Integriert

von Gregor Fischer

Ich bin integriert.

Ich hab mich durch die Hintertür reingeschlichen, nachdem ihr den Schlüssel vor mir versteckt und mich ausgeschlossen habt.

Aber nix da.

Ich bin heimlich hinten rein, keiner hat’s gehört oder gesehen und nein — ich trete mir nicht die Füße ab. Den Dreck, den hab ich nämlich von draußen mitgebracht. Ihr wisst doch noch, oder? Das Draußen, vor dem ihr gerade die Zäune hochzieht?

Da komm ich her. Doch jetzt bin ich Bestandteil von eurem Bausatz, ob’s euch passt oder nicht. Kann sein, dass es noch ne Menge Kleber brauchen wird, aber wir zwei *werden* uns an den Händen fassen. Das verspreche ich dir.

Nun gehöre ich nämlich zum Prozessablauf, Amigo. Ich funktioniere, so wie du; habe einen Job zu erledigen, so wie du. Abends komm ich heim, zu meiner Frau und meinen Kindern und leg die Füße hoch — genau wie du. Ich zieh die Stiefel aus und stell sie neben dem Sessel ab — dann blicke ich eine Zeitlang verträumt in den Kamin und genieße das Gefühl, Teil des großen Ganzen zu sein.

Angepasst. Ausgeglichen. Frei von Reibungen und Konflikten, die Hitze erzeugen.

Früher war das anders, da habe ich mich daran gewärmt: Die Flamme unter meinen Füßen hat mich voran getrieben. Dauernd wollt’ ich nur dazu gehören, eine Nische im Puzzle finden und mich hinein quetschen, bis es stimmt. Doch an keinem Ort konnte ich lang genug bleiben, bevor ihr mir die Sohlen versenkt habt.

Das Spotlight eurer Aufmerksamkeit ist ein ganz schön heißes Pflaster. Kaum geht es an steht man da und muss sich erklären. Der Boden beginnt zu brodeln, die Stimmung kocht.

Dabei gucke auch *ich* jeden Morgen in den Badezimmerspiegel und die Ratlosigkeit glotzt mich an:

Wer bin ich? Was ist meine Identität?

Heute wie damals ist mein einziger Anhaltspunkt mein Spiegelbild, das verloren mit den Achseln zuckt:

„Du bist niemand“, flüstert es mir verschwommen zu. „Nur ein Teil des großen Ganzen; ein Puzzlestück, dessen Kanten man nicht mehr erkennt, wenn die Kamera heraus zoomt. Die Sollbruchstellen verschwinden, wenn man einen Schritt zurück und das Ganze aus der Totalen betrachtet.

Eben integriert.“

Das Lachen, das mir in der Kehle steckt, will den letzten Schritt über meine Lippen nicht machen; es verklemmt sich in meinem Hals, verkantet sich und staut alles Lachen, das jemals war oder sein wird.

Wer bin ich? Was kann ich? Woher komm’ ich?

Ich bin doch integriert, ein Teil des Ganzen.

Wenn ich über diese Frage nicht lachen kann, wie sollen es dann die anderen?

A single golf clap? Or a long standing ovation?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.