Internet für offene Gesellschaft nutzen
von Franz-Reinhard Habbel
Nutznießer der Globalisierung und der weltweiten Verfügbarkeit von Informationen über das Internet ist auch die Terrorszene. Fast täglich erscheinen in den Medien Berichte über Anschläge wie Autobomben und Attentate. Damit sorgen Terroristen für Angst und Schrecken in aller Welt und wollen, dass in freien und offenen Gesellschaften die Rechte der Menschen eingeschränkt werden. Wut, Fassungslosigkeit und Empörung über Anschläge sind umso größer, je näher die Ereignisse aus Sicht des Betrachters stattfinden. Weltweite Kommunikation in Echtzeit verkürzt die Distanzen. Egal wo Anschläge stattfinden, in Australien, Nigeria, Pakistan, Afghanistan oder Syrien, sie sind für uns nicht nur ferne Angelegenheiten — jedes globale Ereignis wird auch zu einem lokalen Ereignis. Eilmeldungen und Bilder erreichen uns überall, auf dem Bildschirm im Büro, auf dem Smartphone in der Stadt oder zu Hause. Durch die Live-Berichterstattung sind wir mittendrin. Videos von Augenzeugen, zum Beispiel über Youtube in Sekunden veröffentlicht, ergänzen Agenturmeldungen und journalistische Berichterstattung. Oftmals verzerren sie aber auch die Wirklichkeit. Mit ihren Smartphones sind Augenzeugen häufig direkt am Ort des Geschehens. Sie nutzen soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook zur Information in Echtzeit. Das ist natürlich auch das, was Terroristen wollen. Aufmerksamkeit ist für Sie ein wichtiges und zentrales Momentum. Die Parzellierung von Anschlägen vermittelt durch weltweite Medienberichterstattung nicht nur ein breites Kriegsbild, sondern bringt den Krieg direkt zu uns. Was können wir in aufgeklärten Gesellschaften dagegen tun? Können wir dieser virtuellen Sichtbarkeit und Wahrnehmung überhaupt etwas entgegensetzen?
Wäre es nicht sinnvoll, das Internet stärker zur Aufklärung und für mehr Offenheit und Dialog zu nutzen?
Wie können wir ein so offenes und freies Medium wie das Internet für mehr reale Begegnung der Menschen untereinander nutzen, um Respekt und Vertrauen aufzubauen? Eine der Gegenstrategien demokratischer Staaten sollte, neben einer verbesserten koordinierten Überwachung, auch eine De-Radikalisierung insbesondere junger Menschen durch bessere Integration in die Gesellschaft sein. Hierzu sollten wir auch das Internet einsetzen.
Mit anderen Worten: Wie kann man die Globalisierung ummünzen, um der zerstörerischen Kraft der Gewalt etwas entgegenzusetzen? Auch wenn es noch so schwierig ist und lange dauert, das Feld darf nicht nur der anderen Seite überlassen werden. Wenn über das Internet jeder Anschlag zu einem globalen und damit überall zu einem lokalen Ereignis wird, bedeutet dies auch, dass lokale Ereignisse zu globalen Ereignissen werden. Welche lokalen Ereignisse können wir aber schaffen? Wir müssen uns fragen, ob wir mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten genügend unsere Chancen nutzen, das Zusammenleben der Menschen, auch in ihren Unterschiedlichkeiten, zu stärken und zu unterstützen. Ein Stichwort taucht immer wieder auf: Dialog. Menschen müssen miteinander reden, sich austauschen, Respekt gewinnen und sich wertschätzen. Dies ist schwer, wenn gar unmöglich, insbesondere bei fundamentalistischen Einstellungen. Aber den Versuch ist es allenthalben wert.
Was können Kommunen tun?
Städte und Gemeinden stellen öffentlichen Raum zur Verfügung und regeln die Rahmenbedingungen der Nutzung. Öffentliche Räume müssen für alle offen sein, hier findet Begegnung und Dialog statt. Die Kommunen müssen alles daran setzen, dass solche öffentlichen Räume erhalten bleiben, offen für alle sind und nicht eingegrenzt werden. Notwendige Rahmenbedingungen sollten so geschaffen werden, das ein Auseinanderdriften der Gesellschaft verhindert wird. Gegen Ausgrenzungen muss vorgegangen werden. Das Zusammenleben der Menschen ist zu fördern, ihnen ist respektvoll und wertschätzend zu begegnen.
Begegnung findet in erster Linie vor Ort statt
Gerade in der aktuellen Flüchtlingspolitik gibt es in den deutschen Städten und Gemeinden wunderbare Beispiele, wie sich Menschen für andere einsetzen und sich gegenseitig helfen. Solche Beispiele müssen auch lokal stärker kommuniziert werden. Noch einmal: Jedes lokale Ereignis in der Welt des Internets ist auch ein globales Ereignis und erzeugt damit Wirkung. Informationen, zum Beispiel über die Fertigstellung einer Kläranlage oder der Bau einer Straße in der Stadt mögen für eine Veröffentlichung in der lokalen Presse noch so wichtig sein. Was aber den Zusammenhalt der Menschen in der Kommune stärkt, welche Unterstützungsmaßnahmen beispielsweise für Migrantinnen und Migranten durchgeführt werden, ist aber ebenso wichtig, wenn nicht gar wichtiger. Hierüber muss mehr und intensiver aktiv berichtet werden, auch in Blogs und in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Die Kommunikationsstrategien der Städte und Gemeinden müssen hierauf stärker ausgerichtet werden. Das geschieht auch in vielen Städten und Gemeinden, wie Beispiele aus Baden-Württemberg zeigen. So ist nach jüngsten Meldungen des Südkuriers gerade die Integration von Muslimen ein Thema in allen Kommunen Südbadens und Südwürttembergs. Das gilt zum Beispiel besonders für die Städte Singen und Friedrichshafen oder Blumberg. Die Stadt Aachen und das Bistum Aachen veranstalteten im Jahr 2014 einen Tag der Integration. Eingerichtet wurde dort auch ein Kommunales Integrationszentrum. Es ist eine Anlaufstelle für alle, die ihren Beitrag dazu leisten wollen, dass Migration und Integration in Aachen gelingen. Viele andere Kommunen richteten ähnliche Anlaufstellen ein. So hat schon die Stadt Bergkamen vor fünf Jahren ein Integrationskonzept verabschiedet. Es gilt als Handreichung und Handlungsempfehlung, allen Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben nachhaltig zu ermöglichen. Das sind nur einzelne Beispiele vieler Aktivitäten der Städte und Gemeinden. Weitere müssen folgen. Denn Lokalpolitik ist zugleich Globalpolitik. Es gilt, die Freiheit zu verteidigen und sie nicht einzuschränken.
Fotonachweis: Axel Kuhlmann, https://flic.kr/p/ekWmLv