Jeder darf wählen.

Ich denke wir müssen unbedingt darüber nachdenken, was das bedeutet.

Nein ich möchte Niemandem das Wahlrecht aberkennen! Jeder soll das Recht haben zu wählen! Unabhängig von Alter, Geschlecht, Einkommen und Lebenssituation.

Aber hier ist der Punkt: Wir müssen darüber nachdenken, ob es nicht doch gewisse Voraussetzungen geben sollte, damit jeder wählen darf und eine vernünftige Wahlentscheidung treffen kann.

Soll ich über etwas abstimmen dürfen, wovon ich keine Ahnung habe? Oder über etwas, das mich in keinster Weise betrifft? Ist mein Reisepass der einzige Qualifikationsnachweis, der mir mein Stimmrecht verleiht?

Meine Meinung. Meine Stimme.

“Ich habe ein Recht auf meine Meinung! Und auf die bestehe ich! Und ich will mitreden können!”

Ja natürlich. Die eigene Meinung.

Wir leben in einer hoch komplexen und anspruchsvollen Welt. Die allermeisten von uns verstehen nicht wirklich wie sie funktioniert oder auch wie unglaublich vernetzt und verwoben alles ist.

Wer’s nicht glaubt, den lade ich ein, darüber nachzudenken wie eine simple Computermaus hergestellt wird.

Die anderen schon. Ich nicht.

Was wir uns auch nur schwer eingestehen können, ist die Tatsache, dass wir viel weniger rational und vernünftig agieren, als wir glauben.

Aus Jahrzehnten der psychologischen Forschung wüssten wir eigentlich, wie leicht wir zu manipulieren sind und wie schwer es uns fällt, unsere einmal gefassten Meinungen wieder los zu lassen.

Blöderweise scheinen die Menschen im Marketing und der Politik die einzigen zu sein, die sich damit eingehend beschäftigt haben.

Sie präsentieren uns die allereinfachsten Geschichten, so geschickt gestaltet, dass sie jede unserer kognitiven Schranken mühelos unterlaufen.

Ja, sicher könnten wir immer aufmerksam zuhören, Fakten prüfen und Argumentationsketten hinterfragen — und uns erst dann unsere Meinung bilden. Aber ganz ehrlich: Das war doch jetzt schon beim Lesen anstrengend, oder?

Meinung mit Einschränkung

Wollen wir, dass die schwierigen, komplexen und vielschichtigen Themen, die die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft beeinflussen, von unseren Meinungen bestimmt werden?

“… You are not entitled to your opinion. You are only entitled to what you can argue for.”

Patrick Stokes beginnt seine Philosophie Vorlesung damit, dass er den StudentInnen sagt: In meiner Vorlesung haben Sie kein uneingeschränktes Recht auf Ihre Meinung. Sie haben nur auf solche Meinungen ein Recht, die Sie auch argumentieren können.

Ich finde: Guter Punkt. Und damit sieht die Sache mit der Meinung gleich ein wenig anders aus:

Wie wäre es zum Beispiel, wenn nur solche Meinungen für eine Wahlentscheidung zählen, die auch argumentiert werden können?

Ja. Nein. Mir egal.

In Abstimmungen und Wahlen werden umfangreiche, vielschichtige und komplexe Themen auf einfache Ja/Nein Fragen runtergebrochen. Die “Debatte” darüber findet in den Medien statt.

Das kann nicht funktionieren.

Dass es auch wirklich nicht funktioniert, sehen wir nach jeder Wahl anhand der Nachwahlbefragung.

Da wird krampfhaft versucht aus der komprimierten Ja/Nein Entscheidung wieder auf die Vielfalt der Motive der WählerInnen zurück zu schließen.

Auch an der Beliebigkeit der Schlussfolgerungen aus den Ja/Nein Entscheidungen können wir erkennen, dass das System nicht funktioniert: Jede Partei, jeder Politiker interpretiert “den Wählerwillen” in beliebige Richtungen.

Das ist so widersinnig und blöd, dass sich die Frage aufdrängt, warum wir das so machen?

Weil wir nichts Besseres haben.

Das ist meiner Meining nach einer der am besten beschützten Urban Myths aller Zeiten. Es muss so bleiben wie es ist, weil wir leider, leider nix Besseres haben. Und deswegen auch am besten gar nicht darüber nachdenken sollten.

Wir können zwar Roboter zum Mars schicken, Pflanzen gentechnisch verändern, weltumspannende Konzerne aufbauen, Städte mit 10 Millionen Einwohnern betreiben und Satelliten ins All schießen. Das geht. Aber wir können uns kein besseres System für demokratische Wahlentscheidungen überlegen? Mhm.

Wie wär es damit.

Das Wahlrecht ist ein Recht, das wir durch das Bestehen einer Prüfung erlangen. Die Prüfung ist in regelmäßigen Abständen zu wiederholen.

Unmöglich und ungerecht.

Auf den ersten Blick scheint es so. Es regt sich ein gewisser Widerstand in einem. Ich soll nicht mehr wählen dürfen? Was wenn ich die Prüfung nicht schaffe? Bestimmen dann nicht einige wenige über uns? Wer bestimmt was dort geprüft wird?

Vergleichen wir unseren Anspruch an die Qualität von Entscheidungen in anderen Lebensbereichen, die uns sehr wichtig sind:

  1. Von Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, verlangen wir fundierte Ausbildung und nachvollziehbare Entscheidungen, die sie argumentieren können. Ärzte sollen sich regelmäßig fortbilden und Behandlungen nach dem aktuellen Stand der Medizin durchführen.
  2. Von Menschen, die im Rechtssystem arbeiten, verlangen wir fundierte Ausbildung und nachvollziehbare Entscheidungen, die sie argumentieren können. Die Justiz soll aufgrund von Fakten entscheiden. Nicht Meinungen.
  3. Von Menschen, die im Bildungssystem arbeiten, verlangen wir fundierte Ausbildung und nachvollziehbare Entscheidungen, die sie argumentieren können.

Was verlangen wir von uns selbst bei unseren Wahlentscheidungen?

Derzeit zählt jede Stimme gleich viel. Egal wie die Entscheidung für oder gegen Etwas zustande kommt.

Sei es aus Unwissenheit, aus Unzufriedenheit, aus Wut und Ärger oder aus sachlicher Überlegung und nach eingehender Beschäftigung abgegeben wird.

Wie sinnvoll ist das? Wollen wir das? Macht das Sinn?

Ist das das richtige Steuerungsinstrument für unsere moderne Welt?

Nein — ich finde nicht.

Wir brauchen bessere Entscheidungen.

Muss man dann in Zukunft eine Prüfung machen, um wählen zu dürfen?

Ja, warum nicht!

Ich muss auch eine Prüfung machen bevor ich Auto fahren darf, bevor ich auf die Uni darf und bevor ich einen Betrieb aufmachen darf.

Aus gutem Grund. Über die Zukunft unserer Gesellschaft zu entscheiden, wäre für mich auch ein guter Grund für eine Prüfung.

Aber würde das nicht Teile der Bevölkerung vom Wahlrecht ausschließen? Würden dann nicht wenige “gebildete” über viele andere bestimmen?

Bessere Entscheidungen brauchen bessere Grundlagen

Stimmt. Das obige Modell klingt irgendwie bedrohlich und ungleich und unfair. Aber betrachten wir das einmal von einem anderen Standpunkt:

Wir wollen, dass wichtige Entscheidungen rational und auf Grundlage von Wissen getroffen werden. Dazu braucht es gebildete und wissende Menschen. Den Ruf nach mehr Bildung brauche ich hier nicht zu wiederholen, der ist ja sowie so immer vorhanden.

Die Frage ist: Wie?

Meiner Meinung steckt hinter dem üblichen Ruf nach mehr Bildung eine Annahme, die aus dem letzten Jahrhundert stammt.

Nämlich, dass Bildung einmalig im Leben in der Schule stattfindet, dann für den Rest des Lebens vorhanden ist und auch ausreicht.

Bei einer Lebenserwartung von 86 Jahren und einem Wahlmindestalter von 16 Jahren, dürfen wir 70 Jahre lang wählen.

Basiswissen.

Politische Bildung und die Diskussion über Gesellschaftsfragen findet bei uns defacto nur mehr über die Medien statt. Das ist ein Problem.

Denn in den Medien ist keine Diskussion möglich, sondern nur das Verbreiten von Botschaften. Wer in Diskussionsforen auf online Platformen schaut, wendet sich meist mit Grauen wieder ab.

Das halte ich für schlecht und auch gefährlich.

Wir müssen uns — als Gesellschaft — die politische Bildung der Erwachsenen wieder von den Medien zurück holen!

Regelmäßig Überprüfungen des politischen Basiswissens für den Erhalt des Wahlrechts halte ich für einen möglichen Weg. Auch mit der Konsequenz, dass es bei Einigen nicht reichen könnte. So ehrlich müssten wir zu uns selbst sein.

Wer Mitbestimmen möchte, muss auch bereit sein, die notwendige Zeit und Mühe in die eigene Bildung zu investieren.

Selbstverständlich soll die Gesellschaft das durch entsprechende Angebote unterstützen und ermöglichen.

Der Stimmzettel darf nicht der Platz für diffuse Unmutsäußerungen sein.

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