Großer, großer Teddybär

GrowSmarter
Fünf Minuten vor dem Interview mit LeBron James. ©privat

Mit rudimentären Englischkenntnissen LeBron James interviewen — ist das Mut oder Leichtsinn? Und: Kann man Mut überhaupt lernen?

von Hannes Hilbrecht, GrowSmarter

Es ist ein Sonntag im September. Ein grauer Tag in Berlin-Rummelsburg, die Wolken hängen tief, es ist der erste kühle Tag seit Monaten. Der Wind zerfleddert meine Haare. Ich schwitze trotzdem. Reibe mir die Hände an der verwaschenen Jeans trocken. Gehe verlegen im Kreis, habe mit fiesen Nervositäts-Blähungen zu kämpfen.

Ich kann doch nicht allen ernstes furzen, wenn ich dem King begegne.

Fünf Pläne hatte ich zwischenzeitlich erwogen, wie ich den Termin kurzfristig noch canceln könnte:

Magendarmgrippe.

Ohnmachtsanfall.

Ein totes Familienmitglied.

Eine anonyme Terrorwarnung bei der Polizei.

Eine von mir angezettelte Prügelei mit einem anwesenden BILD-Journalisten.

Alles scheisse, unklug, dumm, schon gar nicht witzig (bis auf den letzten Punkt, vielleicht). Ich tue, zum Glück, nichts davon. Ich besinne mich rechtzeitig.

Um mich herum ist es laut, überall wirren Menschen umher. Nur in mir selbst ist es ganz leise. Ich schaue auf meinen Notizblock und denke: “Du schaffst das. Irgendwie. Umbringen wird dich keiner.”

Der Tag, von dem ich schreibe, war der aufregendste meines Berufslebens. Ich habe LeBron James interviewt. Zehn Minuten im ziemlich exklusiven 1 zu 1.

Für alle, die es nicht wissen: LeBron James ist zwar nicht der größte Athlet des Planeten, aber wohl der populärste, und ganz sicher der am besten vermarktete. Im Paralleluniversum Weltsport ist er eine Instanz, Role-Model für Millionen Heranwachsende, vielleicht bald auch Politiker.

James ist riesig — von der Erscheinung bis zum Wirken.

Für manche mag so ein Interview wie ein Kindheitstraum klingen. Zumal, wenn man sein Geld als Journalist verdient und seit Jahren an US-Sport-Fanatismus leidet. So wie ich.

Doch für mich war dieses Interview zunächst ein Alptraum. Ich bin nämlich ein echter Fremdsprachen-Lauch.

Ich verstehe Englisch, ich kann es schreiben, aber meine Aussprache ist katastrophal. Verbal bringe ich keinen geraden Satz heraus. Es ist, als hätte ich einen Basketball im Mund.

2. Was ist eigentlich Mut?

Ich habe ein gutes Zitat im Kopf, weiß aber nicht, von wem es stammt. Auch eine schnelle Google-Suche hilft nicht.

“Mut kommt aus dem Bauch. Alles andere ist Verzweiflung.”

Ich meine, der Schriftsteller Charles Bukowski hat das mal gesagt oder aufgeschrieben. Vielleicht haben sich auch nur zwei verschiedene Satzfetzen in meinem Kopf verirrt und sich gegenseitig an die Hand genommen. Das Zitat jedenfalls klingt verdammt gut. Es ist aber trotzdem verdammt falsch.

Mut kommt aus dem Kopf, und wirklich nur daher.

Aber, was ist Mut?

Meine Definition: Mutig bin ich, wenn ich etwas wage, obwohl ich genau abschätzen kann, dass ein nicht minder großes Risiko besteht, kolossal bei diesem Vorhaben zu scheitern. Und zum Mut gehört auch, dass man sich auf andere Variablen verlassen muss, man nicht alles in der eigenen Hand hat.

Man sagt ja auch, dass man Mut und Leichtsinn nicht verwechseln sollte.

Leichtsinn ist für mich, wenn man etwas sehr Mutiges tut, und gleichzeitig weiß, dass die möglichen Folgen eines bereits kleinen Fehlers irreparabel sind. Wenn ich hinnehme, dass nicht nur meine, sondern auch die Welt anderer einstürzen kann.

Klippenspringen ist für mich Leichtsinn. Paragliding. Base-Jumping. Illegale Geschäfte, die ein Unternehmen mit vielen Arbeitsplätzen gefährden.

Ein Interview mit LeBron James? Was soll schon passieren. Ich bin 25. Meine Karriere wird nicht enden, wenn er das Gespräch abbricht, weil er nur ein Rauschen und Nuscheln aus meinem Mund vernimmt, meine Aussprache zu feucht ist.

Was bleibt, ist ein Ritual, das man vor einer gewagten Entscheidung pflegen sollte:

Bevor ich etwas nach meiner Fasson Mutiges tue, prüfe ich, ob es nicht vielleicht nicht doch eher Leichtsinn ist. Ich versuche, es mir herzuleiten. Das gelingt, solange der Impuls zur waghalsigen Tat nicht stärker ist.

3. Mut kann man lernen

Der Football-Quarterback Russell Wilson tut viel Mutiges auf dem Spielfeld. Er ist viel zu klein für seine Position, und spielt sie trotzdem erstaunlich gut. Woche für Woche lässt er sich von 130 Kilo schweren Gegenspielern vermöbeln. Er macht aber auch Leichtsinniges. Ein Vierteljahr spielte er gleichzeitig mit einem getapten Knöchel und einer Kniemanschette. Ein Hashtag, den er häufig für eine seiner Botschaften an die Welt benutzt, war mir vor dem James-Termin eine Lehre:

“Preparation is the Separation”.

Vorbereitung macht den Unterschied.

Zwei Tage hatte ich Zeit, um mich nach der finalen Zusage auf das Interview vorzubereiten.

Vorbereitung heißt:

Ich schrieb mir zehn Fragen zusammen und lernte sie auswendig. Insgesamt acht Stunden lang las ich vor fachkundigen Ohren jede Frage laut vor. Jede Betonung wurde hundertfach geübt. Manchmal entstanden Melodien. A-pre-chi-ate. A-pre-chi-ate. A-pre-chi-ate. Stellt euch das singend und klatschend vor.

Ich entwarf ein Drehbuch für das Gespräch. Von der Begrüßung bis zur Verabschiedung war alles einstudiert. Ich übte sogar Haltung und Blicke vor dem Spiegel. Zum Beispiel die verzogene Stirn bei Nachfragen (Oh Gott, spontane Nachfragen). Ich kalkulierte James-Antworten ein. Ich trank Ingwer-Tee mit Honig am Morgen, um das Risiko von Heiserkeit zu minimieren.

Mein erster Satz sollte sein:

“Mr. James, to keep it short and simple and make it more comfortable for you, I will read my questions.”

Alles stand auf meinem Schnellhefter und einem Block, den ich mit zu James nahm.

Man muss wissen, und da sind wir beim Thema Mut: Man kann sich noch so gut vorbereiten, am Ende kommt es doch immer anders, als man sorgfältig geplant hat. In jeder Lebenslage. Manches ist eben nicht planbar.

Warum Vorbereitung dennoch das Wichtigste ist? Es heuchelt einem das Gefühl von Sicherheit vor, die es nicht gibt, gar nicht geben kann. Aber auch vorgeheuchelte Sicherheit fühlt sich gut an.

Das Gefühl einer guten Vorbereitung ist besser für die Psychohygiene als für den eigentlichen Termin.

4. Die Audienz

Während ich blähend meine Kreise drehe und mit kurzen Antworten auf die Nachfragen aus dem James-Staff reagiere, erkennt ein Mann mein Unbehagen. Aus dem Kopfhörer, der in seinem linken Ohr steckt, dröhnen Stimmen. Er beruhigt mich, sagt, ich soll mich entspannen.

“Mr. James is a teddy bear. A tall teddy bear. A very tall teddy bear.”

Ich werde zu seiner Kabine geführt. Zuvor waren die deutschen Top-Fußballer Leroy Sane und Jerome Boateng zu Besuch. Boateng steht noch da, sieht neben LeBron winzig aus.

Neben einem roten Sessel wird ein schwarzer Klappstuhl aufgestellt. Das ist mein Platz. Und es ist gar kein 1 vs. 1 Interview. Im Raum schwirren 25 bis 50 Menschen umher. Es ist eigentlich eine Halle innerhalb einer anderen Halle.

Ich werde James vorgestellt. Seine Hüften enden auf der Höhe meiner Brust. So kommt es mir zumindest vor. Sein Bart ist beeindruckend. Ich wische die Hand trocken, heimlich, und erwidere den Handshake.

Ich nehme Platz, sortiere meine zurechtgelegten Wörter.

“It´s a great honor and my pleasure… “

Ich komme nicht dazu. James fragt, wie es mir geht. Der Plan ist dahin. Ich stottere, “good, nervous, excited”.

Zehn Minuten sprechen wir. Besser gesagt: Lese ich James aus meinem Schnellhefter Fragen vor. Mein Englisch ist besser geworden. Er versteht alles. Wenn er antwortet, spricht er leise, beugt sich zu mir vor, damit ich ihn ja verstehe. Am Ende gibt er mir nochmal die Hand, die teuerste der Welt. Dieses mal konnte ich meine nicht vorher abtrocknen.

Ein netter Kerl, der Mr. James.

Als ich aus dem Raum geführt werde, entsteht eines der schönsten Gefühle, das es auf dieser Welt gibt: Erleichterung. Muskeln entspannen sich, Knoten lösen sich, das Gehen fällt wieder leicht. Einatmen. Frische Luft.

Ich weiß: Ich habe eine Geschichte, die ich aufschreiben kann. Dafür war ich hier. Nur darum ging es. Nicht für einen guten Eindruck bei Mr. James.

5. Wachse über dich hinaus

Ich leite ab heute, dem 1.10.2018, ein Wachstumsmagazin. Es heißt GrowSmarter. Die Themen sind Online Marketing und New Work. Als ich vor einem Jahr bei der Agentur hinter dem Mag anfing, hatte ich von beiden Themen keine Ahnung. In meinem Leben vor MANDARIN MEDIEN interessierten sie mich einfach nicht. Mein Chef Kevin war mutig genug, mich einzustellen.

“Unversaut starten”, nenne ich es in meinem GrowSmarter Editorial.

Auch das war mutig. Ich brauchte viel Selbstüberschätzung, um mir diesen Job zuzutrauen.

Mut ist ein entscheidendes Grundelement unseres Lebens. Er bestimmt mit, welche Wege wir gehen und welche Abzweigungen wir verpassen. Dank ihm wachsen wir über uns hinaus.

Es ist mutig, als Kleinkind das erste Mal zum aufrechten Gang aufzustehen.

Der erste Tritt in eine Fahrradpedale ohne Stützräder ist mutig.

Das Ansprechen des ersten Mädchens oder der späteren Ehefrau ist mutig.

Wir wachsen nur, wenn wir Dinge wagen, die auch schiefgehen können. Doch wir wagen nur, wenn wir scheitern dürfen.

Das muss uns bewusst sein, Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Genauso wie der Fakt, dass es kein besseres Learning gibt als das Scheitern an einer großen Aufgabe.

Ein Beispiel?

Ein Fußballtrainer, den ich einmal zum Bier traf, sagte mir, dass er zu Saisonbeginn viel lieber schmerzhaft verlieren würde als glücklich zu gewinnen. Weil so ein Sieg den Blick auf das Wesentliche verneble, sagte er.

Scheitern gehört zum Erfolg. Manchmal bedingen Niederlagen erst künftige, viel größere Siege.

Oliver Wurm, ein Verleger aus Hamburg, hat mal gesagt: “Auch auf die Fresse fallen ist eine Vorwärtsbewegung.”

Es gibt keinen besseren Satz, um diesen Text zu beenden.

*GrowSmarter erscheint jeden Montag. Wir sind ein LowBudget-Projekt. Wir geben uns viel Mühe und wollen unsere Leser schlauer machen. Kommt alle vorbei.

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GrowSmarter ist ein Wachstumsmagazin und eine Plattform für die smarte Denker aus Marketing und New Work. Hier schreiben: Kevin Friedersdorf & Hannes Hilbrecht.

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