Facebook im September Teil II

Der digitale Wahlkampf um das Bürgermeisteramt in NRW im September 2015 rückt in die entscheidende Phase

Habbel
6 min readAug 30, 2015

von Franz-Reinhard Habbel und Enno Munzel

Der amerikanische Präsidentenwahlkampf von 2008 war der erste Wahlkampf bei dem Neue Medien und Soziale Netzwerke eine entscheidende Rolle spielten. So konnte nicht nur unentschlossene Wähler von Barack Obama und seinem Wahlkampfteam erreicht werden, sondern auch die eigenen Parteimitglieder und Wahlkampfhelfer gestützt und motiviert werden.

Im Jahr 2015 ist digitaler Wahlkampf keine Besonderheit mehr und wird ausgiebig von Kandidaten für politische Ämter betrieben.

Eine wichtige Rolle spielen auch die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter. Durch die Einbindung von verschiedenen Medien, wie beispielsweise Videobotschaften, Fotos oder Zeitungsartikeln können Inhalte besser vermittelt werden und neue Wählergruppen erschlossen werden. Wo früher gedruckte Wahlprogramme auf der Straße verteilt wurden, ermöglicht das Internet neue moderne Formen für einen Wahlkampf. Angesichts sinkender Wahlbeteiligung, insbesondere bei jüngeren Wählern sind moderne Wahlkampfmethoden dringend geboten.

Auch in diesem Beitrag werden einzelne digitale Kampagnen von Kandidaten für Bürgermeisterämter in Nordrhein-Westfalen genauer beschrieben und beleuchtet.

Die am weitesten verbreitete Form ist nach wie vor eine klassische Internetseite des Kandidaten. Auf ihr finden sich ausführliche Texte zum Wahlprogramm, zu aktuellen lokalen Themen oder zum Werdegang des Kandidaten. Darüber hinaus führen viele Kandidaten oder deren Wahlkampfteams eine Facebook-Seite. Weitaus seltener finden sich Twitter- und Instagram-Profile oder Youtube-Kanäle.

In Bochum kandidiert Thomas Eiskirch von der SPD für das Amt des Oberbürgermeisters und präsentiert sich ausführlich auf den verschiedenen digitalen Kanälen. Auf einer bildgewaltigen Internetseite finden sich unter anderem Wahlprogramm, Auftritte und Biographie des Kandidaten. Auf Letzterer finden sich persönliche Details, wie das Datum der Hochzeit mit seiner Frau oder dem ersten Besuch eines Spiels des VfL Bochum. Neben der Internetseite, betreibt der Kandidat eine Facebook-Seite auf der Fotos von Wahlkampftouren, Stadionbesuchen und Video-Resümees von Veranstaltungen gepostet werden. Einen Twitter-Account läuft ebenfalls unter Eiskirchs Namen. Angesichts der großen Anzahl an Beiträgen, würde man sich schnell fragen, ob der Kandidat den ganzen Tag nichts andere tut, als zu twittern und auf Facebook Beiträge zu posten, doch der Kandidat hat einen oder mehrere Redakteure für seine Profile. Beiträge, die nicht von ihm persönlich gemacht wurden, sind mit einem „^wk“, bzw. „#TEam“ gekennzeichnet.

Neben Eiskirch, finden sich elf weitere Bewerber um das Amt des Oberbürgermeisters in Bochum. Erwähnenswert hinsichtlich eines digitalen Wahlkampfes sind Monika Engel, Kandidatin für Bündnis 90/ Die Grünen, die unter dem Pseudonym „engel_fuer_bo“ auf Twitter ihre Statements veröffentlicht, und der Einzelbewerber Omid Pouryousefi, der einen besonders auf junge Menschen zugeschnittenen digitalen Wahlkampf führt. Unter dem Schlagwort „Omid machts“ führen er und sein Team eine Facebook-Seite, einen Twitter-Account und auch einen Youtube-Kanal. Durchschnittlich drei Beiträge werden täglich auf Pouryousefis Profil-Seiten veröffentlicht, hauptsächlich Veranstaltungsankündigungen und Wahlkampffotos. Per Video fragt er, ob Bochum eine Seilbahn benötige oder veröffentlicht einen Image-Film, hinterlegt mit elektronischer Musik, in dem junge Menschen erklären, weshalb Pouryousefi der richtige Kandidat für Bochum sei.

Die Stadt Unna steht dagegen vor einen ganz anderen Problem: statt vieler Kandidaten, die um die Gunst der Wähler buhlen, gibt es in Unna nur einen einzigen Bewerber für das Amt des Bürgermeisters. Damit Werner Kolter von der SPD dennoch eine hohe Legitimation durch die Wähler erhält, wurde von der Partei eine eigene Internetseite „Unna, geh wählen“ eingerichtet. Sie verweist mit einem Link zur Internetseite des Kandidaten. Auf dieser befinden sich das Wahlprogramm und ein Appell zur Wahl zu gehen, um ihm ein „kraftvolles Mandat“ als Bürgermeister zu geben. Die Jusos Unna veröffentlichen regelmäßig die Wahlkampfaktionen auf ihrer Facebook-Seite.

Besonders spannend geht der Wahlkampf in Köln zu. In der größten Stadt Nordrhein-Westfalens gibt es sieben Bewerber für das Amt des Oberbürgermeisters. Überregional am bekanntesten dürfte der Kriminalbiologe Mark Benecke sein, der für die Satirepartei „Die Partei“ kandidiert. Er bringt es auf über 100 000 „Gefällt mir“-Angaben auf seiner Facebook-Seite. Möglich macht dies seine Vergangenheit als Buchautor und seine Auftritte im Fernsehen. Jochen Ott von der SPD kann knapp 5000 „Gefällt mir“-Angaben auf seiner Seite vereinen, die überparteiliche Kandidatin Henriette Reker knapp 3800, Hendrik Rottmann (AfD) 1340 und Marcel Hövelmann (Einzelbewerber) 420 „Gefällt mir“- Angaben. Alle Kandidaten mit einer Facebook-Seite besitzen daneben eine klassische Internetseite, die der umfangreicheren Information über Person, Programm und Visionen dient. Henriette Reker veranstaltet auf ihren Seiten eine digitale Fragestunde. Interessenten können mit dem Schlagwort #fraghenriette der Kandidaten Fragen per Facebook, Twitter oder Mail zukommen lassen. Diese Fragen, beispielsweise zur Jugendbeteiligung oder der Abgabe von Cannabis, werden von ihr in Videobotschaften bei Facebook beinahe täglich beantwortet.

Kandidat Jochen Ott nutzt für seinen Wahlkampf neben einer Internetseite, noch zwei weitere digitale Plattformen. Eine Facebook-Seite wird genutzt für Videobotschaften, Fotos von Veranstaltungen und Zeitungsartikeln, sowie zum Austausch mit anderen Nutzern. Es findet sich auch eine gemeinsame Gesangseinlage mit der Ministerpräsidentin als Video auf seiner Facebook-Seite. Darüber hinaus ist er der einzige Kandidat Kölns mit einem Profil beim Fotodienst Instagram. Hier finden sich ausschließlich Bilder von Wahlkampfauftritten, nur mit Schlagworten, sogenannten Hashtags, versehen.

Begleitet wird der Oberbürgermeisterwahlkampf in Köln von Wahlkampfblog YoungUrbanPolitics. Auf im werden täglich Wahlkampfneuigkeiten veröffentlicht.

Auch in der Stadt Krefeld findet ein spannender Social Media Wahlkampf statt. So veröffentlich SPD-Kandidat Frank Meyer täglich ein Foto, auf dem ein Anhänger ein Schild hält, darauf wird der Satz vervollständigt „Ich wähle Frank Meyer, weil…“. Sein Gegenkandidat Peter Vermeulen von der CDU hingegen lädt gleich kurze Videos auf Youtube hoch, in denen Bürgerinnen und Bürger zu Wort kommen, die Vermeulen für den geeigneten Bürgermeister halten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kandidatinnen und Kandidaten die unterschiedlichen digitalen Medien für verschiedene Zwecke nutzen.

Internetseiten bilden die Basis des digitalen Wahlkampfes

Hier finden sich ausführliche Texte, Veranstaltungsplaner, Wahlprogramm und Biographie des Kandidaten. Darüber hinaus ist eine Facebook-Seite mittlerweile Pflicht für einen erfolgreichen Wahlkampf. Zum einen verbreiten sich Beiträge über Facebook deutlich schneller, da sie geteilt und verschickt werden können. Außerdem lässt sich mit Facebook hervorragend Bürgernähe zeigen. So präsentiert sich der oder die Kandidat/in beim Händeschütteln mit Passanten im Straßenwahlkampf, auf einer Radtour entlang des Rheins oder beim Sommerfest des örtlichen Sportvereins.

Die Interaktion mit den Bürgerinnen und Bürgern mit unterschiedlich ausgeprägt

Manche Kandidaten verhindern, dass auf ihren Facebook-Seiten Fragen gestellt werden, bei anderen fehlt es wiederum an Fragen. Erfolgreicher in der digitalen Interaktion sind die Kandidaten, die explizit dazu aufrufen, wie im Fall der oben erwähnten Kölner Kandidatin Henriette Reker.

Außerdem werden nicht nur der Name des Kandidaten als Bezeichnung der Facebook-Seite verwendet, sondern gleich die gängigen Slogans, wie „Fiedler kann’s“, „Sag JA zu Rajko Kravanja“ oder „Omid machts“. Diese Slogans wirken ansprechender auf junge Menschen und sorgen für Wiedererkennung, Online wie auch Offline.

Die hier aufgeführten Beispiele digitaler Wahlkämpfe beleuchten nur einen Teil des Wahlkampfes um die 178 zu vergebenen Posten des Bürgermeisters in Nordrhein-Westfalen im September 2015. Insbesondere in größeren Städten findet ein aktiver Online-Wahlkampf statt. Schaut man dagegen in Kommunen abseits der Ballungsgebiete lässt sich digitale Affinität der Kandidaten weitgehend nach. In der knapp 20 000 Einwohner zählenden Stadt Bad Münstereifel führt nur einer von vier Kandidaten eine Homepage und eine Facebook-Seite. Auch in anderen Kommunen finden sich Kandidaten, deren digitale Präsenz sich auf einen Teilbereich der Internetseite der ihm bzw. ihr zugehörigen Partei beschränkt. Hier ist noch Potenzial zur weiteren Entwicklung.

Facebook und andere soziale Plattformen sind für einen modernen Wahlkampf unentbehrlich geworden. Durch die einfache schnelle Veröffentlichung und den informellen Charakter helfen soziale Netzwerke den Kandidaten als bodenständig und bürgernah darzustellen. Attribute, die die Wähler von einem Bürgermeister erwarten.

Es bleibt Abzuwarten inwieweit ein engagierter digitaler Wahlkampf sich auf einen tatsächlichen Wahlerfolg ummünzen lässt.

Anmerkung: Der erste Teil des Beitrages ist auf Medium und in der Zeitung Government-Computing im August 2015 erschienen.

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