Gottesdienst im Altenheim
Das Heim macht einen guten Eindruck – die Räume sind großzügig, zweckmäßig, sauber. Der Gottesdienst soll im Essbereich einer Wohngruppe im EG sein. Es gibt einen Tisch, aber kein Kreuz, keine Kerze. Aha, denke ich, daran musst du denken. Das Heim stellt die Bewohner und den Raum, aber es steht nicht hinter dem Gottesdienst.
Einige sitzen noch am Tisch so, wie sie zum Frühstück hingesetzt wurden. Sofort setzt die Erinnerung ein an meinen ersten und einzigen Besuch der Großtante im Heim. Sie hielt mich für meinen Vater und fragte, was unsere Pferde machten. Ich habe damals gesehen, dass ich so schnell wie möglich weg kam. Die Demenz meiner Tante, die ich als Kind oft besucht und so ganz anders in Erinnerung hatte, stieß mich ab – auch, weil ich zwar spürte, aber nicht wusste, dass sie dement war. Ich besuchte sie bis zu ihrem Tod nicht mehr. Wenige Jahre später arbeitete ich als ZDL in diesem Heim auf der Pflegestation. Das Unangenehme, das man vermeiden will, holt einen immer wieder ein.
Ich hatte mich für den Altenheimgottesdienst mit einer fertigen Predigt ausgestattet, die ich eingedenk der reduzierten Konzentrationsfähigkeit der meisten Älteren allerdings schon stark gekürzt hatte. Aber als ich die nach und nach hereingeführten oder -gerollten Bewohner begrüßte und ansprach, verwarf ich den Gedanken an die Predigt völlig. Es geht nur noch frei und möglichst anschaulich formuliert. So war es auch im Gottesdienst: Das Eingangslied sang ich fast allein, aber bei „Ein feste Burg“ sangen fast alle mit. Auch Glaubensbekenntnis und Vaterunser weckten viele aus ihrem Dösen auf, das kannten sie noch.
Nach über acht Jahren wieder ein Gottesdienst im Altenheim, und wieder die Frage, was die Bewohner davon haben, was noch ankommt. Ich denke, es ist die Erinnerung an vertraute Texte und Lieder, an eine Liturgie, die immer noch „sitzt“, weil sie sich durch häufige Wiederholung eingeprägt hat – auch ich kann den Agende I-Gottesdienst meiner Heimatgemeinde noch auswendig, obwohl ich ihn seither nicht mehr gefeiert habe. Diese Liturgie ist ja auch eine Dramatik, der Gottesdienst ein Spiel, das die alten Menschen trotz ihrer eingeschränkten Wahrnehmung (viele sind sehr schwerhörig, und obwohl ich quasi brüllte, verstanden sie nicht viel) und kognitiven Fähigkeiten noch mitspielen und das seine Wirkung entfaltet: sie mit Gott ins Spiel bringt, wie Wilhelm Willms sagen würde. Und dann ist da noch die Person des Pfarrers, uninteressant in seinem schwarzen Anzug, aber plötzlich erkannt im Talar mit weißem Beffchen, der sie an all die frommen Worte und Worthülsen aus den Mündern der Pfarrer erinnert, denen sie begegnet sind, an Lächeln und Händedrücke, wie er selbst lächelt und Hände drückt und es gut meint und von Gottes Segen spricht.