Machst du dein Wohlbefinden auch von Algorithmen und Kennzahlen abhängig?

Und diese Seite gefiel mir nicht…

Du wirst dir gleich bestimmt denken: “Was für ein Bullshit!”

Eine Grenzsituation, die banaler nicht sein kann

Damit du den Grund dafür verstehen kannst, muss ich etwas ausholen. Ich bin als Podcaster sehr verwöhnt.

Ich mache das Ganze nun schon seit einigen Jahren und bin recht gut darin geworden. In den iTunes-Charts bin ich mit mehreren Shows immer präsent und auch relativ weit oben.

Für ein Rangieren an der Chartsspitze reicht es bei mir allerdings nicht. Dafür ist meine persönliche Reichweite nicht groß genug im Vergleich zu anderen Themen/Podcastern.

Aber ich bin zufrieden, weil die Shows die Menschen erreicht, die sie erreichen soll.

Dennoch schaue ich fast täglich in die Charts, um zu überprüfen, wo ich gerade so stehe. Meist mache ich das am PC, wo ich meine Kategorie “Karriere” oder “Management und Marketing” recht präzise überblicken kann.

Jetzt mache ich aber ein iPad-Only-Experiment und mobil kann ich nur die Überkategorie “Wirtschaft” einsehen.

Und da war ich vor einigen Tagen nicht mehr zu finden.

In den gesamten TOP200 nichts von mir (abgesehen von chimpify on air, den ich zusammen mit Vladislav Melnik gemacht habe).

Kein Podcast-Helden, kein Moshpit — NIX!

Und dann ging es in mir los: PANIK! STRESS!

Wie konnte das passieren?

Ist es wirklich so schlimm, dass ich eine kurze Pause (wegen unseres Hausbaus und Umzugs) mache? Wird meine Show schlechter? Was habe ich falsch gemacht? Soll ich besser jetzt noch eine Episode aufnehmen, obwohl mir die Zeit fehlt.

ZACK!

Mitten drin in einer Gedankenschleife, für die ich gerade weder Zeit noch Energie habe.

Eine Schleife, die nur in eine einzige Richtung führte…nach unten.

Denn für eine Sache habe ich gerade keine Zeit: Berufsstress.

Aktionismus pur

Der erste Lösungsansatz, der mir durch den Kopf schoss war, eben schnell eine Episode aufzunehmen.

Dann dachte ich an Werbung!

Dann dachte ich daran, dass ich eigentlich schon länger nichts mehr in Social-Media gepostet habe.

Dann wollte ich ältere Episoden neu in den Feed geben.

Doch all das musste nach dem Feierabend gemacht werden. In einer Nachtschicht. Meine Frau hat Urlaub, die Kleine ist daheim und wir haben im Haus alle Hände voll zu tun.

STRESS!

Mit der Stressbrille aufs Leben schauen — nicht geil!

Wenn der Fokus auf einmal auf das ausgerichtet ist, was vermutlich eh nicht oder nur mit viel Aufwand verbunden ist, ist das Grundgefühl nicht so gut. Du kennst das vielleicht.

Sofort fallen einem dann noch andere Dinge ein, die nicht so gut funktionierten oder auch noch recht weit oben auf der Todo-Liste stehen. Dinge, die also AUCH noch wichtig sind und zu denen sich eine noch undefinierte Lösungsmöglichkeit für das Ranking-Problem gesellen muss.

“Oh, Mann. Im Moment kommt es aber echt knüppeldicke!”, resignierte ich.

Aber dann kam der Gedankenbruch, der in diesem Moment so wichtig war.

Raus aus der Gedankenstrudel

“Schatz, bist du noch da?!”, frage eine Stimme. Ich wusste erst nicht genau, wer mich angesprochen hat. Aber dann wurde mir bewusst, dass mich so nur meine Frau anreden würde.

Wir saßen gerade beim Abendessen. Ida aß neben mir ein Grillwürstchen (ohne Haut, weil die ist eklig), meine Schwiegermutter saß am Kopf des Tisches und schaute fragend zu mir rüber und Denise legte schmunzelnd den Kopf zur Seite, weil sie mich schon etwas kennt.

“Bist du in Gedanken?”, fragte sie.

“Äh, ja. Irgendwie schon”, antwortete ich.

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich wie in Trance gegrillt und das gemeinsame Essen mitgestaltet hatte. Aber der Fokus lag auf der Sorge, warum ich bei iTunes nicht mehr in den TOP200 der Wirtschaftscharts gewesen bin.

Ist das nicht lächerlich?!

Vermutlich weniger, als uns lieb ist

Kennzahlen sind für Unternehmer eine wichtige Sache

Keine Frage, um den Erfolg oder Misserfolg feststellen zu können, braucht es etwas mehr, als verbale Reaktionen aus dem Umfeld.

Wir stehen auf KPIs, die Zahl der Netto-Abonnenten im Verteiler, Algorithmen, Chartpositionierungen, Verkäufe und so weiter und so fort.

Harte Zahlen sind brutal objektiv, sie schauen uns fest in die Augen. Manchmal lächeln sie, manchmal nicht. Wenn sie es nicht tun, versuchen wir alles, um ein anderes Ergebnis zu bekommen.

Aber Kennzahlen sind auch nicht alles.

Lasst uns auch mal die Kirche im Dorf behalten

Es gab eine Situation, als ich mit meinem Kumpel Vladi den Erfolg einer Podcast-Episode diskutierte. Sie wurde nicht so oft heruntergeladen und es gab auch nicht so viele Klicks auf den Beitrag. Somit auch nicht mehr Subscriber für den Verteiler.

Wir überlegten, ob das Thema schlecht gewählt war oder ob wir mit der Überschrift daneben gegriffen haben und viele andere Eventualitäten noch dazu.

Irgendwann ist einem von uns aufgefallen, dass die Sommerferien in den bevölkerungsreichsten Bundesländern begonnen hatten.

DAS ist wohl eine der wahrscheinlichsten Erklärungen gewesen.

Es muss nicht immer eine falsche Entscheidung gewesen sein, die SOFORT mittels kurzfristiger Reaktion korrigiert werden muss. Es gibt auch noch Faktoren da draußen, die wir nicht auf dem Schirm haben müssen.

Und selbst wenn man etwas verändern könnte…muss man deswegen direkt ein gemeinsames Abendessen in den Sand setzen?

Muss ich wirklich kompensatorisch ein paar neue Folgen aufnehmen, damit ich mich wieder in den TOP200 sehe?

Nein, ganz bestimmt nicht.

WIR sind nicht unsere Kennzahlen

Als Solopreneure sind wir unser Produkt und trotz besserem Wissen, verknüpfen wir unser Selbstbildnis mit den harten Zahlen, Daten und Fakten, die uns wunderbare Analyse-Tools geben.

Der Blick in diese Tools kann uns einen Kick geben. Wie eine Droge zieht uns Google Analytics an. Wir sind wie Motten, in immer und immer und immer wieder um das gleiche Licht kreisen, dass sich so sehr nicht verändert.

Es ist gut, dass wir unsere Aktionen mit Analyse-Tools begleiten können. Nur so können wir Anpassungen machen. Aber mal Hand aufs Herz. Keine Situation ist für uns Solopreneure so dramatisch, dass wir deswegen die gemeinsame Zeit mit der Familie unterbrechen sollten.

Die nüchterne Analyse meines Chart-”Problems”

tl;dr

Für den Fall, dass es dich interessiert, wie es mit meinem Podcast weiter gegangen ist. Am übernächsten Tag waren Podcast-Helden und Solopreneur’s Moshpit wieder in den Charts. Nicht so weit oben wie sonst, aber wirklich viel passiert ist nicht.

Ich habe, gerade im Moshpit, eine recht hohe Frequenz von 2–3 Episoden pro Woche. Seit knapp einer Woche habe ich nichts mehr nachgelegt. Das scheint der Algorithmus zu bemerken und stuft mich herunter.

Ich WEISS, dass mein Ranking durch neue Episoden und etwas Push im Marketing weiter ansteigen würde. Deswegen war das auch die erste, erschrockene Reaktion (“Fuck, ich muss was aufnehmen!”).

Aber ich weiß auch, dass das noch Zeit hat.

Ich mache den Kram bestimmt noch ein paar Jahre und da sind 3–4 Wochen Pause einfach nicht der Rede wert.

Aber für diese Erkenntnis muss man manchmal eine Schrecksekunde haben.

Zu bemerken, dass ich nahezu komplett in Trance für die Familie gegrillt habe, um mir stattdessen aktiv Sorgen zu machen, war meine.


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