Literatur auf Snapchat: I love Short Stories.

Wenn ich für Snapchat eine Short Story schreibe und plane, dauert das mehrere Tage. Bis die Geschichte tatsächlich in der App steht, muss ich mindestens eine Stunde lang ununterbrochen snappen. Aua! Aber es lohnt sich. Warum Snapchat die Plattform für Short Stories ist.

Die Short Story ist ein großartiges Genre. Wir stehen sofort mitten im Geschehen und erleben einen bedeutsamen Moment im Leben der Hauptfigur mit. Bevor wir zu viel wissen, ist es schon wieder vorbei. Edgar Allan Poe wollte, dass die Menschen eine Short Story mit einem Mal durchlesen können. Dennoch hallt solch eine Geschichte mitunter lange nach — trotz oder wohl auch wegen ihrer Schlichtheit und Kürze. An manch eine Short Story erinnere ich mich heute noch, obwohl ich sie vor vielen Jahren schon gelesen habe. An jene über den kleinen Jürgen zum Beispiel, der vor den Trümmern seines zerbombten Hauses wacht, damit die Ratten seinen toten Bruder nicht fressen. Oder an die Geschichte über Miss Brill, die sich für ihren sonntäglichen Ausflug in den Park fein gemacht hat und am Ende auf auf ihrem Bett sitzt und „etwas“ weinen hört. Gute Short Stories lassen uns nicht los, immer wieder kehren wir zu den handelnden oder denkenden Figuren zurück.

Für mich sind Short Stories eine ideale Form auf Snapchat. Die Handlung ist knapp und spinnt sich um nur wenige Figuren: Snapchat ist nicht die Plattform, in die ich stundenlang eintauche, sondern die ich unterwegs durchscrolle oder wenn mal Zeit ist. Meine erste Short Story auf Snapchat („Ohne Zwischenhalt“) dauerte mehr als sieben Minuten — für manche war das sicherlich die Zeit, die sie sonst insgesamt täglich in der App verbringen. Die dritte Story („Barry Kant“) kam dann nur noch auf gut vier Minuten, und weniger sollten es meiner Ansicht nach nicht sein, damit sowohl Protagonist und Dramaturgie auch Zeit haben sich zu entwickeln.

Mit den verschiedenen Snapchat-Elementen spare ich außerdem Worte: Gefühle, Gegenstände, Raum und Zeit lassen sich mit Emojis, Stickern und Bitmojis ebenso treffend darstellen wie mit den Filtern. Als Nachteil sehe ich aber, dass Snapchat meistens humorvolle oder niedliche Grafiken bietet. Ein Kriegsveteran, der sich über ihn hänselnde Kinder ärgert, wirkt nicht mehr so raubeinig, wenn ein orangefarbener Kullerkopf oder eine Ananas seine Wut zeigen. Daneben kann ich mit Snapchat auch ganz einfach Fotos und Videos in meine Short Story einbauen und damit der Handlung einen Rahmen geben oder sie straffen.

Manche Leser meiner Short Stories haben mich gefragt, warum ich sie nicht auf Instagram veröffentliche. Natürlich habe ich dort eine größere Reichweite und kann besser direkt auf die Geschichten verlinken. Was ich an Snapchat aber für unschlagbar halte: Ich kann die Länge der angezeigten Fotos bestimmen und der Geschichte damit mein eigenes Tempo geben oder sie einfach besser strukturieren. Das macht es andererseits aber auch knifflig. Ich muss gut einschätzen können, wie lange die Leser brauchen, um einen Snap inhaltlich komplett zu erfassen. Was mich von den Instagram-Stories momentan auch noch abhält: Die Ästhetik und die Erwartungshaltung auf der Plattform sind andere als bei Snapchat. Auf Snapchat darf es schmuddelig sein, muss es aber nicht. Das kommt den Geschichten zugute.

Was haltet ihr von Short Stories oder allgemein Fiktion auf Snapchat? Snapt oder schreibt mir.

Schaut gern auch noch mal in meine Stories hinein. 👻