1 Jahr, 3 Menschen, 12 Erfahrungen

Vor einem Jahr sind wir zur selben Zeit beruflich getrennte Wege gegangen: Larissa, Marc und ich haben Abschied genommen vom Südwestrundfunk und vom Schwarzwald, aus unterschiedlichen Gründen und mit drei Perspektiven im Kopf. Eine ging nach Australien, eine schrieb ein Buch, einer nahm sich Zeit. Verrückt, mutig, fahrlässig? Hier unsere Erfahrungen. Zusammengefasst: Wer kann, der muss!

3 von 12: Wo Zuhause ist

Mehr Meer: Larissa auf der Great Ocean Road.

Larissa Hinz, 29 und geboren in Dortmund, arbeitet seit knapp einem Jahr für die AP Weltnachrichten in Sydney. Als sie die Zusage für den Job bekommt, sitzt sie gerade im Bus zum Weltjugendtag in Polen. “So. In deine nahe Zukunftsplanung solltest du einen Urlaub in Australien einbauen”, schreibt sie mir staubtrocken per WhatsApp, und was folgt, sind Ausrufezeichen und Emojis: Sektflaschen, Party-Popper und muskulöse Oberarme rasen in der Datenpipeline zwischen Deutschland und Polen hin und her, während ich ihren Erfolg bewundere und gleichzeitig ihren Mut, die Stelle auch tatsächlich anzunehmen. Aus Sydney schreibt sie, was sie gelernt hat:

  1. Sei im Kopf der Kunde: Natürlich kann ich mich nach einem Jahr bei den AP Weltnachrichten (und einem Volontariat bei der KNA) nicht wirklich von der Agentursprache frei machen. Trotzdem bilde ich mir ein, durch meine Radio- und Online-Erfahrung beim SWR ab und an anders — lockerer, flüssiger, verständlicher? — zu schreiben als oftmals im klassischen Nachrichtenagenturgeschäft noch üblich. Durch meine Arbeit für mehrere Zielgruppen (unterschiedliche Hörer, unterschiedliche User) kann ich mir vorstellen, bei welchem Thema Medium X dankbar zugreift oder welches bunte Thema Medium Y gerne nimmt, obwohl es für Medium Z nahezu irrelevant ist. Dementsprechend kann ich Themen auswählen und setzen. Das macht mir sehr viel Freude.
  2. Du bist Journalist, du operierst nicht am offenen Herzen: Dieser Satz stammt von einer klugen Kollegin, die einmal meine Bedenken vor einer neuen Situation zerstreuen wollte. Er begleitet mich bis heute. Einerseits nimmt er nichts von der Ernsthaftigkeit und Sorgfalt, mit der ich meinen Job jeden Tag erledige, andererseits führt er mir vor Augen: Ich bin auch nur ein Mensch, mache Fehler, bin nicht perfekt. Und es gibt Sachen, die stehen im Zentrum eines jeden Lebens, die gehen ans Wesentliche — Journalismus gehört auch dazu, ja, aber er ist trotzdem nicht der Nabel der Welt. Das habe ich jüngst erst wieder erfahren, als ich einen Todesfall im engen Familienkreis hatte und 15.000 Kilometer entfernt war. Meine ganz persönliche Lehre war in diesem Moment: Zuhause ist nicht dort, wo ich es mir schön mache, sondern dort, wo “meine” Menschen sind.
  3. Weniger meckern, mehr Meer: Mein Büro hier in Sydney ist natürlich leider nicht direkt am Strand. Neben meinem Schreibtischstuhl steht kein Surfbrett. Trotzdem kann ich in 45 Minuten mit Zug und/oder Bus am Meer sein. Die Temperaturen sind das ganze Jahr über so gut, dass ich mich nicht — wie eigentlich typisch Deutsch — über das Wetter beschweren muss. Generell meckern die Leute hier viel weniger — ich liebe das! Mein Bekanntenkreis ist so multikulturell wie nie zuvor, und trotzdem fühle ich mich im absolut positiven Sinne mehr als Europäerin und Deutsche (ohne das Meckern!) als je zuvor. Das ist ein Geschenk, das ich auf keinen Fall missen möchte.

Larissa Hinz

Die Mauer anfassen, von beiden Seiten, wann immer ich will. ❤

4 von 12: Nicht nachlassen!

Vor einem Jahr habe ich hier geschrieben: Ich gehe jetzt nach Hause. Inzwischen bin ich angekommen, nicht in Mecklenburg, wo ich herstamme, aber fast: in Berlin. Unterwegs habe ich mir Zeit für Menschen genommen (runde Geburtstage, vertrödelte Nachmittage, Wochenenden, die länger sind als zwei Tage). Und für einen Traum.

  1. Es klingt banal, aber: Es gibt einen Unterschied zwischen Traum und Ziel. Du kannst deinen Traum dein Leben lang mit dir herumtragen, dich daran wärmen und dabei alles bereitwillig hinnehmen, was sich zwischen dich und deinen Traum stellt. Du kannst ihn dir aber auch als Ziel setzen, und plötzlich ist klar, was du brauchst: einen Plan, Durchhaltevermögen, Menschen, die dich unterstützen. Mein Uni-Dozent im Essayschreiben, Peter, sagte uns immer: „Try to focus.“ Wie oft habe ich ihn im Ohr.
  2. Ein Buch zu schreiben, ist gar nicht so schwer, wenn du es einmal gemacht hast. Vieles passiert nämlich nicht zwischen deinen Fingerkuppen und der Tastatur, sondern im Kopf. Und damit meine ich nicht die Story oder die Recherche, sondern: dem eigenen Projekt immer wieder neue Wichtigkeit zu geben. Es ist wie Zähneputzen, Joggen oder Wählen. Nicht nachlassen!
  3. Umgib dich mit älteren und jüngeren Menschen und lerne von ihnen: Ich habe einer 78-Jährigen am Telefon erklärt, wie sie WhatsApp auf ihrem Smartphone installiert. Kann ich mich in mehr als 40 Jahren auch auf so etwas einlassen? Ich hoffe es! — Ein 15-Jähriger hat mir in wenigen Worten klar gemacht, warum die EU für ihn so abstrakt ist: Weil es ihm in seiner Stadt, seinem Alter und seiner finanziellen Lage nicht möglich ist, die Europäer aus den anderen Ländern kennen zu lernen. Grenzen — die gibt es noch.
  4. Den Job aufgeben und dann mal gucken: Wie mutig, sagten viele Freunde und Kollegen. Ich habe das nicht so empfunden. Vielmehr war es für mich ein Sprung in ein Netz, das sich als Trampolin herausgestellt hat. Und das waren meine Familie und meine Freunde, aber auch mir bis dahin fremde Menschen, die sich mit mir auf eine Ladung Pommes, einen Hipster-Drink oder einen Kaffee getroffen und meinem Kopf neues Futter gegeben haben. Danke euch allen!

Katharina Krüger

5 von 12: Deadlines setzen und genießen

Es gibt so viele Gründe, im Leben einfach alles so zu lassen, wie es ist. Aber Marc (37) hat irgendwann festgestellt, dass er im Alltag viel Zeit damit verbringt, über diese Dinge nachzudenken: Wie will er arbeiten? Wo will er leben? Was will er erreichen und was ist ihm am wichtigsten? “Wenn diese Gedanken einen festen Platz im Leben einnehmen, dann ist die Entscheidung zur Veränderung eigentlich schon gefallen”, schreibt er:

Marc Krüger. Genießt.

1. Einfach machen! — Das vergangene Jahr sah für mich so aus: Ich habe einen guten Job aufgegeben, ohne Ersatz zu haben. Ich habe eine Wohnung gekündigt, ohne eine neue zu haben. Ich habe Sicherheit und Bequemlichkeit eingetauscht gegen Ungewissheit. Ich habe mich selbst in die Situation gebracht, Entscheidungen treffen zu müssen, damit der freie Platz im Leben wieder sinnvoll gefüllt wird — ohne die Dinge, die mich davor gestört, geärgert oder allzu nachdenklich gemacht haben. Sehr geholfen hat mir die Frage: Was wäre, wenn ich das jetzt nicht tun würde? Und damit war alles klar! Wenn mich nicht die Frage beherrscht, was ich alles aufgebe, sondern was wäre, wenn alles so bliebe, dann fallen Entscheidungen plötzlich ganz leicht. Natürlich ist es richtig, alles gut zu durchdenken. Das ganze Nachdenken, Abwägen und Abwarten darf dabei aber nicht zur Ausrede werden, etwas nicht zu tun. Das habe ich gelernt. Es bringt nichts, Entscheidungen zu vertagen, die eigentlich getroffen sind. Ich muss den ersten Schritt tun und loslaufen. Dabei aber…

2. Nicht die Nerven verlieren! — Zweifel an meinen Entscheidungen hatte ich nie. Was aber ständig passiert: Dinge laufen nicht so wie geplant oder gewünscht. Meistens dauern sie länger, jemand sagt irgendwas ab, Menschen melden sich nicht, man hat sich etwas anders vorgestellt. Währenddessen müssen Miete, Versicherungen und Alltag finanziert werden. Das Geld auf dem Konto wird weniger. Mir hat es viel Stabilität gegeben, dass ich das alles vorher durchdacht und besprochen hatte. Gehe ich in einigen Fällen vom Worst-Case-Szenerio aus, freue ich mich, wenn es am Ende schneller, besser oder reibungsloser läuft. Auch wenn das ein bisschen wie Küchenpsychologie klingt, es hat geholfen. Genau wie…

3. Deadlines setzen! — Entscheidungen zu treffen, ist schwierig. Dauert also. Außerdem ist so ein Tag erschreckend schnell ausgefüllt, auch wenn man nicht arbeitet (Rentner werden das bestätigen). Deshalb ist etwa vier Monate nach meinem Arbeitsausstieg die Erkenntnis gereift, dass etwas immens Wichtiges fehlt: Zeitdruck. Der ist ohnehin mein größter Alltagsmotivator. Also habe ich mir selbstverpflichtende Deadlines fürs Gedankenmachen, Entscheidungentreffen und fürs Umsetzen gemacht. Das Ergebnis war, dass ich eine klare Struktur hatte und dadurch mehr Zeit zum…

4. Genießen! — Ich weiß nicht, wie oft ich in den vergangenen Monaten gedacht habe, wie großartig das alles ist. Aber es war oft. Manchmal in offensichtlichen Momenten wie beim Urlaub, Feiern, nach dem Ausschlafen. Doch der Gedanke kam mir auch beim Planen, Umzugskisten packen, Autofahren oder im Supermarkt. Ich hatte freie Zeit, konnte selbst bestimmen, was ich mache. Das gute Leben halt. Also bin ich gereist, habe einen Barista-Kurs gemacht, dicke Bücher gelesen und Texte, die ich über Jahre angesammelt hatte. Ich habe spontan Freunde besucht, war auf Konferenzen und habe die Stadt, in der ich gewohnt habe, mit ganz anderen Augen gesehen. Ab und zu habe ich sogar ein bisschen gearbeitet, meist aber nur Ideen für die Zeit aufgeschrieben, in der Arbeit wieder einen Großteil meiner Lebenszeit einnehmen wird. Denn ich wollte immer…

5. Bereit sein! — Die wichtigste Deadline bei einer Auszeit ist: das Ende. Nur dadurch ist es eine besondere Zeitspanne im Leben, eine zum Orientieren und Genießen. Es fehlt dann also nur noch der neue Job. Keine Kleinigkeit! Was mir bei der Suche hilft, ist die klare Vorstellung von dem, was ich machen möchte — und was nicht. Auch dabei gilt es, nicht die Nerven zu verlieren. Stattdessen halte ich die Augen offen und bin startklar für den Moment, an dem alles passt. Mit dabei: Der Schwung aus einem großartigen Jahr mit neuer Energie, neuen Ideen, einem neuen Lebensgefühl und dem Wissen, dass diese Auszeit genau die richtige Entscheidung war. Einfach mal machen!

Marc Krüger