Ask the Troll: Was ist die Motivation hinter getrollten Hashtags?

In den letzten Tagen kam es wieder vermehrt zu provokanten und teilweise diskriminierenden Hashtags, die es in die Trends bei Twitter geschafft und viele Leute empört haben. Wir haben bei den Kolleginnen von Edition F einen Artikel darüber geschrieben, der nur eine Seite abdeckt und deshalb nicht nur positiv aufgenommen wurde. Wir wollen mit HashtagNow möglichst objektiv Themen von verschiedenen Seiten beleuchten, also in diesem Fall auch: Wer steckt eigentlich hinter diesen Trollings, was ist die Motivation dahinter? Wir haben uns gegen die altbekannte Regel “Don’t feed the troll” entschieden und einen Initiator dieser Hashtags, @bokuwaeru, nach seiner Meinung gefragt.

Das hat er uns geschickt:


Innerhalb der sozialen Medien sind Hashtags die wichtigsten Werkzeuge, ein Thema außerhalb des eigenen Streams, der eigenen Timeline zu lancieren oder zu finden. Häufig wird dabei die Praxis des Hashtags mit dem Erzeugen von “Awareness” für ein Thema begründet. Gleichgesinnte könnten sich “finden”, “Aufmerksamkeit” für dieses oder jenes Problem schaffen. Dies führt häufig zu einer Filterblasenbildung, in der sich die Gleichgesinnten mit Likes befeuern.

Der Troll nutzt dieses Wissen um das Funktionieren von Aufmerksamkeit, um in diese Form des Nichtgesprächs unter Gleichgesinnten (“circle jerk”) zu intervenieren. So wie die Plattformen Hashtags für die Normaluser bereitstellen (auf Twitter häufig als “Almans” (Deutsche) bezeichnet, ein Name, der unabhängig von der eigentlichen Nationalität für ein Beharren auf ungeschriebene Regeln der sog. Nettiquette steht und Strafen für deren Missachtung fordert), steht diese Art der Verschlagwortung eben allen Usern zur Verfügung — auch Trollen. Damit der Troll nicht zu mächtig wird, hat etwa Twitter den Normalusern weitere Tools in die Hand gegeben: das Blocken und Muten. Fair’s fair, so dass sich niemand über Trolle beschweren müsste. In extremen Fällen können sogar Accounts oder einzelne Tweets wegen Verstößen gemeldet werden, was von den Normalusern — den Almans — gerne ausgenutzt wird, um gezielt Falschmeldungen zu posten. So musste ich zum Beispiel dieses dank meme löschen:

Gesicht verpixelt

Meldegrund: “Impersonation”, also Identitätsdiebstahl. Ich hätte meinen Twitteraccount als dieser Person zugehörig ausgegeben. Damit wurde sich natürlich kräftig profiliert:

Screenshot von Twitter, anonymisiert

Häufig obszön benutzt der Troll existierende Hashtags oder kreiert eigene, um seinerseits Aufmerksamkeit zu erzeugen — meist sind das Reaktionen von Nichttrollen, bevorzugt Empörung. In Bezug auf Hashtags drückt sich die Empörung oft dadurch aus, dass sie ihrerseits mit dem Hashtag versehen in die Timelines von Nichttrollen gelangt. Ironischerweise erzeugt so ein Normaluser eben jene Aufmerksamkeit, gegen die er sich richtet, und der Troll war somit bereits erfolgreich. Meistens reicht diese Aufmerksamkeit von Nichttrollen für “lulz” für den Troll, weshalb die alte Regel “Don’t feed the troll” weiterhin Bestand hat — und sogar von Normalusern, also Almans, herablassend propagiert wird. So lautet eine häufige Reaktion “ich werde die Trolle nun ignorieren”, nur um binnen Minuten wieder auf den nächsten Troll einzugehen. Es verhält sich so wie mit der heißen Herdplatte. Wer hinfasst beschwert sich bei dem, der auf die heiße Herdplatte hinwies, über die Brandblase. Im Grunde geben sie einfach nur Verantwortung ab — sie können sich nicht beherrschen und daran sollen der böse Troll schuld sein.
 
Dabei kommt es auch zu geradezu schizophrener Doppelmoral, etwa in Bezug auf Antisemitismus. Wurde der Hashtag #Ehrenmannhitler entrüstet kommentiert,

Screenshot von Twitter, anonymisiert
Screenshot von Twitter, anonymisiert

sind es häufig dieselben Usergruppen, welche unterschwelligen Antisemitismus verteidigen, solange er nicht von Trollen kommt:

Screenshot von Twitter, anonymisiert
Screenshot von Twitter, anonymisiert

Genau so verhält es sich mit den von Marike angesprochenen “,,witzige[n]’’ Sprüche[n] über Homosexualität”, die keinesfalls Trollen vorbehalten sind:

Screenshot von Twitter, anonymisiert

Auch dies zeigt, dass Hashtags nicht wichtig sind, sondern sich die eigentlichen Inhalte jenseits von viralem Content in den Tiefen der sozialen Medien häufig verlieren und eben nicht in den Mainstream der Hashtags gelangen.

Umgekehrt wird der Troll von den Almans nicht wegen seiner Inhalte diffamiert, sondern aus dem einzigen Grund, weil er ein Troll ist oder mitunter sogar: weil er anderen Trollen folgt. Die Inhalte unterscheiden sich nicht groß, fast jeden Vorwurf, den Almans Trollen machen, könnte man genau so auf sie ummünzen. Vermeintlicher Antisemitismus ist hier das perfekte Beispiel — mit dem Unterschied, dass der Troll es als bewusst geschmacklosen Witz benutzt, weil er eben genau weiß wie man provoziert.

Dass der Troll dieselbe Art von beliebiger Aufmerksamkeit (und unter umgekehrten Vorzeichen) erzeugt wie Hashtags, die von Normalusern als “wichtig” etikettiert werden, wird häufig übersehen. Für den Troll gibt es keinen wichtigen Hashtag oder wichtiges politisches Thema, ihm geht es lediglich darum, im Medium das Medium selbst zu bespielen.

Interessant ist auch, dass Trolle sich in ihrer Kritik häufig auf die jeweiligen Hashtagaktionen an sich beziehen, während von Almans meist nur Argumente ad hominem kommen (“das sind kleine Kinder” — nun, warum lässt man sich von kleinen Kindern provozieren?; “die haben kein Leben” — woran wird das festgemacht? Daran dass Trolle auf Twitter sind? Sind die Normaluser ja auch; “die haben nur Twitter!” — haben teilweise mehr Tweets als so mancher Troll geschrieben, nehmen Twitter im Gegensatz zu Trollen ernst, gar als karrierefördernd wahr usw.).

Skizzenhaft sollen noch repräsentativ einige weitere Punkte in Marikes Artikel angesprochen werden:

“Man kann sich sicher sein, dass bei allen ernsteren Themen Trolle ins Geschehen eingreifen und versuchen, mit bewusst provokativen Kommentaren die Diskussion anzuheizen.”

Das ist nichts Trollspezifisches. Man ist erst dann ein guter Vorzeigealman, wenn man einen Trollhashtag kapert und dazu schreibt, wie dämlich dieser Hashtag sei. Im Grunde genommen also genau das, was ein Troll auf subtilere Weise mit einem Almanhashtag macht. Die Wichtig- und Richtigkeit liegt immer im Auge des Betrachters. Auch wird teilweise von Almans offenkundig zugegeben, Hashtags zu kapern, also attestierte Trolltaktiken anzuwenden. In diesem Fall fühlt sich der Alman im Recht, er sei ja kein Troll und dürfe das daher machen.

Screenshot von Twitter, anonymisiert
“Doch erinnern Trolle oft an den Klassenclown, der abfällige Kommentare abgibt und bei Nachfragen der Lehrkräfte behauptet, etwas ganz anderes gemeint zu haben.”

Beispiel: #Pro7Boykott

Screenshot von Twitter, anonymisiert

Ursprünglich ging es darum, dass Pro7 sich über das Wort “fiqqhure” eines Users empört, dabei aber keine Skrupel hat, frauenverachtende Formate wie GNTM auszustrahlen.

Beispiel: #Handelsblattboykott

Screenshot von Twitter, anonymisiert

Ursprünglich ging es darum, dass eine Redakteurin des Jugendablegers Orange freimütig auf Twitter erzählte, ihr Freund hätte ihr 1,8TB (mutmaßlich geklaute) Musik auf einer Festplatte mitgebracht, die sie nun auf ihren PC gespeichert hätte. Die Reaktion darauf als Antifeminismus zu diffamieren (weil dieses Thema eben Aufmerksamkeit erzeugt), könnte ihrerseits trollhafter nicht sein.

Kurzum: Der Troll ist ein Weißritter in disguise. Auf den ersten Blick würde man meinen, dass es eher Almans sind, die sich über raubkopierte Musik aufregen. Dennoch ist es der Troll, der auf so etwas hinweist. Nicht zwingend, weil er tatsächlich auf das Raubkopieren oder damit verbundene Konsequenzen aufmerksam machen will, sondern weil er die bereits angesprochene Doppelmoral der Almans damit exponieren kann.

grüsse gruss, 
Onlinejournalist Boku


Wir wollen hiermit weder eine riesige Debatte lostreten, noch uns auf irgendeine Seite stellen. Ziel ist es, alle Standpunkte mit einzubeziehen, sodass sich jede Person ihr eigenes Bild zu den Geschehnissen machen kann. Für weitere Informationen folgt uns auf Twitter.

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