Barock-Projekte für das 21. Jahrhundert — ein Bibliotheksabend für freie Geister

Unternehmergeist, Re-Kombinationen und Einwanderer — Die Silicon Valley-Erfolgsfaktoren

Eric Brynjolfsson und Andrew McAffee reüssieren mit ihrem Buch „The Second Machine. Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird“. In diesem spannenden, hochgelobten Werk stellen sie nicht die Prozesse der kreativen Zerstörung in den Vordergrund, sondern den Re-Kombinierer, der im bahnbrechenden Werk des Nationalökonomen Joseph Schumpeter schon Anfang des 20. Jahrhunderts auftaucht.

„Von Schumpeter stammt unsere bevorzugte Definition von Innovation, also ‚die Durchsetzung einer technischen oder organisatorischen Neuerung im Produktionsprozess, nicht schon die entsprechende Erfindung’. Wie wir glaubte er, dass es sich dabei im Grunde um einen Rekombinationsprozess handelt, um die ‚Durchsetzung neuer Kombinationen“, so die MIT-Forscher Brynjolfsson und McAffee. Und richtig: in seinem Werk „Theorie wirtschaftlichen Entwicklung“ schreibt Schumpeter, dass nicht in erster Linie der Innovator Erfolge habe, also der Erfinder und schöpferische Zerstörer, sondern jener, der das Neue am besten organisiert.

Schumpeter führte ins Feld, dass Innovation eher nicht in etablierten Unternehmen stattfindet, sondern in Neugründungen, die ihre Stellung bedrohen. „Vielmehr treten die Idee und auch der Regel nach die neuen Kombinationen, bzw. die sie verkörpernden Firmen … nicht einfach an die Stelle … [der] alten. … Es waren … im allgemeinen nicht die Postmeister, welche die Eisenbahnen gründeten.“

Auch diese Stelle wird von Brynjolfsson und McAffee erwähnt und betont, wie wichtig dieser Faktor für die Schaffung neuer Arbeitsplätze ist. In einer 2010 veröffentlichten Studie, so die Autoren, hätte Tim Kane von der Kauffman-Foundation alle US-Unternehmen anhand von Daten des Census Bureau in zwei Kategorien eingeteilt: Neugründungen und bestehende Unternehmen, wobei Letzere schon seit mindestens einem Jahr am Markt sein mussten. Kane habe festgestellte, „dass von 1977 bis 2005 bestehende Unternehmen in allen Jahren bis auf sieben per saldo Arbeitsplätze vernichteten — im Schnitt rund eine Million pro Jahr. Startups schufen in krassem Gegensatz dazu jedes Jahr durchschnittlich drei Millionen neue Stellen“.

Allerdings ging die „Geburtenrate“ von „Arbeitgeberbetrieben“ — also Unternehmen, die von Anfang an mehr als eine Person beschäftigen — zwischen 1996 und 2011 um über 20 Prozent zurück. Die Gründe für diese Entwicklung seien nicht ganz klar, doch eine Ursache könnte das Klima für Einwanderer sein. 2012 überarbeiteten der Unternehmer Vivek Wadhwa und die Politikwissenschaftlerin Anna Lee Saxenian in Zusammenarbeit mit Francis Siciliano ihre ältere Studie zur unternehmerischen Aktivität von Einwanderern. Sie stellten fest, dass „die Wachstumsrate bei von Immigranten gegründeten Unternehmen erstmals seit Jahrzehnten stagniert oder sogar sinkt. Im Vergleich zu früheren Dekaden mit zunehmenden unternehmerischen Aktivitäten von Immigranten war in den letzten sieben Jahren eine Abflachung dieses Trends zu beobachten.“

Besonders ausgeprägt sei dieser Trend im Silicon Valley, wo von 1995 bis 2005 bei über der Hälfte aller neu gegründeten Firmen zumindest ein Gründer Immigrant war. Von 2006 bis 2012 ging dieser Anteil um fast zehn Punkte auf 43,9 Prozent zurück.

Wenn wir uns den Dreiklang der MIT-Forscher noch einmal vergegenwärtigen, also Re-Kombination, Firmen-Neugründungen und Unternehmergeist der Zuwanderer, dann sollten die politischen Akteure in Deutschland noch einmal darüber nachdenken, wie man die wachsende Zahl der Migranten, die traditionell gute Grundlagenforschung und den Leibniz-Geist zur Kunst der Kombinatorik als Katalysator für die Digitalisierung nutzen kann. Wir werden das am 300. Todestag von Gottfried Wilhelm Leibniz am 14. November diskutieren: Ars Combinatoria: Leibniz-Abend für Erfinder und Erfindungen.