Erschießung von Juden durch Einsatzgruppen nahe Iwanhorod (Oblast Tscherkassy) in der Ukraine (vermutlich 1942). Bild: Wikipedia

Der nette Herr Seibert.

Wie sich die zweite und dritte Reihe von Nazi-Verbrechern fast ungestraft in Westdeutschlands Gesellschaft eingliedern konnte.

Deutsch zu sein war ja schon immer etwas merkwürdig. Aus den ewigen Nachkriegsdeutschen wurden zunächst flaggenschwenkende Wiedervereinigungsdeutsche und dann — wahrscheinlich rund um die Fußball-WM-die allseits beliebten Supergermanen, als die wir uns ja selbst auch so gerne sehen. Wenn selbst Virgin Chef Richard Branson die Deutschen als “wunderbares Vorbild” bezeichnet, erkennt man, was da in Sachen Wahrnehmung alles passiert ist in den letzten Jahren.

Rostock Lichtenhagen bei den Ausschreitungen, 1992

Aber es gibt halt auch immer noch dieses andere Deutschland. Das Deutschland, in dem Flüchtlinge Angst haben müssen und in dem die AfD Erfolge feiert. Das Deutschland, in dem PEGIDA marschiert und in dem die NPD Stadträte stellt. Und wer sich die Wahlergebnisse der Berlinwahl vor zwei Wochen auf einer Karte anschaut, bekommt ein altes Vorurteil bestätigt: der Osten ist braun.

Was sich mit Hoyerswerda und Rostock nach der Wiedervereinigung schon ankündigte, hat sich auch im Jahr 2016 noch nicht erledigt: Mehr rechte Parteien sind im Osten erfolgreicher als im Westen. Es gibt mehr rechte Gewalt im Osten. Und auch der Anti-Semitismus blüht im Osten mehr als im Westen.

Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt:

Tatsächlich ist rechtsextreme Gewalt in Ostdeutschland stärker virulent als in Westdeutschland: Übergriffe auf Ausländer und Ausländerinnen kommen etwa dreimal häufiger vor als im Westen. Bezogen auf die Bevölkerungszahl ist die Zahl gewalttätiger rechtsextremer Jugendlicher, Skinheads und Neonazis ebenfalls dreimal so hoch. Auch haben rechtsextreme Parteien seit Mitte der 1990er Jahre in einigen ostdeutschen Bundesländern Wahlerfolge vorweisen können.

Warum der Osten heute tendenziell rechter ist, dafür gibt es viele Gründe. Sicherlich war eine der wesentlichen Ursachen, dass die DDR qua Staatslogik sich nicht als Teil und als Nachfolger des Dritten Reiches sah. Die Mauer war der “Antifaschistische Schutzwall” und Kapitalismus wurde ohnehin als eine Variante des Faschismus definiert. Keine Frage also, dass die eigene Schuld an den Verbrechen des Dritten Reiches nicht thematisiert wurde. Die DDR sah sich selbst im Widerstand. Selbstreflektierte Aufarbeitung? Fehlanzeige.

Westdeutschland in den 1950ern. Verbrecher in Staatsdienst.

Dass die Idee von eigener Schuldaufarbeitung auch im Westen kein besonders altes Konzept ist, fiel mir vor einigen Jahren beim Besuch des KZ Buchenwald bei Weimar auf. Dort war eine Tafel zu sehen, auf der das Schicksal des KZ-Stabes aufgeführt wurde. Wer ein bisschen quer las, stellte schnell fest, dass die Strafen für vermeintliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit zwar zunächst rigide verhängt, dann in der praktischen Umsetzung allerdings nur sehr zaghaft angewandt wurden.

So wurden Verbrecher, wie der sadistische Lagerarzt Hans Kurt Eisele, zwar nach dem Krieg zunächst zum Tode verurteilt. Meist wurden sie jedoch schnell im Nachkriegswestdeutschland begnadigt und als wertvolle Staatsbedienstete in den Beamten-, Militär- oder Diplomatenapparat im Kampf gegen die Sowjets integriert. Eisele, der in Buchenwald persönlich mindestens für die Ermordung von 300 Häftlingen direkt verantwortlich war, wurde am 13. Dezember 1945 im Rahmen des Dachau-Prozesses zum Tode verurteilt. 1952 war er als begnadigter Mann wieder frei.

Jeder kennt die Nürnberger Prozesse. Speziell mit den Hauptprozessen gegen einige der Haupttäter wie Hess und Göring wurde eine neue Rechtsnorm gegründet, in der “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” rechtlich sanktionierbar wurden. Dieses Thema ist mit dem Internationalen Strafgerichtshof und den Verbrechen, derer wir in Syrien gewahr werden, aktueller denn je. Dennoch sollten sich gerade die Westdeutschen vor Augen führen, wie viele Verbrecher sie nach dem Krieg wirklich laufen ließen, um sie bündig in ihr Nachkriegsdeutschland zu integrieren.

Der Fall Ohlendorf.

Otto Ohlendorf — United states Holocaust memorial Museum (USHMM) [Photograph #43038] USHMM [Photograph #43038] [1] Originally from sv.wikipedia; description page is/was here.

Ein Nazi aus der “zweiten Reihe” war SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf. Ohlendorf war in den Hauptkriegsverbrecher-Prozessen zunächst ein Hauptzeuge der Anklage, weil er gegen seine ehemalige Chefs aussagte und zum besten gab, welche Verbrechen die Wehrmacht wirklich in Russland anrichtete. 1948 wurde Ohlendorf dann in einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse (die sog. “Einsatzgruppenprozesse”) selbst zum Tode verurteilt und 1951 gehenkt.

Ohlendorf war im Krieg Chef der Einsatzgruppe D. Während des Krieges gegen die Sowjetunion 1941–45 existierten vier Einsatzgruppen (A-D), die im Rücken der Front Hitlers Rassepolitik mit grotesker Gewalt durchsetzen sollten. Ziel war die Zivilbevölkerung auf dem Land. Praktisch brannten diese “Death-Squads” Dörfer nieder, vergwaltigten und führten im großen Stil Erschießungen durch. So gingen die 33.000 Toten, die in der Schlucht von Babyn Jar vor fast genau 75 Jahren ermordet wurden, auf das Konto der nördlich von Ohlendorfs Einheit agierenden Einsatzgruppe C.

Einsatzgruppen in der Sowjetunion im Dezember 1941 (http://bit.ly/2dlqAk4)

Ohlendorf, der von Prozessbeobachtern als “sympathisch aussehender Mann” mit überdurchschnittlicher Intelligenz beschrieben wurde, gab im Prozess unumwunden zu, dass er die Zahl der in seinem Verantwortungsbereich ermordeten Menschen sehr genau kenne: 90.000. Schon die Frage des Richters schien ihn zu beleidigen. Als ob ein deutscher SS-General hier schludern würde?!

Ohlendorf plädierte zu guter Letzt auf Befehlsnotstand, konnte sich dennoch nicht vor dem Strang retten. Andere konnten es jedoch schon.

Die dritte Reihe.

Während Ohlendorf zur letzten Hierarchiestufe des Nazi-Imperiums gehört, die noch im Rahmen der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse nach den Hauptprozessen abgeurteilt wurde, kam die auf Ohlendorf folgende Stufe fast komplett ungeschoren davon — und das, obwohl sie Anteil an groteskesten Verbrechen hatten.

Beispielhaft dafür war der Umgang mit Ohlendorfs Stellvertreter, SS Standartenführer Willi Seibert und mit seinem Adjutanten Heinz Schubert.

Beide waren, ebenso wie Ohlendorf, stramme Nazis der ersten Stunde. Beide sind mit vielen anderen hauptverantwortlich für den brutalen Terror im Rücken der russischen Front, der das Gros der zivilen Opfer im Zweiten Weltkrieg ausmachte und bei dem weit mehr Juden umkamen als in den Gaskammern von Auschwitz (Timothy Snyder, Bloodlands). Und beide waren trotzdem bis 1954 wieder aus dem Gefängnis raus. Zunächst angesetzte Todesurteile wurden nie vollstreckt. Die Rest-Haftstrafe wurde ausgesetzt. Trotz ihres Anteils am Ende von mindestens 90.000 Menschen, mussten beide weniger Zeit im Strafvollzug verbringen als wenn sie eine Bank überfallen hätten.

Seibert lebte nach seiner Haft bis zu seinem Lebensende in Syke, einer Kleinstadt bei Bremen. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Acht Jahre vor seinem Tod begannen die 68er in Westdeutschland die Überreste von Hitlers treuen Nachfolgern in den Institutionen Westdeutschlands anzugreifen. Seibert störte das nicht. Er verstarb als geachteter Bürger 1976 in Bremen.

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