enhanced eBooks verkaufen sich nicht? Aber der Markt entsteht doch erst!

Wir kennen sie alle, die Hochgesänge auf die Möglichkeiten der digitalen, multimedialen Geschichten. Was kann man nicht alles machen, was kann man nicht alles darstellen. Endlich ist man den Zwängen der schwarz-weißen, gedruckten Welt entkommen! Und trotzdem können die Verlage nicht jubeln, weil das Erlösmodell noch nicht stimmig ist. Der Appmarkt lohnt sich erst ab fünfstelligen Verkäufen und anderen Marketingkampagnen als bisher, weshalb hier nur eine Handvoll Anbieter überhaupt verdienen können. Und der Markt der enhanced eBooks ist noch nicht zum Fliegen gekommen — aber könnte dies in den nächsten Jahren noch passieren?

The Digital Reader fasst in einem aktuellen Artikel die Misserfolge der letzten Jahre zusammen und kommentiert Neuankömmlinge wie Metabook spöttisch. Dafür gibt es vor allem drei Gründe:

  1. Die Produktform ist neu und verlangt vom Kunden eine andere Einstellung als zu den bisherigen Kunstgattungen. Und damit spricht man wie immer bei Inventionen erst einmal einen kleineren Kreis an.
  2. Die Vermarktungsplattformen sind heterogen und bieten keine Standards, sondern Vielfalt. In dieser Vielfalt können sich die Kunden naturgemäß schwer orientieren, weil sie viele interessante Einzelstücke entdecken. Dadurch fehlt den Anbietern die Möglichkeit, durch Skaleneffekte ganze Serien aufzubauen und dann erst richtig zu verdienen.
  3. Damit sind auch die Preissegmente alles andere als klar. Den Kunden fehlt ein Rahmen, an dem sie sich orientieren können: Auf Webseiten und den Angeboten von Firmen finden sie vieles kostenlos, im Appmarkt sind Preise über 5 € prohibitiv und im Buchmarkt gibt es zwar klare Preissegmente, aber eben auch andere Lesegewohnheiten und Erwartungen.

Alle drei Gründe sind bei näherer Betrachtung nicht in Stein gemeißelt. Es ist anzunehmen, dass sich diese Rahmenbedingungen mit der Zeit ändern und es sinnvoll ist, jetzt auch schon die eigenen Prozesse und Angebote zu überdenken, um hier die Entwicklung nicht zu verpassen. Denn wie immer gilt, dass man zu früh oder zu spät dabei sein kann. Beides kostet Geld.

Im folgenden seien deshalb ein paar aktuelle Beispiele genannt, die überzeugend sind. Sie verdeutlichen, dass die Kunden sich an andere Produktformen “gewöhnen” und mehr und mehr ihre Potenziale schätzen lernen. Und je mehr Kunden das werden, desto eher steigen die Marktchancen für Medienanbieter. Schauen Sie doch selber einmal hinein:

Die Videobooks-Reihe von Docmine

Docmine wurde schon vor einem Jahr auf der Buchmesse für seine App über Carl Lutz ausgezeichnet. Mit Produktionen für die Pinakothek, das Goethe-Institut und Produktionen über das Roger Federer oder Friedrich Dürrenmatt hat man das Spektrum deutlich erweitert. An der positiven Entwicklung der Firma erkennt man, dass die Nachfrage nach gutem Storytelling für dokumentarisches Erzählen groß ist.

Nicht von ungefähr versteht sich docmine nicht als Verlag, sondern wandert mit seinen Videobooks zwischen den Welten: Film, Erzählung, Bild und Erläuterung werden klug gemischt. Dabei gilt die Devise, dass weniger mehr ist. Und das Geschäftsmodell? Das Geld kommt nicht aus dem Verkauf der Apps, wie hier sofort sichtbar wird.

The Pickle Index

Im Publishing Update vom November haben wir schon einmal auf The pickle index verwiesen. Hier wird für Bibliophile die zweibändige Printausgabe von einer App begleitet, die das eigene Entdecken, das Neukombinieren und die Interaktion aufgreifen. Allein der Besuch der Seite www.thepickleindex.com ist ein Gurkengenuss der besonderen Art, der bewusst die kleine Zielgruppe der early adopters, der Innovativen anspricht.

Und die App begleitet den Kunden genau zehn Tage lang durch verschiedenste multimediale und interaktive Entdeckungen. Schließlich gilt es, den Zirkusdirektor zu befreien aus dieser Gurkendiktatur.

Zac´s Haunted House

Zac´s haunted house ist eine Bildergeschichte, zu der man gerne Max Ernst Einschätzung wüsste. Mit “RÊVE D’UNE PETITE FILLE QUI VOULUT ENTRER AU CARMEL” hatte er 1930 die Collagetechnik genutzt, um eine verstörende Bildergeschichte zu erzählen.

Cooper lässt den Betrachter Kapitel für Kapitel wie in einem Buch im Browser miteinander assoziativ verknüpfte Bilder wie eine Geschichte durchlaufen. So als ob man Snapchat-Serien miteinander verwoben hätte zu einer Geschichte.

Damjan Cvetkov-Dimitrov

Damjan Cvetkov-Dimitrov stellt in seinem Storytelling auf der Blogplattform Medium das Bild in den Mittelpunkt. Mit leichten Veränderungen — mal geht das Licht an, mal wackelt der Ausblick — kommt Bewegung ins Bild, aber so dezent, dass der Betrachter hineingezogen wird und auf Entdeckung gehen will. Die Fotos sind ähnlich wie bei Gursky so raumfüllend, dass der Betrachter sie als eigene Welt empfindet.

Hier stimmen das Thema (Architektur in Tokyo), Bilder und Texte perfekt zusammen. Und es ist ein weiterer Beleg dafür, dass im Netz das Bild zum Leitmedium geworden ist und die Geschichten immer kürzer.

Arcadia

Die App Arcadia nimmt die Nachteile des In-App-Purchase in Kauf (“ich will doch wissen, wie die Katze im Sack aussieht”) und entwickelt passend zum Thema verschiedene Geschichten. Zehn Erzählstränge mit unterschiedlichen Stilen, Verknüpfungen und multimedialen Erweiterungen lassen sich in einer App spannend entwirren.

Das digitale Medium passt zum Inhalt und umgekehrt. Allein das Erlösmodell dürfte hier wie immer Kopfzerbrechen bereiten.

Lost my name

Enhanced heißt nicht nur, dass die neuen Produkte anders aussehen werden als bisher. Es heißt auch, dass die technologischen Möglichkeiten dazu benutzt werden, die bisherigen Printprodukte anders zu gestalten. Hierfür ist “Lost my name” das beste Beispiel: Das personalisierte Kinderbuch wird hier durch die Zusammenarbeit von Autor, Illustrator und mehreren Programmierern ganz anders konzipiert.

Der kreative Prozesse erinnert mehr an Scrum-Meetings als an Verlagskonferenzen und die Fokussierung auf ein Produkt statt vieler Titel ist auch unüblich für das Verlagsgeschäft. Die digitale Ökonomie nimmt verändert hier auch die Prozesse der traditionellen Produktion.

Hooked

Hooked versucht das Erzählen auf digitalen Geräten zu einer Geschichte zu machen. So wie beim Start-up ZappTales, über das wir hier schon berichtet hatten, will man aus dem schnellen Dialog ein beständiges Werk gestalten. Noch fällt es den Kunden schwer, denn die Erwartungen an einen roten Faden und das Eintauchen in eine Geschichte werden erschwert.

Das Lesen erinnert eher an die Lektüre von Bühnenstücken — und die hatten es bekanntermaßen immer schon schwer, wenn sie nicht zur Schullektüre wurden.

Der Beispiele gibt es natürlich noch so viele, vor allem, wenn man auf den Appmarkt blickt. Man kann bei Wonderland am Ende jeden Kapitels das gestellte Rätsel lösen oder einfach 100 Schritte mit dem Smartphone in der Tasche tun — und schon ergeben sich die Lösungen, Schritt für Schritt. Oder man sucht bei Serial box ein ähnliches Serienerlebnis wie bei netflix und Co. und liest im Abo.

Und allein ein Blick auf die zuletzt prämierten Webseiten zeigt, dass diese schon längst zu erzählenden Portalen geworden sind. Es erscheint deshalb folgerichtig, wie bei Oetinger 34 auf die Entwicklung multimedialer Werke zu setzen und jetzt schon Kreative zusammenführen, um ihre Werke dann gleich zu veröffentlichen.

Sie wollen mehr wissen?

Wer immer noch nicht überzeugt ist, den fordern wir auf zu einem Gespräch bei unserem Seminar zu Apps und Co. an der Akademie der Deutschen Medien im März.


Originally published at www.smart-digits.com.