“Es ist eine einzige Prügelei”

Wahlplakat ohne Krawatte. Da war Heiko Maas Spitzenkandidat. Mit diesem Klinsmann-Look holte er satte +6,1% mehr Stimmen.

Heiko Maas zieht sich gut an.

Er ist der erste Politiker seit Theodor zu Guttenberg, der von GQ zum Deutschlandmeister im Gutangezogensein gekürt wurde, zum “Bestangezogenen Mann” 2016.

Peter Altmeier müsste so verhasst sein wie Maas. Der beurlaubte EU-Beamte ist engagierter EU-Promoter, kritiserte in den 90er Jahren Roland Koch wegen seines ausländerfeindlichen Wahlkampfs, pflegte damals Kontakte zu Flüchtlingsverbänden und Migranten und setzte sich für ein neues Staatsbürgerschaftsrecht ein. Aber sein Körper wirkt “bodenständig”.

“Wenn ein deutscher Politiker ausnahmslos perfekt sitzende Anzüge trägt und auch noch smart auftritt, honorieren wir das. Maas zeigt Haltung, nicht nur politisch.”

Inzwischen ist inoffiziell eine weitere Medaille hinzugekommen. Diesmal seitens der Landsknechte unter den AfD-Fans: “Bestgehasster Minister der Merkelregierung”, könnte man diese Auszeichnung nennen.

Mit seinen Gesetzesinitiativen erregt er regelmäßig jede Menge Vorauskritik. In den sogenannten eigenen Reihen, von netzpolitischen Stimmen, von zuwanderungskritischen Meinungsfreiheitskämpfern wie Don Alphonso oder Roland Tichy und natürlich vom gesamten rechtsextremen Ultrabereich.

Zuspruch für seine Ideen kommt von Konservativen aus CDU und CSU. Aber gibt es außer der Herrenmode-Industrie jemanden, der sagen würde, er sei Fan von Heiko Maas?

Eher im Gegenteil. Auf Facebook kocht der Permanenthass immer höher — ausgerechnet über den chicen, smarten und ruhig auftretenden Heiko Maas.

Dr. Heiko Maas — er könnte den Nimbus eines Chefarztes haben, dem die Leute jeden Therapievorschlag sofort aus der Hand reißen. Jedoch …

“Widerlich ist hier nur einer, die SPD-Hackfresse Maas …”

Er wird mal physiognomisch, mal seiner angeblichen politischen Absichten wegen als Untoter des Hitlerregimes angegriffen — von rechts, versteht sich.

Nein, versteht sich eigentlich nicht, normalerweise ist der “Nazivergleich” die Domäne der Linken, aber so ist es: Die Ultras der rechten Szene finden, dass in Maas ein Diktatur-Nazifaschist steckt.

Zwei Vorwürfe sind zentral: Er wolle “wie seine Mitverschworenen die Zwangsislamisierung Deutschlands” und außerdem die Meinungsfreiheit abschaffen.

“Lausiger Lump”, “Vollpfosten”, “Sprechblasenfabrikant”, “Superschwachmat, genau wie Merkel, Schäuble und Co.!!!!!!!!!!”, “Oberheuchler”, “falsche Visage”, “ein linker, Deutschland hassender Verräter”, “die Äußerungen von Maas haben echtes Stürmerniveau”, usw. usf. etc.

Die politische Abneigung gegen den Justizminister fällt mindestens drei Nummern zu groß aus, selbst wenn man einräumt, dass einige Leute Heiko Maas als Musterpersonal des “Drecksstaats” erleben:

“Jeden Tag mehr an Wahrheiten über den Drecksstaat und den Wichser Maas.
Wann werden sich endlich die Deutschen gegen die fuck BRD GmbH auflehnen und diese Verbrecher an die Wand stellen. Gebt mir die Muni und das Gewehr, das mache ich gerne umsonst. So was an Volksverräter gehört in die Grube.”

Nebenbei bemerkt: Je weiter man nach rechts gerät, desto mehr trifft man bei den Kommentatoren auf eine Sprache, die nur noch kämpfen soll.

  • Sie soll nicht überzeugen, überreden oder “kommunizieren”.
  • Sie ist vielmehr eine Art Straßenschlacht-Sprache des Internets: Sie droht, macht Jagd, schüchtert ein, treibt jedes Gespräch ins Irrationale, will wehtun.

Einer solchen Sprache liegt eine ganz andere Auffassung von gutem Stil zugrunde als bei uns ZEIT-SPIEGEL-FAZ-SZ-Lesern.

Die Likes gehen hoch, je mehr einer das Stilgefühl des gut angezogenen “Mainstreams” verletzt.

Für diese Leute ist der oder die Bestformulierende, der/die krachend auf den Tisch schlägt. Vereinfacht. Beleidigt. Feinde hasst. Widersacher fertigmacht. Nicht diskutiert, sondern durchsetzt.

Guter Stil ist für sie, die Hoffnung auf autoritäre Politik zu verkörpern. Franz-Josef Strauss war die beste Verkörperung der Hoffnung auf eine autoritäre Politik, die wir seit 1949 hatten.

Zu chic, zu schlank, zu edel — liegt dort ein weiterer Grund, wieso Maas eine so steile Karriere als Hassobjekt gelungen ist?

Der Sinn für edle Kleidung ist Heiko Maas — wie seinerzeit Schröder mit seinen Brioni-Anzügen — keineswegs in die Wiege gelegt worden: Der Vater war Berufssoldat, Mutter Schneiderin.

Nach dem Abi gleich ab in den Wehrdienst, danach ein Jahr “richtig malocht” bei Ford.

Dann Jura und eine geradlinige, zügige Karriere in der SPD des Saarlands. Das alles deutet auf eine gewisse Fähigkeit zur Selbstdisziplin hin.

Dazu passt sein auffälligstes Feature: Maas ist Triathlet.

“Der Lehrstuhl für BWL an der Universität Bamberg stellte in einer Studie fest, … In dem von Individualisten geprägten Sport werden Fähigkeiten ausgebaut, die in das berufliche Handlungsfeld übertragen für Führungspositionen hilfreich sind. Hierzu zählen Durchhaltevermögen, Willenskraft, eine realistische Einschätzung der eigenen Leistungsmöglichkeit und intrinsische Motivation, … Entsprechend entwickelte sich ‘Ironman’ zum Statussymbol für den Lebenslauf.”

Genauer betrachtet, ist Maas alles andere als ein Mode-Heini. Dennis Braatz zerlegte das Urteil der GQ in der Süddeutschen Zeitung:

“Würde man Heiko Maas jetzt also mal über den roten Teppich der Berlinale schicken …, die Paparazzi hätten für ihn kein müdes Lächeln übrig. Der Mann trägt nicht mal Einstecktuch oder bunte Socken. Stattdessen kombiniert er zum dunkelblauen Anzug haselnussbraune Lederschnürer mit unechtem Farbverlauf. Kaufhausschuhe also, …”

Maas steht nur kerzengerade da, weil er über einen straff gespannten, ziemlich fettarmen Sportlerkörper verfügt.

Ohne dass man weiß, wie Heiko Maas das eigentlich macht, hat er eine erstaunliche Überlebenskraft, selbst wenn die Gegner und Feinde in Überzahl sind, wie es im Moment gerade wieder der Fall ist.

Gibt es vergleichbare Politiker? Ein Pendant ist Christian Lindner, aber der ist 13 Jahre jünger, trägt schon einmal einen lila Schlips und wirkt “modebewusster” als Maas.

Dennoch ist Lindner das Zugpferd seiner Partei und hat eine echte Fanbasis. Leute, die auf ihn schwören. Die hinter ihm herlaufen.

So einen ausgestreckten Finger muss einer gut vortragen können. Passt am besten zu einer klaren, scharf geschnittenen Zurechtweisung.

Oder man denke an den Franzosen Emmanuel Macron, der ebenfalls schlank und jugendlich daherkommt, der aber mit einem ausdrucksstarken Spektrum an Gestik und Mimik zu Werke geht, also mit dem für den politischen Erfolg unerlässlichen Plus an nonverbaler Emotion.

Mit der ausgetreckten Hand die Menge teilen. Lindner setzt hier den ganzen Körper ein.

Es hat Gründe, warum Redner wie Lindner oder Macron Fans generieren, Maas aber die Menschen kalt lässt.

Lindner spricht viel ausdrucksvoller als Maas.

Er kann ein Saalpublikum mitreißen, Angriffe zu Ende spielen, formuliert schnell, flüssig und plakativ, kann Pointen liefern, überzeugt tun, begeistert daher auch U35-Menschen aus karriereorientierten Berufen.

Lindner hat das Talent zu einem mittelschweren Populisten, Maas nicht.

Mass ist, ähnlich wie Merkel, rhetorisch nahezu wehrlos, wirkt unkämpferisch.

Lindner hat Waffen. Hätte er obendrein einen volkstümlichen Dialekt, wie z.B. Kretschmann oder Schulz, und würde sich äußerlich ein bisschen mehr an Hornbach-Kunden orientieren statt lila Krawatten zu tragen, dann hätte die FDP im derzeitigen Umfeld überhaupt keine Probleme mehr.

Maas repräsentiert mit seinem sensationell hohen Grad an Ausdruckslosigkeit eine distanzierte Sachpolitik

Bei Interviews kein Ansatz von Gestik oder Mimik, nicht einmal unterdrückte Gebärden.

Wenn er sich über etwas aufregt, regt er sich kein bisschen auf.

Wenn er etwas witzig findet, lacht er kein bisschen.

Männer in der Politik wirken ja meist etwas gemütsarm und “beherrscht” (die AfD scheint sich sogar gezwungen zu sehen, diesen klassischen Politikstil formal nachzuahmen, um trotz der extremen Inhalte zur Mitte hin wählbar zu wirken).

Aber Altmeiers ernstes Stirnrunzeln oder de Mazieres zackige Entschiedenheit machen innere Vorgänge spürbar — bei Maas wirkt das Innere verdeckt, abgestellt, selbstüberwunden.

Maas ist einfach massiv ausdruckslos. Allenfalls mit einem Schuss leicht arrogant wirkender Süffisanz ausgestattet, wenn er Argumente zurückweist.

Tendenziell ist dies ein Upper-Class-Stil, der auch — wie bei etlichen der heutigen SPD-Politiker — den “sozialdemokratischen Stallgeruch” vermissen lässt.

Es ist praktisch unmöglich, mit diesem hohen Grad an Ausdruckslosigkeit bei Angestellten, Arbeitern oder Beamten eine überzeugte Anhängerschaft zu gewinnen.

Umso leichter ist es, die Regulierungsideen des Justizministers für Social Media als undemokratischen Angriff auf rechtsgewickelte Regierungsgegner zu interpretieren.

Was an Maas sollte “ekelhaft” wirken?!

Er repräsentiert in seinem Habitus das, was sein sportlicher Körper nach außen darstellt: den High-Potential-Manager, der sich nicht anmerken lassen möchte, dass er sich über andere erhebt.

Die gemeinen Leute erinnert er an die zahlenorientierten BWLer aus der Chefetage.

Das ist eine Spielart von demokratischer Autorität, die locker und sachlich daher kommt, aber doch machtbewusst agiert.

Solche modernen “Smartitäten” sprechen scheinbar offen und direkt, tatsächlich aber abstrakt und über Anordnungen, bei denen keiner genau weiß, was überhaupt gemeint sein soll.

Das schürt Abneigung bis zur verbalen Anarchie. Wobei man nicht vergessen darf:

  • Die Bevölkerung äußerst sich generell lieber ausdrucksstark.
  • Und es liebt die, die so auftreten, dass plötzlich alles Komplizierte einfach erscheint.

Warum nach einer angemessenen Formulierung suchen, wenn die unangemessene Formulierung viel mehr Spaß macht?

Trump wird dafür geliebt.

Solche Versimplifizierungsstrategien sind nicht neu, sondern medial geradezu gefordert. Es gibt schon fast einen Anspruch darauf, dass einem alles ganz einfach gesagt wird.

Aber …

… irgendwo geht die Versimplifizierung über in Entdifferenzierung, Irrationalismus und in den groben, brutalen Aburteilungs-Dogmatismus des “Stammtischs”. Da keimt dann die alte Herrschsehnsucht nach “klarer Kante” und Führung ohne Diskussion. Nach Willen aufdrücken.

Die Pflanzerde, aus der heraus der Wunsch der Menschen wächst, populistisch regiert zu werden.

Wissen wir jetzt, wen wir lieber mögen? Jemanden wie Maas oder jemanden wie Schulz?

Ich weiß es nicht. Es erfasst einen ja eher Mitleid, wenn man drüber nachdenkt.

Gehen wir Bierchen trinken.

Prost, Anarchie.

“Party machen” ist eine dumme Übernahme aus dem Englischen. In Deutschland muss es korrekt heißen: Partei machen.

Der Artikel erschien zuerst auf dem Blog für Männermode “The Independent Clochard”.

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