Abstecher (Leseprobe)

Kurz vorm Morgengrauen geht sie gern eine rauchen. Sie ist dann fast mit ihrer Nachtschicht durch. Auch heute hält sie es so. Nach den Fünf-Uhr-Nachrichten macht sie ihre Routine-Durchsage, Meldungen über Verkehrsstörungen liegen nicht vor, dann greift sie zu Schal und Zigaretten. Sie winkt Marco zu, der hinter seiner Scheibe beinahe einschläft, und verlässt das Studio, läuft die Treppe hinunter.
Der Platz vor dem Funkhaus ist verlassen. Böen pressen sich durch die Straßen, auf den Platz, schütteln die wenigen Bäume. Mehrere Pfützen blinken, es muss geregnet haben, seit sie hier um Mitternacht rauchte.
Sie hat das Gesicht kurz in den Windschatten gedreht, um ihre Zigarette anzuzünden, da steht plötzlich dieser Riesentyp vor ihr. Wie aus dem Nichts hat er sich vor ihr aufgebaut, ein breiter Kerl in ihrem Alter, Mitte Zwanzig, schwarze Bartstoppeln. Keine Jacke, er trägt ein Stehkragenhemd, viel zu kalt. Unter dem dünnen Leinen treten Muskeln hervor. Seine bleichgrauen Augen nehmen sie in den Griff.
“Ja?” fragt sie. – “Du bist es.” Er sagt das unbewegt, seiner Sache sicher. Sie kennt ihn nicht, gewiss nicht, und seine Bestimmtheit erschreckt sie. Die Stimme klingt hohl, passt nicht zur starken Figur. Beim Sprechen hängt ihm der Mund schief, die Lippen bewegen sich kaum.
Zwischen ihrem Zeige- und Mittelfinger klemmt die Zigarette, brennt ab. Sie denkt: Das Reizgas ist in meiner Handtasche. Und die hat sie im Studio liegen lassen. Sie legt die rechte Hand an das Gebäude in ihrem Rücken. Die aufgerauhte Fassade beruhigt sie. Was kann schon passieren? Sie steht mitten in der Stadt, hinter ihr ein ganzes Funkhaus. Der Kerl mag mächtig wirken, aber brutal sieht er nicht aus. Das ist ein Bernhardinertyp, kein Wolf.
“Nacht für Nacht hab ich Deine Stimme genossen.” Er starrt in ihre Augen, als suche er da einen Boden.
Ein Bewunderer! Marco liegt also richtig, wenn er sagt: “Du hast Verehrer, es gibt sie, da draußen. Irgendwann kommen die Liebesbriefe, wetten?”
Seit einem Jahr liest sie nachts die Verkehrsnachrichten. Ein Praktikum beim Sender brachte ihr die Stelle. Der Sender hat schon einige Male wissen lassen, sie könnte auch tagsüber antreten. Aber mit Nachtschichten kriegt sie die Miete schneller zusammen. Ihr Appartment ist ein Traum, nur zu teuer. Tagsüber schläft sie und vergnügt sich daheim, kocht, guckt DVDs. Es kann passieren, dass sie tagelang niemanden sieht außer Super- und Mediamarktkassiererinnen. Und im Studio natürlich Marco, der die Musik abfährt.
Was will jetzt dieser Kerl?
“Deine Stimme im Radio. Begleitet mich in den frühen Morgen. Drei Nächte pro Woche fahr ich zur Blumenauktion. Dann hab ich nur Kaffee, Zigaretten, Musik – und dich. Deine Stimme erfüllt mein Führerhaus, wunderbar warm. Dann fühl ich mich geborgen. Deine Stimme ruht so schön in sich.” Seine Lider senken sich, schwer. “Aber deine Stimme klingt auch einsam.”
Darauf würde sie am liebsten mit einer Fratze antworten. Logo! Der Sender ist leergefegt, nur in einem Studio brennt Licht, und da sitzt sie. Mit Marco, mit dem sie nicht viel anfangen kann, höchstens Sprüche klopfen, über Geisterfahrer oder überfrierende Nässe.
Sie möchte zurück ins sichere Studio, aber dieser Kerl versperrt ihr den Weg. Er drückt sie geradezu an die Wand mit seinem bleichgrauen Blick.

(…)

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