Liquid Journalism — Aufstieg digitaler Bürgerzeitungen

von Franz-Reinhard Habbel, Berlin


In einem Seminar für Sozialwissenschaftler an der Universität Osnabrück fragte ich im Herbst 2013 Studierende nach ihrem Leseverhalten in Sachen Lokalzeitung. Nur drei von 13 Anwesenden sagten, dass sie ihre papierbezogene Lokalzeitung als Informationsquelle nutzen würden. Der überwiegende Teil informiert sich im Netz über lokale, regionale, nationale und internationale Angelegenheiten. Es war keinesfalls so, dass lokale Nachrichten uninteressant waren. Das Medium Papier hat für sie allerdings nur noch eine geringe Bedeutung. Das Verhalten der Studierenden ist natürlich nicht repräsentativ. Aber es ist ein interessanter Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Die lokale Nachricht stirbt nicht aus. Sie wird auch künftig ihren Stellenwert haben.

Wenn sich das Medium des Nachrichtentransportes allerdings ändert — und das ins zweifellos der Fall — dann ändern sich auch die Geschäftsmodelle. Die gläserne Oberfläche von Smartphones und Tablets fordert die Verleger heraus. Die klassische, papierbezogene Zeitung steht in harter Konkurrenz zu digitalen Produkten. Print gegen Glas, könnte die Überschrift lauten. Hinzu kommt ein weiterer Trend. Neues entsteht. Die Menschen entdecken das Urbane. Stadtmagazine werden aufgelegt, Straßen werden beschrieben, Redakteure ziehen in Städte und schreiben über ihre Erfahrungen und neuen Eindrücke aus journalistischer Perspektive. Flaneur heißt eine solches Magazin, welches gerade auf großes Leserinteresse stößt. Das alles ist ermutigend. Viele Menschen nehmen es nicht hin, dass sich Verleger, wie zum Beispiel die WAZ-Gruppe, in Teilen von Nordrhein-Westfalen durch Schließung von Lokalredaktionen aus der örtlichen Berichterstattung zurückziehen. Bürgerinnen und Bürger engagieren sich hier besonders in Aktionsgruppen, Vereinen oder anderen Institutionen und erstellen als Alternative eigene digitale Bürgerzeitungen. Journalisten, interessierte Bürger, Wissenschaftler und Experten arbeiten Hand in Hand zusammen und beschreiben im Netz die lokale Wirklichkeit.

Demokratie ohne Öffentlichkeit gibt es nicht. Öffentlichkeit gibt es auch nicht ohne Demokratie

Der (Lokal)Journalismus hat eine herausragende Bedeutung, Öffentlichkeit herzustellen und damit Demokratie möglich zu machen. Das geschieht über vielfältige Medien. Die Globalisierung und neue Technologien und hier besonders das Internet verändern die Welt der Medien fundamental. Das betrifft Zeit und Ort der redaktionellen Arbeit aber auch die Produktion und damit der Bereitstellung von Informationen.

Mit zunehmender Digitalisierung gewinnen Metainformationen an Bedeutung. Mit der Information über die Information entstehen insbesondere durch das mobile Internet immer mehr Daten, die in ihrer Beziehung zu einander zu neuem Wissen führen. Die fünf Dimensionen Inhalt, Ortsbezug, Personalisierung, Zeit und Geschwindigkeit bilden die Architektur einer neuen Wissenslandschaft. Diese zu kuratieren ist eine neue Aufgabe von Datenjournalisten.

Längst erreichen uns Informationen in Echtzeit. Egal, wo auf der Welt ein Ereignis passiert, wir sind sofort mitten drin!

Die klassischen Geschäftsmodelle der Verleger geraten an ihre Grenzen. Mit voller Wucht fordert sie die Digitalisierung heraus. Alles was digital werden kann wird auch digital. Das gilt auch für die Medien. Zunächst war es die Musikindustrie, jetzt sind es die Buchverlage und morgen die Zeitschriftenverlage. Wer sich auf diesen Wandel nicht frühzeitig einstellt, hat schon verloren.

Der Journalismus ist gerade in der digitalen Welt so wichtig wie nie zu vor. Journalisten können aus Big-Data Smart-Data machen, analysieren, Zusammenhänge erklären, Ereignisse oder Dinge in einen Kontext stellen, interpretieren, hinterfragen, kritisieren, aufdecken, unterhalten und Geschichten erzählen sowie mit Meinungen Diskussionen anstoßen.

Wenn der Wandel erfolgreich gestaltet werden soll, muss er vom Nutzer aus betrachtet werden. Das Medienverhalten der Nutzer hat sich stark verändert. Dies trifft besonders für die junge Generation zu. Sie schaut heute immer weniger Fernsehen und nutzt Youtube nicht nur zur Information, sondern auch zur Eigenproduktion. Getrieben wird dieser Wandel auch durch die Entwicklung der Smartphones. Mehr als 40 Millionen gibt es allein in Deutschland, Tendenz steigend. In den nächsten drei bis fünf Jahren werden alle rund 110 Millionen Mobilfunkgeräte in Deutschland in Smartphones ausgetauscht sein. Das sind dann 110 Millionen Lesegeräte für digitale Zeitungen, Magazine und Bücher.

Erstaunliches tut sich derzeit in den Städten und Gemeinden. Immer mehr digitale Bürgerzeitungen entstehen. Dahinter stehen ganz unterschiedliche Konzepte, mit oder ohne Journalisten, organisiert in Vereinen, mit Unterstützung der Kommunen oder anderer Partner. Viele dieser Ansätze sind noch nicht ausgereift und auf Dauer angelegt. Wie nachhaltig ist eine solche digitale Bürgerzeitung? Wie finanziert sie sich? Welche Qualitätsmaßstäbe werden angelegt? Wer macht die redaktionelle Arbeit? Können sog. Bürgerredakteure auch für andere Städte schreiben? All das sind mehr Fragen als Antworten.

Wir sollten die Entwicklungen nicht an den klassischen Printmedien messen. Disruptiver Wandel ist mehr als Innovation. Es geht nicht nur um Verbesserungen, sondern um einen kreativen Neubeginn, deren Prozess gerade erst begonnen hat. Mit anderen Worten, es geht um mehr, als um die Digitalisierung der Zeitung auf der Basis von E-Paper.

Liquid Journalism ist vielleicht ein neues Vorgehen im Zeitalter des Kontexts, die sich ständig veränderte individuelle Wirklichkeit neu abzubilden.

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