Offener Brief zur Digital Roadmap Austria

Gesendet am 29. Jänner 2017 an ikt@bka.gv.at.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich lebe in Wien und bin seit über 15 Jahren in der IKT-Branche tätig und derzeit Geschäftsführer eines noch sehr kleinen IKT-Unternehmens mit Sitz in Wien und habe mir die Digital Roadmap Austria der Bundesregierung angesehen.

Ich finde es sehr positiv, dass die IKT als eine Zukunftsbranche für den Standort Österreich identifiziert wurde. Ich teile allerdings nicht Ihre positive Prognose, dass Big Data, Blockchain, Internet der Dinge und andere Zukunftstechnologien, die derzeit zweifelsohne in aller Munde sind, kurz- oder langfristig signifikante Arbeitsplätze oder Steuereinnahmen am Standort Österreich generieren können, um in Österreich 2025 eine signifikante Rolle zu spielen.

Ziel muss es sein aus eigener Kraft in Österreich innovative Technologien zu entwicklen und neue Geschäftsmodelle aufzubauen, die heute noch nicht bekannt sind, oder wir werden langfristig in der IKT-Branche, die mit zunehmender Globalisierung und Automatisierung als Standortvorteil nur noch die Verfügbarkeit qualifizierter Spezialisten kennt, nicht mehr mitspielen. Ich finde im Rahmen einer Digital Roadmap für Österreich sollten wir auch folgende Aktionen in Betracht ziehen:

  • Die Bürgerkarte und auch die e-Government Lösungen sollten wir im internationalen Umfeld betrachten und eine langfristige Roadmap schaffen anstatt kurzfristige „schnelle“ Lösungen zu bauen, die dann stagnieren. Sowohl bei der Bürgerkarte als auch bei anderen e-Government Lösungen wie etwa FinanzOnline war Österreich vorne dabei, als führendes Land im e-Government in Europa; seitdem haben wir leider ein paar Jahre verschlafen.
  • Die Teilnahme an öffentlichen Aufträgen sollte für kleine und mittlere Betriebe vereinfacht werden. Diese Unternehmen können meist innovativere und flexiblere Lösungen anbieten als Großunternehmen, werden derzeit aber von den Vergabeprozessen und der komplexen Zusammenarbeit mit der Republik Österreich abgeschreckt.
  • Wir brauchen ein Umdenken bei öffentlichen Projekten; anstatt komplexe „alles-oder-nichts“ Lösungen auszuschreiben, sollten wir mit „Minimum-Viable-Products“ starten und die Innovation und Flexibilität in den Vordergrund stellen. Statt Großprojekten sollten wir eher Lösungen forcieren, die in mehreren kleineren — aber vor allem auch risikoärmeren — Iterationen realisiert werden können.
  • Um die IKT-Branche in Österreich nachhaltig zu stärken sollten wir uns nicht nur auf Open Source und die Entwicklung von Lösungen in Österreich beschränken, sondern Politik und Verwaltung sollten mit den ausgeschriebenen Lösungen die Privatwirtschaft auch zu Innovationen anregen und wiederverwendbare Produkte ausschreiben, nicht neue Insellösungen bauen lassen, die nur in der österreichischen Verwaltung genutzt werden können.
  • Die USA haben mit dem US Digital Service (https://www.usds.gov/) eine wie ich finde gute Idee geboren, die wir durchaus auch für Österreich nutzen könnten, um Know-How aus der Wirtschaft auch für die Republik Österreich zu nutzen und dadurch auch die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft zu stärken.

Die Bundesregierung sollte Rahmenbedingungen schaffen, die innovative Unternehmen am Standort Österreich begünstigen und dadurch Wachstum und Innovationen anregen, die langfristig signifikante Arbeitsplätze oder Steuereinnahmen generieren und vor allem die indirekten Effekte der öffentlichen Auftragsvergabe nutzen, um die österreichische IKT-Branche langfristig zu stärken.

Mit freundlichen Grüßen,

Gerhard Poul

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