Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen — Session beim #sck15

Interessant sind immer wieder Lektüretechniken, die mir bei meiner publizistischen Arbeit über den Weg laufen. So fragt der Künstler Bazon Brock seinen Freund und Philosophen Peter Sloterdijk, wie er denn sein unglaubliches Lesepensum bewältigen würde. Brock selbst finde es “tollkühn”, wenn er lesenderweise von Seite zwei auf Seite drei komme. Sloterdijk bezeichnet seine Art des Lesens als “inhalatorisch”.

Peter Weibel, Medientheoretiker und Vorstand des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) hingegen liest nicht quer, er scannt die Bücher und braucht gerade mal 20 Minuten für ein Werk. Brock vergleicht die Einverleibung eines Buches mit der Einverleibung einer Mahlzeit.

Bertolt Brecht fand mit sicherem Griff eine Vielzahl von Texten, die er gebrauchen, bearbeiten, verwerten konnte: “Er hatte bekanntlich keine Scheu, sich die Lektüreerfahrung anderer nutzbar zu machen. Auf diese Weise akkumulierte er eine erstaunliche Menge Lesestoff”, schreiben Helmut Lethen und Erdmut Wizisla im Brecht-Jahrbuch 23 (1997/98). Dabei erwähnen die beiden Autoren ein Buchgeschenk von Walter Benjamin an Brecht Anfang der 1930er Jahre. Es handelt sich um das Opus „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ des spanischen Moralphilosophen und Jesuiten Balthasar Gracian — eine Klugheitslehre, geschrieben 1647 und von Arthur Schopenhauer ins Deutsche übersetzt. Brecht hat das Buch offenbar wiederholt zu Rate gezogen. Er versieht 26 er 300 Verhaltensregeln mit An- und Unterstreichungen. Bemerkenswert: Neben den Satz von Gracian, „denn nicht nur mit Worten, sondern auch mit Werken wird gelogen“, setzt Brecht ein Ausrufezeichen.

Montage von Zitaten

Der Autor Walter Kempowski war ein Sammler, ein Kompilator, ein Zusammenträger von Fundstücken und hat daraus nie ein Hehl gemacht. Im Gegenteil. Er hat über seine Methode stets bereitwillig Auskunft gegeben, hat seine Interview-Collagen mit den TV-Film-Collagen seines Freundes und Filmregisseurs Eberhard Fechner verglichen: Aufzeichnungskünste einer neuen Volkskunde. Folgerichtig ist Kempowski von der Literaturkritik etwas abschätzig als “Zettelkasten-Literat”, eifriger Jäger und Sammler und Museumsdirektor einer literarischen Ausstellung tituliert worden. Doch nur mit dieser Arbeitsmethodik konnte das kollektive Tagebuchprojekt “Echolot” entstehen. Der Literaturkritiker Jörg Drews stellte zu Recht fest, Kempowski erfülle das Vermächtnis Walter Benjamins, der sich seine Pariser Passagen als pure Montage von Zitaten gedacht hatte, die so sprechend zu arrangieren seien, dass der Kommentar des Autors überflüssig werde.

Noch spannender ist die Recherche- und Lektüre-Methode des Religionsphilosophen Jacob Taubes, der ein wichtiges Werk und eine zentrale Botschaft angeblich schon durch Handauflegen erkannte. Es war seine Art, die für ihn wichtigen Werke zu lesen. Er war ein Jäger des einen Satzes oder Wortes, in dem sich das Wesentliche des Geschriebenen kondensierte.

Taubes hatte ein Gespür für aufkommende Themen. Das bringt der Literaturwissenschaftler Walter Sokel sehr treffend auf den Punkt: “Bevor es Google gab, gab es Taubes.” Ein Reisender, der Ideen streut und in neuen Kontexten zugänglich macht. Für den Suhrkamp-Verlag entdeckte er Autoren wie Roland Barthes, Lucien Goldmann, Isaiah Berlin und Daniel Bell. Er hörte das Gras bereits auf den Schreibtischen wachsen.

Die wahre Kunst des Kuratierens

Das Gespräch stand im Mittelpunkt seiner intellektuellen Persönlichkeit. Taubes war ein Gelehrter des gesprochenen Wortes. Im Dialog entwickelte er seine Gedanken. Die Auseinandersetzung mit einem realen Gegenüber wurde zum Katalysator seines Denkens. Ein Kurator, der Neues nicht nur aufspürt, sondern Gegenläufiges kombiniert. Das unterscheidet sich grundsätzlich von der inflationären Verwendung des Begriffs “Kuratieren”. Selbst ernannte Social-Media-Gurus wollen schlichtweg Content kuratieren oder aggregieren. Sie beschränken sich in der Regel auf das Auswählen — mehr nicht. Es geht aber um mehr. Es geht um Annahmen, Gegenüberstellungen, Begegnungen, neue Erkenntnisse, Experimentiermöglichkeiten und Assoziationen.

Das führt direkt zur Methodik des Strukturalisten, Soziologen und Semiologen Roland Barthes. Autor von intellektuellen Spiel- und Kultbüchern wie “Am Nullpunkt der Literatur”, “Mythen des Alltags”, “Die Lust am Text” oder “Fragmente einer Sprache der Liebe”. Auch Barthes hat eine besondere Form der Lektüre und des Schreibens praktiziert. Sein publizistisches Schaffen war nicht darauf aus, ein komplexes und unumstößliches Gedankengebäude zu erreichen — im Gegensatz zu Jean-Paul Sartre.

Höchst sympathisch ist das Leitmotto von Barthes:

“Lieber die Trugbilder der Subjektivität als der Schwindel der Objektivität. Lieber das Imaginäre des Subjekts als seine Zensur.”

Nachdem Barthes die großen schützenden und bequemen Denksysteme hinter sich gelassen hatte und in die offene Weite einer ungeschützten Subjektivität aufgebrochen war, musste er es geradezu darauf anlegen, in seinem Schreiben den äußeren Inhalt eines Buches völlig außer Acht zu lassen, so dass er die Bücher der anderen, über die er schrieb, auch gar nicht mehr von Anfang bis Ende las. Ein Buch sei nicht dazu da, um ganz gelesen zu werden, verkündet er, man müsse Passagen überspringen und nur Teile daraus entnehmen, Schriftproben ziehen, er selbst, gestand er, könne nur von wenigen Autoren behaupten, sie ganz gelesen zu haben. Roland Barthes war ein Meister der fragmentarischen Gedanken. Vieles in seinem Werk ist unfertig. Er verzichtete auf Geschlossenheit und auf die Abgeschlossenheit seiner Arbeiten: „Unsere Geschichte ruft uns zu einer ständigen Erneuerung auf. Darum hat das Neue für mich den Wert einer Katharsis — also einer Reinigung. Wir sind eine mobile Gesellschaft und deshalb müssen wir immer weiter gehen und Neues entdecken“.

Barthes verachtete die Anmaßungen des Wissenschaftsbetriebes, seine Schriften, Vorträge und Interviews eröffnen Räume für Spekulationen und für neue Gedanken. Ein Meister der fragmentarischen Gedanken und fixen Ideen: „Mich interessieren alle Dinge, aber an allen Dingen nicht alles.“

Zur fragmentarischen Lektüre gelangte der Schriftsteller Gottfried Herder nicht durch seine Leidenschaften, sondern durch die Informationsüberflutung — im 18. Jahrhundert!

Er stellt die Frage, wie man eine ganze Bibliothek und das gesamte Weltwissen lesen kann. Zum Zeitpunkt seiner Abreise aus Riga zu einer langen Seefahrt ist Herder gerade einmal 24 Jahre alt. „Er beklagt sein Gelehrtenschicksal und sieht sich geradezu ertränkt von Büchern. Er sei ‚ein Wörterbuch von Künsten und Wissenschaften‘. Herder beschreibt sich als trockener Gelehrter, als ein totes, künstliches System von Wissensbeständen. Er selbst sei ‚ein Tinenfaß von gelehrter Schriftstellerei. Mit 24 ist Herder so angefüllt von Wissen, dass er dieses als Ballast beklagt“, so Matthias Bickenbach und Harun Maye in ihrer Abhandlung „Metapher Internet — Literarische Bildung und Surfen“, erschienen im Kadmos Verlag.

Was Herder mit seinem privaten Archiv erlebe, ist im Kleinen das, was im Fall des gelehrten Wissens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum generellen Problem wird: Der Buchmarkt als Massenmarkt. Das Auffinden der Bücher war weitgehend auf den Gesamtüberblick des Bibliothekars, auf sein persönliches Gedächtnis angewiesen. Es gab weder eine Lösung, um Neueingänge schnell eingliedern zu können, noch wusste man, wie Misch- und Sammelbände zu klassifizieren oder wie Zeitschriftenbeiträge bibliographisch festzuhalten waren. „Deutlich wird, dass eine Bibliothek zu stark auf die Ordnung des Wissens Einfluss nimmt, Innovationen erschwert oder unmöglich macht“, führen Bickenbach und Maye aus.

Herder entwickelt deshalb in seinem Reisejournal die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es ist ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der so genannten „percursio“- im Durchlauf — darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Man kann es eher als eine Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten bezeichnen. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus.

Herder befreit sich aus der Flut der Bücher. Seine Lektüre ist nicht mehr festgelegt auf einen ursprünglichen oder autoritätsfixierten Wortlaut. Herders Suchläufe kennen keinen Abschluss. Das Universalarchiv ist uneinholbar. Eine beständige Lektüre der Menschheitsschriften ist unmöglich. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Es reicht nur zu Verweisen und Fundorten. Entscheidend ist die Zirkulation der Daten, der Datenstrom, der keinen Anfang und kein Ende hat, der neue Routen und Entdeckungen zulässt. Kanonische Wissensbestände müssen durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden.

Ähnlich verlaufen die Lektüre- und Recherchemethoden von Roland Barthes. Seine Notizbücher sind offen für alles, für Theorien, Phantasmen, Erzählungen und Abschweifungen. Die Zusammenhanglosigkeit zog Barthes der Ordnung vor und konzentrierte sich auf das “Rauschen der Sprache”. Bücher zusammengesetzt aus kurzen, eruptiven Zwischen-Texten. Es zeigt sein eigenes Leben als Stückwerk, als Sammelsurium von einigem Notwendigen und viel Zufälligem. Nachzulesen in dem vorzüglichen Sammelband des Literaturwissenschaftlers Christian Linder (nicht verwechseln mit FDP-Lindner) “Noten an den Rand des Lebens — Portraits und Perspektiven”, erschienen im Matthes & Seitz-Verlag.

Meine subtile Jagd nach Sätzen besteht eher aus Klumpenbildungen und Bücherhaufen für neue Ideen. Basis ist dabei eine ausufernde Bibliothek „Schränke voll knurriger, grollender, vorwurfsvoller Bände, die an der schlimmsten Bücherkrankheit leiden, die es gibt: dem Ungelesensein — ein Schmerz, der in Wut umschlägt, wenn das Buch daneben zum zweiten- oder zum drittenmal gelesen wird.“ So hat es der Schriftsteller Cees Nooteboom trefflich formuliert. Die Standardfrage unserer Gäste beim Betrachten der Bibliothek ist immer die gleiche. “Wie viele von diesen Büchern hast Du denn wirklich gelesen???” Umberto Eco antwortet darauf: „Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene.”

Eine Bibliothek sollte so viel von dem, was man nicht weiß, enthalten, wie der Besitzer angesichts seiner finanziellen Mittel hineinstellen kann. Dann entwickelt sich so langsam ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Um so mehr, wenn man kein Freund von Ordnungssystemen ist. In meinem Fall ist das noch eine vornehme Formulierung. Ich bin ein bibliophiler Vollchaot, der nur erahnen kann, wo sich ein Werk befindet. Mal da, mal hier, mal im Keller, mal im Arbeitsbüro, mal in der Bibliothek, mal in irgendwelchen Bücherstapeln in der Küche oder am Bett.

Meine Frau merkt sofort, wenn ich auf subtiler Jagd bin. Mit manischem Blick stapfe ich die Treppen hoch und runter. Folgt auf die Frage meiner Liebsten, was ich denn suchen würde, nur die knappe und etwas genervte Antwort “ein Buch”, lässt sie mich in Ruhe. Weitere Erklärungen über Autor, Titel, Verlag oder Erscheinungsjahr des begehrten Objektes wären sinnlos, da ich ja der Übeltäter bin, der das Opus nach irgendeinem Gesichtspunkt irgendwo hingestellt hat.

Auf der Suche nach der verschwundenen Literatur stoße ich dann meistens auf ganz andere Kostbarkeiten.

Im ichsagmal.com-Blog und auf Youtube berichte ich ab und zu etwas über meine Fundstücke und über die Ergebnisse meines kursorischen Lesens. Etwa über die zeitlosen und zeitgemäßen Betrachtungen von Richard Schaukal, die er in einer Art Zettelkasten-Literatur festgehalten hat. Zwei Bände kann ich da vorweisen, die im Georg Müller-Verlag 1913 und 1918 erschienen sind. In meinem Büro gibt es deshalb einen Zettelkasten-Literatur-Stapel oder Haufen.

Dominant sind dabei Niklas Luhmann-Traktate. Und das ist mehr als ein Zufall: Denn ich schätze den kauzigen Soziologen, den ich bei einem Fachvortrag an der Uni Mainz hautnah erleben durfte. Das muss so Anfang der 1990er Jahre gewesen sein — 1998 ist Luhmann bekanntlich gestorben.

Sein Aufsatz „Die Kommunikation mit Zettelkästen” verführte mich zu einer intensiveren Lektüre. Da geht es um Überraschungseffekte, Informationen und Systeme — was jetzt für Luhmann-Kenner keine Überraschung ist. Aber seine Gedanken können sehr schön in die digitale Welt transformiert werden. Denn im Vordergrund stehen systematische Zufälle in der Kommunikation. Man kann ja Zufälle systematisch in Systeme einbauen. „Auf Notizensammlungen übertragen: Man kann den Weg einer thematischen Spezialisierung (etwa: Notizen über das Staatshaftungsrecht) oder den Weg einer offenen Anlage wählen.” Luhmann entschied sich bekanntlich für den zweiten Weg.

Zettelkasten als Zweitgedächtnis

Für das Innere des Zettelkastens, für das Arrangement, für sein geistiges Leben sei entscheidend, dass man sich gegen eine systematische Ordnung entscheidet, so Luhmann. Man benötigt beliebige innere Verzweigungsfähigkeiten. „Als Ergebnis längerer Arbeit mit dieser Technik entsteht eine Art Zweitgedächtnis, ein Alter ego, mit dem man laufend kommunizieren kann.”

Die Gesamtheit der Notizen lasse sich nur als Unordnung beschreiben, immerhin aber als Unordnung mit nichtbeliebiger innerer Struktur — das würde meinen Bücherhaufen entsprechen, die ich immer wieder nach neuen Themen zusammenstelle.

„Manches versickert, manche Notiz wird man nie wieder sehen (Schicksal auch einiger Bücher, die bei mir hoffnungslos vergraben sind, gs). Andererseits gibt es bevorzugte Zentren, Klumpenbildungen und Regionen, mit denen man häufiger arbeitet als mit anderen. Es gibt groß projizierte Ideenkomplexe, die nie ausgeführt werden; und es gibt Nebeneinfälle, die sich nach und nach anreichern und aufblähen, die an untergeordneter Textstelle angebracht mehr und mehr dazu tendieren, das System zu beherrschen”, schreibt Luhmann.

Es ist die Kombination von Unordnung und Ordnung, die mich bei diesem Zettelkasten-System fasziniert. Ein Ideen-Gewimmel mit unendlichen Kombinationsmöglichkeiten, das erst im Moment der Auswertung produktiv wird. Dazu Luhmann: „Insofern arbeite ich wie ein Computer, der ja auch in dem Sinne kreativ sein kann, dass er durch neue Kombination eingegebener Daten neue Ergebnisse produziert, die so nicht voraussehbar waren.“

Ähnlich organisiere ich meine Recherchen für Projekte, Artikel, Interviews und Formatideen. Remix, Re-Kombination und Collage von Fundstücken im Netz und in der analogen Welt sind dabei relevant. Bei den Haufenbildungen bin ich allerdings im Vergleich zum Ausstellungsmacher Harald Szeemann ein Waisenknabe.

Sein 760 laufende Meter umfassende Tessiner Archiv wird von einem Chaos der Ordnungen in allen Ebenen beherrscht. Zettel an Schnüren von der Decke, Karteikästen mit Registern auf Tischen, Schubladenschränke, Regale, Kisten und Tüten, Versuche des Reihens und Stapelns, der Serien- und Haufenbildungen. „Unordnung ist eine Quelle der Hoffnung“ steht unter einem Regalbrett: „Das Wichtigste ist für mich, mit geschlossenen Augen durchzugehen, und meine Hand wählen zu lassen.“