegen geringen Zins Liquiditätssorgen überflüssig macht, ein Aus- und Weiterbildungssystem, das für Mitarbeiterzufriedenheit sorgt, eine zentralisierte Buchhaltung, ein Steuerbüro und alles, um den Geschäftsführern den Rücken freizuhalten. Für nur eine geringe Management Fee. Wir müssen nur noch kreativ sein. „Das seid ihr ja. Das kann ich sehen.“ Die Kreativität verkauft sich im und aus dem Netzwerk wie von selbst. Ok, Wachstum ist ein Issue. Aber das ist easy. Alles wächst. Und zwanzig Prozent pro Jahr schafft jeder. Wo man auch hinsieht. Ein Klacks. Wettbewerb innerhalb des Netzwerks? „Keep the Money in the Pocket? Nein, das gibt‘s bei uns nicht. Alles echt kollegial und partnerschaftlich“.

Wir gefallen ihm auch. Also, warum nicht. Er schickt uns mal einen Vorschlag für den Kauf unserer Anteile. Ein Proposal. Ok? Ok.

Und zum besseren Kennenlernen sollen wir doch mal das Global Summit in New York im Sommer besuchen. Dort kommen die Kollegen aus den weltweiten Büros zusammen. Es gibt interessante Vorträge, Best Practice Beispiele und anschließend ein lockeres Get-Together für zwei Tage in einem Resort irgendwo in den Hamptons. Mit Lobster satt. Besser kann man den Konzern gar nicht kennenlernen.

Wir sind dabei.

Wir ziehen aus unserem Büro in der Reuchlinstraße in die Torstraße. Unsere Eventfirma wird mit der größeren Schröder+Schömbs PR GmbH verschmolzen. „Als Einzelfirmen seid ihr für einen Merger für uns uninteressant. Viel zu klein. Wäre besser, wenn ihr die Firmen zusammen- packt.“ hatte uns Lou Capozzi noch am Rande in seinem typischen New Yorker Slang zugeworfen. Alles klar. Kein Problem. Machen wir.

Das Proposal kommt. Unsere Anwälte und Steuerberater nehmen die Arbeit auf. Schriftsätze gehen über den Atlantik.

Erste Besuche aus den europäischen und amerikanischen Units treffen ein. Corporate Tourismus. Der Global Creative Director aus L.A. kommt vorbei. „Oh, I’m soo impressed. You are soo creative!“

Am Abend nach dem Handshake sind wir von unseren Gastgebern zum Essen eingeladen. Morgen geht‘s in die Hamptons. Das Restaurant ist fußläufig, einen Spaziergang vom Hotel entfernt. Irgendwo Tribeca oder Battery Park.

Wir biegen um die Ecke. Vor uns, zum Greifen nahe, majestätisch, gigantisch, unbezwingbar, leuchten die Twin Towers in den dunkelblauen Abendhimmel.

Wir haben ein Büro an der Madision Avenue. Wir haben es geschafft. Die Welt gehört uns. The Sky is the Limit.


“Moment mal!”, höre ich nun einige unter Euch sagen, “der Deal ist aber doch nie zustande gekommen.” Das habe ich Elmar auch gesagt und gefragt, ob es denn noch einen zweiten Teil geben wird. Wird es, versprach er mir.

15 Jahre später: bei der 25-Jahre-Feier von Schröder+Schömbs PR (Foto: Tom Wagner)
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