System der Bücher-Haufen
Gunnar Sohn
Aug 20, 2015 · 5 min read

Das Resultat meiner literarischen Streifzüge in den vorzüglichsten Buchhandlungen dieser Republik ist immer gleich und ähnelt den Erlebnissen des niederländischen Schriftstellers Cees Nooteboom:

„Schränke voll knurriger, grollender, vorwurfsvoller Bände, die an der schlimmsten Bücherkrankheit leiden, die es gibt: dem Ungelesensein — ein Schmerz, der in Wut umschlägt, wenn das Buch daneben zum zweiten- oder zum drittenmal gelesen wird.” Die Standardfrage unserer Gäste beim Betrachten der Bibliothek ist immer die gleiche. “Wie viele von diesen Büchern hast Du denn wirklich gelesen???” Umberto Eco antwortet darauf: „Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene.”

Eine Bibliothek sollte so viel von dem , was man nicht weiß, enthalten, wie der Besitzer angesichts seiner finanziellen Mittel hineinstellen kann. Dann entwickelt sich so langsam ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Um so mehr, wenn man kein Freund von Ordnungssystemen ist. In meinem Fall ist das noch eine vornehme Formulierung. Ich bin ein bibliophiler Vollchaot, der nur erahnen kann, wo sich ein Werk befindet. Mal da, mal hier, mal im Keller, mal im Arbeitsbüro, mal in der Bibliothek, mal in irgendwelchen Bücherstapeln in der Küche oder am Bett.

Manischer Blick

Meine Frau merkt sofort, wenn ich auf subtiler Jagd bin. Mit manischem Blick stapfe ich die Treppen hoch und runter. Folgt auf die Frage meiner Liebsten, was ich denn suchen würde, nur die knappe und etwas genervte Antwort “ein Buch”, lässt sie mich in Ruhe. Weitere Erklärungen über Autor, Titel, Verlag oder Erscheinungsjahr des begehrten Objektes wären sinnlos, da ich ja der Übeltäter bin, der das Opus nach irgendeinem Gesichtspunkt irgendwo hingestellt hat.

Auf der Suche nach der verschwundenen Literatur stoße ich dann meistens auf ganz andere Kostbarkeiten.

Im ichsagmal.com-Blog und auf Youtube berichte ich ab und zu etwas über meine Fundstücke und über die Ergebnisse des kursorischen Lesens. Etwa über die zeitlosen und zeitgemäßen Betrachtungen von Richard Schaukal, die er in einer Art Zettelkasten-Literatur festgehalten hat. Zwei Bände kann ich da vorweisen, die im Georg Müller-Verlag 1913 und 1918 erschienen sind. So gleich bildete ich einen Zettelkasten-Literatur-Stapel oder Haufen, den ich für das obige Foto dann wieder ausbreitete. Dem Betrachter fallen sicherlich die Niklas Luhmann-Traktate auf. Und das ist mehr als ein Zufall: Denn ich schätze den kauzigen Soziologen, den ich bei einem Fachvortrag an der Uni Mainz hautnah erleben durfte. Das muss so Anfang der 90er Jahre gewesen sein — 1998 ist Luhmann bekanntlich gestorben.

Luhmann-Ausstelung in der Bielfelder Kunsthalle

Sein Aufsatz „Die Kommunikation mit Zettelkästen” verführte mich zu einer intensiveren Lektüre. Da geht es um Überraschungseffekte, Informationen und Systeme — was jetzt für Luhmann-Kenner keine Überraschung ist. Aber seine Gedanken können sehr schön in die digitale Welt transformiert werden. Denn im Vordergrund stehen systematische Zufälle in der Kommunikation. Man kann ja Zufälle systematisch in Systeme einbauen. „Auf Notizensammlungen übertragen: Man kann den Weg einer thematischen Spezialisierung (etwa: Notizen über das Staatshaftungsrecht) oder den Weg einer offenen Anlage wählen.” Luhmann entschied sich bekanntlich für den zweiten Weg.

Zettelkasten als Zweitgedächtnis

Für das Innere des Zettelkastens, für das Arrangement, für sein geistiges Leben sei entscheidend, dass man sich gegen eine systematische Ordnung entscheidet, so Luhmann. Man benötigt beliebige innere Verzweigungsfähigkeiten. „Als Ergebnis längerer Arbeit mit dieser Technik entsteht eine Art Zweitgedächtnis, ein Alter ego, mit dem man laufend kommunizieren kann.”

Die Gesamtheit der Notizen lasse sich nur als Unordnung beschreiben, immerhin aber als Unordnung mit nichtbeliebiger innerer Struktur — das würde meinen Bücherhaufen entsprechen, die ich immer wieder nach neuen Themen zusammen stelle.

„Manches versickert, manche Notiz wird man nie wieder sehen (Schicksal auch einiger Bücher, die bei mir hoffnungslos vergraben sind, gs). Andererseits gibt es bevorzugte Zentren, Klumpenbildungen und Regionen, mit denen man häufiger arbeitet als mit anderen. Es gibt groß projizierte Ideenkomplexe, die nie ausgeführt werden; und es gibt Nebeneinfälle, die sich nach und nach anreichern und aufblähen, die an untergeordneter Textstelle angebracht mehr und mehr dazu tendieren, das System zu beherrschen”, schreibt Luhmann.

Remix, Re-Kombination, Collage

Es ist die Kombination von Unordnung und Ordnung, die mich bei diesem Zettelkasten-System fasziniert. Ein Ideen-Gewimmel mit unendlichen Kombinationsmöglichkeiten, das erst im Moment der Auswertung produktiv wird. „Insofern arbeite ich wie ein Computer, der ja auch in dem Sinne kreativ sein kann, dass er durch neue Kombination eingegebener Daten neue Ergebnisse produziert, die so nicht voraussehbar waren“, so Luhmann.

Ähnlich organisiere ich meine Recherchen für Projekte, Artikel, Interviews und Formatideen. Remix, Re-Kombination und Collage von Fundstücken im Netz und in der analogen Welt prägen meine publizistischen Arbeiten.

Frei nach Roland Barthes: Offen für alles, für Theorien, Erzählungen und Abschweifungen. Viele Erzähler, Maler, Musiker der Moderne sind ja nicht Erfinder, sondern Finder. Und das gilt nicht erst für die Moderne. Shakespeare etwa war so ein Ausplünderer, sein „Hamlet“ wäre heute vor einem Plagiatsprozess nicht sicher. Der große österreichische Volksdramatiker Johann Nepomuk Nestroy hat keines seiner über 80 Stücke selber erfunden — es sind meist Bearbeitungen französischer Possen, deren Plot er ungeniert übernahm.

Montage von Zitaten

Auch der Autor Walter Kempowski war ein Sammler, ein Kompilator, ein Zusammenträger von Fundstücken und hat daraus nie ein Hehl gemacht. Im Gegenteil. Er hat über seine Methode stets bereitwillig Auskunft gegeben, hat seine Interview-Collagen mit den TV-Film-Collagen seines Freundes und Filmregisseurs Eberhard Fechner verglichen: Aufzeichnungskünste einer neuen Volkskunde. Folgerichtig ist Kempowski von der Literaturkritik etwas abschätzig als „Zettelkasten-Literat“, eifriger Jäger und Sammler und Museumsdirektor einer literarischen Ausstellung tituliert worden. Doch nur mit dieser Arbeitsmethodik konnte das kollektive Tagebuchprojekt „Echolot“ entstehen. Der Literaturkritiker Jörg Drews stellte zu Recht fest, Kempowski erfülle das Vermächtnis Walter Benjamins, der sich seine Pariser Passagen als pure Montage von Zitaten gedacht hatte, die so sprechend zu arrangieren seien, dass der Kommentar des Autors überflüssig werde.

Das Notiz-Amt

Berthold Brecht fand mit sicherem Griff eine Vielzahl von Texten, die er gebrauchen, bearbeiten, verwerten konnte: „Er hatte bekanntlich keine Scheu, sich die Lektüreerfahrung anderer nutzbar zu machen. Auf diese Weise akkumulierte er eine erstaunliche Menge Lesestoff“, schreiben Helmuth Lethen und Erdmut Wizisla im Brecht-Jahrbuch 23 (1997/98).

Der Religionsphilosoph Jakob Taubes war ein Jäger des einen Satzes oder Wortes, in dem sich das Wesentliche des Geschriebenen und Gesagten kondensierte. Wäre prima, wenn mir das häufiger gelingen würde. Etwa in meiner neuen Kolumne für die Netzpiloten unter dem Titel “Das Notiz-Amt”.

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