Bodyshaming

ein Text von Gregor Fischer

Nach dem aktuellen Aktienstand wiegt ein durchschnittlicher Männerbauch derzeit 160 Pfund Sterling - Stand: Heute Mittag. Derweil saugt meine Frau Staub und meint, sie fände das nicht schlimm. Ich bräuchte mich nicht zu schämen. Dann hebt sie meine Füße hoch und schiebt den Staubsauger forsch unter das Sofa.

Ich lese währenddessen einen Artikel über “Body-Shaming”:

In Großbritannien gab es eine Frau, die wollte einen Bikini kaufen. Problem nur: Sie war zu dick. Fand jedenfalls die verantwortliche Verkäuferin in dem Kaufhaus und riet der Frau, sich bei ihrer Figur doch lieber für einen Badeanzug zu entscheiden.

“Ja geht’s denn noch?”, lese ich sinngemäß aus dem Artikel. “Brennen soll die Hexe!” Ab sofort stehen alle Kaufhausverkäuferinnen dieses Landes unter Terrorverdacht, denn Bodyshaming, das ist der neue Terrorismus für die Fußgängerzone geworden.

Verwirrt blicke ich von der Zeitung auf. Meine Frau lächelt mir zu, sie hält das Staubsaugerrohr am Hals gepackt wie eine reife Gans und fragt mich, ob ich noch einen Kaffee möchte.

Ich lehne dankend ab, ich bin in Gedanken: Wurde mein Body eigentlich schon mal “geshamed”?

Ich erinnere mich, schon als hyperaktiver Blondschopf gewusst zu haben, dass ich dick bin. Meine Mutter machte sich andauernd Sorgen wegen der vielen Süßigkeiten, die irgendwie ihren Weg in meinen Mund fanden. Da sie es war, die bei uns die Brötchen nachhause brachte, blieb ihr nichts anderes übrig, als mich den Klauen meines Vaters zu überlassen — eines Mannes, der im ALDI Fertig-Kartoffelpüree kaufen und noch mit erhobenem Haupt den Laden verlassen konnte. Es brach ihr das Herz.

Um mich zu trösten, brachte mir meine Mutter oft Süßigkeiten von der Arbeit mit; wenigstens etwas, auf das der Junge sich freuen konnte. Ich würde es so schon schwer genug haben.

In der Pubertät wurde mein Gewichtsproblem schließlich nicht besser, sondern eher schlimmer: Fängt man an, Mädchen zu entdecken, fängt man an, in den Spiegel zu gucken. Was ich dort vorfand, überzeugte mich nicht — in Wahrheit bestürzte es mich sogar. So sehr, dass ich tat, was jeder starke Mann in dieser Situation getan hätte: Ich weinte mich bei Mama aus, bis sie mich in einer Muckibude anmeldete.

Das “Gym”, in das heutzutage jeder rennt, wenn er eine freie Minute übrig hat, hieß damals noch Muckibude. Denn die Typen, die da rum hingen, hatten noch Muckis — keinen definizerten Bizeps oder Later-Dingsbums, sondern Muskeln. Das waren Männer, die wie Segler tätowiert waren und aussahen, als hätten sie schon mal auf einem Motorrad gesessen. An der Bar im Studio, unter einem Arrangement aus Plastikpalmen, stand eine Tranierin mit pinkem Schweißband und Sonnenbanklächeln und verteilte Protein shakes. Es faszinierte mich, wie selbstverständlich sie Steroide verkaufte — denn für mein naives junges Hirn sah en die Shakes aus, als müssten sie zum Rand voll mit illegalem Aufputschmitteln gefüllt sein. Ich machte einen großen Bogen um die Trainierin mit dem Sonnenbanklächeln und konzentrierte mich darauf, meinen Schwabbelbauch in den Griff zu bekommen. Schon am ersten Tag wurden mir die Geheimnisse des menschlichen Körpers offenbart. Ich hörte zum ersten Mal das Wort ‚Trizeps‘ und machte zum ersten Mal einen ‚Crunch‘. Sogar an die Hanteln ließen sie mich ran, diese Ahnungslosen.

Es wirkte. Nach nur ein paar Wochen konnte ich meinen Arm anspannen und bewundern, wie straff sich die Haut über die neugewonnen Muskeln spannte.

Die Ladies liebten mich. Allen voran meine Mutter.

„Ich bin so stolz auf dich, wie du abgenommen hast!“ Meiner Mutter standen die Tränen in den Augen, als ich präsentierte, was ich in den letzten Wochen erreicht hatte. “Du siehst fantastisch aus!”

Sie freute sich für mich und es fühlte sich gut an.

Mein frisches Selbstbewusstsein machte ich mir zunutze. Ich stürzte mich in den Sommer meines Lebens. Doch anders als erwartet, kehrte ich nicht mit einer Liste an Eroberungen, sondern mit einem gebrochenen Herzen heim. Der Liebeskummer trieb mich mit Peitschen zurück zum Zuckerbrot. So schnell meine Traumfigur gekommen war, so schnell verschwand sie wieder in einer Sofaritze und mein Körper kehrte wie eine Gummimulde zurück in seinen Ursprungszustand. Das brach wiederum meiner Mutter das Herz, sodass wir uns zu zweit Sorgen um meine Zukunft machen konnten. Bald schon brachte sie auch wieder Süßigkeiten von der Arbeit mit.

„Mach noch mal die Füße hoch, Schatz.“

Meine Frau ist jetzt dazu übergegangen, das Parkett nach dem Staubsaugen zu wischen. Es gefällt ihr, wenn die Sonne durch das Küchenfenster strahl und einen glänzenden Boden küsst. Ich kann nicht anders, als sie anzulächeln. Es wäre eine tödliche Beleidigung für sie, wenn ich versuchen würde ihr zu helfen. Sie regelt die Dinge auf ihre Weise und ich auf die meine. Gleichberechtigt.

„Gibt es noch Kekse?“, frage ich plötzlich.

Meine Frau lacht, als hätte sie meine Gedanken gelesen und greift ins Küchenregal. Sie reicht mir die Packung von gestern Abend. Dann lehnt sie den Wischmob an die Wand und lässt sich neben micr aufs Sofa plumpsen.

„Aber nicht den Appetit verderben, ok? Heute gibt’s Lachs.“

„Wie du meinst.“

„Mach dein T-Shirt hoch.“

„Wie bitte?“

„Mach schon!“

Bevor ich den Keks aus dem Mund nehmen kann, hat meine Frau schon mein Hemd hoch gezogen und meinen weißen Bauch freigelegt. Ich schreie, weil ich ahne was sie vorhat. Doch es ist zu spät. Ihr Gesicht platscht auf meinen Bauch. Dann ist kurz Stille. Plötzlich beginnt die Explosion.

Flatulenzähnliche Geräusche entweichen unter ihren Lippen über meine Dehnungsstreifen. Sie hält das Spektakel für gestandene dreißig Sekunden durch. Dann muss der Tauchgang leider abgebrochen werden, weil sich meine Frau vor Lachen auf mir windet.

„Bist du fertig?“, frage ich trocken, als sie wieder zu Atem kommt.

Dann lachen wir beide zusammen.

Nein, denke ich, ich kann mich nicht erinnern, dass mein Body jemals von irgendwem geshamed wurde.