Leserbrief bezüglich Bildungsvererbung
Sehr geeherter Herr Wolf,
ich bin Ihnen für Ihre Arbeit dankbar und wünsche mir, dass Sie diese weiterhin fortsetzen.
Gerade weil ich Ihre Artikel sehr gerne verfolge, liegt mir Ihre Interpretation von Bildungsvererbung anhand daten der Statistik Austria etwas schwer im Magen.
Als erstes möchte ich Aufzeigen wie gut sich der Verlust von Kontext und Information von der ursprünglichen Erhebung bis zu Ihrem Artikel nachverfolgen lässt. Sie schreiben in Ihrem Artikel darüber wie jedes Jahr die Statistik Austria Indikatoren zum Thema Bildung erhebt. Sie zitieren eine Grafik zu Bildungsvererbung und basieren ihre Kritik im restlichen Artikel auf Zahlen, die in der Grafik zu finden sind.

Zwei Dinge fallen mir in dieser Grafik auf: die unterschiedliche Breite der Balken und die fehlende Fussnote 1). Mein Augenmaß mag nicht perfekt sein, aber mir scheint, dass die Breite der Balken nicht proprtional zu den absoluten Zahlen über den Balken ist. Das hat mich skeptisch gestimmt und ich habe probiert den Ursprungstext zu finden. Sie halfen mir dabei und ich fand diese Grafik:

In dieser Präsentation wird auf die Fußnote eingegangen die auch die Breite der Balken erklärt: aus Darstellungsgründen entspricht die Breite nicht der Proportion. Mir scheint, der Grund für den Kompromiß bei der Darstellung ist der direkte Vergleich der beiden Kohorten. Was ich aus dem Vergleich anhand der Balkenbreite ablese ist, dass in der Generation meiner Eltern doppelt so viele Elternpaare nur Pflichtschulausbildung hatten wie in meiner Generation. Ich würde meinen das ist eine erfreuliche Entwicklung?
Dennoch bin ich verwirrt davon wie der Begriff “Bildungsvererbung” mit der Grafik zusammenhängt. Um dieser Verwirrung auf den Grund zu gehen, war es hilfreich den Originaltext “Bildung in Zahlen 2014/15” zur Hand zu ziehen. Dort fand ich auf Seite 95 die gleiche Grafik mit etwas mehr beistehendem Hintergrund. Zum Einen, ist der Titel “Intergenerationeller Bildungsvergleich” aufschlußsreich. Dieser Titel beschreibt den Zweck des Grafen meiner Meinung nach besser, zumal das Wort “Vergleich” im Titel steckt. Zum Anderen, haben die Autoren des Grafen wahrscheinlich eingesehen, dass die Information eher unübersichtlich ist und haben in Großen Roten Buchstaben unter dem Grafen dazugeschrieben, dass knapp 60% der Jungen Menschen über dem Bildungsstand ihrer Eltern hinausgewachsen sind. Um zu wissen ob das gut oder schlecht ist, müsste man sich einen internationalen Vergleich anschauen. So ganz ohne zusätzliche Information stimmt mich das aber nicht kritisch.

Als Abschluss, möchte ich probieren auf Ihre Bitte einzugehen und den Grafen, der meiner Meinung nach, mehr Aufschluss zum Zusammenhang zwischen Bildung und Elternhaus gibt. In den Kommentaren zu Ihrem Artikel wird heftig diskutiert welche Bildungsstufe denn Anstrebenswert ist, was am “Arbeitsmarkt” gefragt ist und wie das mit dem Einkommen nach Bildungsabschluss ist. Im Originaltext “Bildung in Zahlen 2014/15” wird diesem Thema das gesamte Kapitel 5 gewidmet. Ich glaube die Grafen auf Seite 107 fassen es recht gut zusammen: wenn man einen Hochschulabschluss ergattert, gehört man im Schnitt zur oberen Hälfte der Einkommensschere.
Zur “Bildungsvererbung” möchte ich Sie als Erstes ganz stark darauf Hinweisen, dass dies kein Indikator ist der in dieser Form von der Statistik Austria erhoben wird. Dieser Begriff scheint in der von Ihnen zitierten Präsentation zum ersten Mal aufzutauchen. Ich an Ihrer Stelle würde, sogar in Anbetracht der Autoren der Präsentation, davon Abstand nehmen diese künstlerische Freiheit zu übernehmen und weiterzuführen.
Wenn ich jedoch die Studie nehme um mir eine Meinung zum Zusammenhang zwischen Elternhaus und Bildungsstand zu bilden, würde ich eher die Grafik zur Sozialen Herkunft verwenden. Da Hochschulabsolventinnen deutlich mehr verdienen als andere Gruppen, ist für mich klar, dass Soziale Herkunft und Bildungsstand der Eltern stark zusammenhängen.
In dieser Grafik haben die Statistiker der Austria hervorgehoben, dass 28% der Erstmatrikulierten einen Vater mit Hochschulausbildung haben. Etwas Rechnen ergibt, dass nur bei 18% aller Erstmatrikulierten beide Elternteile Akademikerinnen sind. Natürlich bedeutet Immatrikulation bei weitem nicht Abschluss, dennoch glaube ich, dass das ein Ergebnis ist, das fast konträr zu Ihrer Kritik steht?

mit freundlichen Grüßen,
Diman Todorov