Sprachautomat des 18. Jahrhunderts

Sag mal “Romanum Imperator”: Was Sprachautomaten schon im 18. Jahrhundert konnten

Amazons Echo, Google Home und Apples Siri werden nach Ansicht von Torsten Beeck — Head of Social Media bei Spiegel Online, die Art auf den Kopf stellen, wie wir mit Computern interagieren, und sie werden das Format der Inhalte prägen, die wir nutzen. “Diese Plattformen müssen wir sehr schnell verstehen und lernen, wie wir überhaupt noch als Marke präsent sein können, wenn das Interface das gesprochene Wort ist.“

Spracherkennung oder Sprachsynthese — vor Jahren schon als wichtige Dienste für das Netz proklamiert — kommen wohl erst jetzt zur vollen Blüte. Etwa für die Podcast-Produktion.

Immer mehr Smartphone-Besitzer werden ihr Hörgerät gar nicht mehr aus dem Ohr nehmen, um darüber personalisierte Sprachnachrichten eingeflüstert zu bekommen, prognostiziert Richard Gutjahr: “Terminerinnerungen, Flugsteig-Änderungen, VIP-Messages oder Breaking News. Zuhause werden Smarthome-Boxen diese Funktion übernehmen.” Mittelfristig werden alle unsere Wohnungen über einen solchen Sprachcomputer vernetzt sein.

“Für Mediendienste wird sich die Frage stellen, was ihre Rolle auf diesen Plattformen sein könnte”, fragt sich Gutjahr.

Spannend und nicht unumstritten ist das Programm VoCo. Es braucht nach Angaben von Adobe 20 Minuten Stimmmaterial. “Dann kann es beliebige Texte mit dieser Stimme sprechen. Auch im Radio könnte es künftig zum Einsatz kommen”, schreibt Sandra Müller.

Sprachautomat am Hofe von Kaiserin Maria Theresia

Sprachautomatisierung ist also in aller Munde und beflügelt die Netz-Debatte in diesem Jahr. Was viele nicht wissen, sind die Ursprünge der Sprachautomaten-Herstellung. Die begann im 18. Jahrhundert und elektrisiert mich immer wieder, wenn ich Publikationen aus dieser Zeit und Ergebnisse der Geschichtsforschung studiere. Mechanische Apparate und Automaten galten an den Fürstenhöfen vor rund 250 Jahren als begehrtes Spielzeug. Die ausgefeilte Technik dieser Wunderwerke im Kleinformat kamen erst mit der langsam einsetzenden Industrialisierung für nützlichere Aufgaben zum Einsatz.

Der berühmteste Automat wurde 1769 von Wolfgang von Kempelen am Hofe von Kaiserin Maria Theresia gebaut: Der „Türke“, wie man die Puppe wegen ihrer orientalischen Tracht nannte, zählte als Schachapparatur zu den größten Techniksensationen seiner Zeit. Funktionierte die Maschine wirklich autonom, dann wäre sie die „wunderbarste über jedwede Vergleichung turmhoch erhabene Erfindung der Menschheit“, bemerkte Edgar Allen Poe, der die Maschine in Richmond bestaunen durfte.

Die Erfindung des Schachtürken machte Kempelen in Europa und den USA berühmt. Sie war zwar eine Täuschung, „aber eine Täuschung, die dem menschlichen Verstande Ehre machte“, so Karl Gottlieb Windisch über das Genie der Mechanik. Die meiste Energie verwendete Kempelen allerdings auf seine sprechende Maschine. Durch ihre Bedienung sollten Gehörlose in die Lage versetzt werden, ihre Gedanken zu artikulieren. Kempelen war davon überzeugt, „dass die Maschine ohne sonderliche Kunst mit Tasten, wie ein Klavier oder eine Orgel einzurichten wäre, dass Spielen auf derselben, gegen die dermalige Art Jedermann viel leichter fallen würde“, berichtet 1792 das „Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte“ (Band 8, Seite 101).

Das mechanische Stimm-Wunder funktionierte sogar polyglott und beglückte das Publikum mit Sätzen wie „vous etes mon ami — je vous aime de tout mon Cœur“. Es glänzte auch in lateinischer Sprache: „Leopoldus Secundus — Romanum Imperator — Semper Augustus“.

Mechanische Simulation

„Die Sprechmaschinen des 18. Jahrhunderts stehen am Beginn einer Geschichte der künstlichen Sprachsynthese; sie erweisen sich als systematische Strategien einer Visualisierung menschlicher Sprach und Kommunikation“, bilanziert die Wissenschaftlerein Brigitte Felderer.

Die Idee, dass ein lebendiger Organismus nach physikalischen Gesetzen funktioniert und prinzipiell mit Mitteln der Mechanik simuliert werden kann, war spätestens seit dem 17. Jahrhundert nicht länger unklar und verdächtig, sondern wissenschaftliche Hypothese. Die Pionierarbeit von Kempelen wirkte bis ins 20. Jahrhundert auf Persönlichkeiten wie Charles Babbage, dem „Father of computing“, Homer Dudley, der den Voice Operation Demonstrator (VODER) baute oder auf Mathematiker wie John von Neumann und Norbert Wiener, die sich mit Sprache und Logik beschäftigten. Für die heutigen Sprachsynthese-Systeme ist die mechanische Kempelen-Konstruktion nicht mehr relevant. „Wissenschaftsgeschichtlich jedoch ist es nach wie vor von Bedeutung, ebenso seine Ansichten und seine philosophische Betrachtungsweise“, erläutert die Kempelen-Expertin Alice Reininger von der Universität für angewandte Kunst in Wien.

Original und Nachbau des Kempelen-Sprechapparates sind zur Zeit im Deutschen Museum in München ausgestellt. Die kleine Kabinetts-Ausstellung ist noch bis zum 30. Juni 2017 im Foyer der Bibliothek zu sehen.