Der Schwanzvergleich

ein Text von Gregor Fischer

Männer werden Schweine bleiben, so sehr man auch versucht, sie zu Opfern zu reden. Ich weiß das, denn ich habe Bauern gesehen, die auf der Bühne damit prahlten, sie hätten den Größten. Es war ein Event. Ein echter, lebendiger Schwanzvergleich. Nur mit Schweinen, statt Männern.

Aber wer differenziert da noch?

Jedenfalls standen diese zwölf Typen da oben auf einem Holzverschlag in einem Wald in der Eifel, einer hässlicher als der andere. Hier draußen auf dem Lande altert man anders. Deshalb sahen die Jungs mit knapp zwanzig schon aus, als wären sie seit elf Jahren unglücklich verheiratet.

Einem blonden Michel mit Sommerbräune steckte ein Grashalm hinterm Ohr; sein Konkurrent neben ihm hatte seine Mütze so tief ins Gesicht gezogen, dass seine Unterlippe den Schirm küsste. Nicht wenige kamen direkt vom Feld oder aus dem Stall und kletterten mit matschigen Stiefeln und Mistgabeln vors Publikum, dass übrigens frenetisch klatschte, sobald jemand furzte oder ein Bier exte.

Es war herrlich. Ich saß in der hintersten Reihe mit einem Grüppchen alter Männer an einem Biertisch, beobachtete das Spektakel und wunderte mich, wohin der Abend noch führen würde.

Dann wurden die Schweine auf die Bühne gebracht.

Jeder hatte sein “bestes Pferd” aus dem Stall mitgebracht, wie mir ein bierbäuchiger Schnauzbart am selben Tisch erklärte. In wenigen Minuten kam die Jury, bestehend aus Frauen aus den umliegenden Dörfern, und würde vor der Tribüne lang laufen, um jedes Hinterteil fachmännisch zu begutachten.

„Natürlich geht es eigentlich um den Schwanz“, verriet mir der Schnauzbart bei einem frischen Pils. „Wir sagen bloß ‚Hinterteil‘, weil man ‚Schwanz‘ ja nicht mehr sagen darf. Sie wissen schon, wegen der Kanzlerin.“

„Verstehe”, sagte ich nickend. “Und die Frauen?“

„Was soll mit denen sein?“

Fragend zog ich die Schultern hoch. „Gibt es einen Grund, warum ausschließlich Frauen in der Jury sind?“

Verwirrt wischte sich der Schnauzbart den Bierschaum von den Lippen. „Weil es anders ja wohl pervers wär, oder?“, schrie er mich plötzlich an. Dann stand er auf und nahm kopfschüttelnd am Nachbartisch Platz.

Ich blieb verdutzt auf meinem Hinterteil sitzen und steckte mir gerade eine Zigarette an, als sich vorne eine Menschentraube um den Holzverschlag sammelte. Männer, Frauen und Kinder drängten sich dicht vor der Tribüne. Das Spektakel begann.

Neugier packte mich. Ich zwängte mich an den Bauern mit einigen Entschuldigungen und sanftem Ellenbogendrücken vorbei bis in die zweite Reihe. Von dort konnte ich über die Schultern meines Vordermanns die jungen Kerle erspähen, die mit gespreizten Beinen über ihren Schweinen standen. Ein Kreis aus plattgetretenem Gras trennte das Publikum von seinen Stars. Den Schweinen hatte man Leinen oder Kordeln um die Hälse gewickelt; sie quiekten aufgeregt, wenn ihre Besitzer daran zogen und sie ihn Position zerrten. Ich sah ein paar von den Jungs lässig mit ihrem Ende der Leine wedeln und den Mädels in der vordersten Reihe zuwinken; die anderen hielten die Riemen fest in der Hand und starrten ernst nach vorne, als ginge es gleich ans Eingemachte.

Allen war jedoch gemein, dass sie ständig schoben und zurrten, damit ihr Schwein auch gut positioniert war. Eine aufgeregte Nervosität hatte sich unter den Kandidaten breit gemacht, die auch von den Tieren Besitz ergriff. Zwölf rosafarbene Hinterteile wackelten unruhig vor mir auf der Bühne. Dazu kam das Dutzend sich kringelnder Schwänze, die wie nervöse Korkenzieher auf und ab hüpften. Ich kam mir vor wie ein Zuschauer beim Bewerbungsgespräch für einen Job in der Stadtverwaltung.

Als dann die Jury herum ging, dauerte es nicht lange, bis die Begeisterung aus mir heraus platzte. Ich fieberte mit jedem schwitzenden Schweinehintern mit.

Sechs Frauen aus dem Dorf, angefangen beim blonden Schulmädchen mit Zöpfen, bis hin zur Witwe des letzten Bürgermeisters, gingen als geschlossene Gruppe von Kandidat zu Kandidat. Die Aufgabe der Schweine war es, prachtvoll zu sein. Die Aufgabe der Bauern bestand darin, der Jury zu zeigen, wie prachtvoll sie waren.

„Fräulein, schauen Sie doch mal, das ist doch ein echter Prachtkerl, oder? Schindet der nicht Eindruck bei Ihnen mit seinem Schinken, hm? So prächtig und rund? Und der Kringel über’m Pupsloch! Haben Sie sich den schon mal betrachtet? Ist das nicht ein echter Hammer?

Schauen Sie mal, wie groß der ist! Keine Angst, fassen Sie ruhig mal an! Mhm. Ja, genau — so ist’s gut!“

Die Frauen lachten und freuten sich. Zwei von ihnen, die mit weiten Röcken durch den Matsch kletterten, kicherten und wurden rot im Gesicht. Sie tuschelten und machten erst dem Schwein und dann seinem Besitzer schöne Augen. Das Mädchen mit den blonden Zöpfen zierte sich hingegen überhaupt nicht. Sie packte beherzt nach dem Korkenzieher ihres Favoriten und ließ das Tier mit einem kräftigen Kniff ins Hinterteil quieken. Auch sie lachte laut und strahlte vor Begeisterung.

Lediglich die Witwe des Bürgermeisters hielt sich mit ihrer Bewunderung zurück. Sie marschierte schweigend und mit auf dem Rücken gefalteten Händen an der Reihe entlang, machte kehrt und lief wieder zurück, als mustere sie eine Kompanie ungewaschener Lausbuben.

„Ist das alles, was du zu bieten hast, Jungchen?“, wollte sie von einem wissen. “Oder kommt da noch was?” Die Jury gackerte herzlich auf. Dem blonden Bauern mit dem Grashalm im Mund wurde sichtbar übel von dem Urteil; er fiel in sich zusammen wie ein misslungener Kuchenteig.

Vielleicht lag es an dem Bier, das mir ständig von hinten über die Schulter angereicht wurde und das ich trank, in der glasklaren Annahme, dass es für mich bestimmt sei - doch ich jubelte bei jedem Schwein lauter! Die Stimmung infizierte mich. Links und rechts von mir klatschten die Bauern laut mit den Händen über dem Kopf, die Frauen warfen ihre Arme in die Luft und Kusshände auf die Tribüne. Ein Junge hinter mir imitierte seinen großen Helden, scharrte mit den Stiefeln im Schlamm und grunzte wie eine Sau. Jedes Mal, wenn jemand das Wort ‘Schwanz’ in den Mund nahm, verlor die Menge außerdem den Verstand und grölte gen Himmel, als ginge morgen zum letzten Mal die Sonne auf. Ich trank und jaulte mit ihnen.

Die Nummer 6 war es schließlich, auf die die Jury sich einigte. Ein Siebzehnjähriger mit Schlapphut und Hirtenstab, der ganz am Rand der Tribüne gestanden hatte, trat nach vorne und winkte als Sieger zum Publikum. Er bedankte sich und lobte seine ‘Lotte’ mit einem kräftigen Klapps auf den Hintern. Das Schwein quiekte gestresst, aber dankbar.

Es störte niemanden, dass der größte Schwanz der Gegend zu einer Sau gehörte. Auch mein Sinn für Ironie hatte sich irgendwann im Bierschaum aufgelöst.

„Was passiert denn jetzt mit der Sau?“, lallte ich später einem meiner neuen Kumpels aus der zweiten Reihe ins Ohr, als er gerade einen frischen Humpen an den Hals setzte. „Wird sie jetzt so berühmt wie der junge Anton werden?“

Wieder war da dieser verwirrte Ausdruck auf dem Gesicht meines Gegenübers, als hätte ich über die wahre Farbe des Himmels spekuliert.

“Lotte kommt zum Schlachter”, sagte er trocken.

“Was? Aber sie hat doch gewonnen. Das geht nicht!”

“Na und? Je größer der Schwanz, desto praller der Schinken. Sieht man doch.”

“Aber wozu dann das ganze? Wo liegt denn der Sinn in allem, wenn nicht mal mein Riesenschwanz mich vor der Schlachtbank retten kann?”

Eine kleine Zorneswolke zog über meinem Kumpel auf und er schob seinen Bierhumpen von sich fort, bevor er aufstand und ging. “Hör mal”, sagte er ernst. “Wenn du dich über uns lustig machen willst, gehst du besser woanders hin. Wir sind hier um zu feiern.”

Und mit einem Mal saß ich wieder allein, umzingelt von Menschen, die mehr über das Universum zu wissen schienen, als ich.

Ich trank mein Bier aus, verabschiedete mich und nahm den Bus nach hause. Beim Einschlafen dachte ich an nackte Schweineärsche und sich kringelnde Schwänze. Ich träumte von nackten Männern, die Propeller mit ihren primären Geschlechtsmerkmalen spielten und von Frauen, die sie mit Honig bewarfen. Selbst im Traum kamen mir diese Bilder unglaublich unangebracht vor für einen Mann meines Alters.

Beim Frühstück checkte ich meine Mails, ging in den Spam-Ordner und löschte wütend jede Mail, die meinen Penis vergrößern wollte. Ich fühlte mich dadurch nicht unbedingt besser, aber wenigstens gab es mir das Gefühl, dem Unvermeidlichen noch mal von der Schippe gesprungen zu sein.