Der leise Tod durch Ersticken der Liebe

Zeigen unsere Bilder unser Leben, oder inszenieren sie unseren Tod? Michael Hanecke untersucht mögliche Antworten.

In “Happy End” enden das Leben und der Film mit einer Aufnahme auf dem Smartphone. Was zeigt die Aufnahme? Sie zeigt, wie die Wellen den alten Mann im Rollstuhl nicht mitreissen wollen. Geht das Meer gerade hoch, wird er noch rechtzeitig versinken? Eher steht es gerade am Scheitelpunkt der Flut und ist unentschieden, schwappt etwas träge um die Brust des müden Mannes, den seine Enkelin die Jetée langsam runtergerollt hat, während seine Kinder herbeirennen, um ihn aus dem Wasser zu ziehen.

Dabei werden sie wohl ihre feinen Festkleider zerstören, sie die mit der Arbeit am Bau des Tunnels unter dem Ärmelkanal ihren Reichtum etabliert haben, vor 20 Jahren. Es ist die Vergangenheit, die Vergänglichkeit, die das aktuelle Leben der Familie Laurent dauerhaft prägt und immer wieder einholt, und die in Aufnahmen dokumentiert wird. Kinder sind die Ergebnisse vergangener Fehlentscheidungen, die irgendwann selber anfangen, sich dem Tod durch den Sucher einer Kamera zu nähern. Wird das Baby gefilmt, so erwähnt dabei die Filmende, dass ihr eigener Bruder starb, als sie selber noch Kind war. Öffnet der Grossvater für die Enkelin das Familienalbum mit den Bildern der schönen Grossmuttter, dann erzählt er dabei, wie er sie eigenhändig erstickte.

In der Zeit, wo er ein junger Mann war, waren es noch schwarz-weiss Fotos, die das schöne Leben festhielten. Aber das tut nichts zur Sache. Bilder halten den Tod fest, ob am Bildschirm, mittels Silbergelatin oder auf Papier.

Die Enkelin ist mit fast 13 Jahren genau an der Grenze, wo Kindheit endet. In diesem Fall stirbt außerdem ihre Mutter, sie selber bringt das Meerschweinchen um, und macht einen Selbstmordversuch. Sie lernt, wie man in ihrer Familie stirbt. Medikamente und Bilder sind die tödlichen Waffen in diesem Milieu, wo die wichtigsten Ereignisse mit den wenigsten Worten und den leisesten Geräuschen vonstatten gehen. Der Grossvater hat seinen Tod gut ausgesucht — aber sein Leben, diese Qual, sollte doch nicht so früh enden.