Eine Rose, rot (Leseprobe)
„Auf dich wird er hören“, spricht der Bruder ihr Mut zu. Er hat sie vom Bahnhof abgeholt und hierher gefahren. Widerwillig steigt sie aus dem Wagen. Der Friedhofsparkplatz liegt leer vor ihr, nassgrau. So am Wochenbeginn, mittags, fährt hier kaum jemand vor.
Sie besucht das Grab selten. Prompt nimmt sie in den Gräberreihen einen Abzweig zu früh. Egal, jetzt bleibt sie auf diesem Kiesweg. Am Ende davon kann sie den Bogen in die nächste Reihe schlagen.
Nun hat sie die richtige Zeile. Dort liegt die Mutter. Am Kopfende des Grabes steht das Rechteck aus Naturstein mit dem Namen darauf: Dora.
Zehn Schritte entfernt sitzt der Vater auf einer Bank. Der alte Mann sieht nicht zum Grab seiner Frau, erblickt seine herannahende Tochter nicht. Er schaut in die Richtung, aus der er Besucher erwarten müsste, kämen sie auf direktem Weg vom Parkplatz. Obwohl er seine Tochter an den Schritten erkennen könnte – seine Ohren sind gut –, starrt der Vater konstant in die andere Richtung.
Vorgebeugt sitzt er da. Von weitem könnte es entspannt wirken, beinah eine Position zum Beten, doch aus der Nähe sieht sie, seine Haltung ist zum Bersten starr. Er hält Ausschau.
„Stimmt das, du sitzt jeden Tag hier?“ Endlich bewegt sich sein Kopf. Sie mustert sein Gesicht, zum ersten Mal seit Monaten, und sie erschrickt. Aus seinen senkrechten Falten sind Furchen geworden. „Er sieht nicht gut aus“, hat ihr Bruder gesagt. Bald jährt sich Doras Tod.
Ein sturer Blick trifft die Tochter. Sie scheute seine Augen schon immer. Seine Stimme klingt gepresst, verschüttet, seine Ansage aber ist gewohnt klar: „Ich sag dir, was los ist, und dann lässt du mich in Ruh. Abgemacht?“ Sie nickt einfach. Ihr Bruder wäre nicht zufrieden mit dieser Reaktion.
„Die Kränze für Deine Mutter blieben damals zwölf Tage liegen. Bald danach ging ich wieder ans Grab – und mir blieb die Spucke weg. Da lag eine rote Rose bei Dora. So eine langstielige, luxuriöse. Keine Supermarktrose! Ich war baff. Ich nahm die Rose vom Grab und warf sie in den Kompostbottich.“
Die Tochter setzt sich zu ihm. „Du hast sie weggenommen?“ – „Der Fall war eindeutig!“ Er schluckt. „Eine! Rose! Rot! Sowas bringt man seiner Liebe mit!“ Der Vater stürzt in ein Schweigen. Starrt wieder den Kiesweg hinunter.
(…)
Ebook “Hausflüstern — Drei unheimliche Geschichten”
…für 0,99 € zum Beispiel bei Amazon