Sozialingenieure im Steuerungswahn — Über das kybernetische Erbe der Macy-Konferenzen


Während sich draußen alles vernetzt, vertrödeln drinnen in den Unternehmen die Manager mit verbrauchten Ritualen aus dem vergangenen Jahrhundert wertvolle Zeit:

„Topdown-Formationen, Silodenke, Insellösungen, Abteilungsegoismen, Hierarchiegehabe, Budgetierungsmarathons, Anweisungskultur, Kontrollitis, Kennzahlenmanie.”

Man kann es in jedem Organigramm bewundern:

„Sie verdeutlichen — vielleicht mehr als alles andere — die wahre, fossile Gesinnung: Der Chef thront ganz oben, darunter, in Kästchen eingesperrt, seine brave Gefolgsmannschaft”, so Anne Schüller, Autorin des Buches „Das Touchpoint-Unternehmen”, erschienen im Gabal-Verlag.

Mitarbeiter kommen in solchen Abbildungen nicht vor — sie sind Fußvolk und werden in den Schubladen der verschiedenen Abteilungen verwaltet. Und die Kommunikation zu den Kunden läuft über so genannte “Kanäle” — also was man so früher darunter verstanden hat mit klar identifizierbaren Sendern und Empfängern.

Verlust der Klarheit

Hübsch kybernetisch. Im Internet hat man aber diese Klarheit nicht. Oder in den Worten des Zettelkasten-Soziologen Niklas Luhmann:

“Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird.”

Trotzdem pflegt man in den Fachkreisen der Manager das Bild des Kanals: Solche K A N Ä L E in Werbung und PR sind nicht nur weitere Silos und Hierarchien — diesmal halt nach außen gerichtet. Ohne Integration in die eigene Organisation und ohne Vernetzung. Man läuft einer dümmlichen Schimäre der Übersichtlichkeit hinterher, die über Pläne steuerbar sei.

“Mit stolzer Brust wird zwar über Multichannels geredet und mit Crosschannel-Expertise geprotzt, doch aus Sicht der Kunden betrachtet crosst gar nichts”, kritisiert Schüller.

Kommandostrukturen als Bremsklotz

Formalismen, Kommandostrukturen, Kontroll- und kundenfeindlicher Standardisierungswahn seien die größten Bremsklötze. Die Zahlenhörigkeit vieler Führungsgremien ist geradezu abstrus:

“Oft genug wird ganz fanatisch das Falsche getan, Hauptsache, es kann gemessen werden. Und Manipulationen zum eigenen Vorteil sind Normalität. Dem Kennziffernjoch kann niemand entkommen. Selbst die Mitarbeiterperformance wird nun über Dashboards und Cockpits gesteuert, so, als ob Menschen Maschinen wären, bei denen man die Anzahl der Umdrehungen misst.”

Reportings und Budgetierungsverfahren, durch die ab September die halbe Firma in Lähmung verfällt, fressen noch mehr Ressourcen.

“Bisweilen kommt mir das vor wie ein Beschäftigungsprogramm für Sozialanalphabeten. Denn solange man mit Zahlenklauberei zugange ist, muss man sich nicht mit den Menschen befassen”, führt Schüller weiter aus.

Die Wurzeln des Plan-Fetischismus

Aber woher kommt dieser fast religiöse Glaube des Steuermann-Topos im Management? Nach meiner Einschätzung liegen die Wurzeln des Plan-Fetischismus in einer höchst mechanistischen und biologistischen Interpretation der Kybernetik von Norbert Wiener. Die Karriere der kybernetischen Steuerungsideologie beginnt mit einem Missverständnis auf den geheimnisvollen Macy-Konferenzen in den USA nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit Elitewissenschaftlern, die fast alle in militärischen und geheimdienstlichen Projekten gearbeitet haben.

Es geht um kybernetische Modellwelten, errechnet durch Supercomputer, mit denen Wissenschaft, Ökonomie, Kultur und Politik kontrolliert und gesteuert werden sollten — also die Programmierung neuer Menschen nach Maß in einer geordneten und vollkommenen Welt. Einer der Teilnehmer war der Gestaltpsychologe Kurt Lewin, der die englische Konferenzsprache nur schlecht beherrschte.

Das kybernetische Missverständnis

Er missversteht das kybernetische Modell des Feedback im besonderen Maße. Jetzt kommen wir zum ideologischen Kanal-Überbau. A sendet ein Signal, das B empfängt, A und B können sich rückkoppeln. Funktioniert der Vorgang, heißt das Ergebnis gelungene Kommunikation. Lewin gelingt es, in zahllosen Vorträgen Tausende zukünftiger Sozialingenieure von seiner dümmlichen kybernetischen Steuerungslehre zu überzeugen.

Das soziale Gefüge könne man ähnlich regulieren wie den Druck des Dampfkessels oder die Temperatur in den Zellen moderner Wohnmaschinen. Je mehr ich von mir und den anderen weiß sowie sie von mir, desto besser kann ich mit den anderen sprechen, das Zusammenleben regulieren und Störungen vermeiden. Klingt ein wenig nach WG-Küche oder Hippie-Kommune. Dieser Teil des Social Engineering gehört noch zum Fundament der Management-Theorie und sozialer Netzwerke, wie Hans-Christian Dany in seinem sehr lesenswerten Buch “Morgen werde ich Idiot — Kybernetik und Kontrollgesellschaft” bemerkt.

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