Wer fürchtet sich vorm Sensenmann?
Warum manche Menschen nichts vom eigenen Ableben hören (und lesen) wollen. Und andere für Überraschungen sorgen. Eine subjektive Mini-Fallstudie.
“Haben Sie vielleicht noch etwas anderes geschrieben?”, fragt mich die Buchhändlerin eine Woche vor der vereinbarten Signierstunde. “Weil… Ihr neues Buch, das wird sich bei uns nicht verkaufen!” Ich weiß nicht genau, ob das eine Drohung sein soll (im Sinne von: “Wir werden das sicher nicht bei uns verkaufen!”) oder eine Prognose, die sich aus langen Jahren der Erfahrung nährt. In jedem Fall kann ich die aufgeregte Dame beruhigen, ich habe auch anderes auf Lager. Lokale Lokalgeschichten zum Beispiel oder auch Fußball. Beides voller Bitternis und wohl jeweils auch nur für ein Spezialpublikum geeignet, aber (fast) nie morbid oder letal.
Als ich bei der Signierstunde eintreffe, hat sie “Das letzte Lied”, das Wolfgang Pollanz und ich im heurigen Herbst herausgegeben haben, tatsächlich nicht bestellt und daher auch nicht bereit gelegt. Als ich frage, was sie eigentlich für ein Problem mit dem Inhalt hat, stellt sich heraus, dass sie bis jetzt noch nicht einmal hineingeschaut hat. Schon etwas erstaunlich für jemanden, der vom Bücherverkaufen lebt. Nach langem Zureden erklärt sie sich bereit, das von mir mitgebrachte Exemplar auszupacken, ein wenig darin zu schmökern. Ist ihr die ganze Diskussion nur peinlich oder meint sie es ernst, als sie schließlich erklärt, “Das letzte Lied” allein aufgrund der prominenten Autorinnen und Autoren, die wir für das Projekt gewinnen konnten, nun doch in ihr Sortiment aufnehmen zu wollen?
Die allermeisten Menschen, denen wir im Vorfeld von dem Projekt erzählten, waren angetan von der Idee, manche sogar regelrecht euphorisch. Einige aber wollten damit nichts zu tun haben. Ein potenzieller Autor lehnte mit der Begründung ab, er sei ein solcher Hypochonder, dass er beim Gedanken an den Tod sicherlich sofort tot umfallen würde. Ein Musiker aus dem Bereich Klassik reagierte fast verärgert und beantwortete mein drägendes E-mail lediglich mit zwei Worten: “Zu morbid!” Zuweilen verweigern sich auch potenzielle Leser, das persönlichste Beispiel ist ein enger Verwandter, der weder zur Musik einen speziellen Zugang hat, noch sich gerne mit dem Abschied von dieser Erde beschäftigt. Wochenlang äußerte er immer wieder sein Unverständnis gepaart mit ökonomisch verbrämten Argumenten (“wer soll sich denn sowas kaufen?”).
Gut, es gibt auch Menschen, die weder Fleisch noch Fisch essen wollen. Es gibt Leute, die freiwillig Rudi Fussi und Michael Fleischhacker in sozialen Kanälen “folgen”. Und angeblich soll es sogar vereinzelt Exemplare geben, denen das runde Leder vollkommen egal ist. Letztlich alles Geschmackssache, auch der Tod.
Es gibt aber nicht nur überraschende Abwehrhaltungen, sondern auch Zustimmung oder Interesse aus dem einen oder anderen Winkel der Gesellschaft, den ich von vorneherein bei jeder Marketing-Überlegung für das Buch ausgeklammert hätte. Bestattungsinstitute beispielsweise. Das Buch war noch gar nicht erschienen, da meldete sich bereits der erste professionelle Abschiedsbegleiter mit der Ankündigung, die Anthologie in seinem “Schauraum” für die Hinterbliebenen aufzulegen. Als Inspirationsquelle gewissermaßen. Auch eine jüngst zur Witwe gewordene Kollegin kontaktierte mich bald und erhoffte sich von der Lektüre die eine oder andere Anregung für das Begräbnis ihres Ex, der keinen letzten musikalischen Willen hinterlassen hatte.
Der Verlag sagt, die Verkäufe blieben bislang ein wenig hinter den Erwartungen zurück. Aber das habe ich bei fast jedem meiner Buchprojekte gehört. Die Welt ist ungerecht und die Menschheit liest lieber Schmonzes als Gehaltvolles. Außerdem kommt ja jetzt erst das Weihnachtsgeschäft! Na gut, vergessen wir das in diesem Zusammenhang: Wer schenkt schon seiner Oma “Das letzte Lied” zum frohen Feste? Aber jetzt zu Ihnen: Wie ist es denn nun, liebes Leserlein? Wollen Sie auch am liebsten nichts vom Tod hören oder denken Sie ständig ans eigene Begräbnis? Was soll bei ihrer Abschiedsvorstellung zu hören sein? Lassen Sie es mich wissen. Hier (per Kommentar) oder hier (mit einem Posting). Danke für die Aufmerksamkeit.
