Hausflüstern (Leseprobe)

Das Haus sonnt sich in seiner Aura von Geld. Das graublau geziegelte Dach mit den Solarpanelen zeigt deutlich, diese Villa wurde der schmucklosen Siedlung mit großer Geste hinzugefügt, nach einer Bauplanänderung angehängt an die Reihenhaus-Stichstraße. Erst mit dieser Villa setzt die Siedlung zum Sprung auf das nahegelegene Waldstück an. Mehrere Hecken wirken als Sichtblenden, halbherzige Versuche, die immense Größe des Grundstücks zu verbergen.
Das ist die Adresse in meinem GPS. Kein anderes Haus hier hat so eine breite Auffahrt, so einen Kiesparkplatz – praktisch für mein Wohnmobil.
Meine Hand streicht über die Haustür, bevor sie den Klingelknopf eindrückt. Man möchte aufs edle Holz klopfen. Stattdessen atme ich tief durch.
Der Hausherr tritt nach dem Öffnen einen Schritt zurück, als wolle er höflich Platz machen. Er will wohl abschätzen, wen er sich da für eine Nacht ins Haus holt. Er ist ein Mast von einem Kerl. Kein Typ, der vor irgendetwas Angst haben müsste. Sein Kopf ist kahlgeschoren, auf diese modische Art, mit der Männer Ende Vierzig Geradlinigkeit und Sportlichkeit zur Schau stellen. Alle Falten dieses Gesichts münden in eine glänzende Glatzenfläche, und es bleibt ein Eindruck von Jugendlichkeit zurück.
“Nur herein!” In aufgesetzter Lockerheit hält er mir die Tür auf. Er gibt sich selbstbewusst. Und doch spüre ich sein Zaudern. Er verwendet bloß die routinierte Stimme, die er sich über die Jahre in seiner Praxis angeeignet hat – er ist Allgemeinarzt, stand in der Email-Signatur.
Gedanken lesen kann ich nun wirklich nicht. Und doch höre ich es geradezu, er strahlt das aus wie ein Funkturm: Worauf habe ich mich da eingelassen?
Ganz meinerseits, sollte ich ihn aufmuntern. Wieder ein fremdes Haus für mich, wieder eine Geschichte. Wieder nicht wissen, welche Geheimnisse auf mir lasten werden, wenn ich am nächsten Morgen die Augen aufschlage. Ich bin es manchmal so leid.
Seit drei Jahren lebe ich jetzt in einem Wohnmobil. Schlafe nur in Häusern, wenn ich arbeite. Ich nenne es Arbeit, dieses Schlafen. Unter 3.000 Honorar plus Anreisekosten läuft bei mir nichts. Das Geld verdiene ich im Schlaf – weil ich im Schlaf erfahre, was sich in einem Gebäude zugetragen hat. “Hausanalyse” nenne ich es, das klingt nicht so nach Spökenkiekerei.
Menschen, die ein tiefsitzendes Problem in ihrem Haus vermuten, oder abergläubische Exzentriker, die genau wissen wollen, ob und was sich unter ihrem Dach ereignet hat, kommen früher oder später darauf, mich anzuheuern. Das steht allen frei, Email genügt, hausanalyst@fairnetz.de.
Schon als mein Geschäft anlief, musste ich nie Not leiden. Meine Dienstleistung ist einzigartig. Und gespukt wird immer, könnte man sagen. Seit ich es für einige Minuten in eine TV-Spätsendung schaffte, laufen die Geschäfte hervorragend, auch dank Flüsterpropaganda im Internet. Erst gestern fand ich in einem Webforum einen dieser Einträge: “es ist so schrecklich mein sohn ist vor zwei wochen in unserem haus gestorben, ich kann nicht glauben, dass es ein unfall war. weiß einer, wie ich diesen vanderhorst erreichen kann??”
Inzwischen arbeite ich auch mit Edel-Maklern zusammen. Klienten aus feinen Wohngegenden möchten oft wissen, ob ein Haus eine dunkle Vorgeschichte hat. Dann klingelt erst mein Handy, dann die Kasse.
Mein heutiger Hausherr hat mich zum Kaffee gebeten, wie man das so macht mit Neuankömmlingen am Nachmittag. Küche und Esszimmer gehen in einem riesigen Raum ineinander über. Wir sitzen uns am Esstisch, der eine Tafel ist, verlegen gegenüber. In solchen Situationen ist es an sich gut, einen interessanten Beruf zu haben, um davon zu erzählen. Aber ich habe keine Ahnung, wie hart dieser Mann im Nehmen ist. Ich habe mir abgewöhnt, andere mit meinen Geschichten zu belasten, es sei denn, sie wollen unbedingt etwas hören.
Er ruckt ein wenig auf seinem Stuhl herum. “Wie oft haben Sie schon… sowas gemacht?” fragt er mich lauernd. Hinter ihm prangt eine Wanduhr. Die Nacht ist noch weit, und ich gebe mich gelassen. Er checkt mich doch nur ab, also tische ich ihm die Wahrheit als Fertiggericht auf.
“Hunderte Male. Seit drei Jahren schlafe ich nicht mehr in Häusern, außer wenn ich darum… gebeten werde.” Hinzufügen könnte ich: Von Mal zu Mal habe ich mehr verdient und konnte besser mit dem Erlebten umgehen. Laut spule ich ab: “Ich fahre durch die Lande und helfe Menschen, die den Geschichten in ihren Häusern auf die Spur kommen wollen.”
Der Hausherr lässt seine Augen auf mir. Er fragt: “Müssen Sie noch etwas Spezielles – wissen?” Es ist ihm unangenehm, das zu fragen. Er wird sein Haus nicht umsonst mit Hecken umgeben haben. Aber fürs eingesetzte Geld will er morgen früh auch etwas von Wert erhalten. Er schaut beklommen drein, vielleicht hilft es ihm, wenn ich lächle.
“Alles, was ich wissen muss ist, wo ich später schlafen soll. Es macht auch keinen Unterschied, in welcher Ecke Ihres Hauses ich liege.”
Mein Schlaf in Häusern, das ist wie im Zug durch einen Tunnel rasen, und dann nach und nach, so wie man sich an die Dunkelheit gewöhnt hat, ausgeleuchtete Kluften in den Wänden sehen, Fluchttüren, Nischen, plötzlich Höhlen mit Feuern vorm Eingang. Und schließlich findet man den Zugang zu Zimmern, halbdunkle Kammern oft, in denen gewispert wird, oder auch vollerleuchtete Zimmer, in denen harte Worte fallen, Frauen keifen, Kinder brüllen und –
Hier eine Geschichte, die ich meinem Hausherrn heute vorenthalte, die ich dem einen oder anderen Makler zur Geschäftsanbahnung aber schon anvertraute. An sich ein Klassiker, und wer selbst vom Dorf kommt, kennt solche Erzählungen eh. Ein schönes Haus, großzügiger Vorgarten, breite Auffahrt, die Veranda umrankt, die Fenster zugenagelt. Jeder kann sehen, das Haus steht seit Jahren leer. Ob nun Makler oder neu Hinzugezogener, man fragt sich: Warum nur steht dies leer, was geht da vor?
Man schließt mir also das Haus auf, und gleich unten im Salon fällt mein Blick auf das Piano, verstaubt, jeder kann spüren, mit diesem Flügel hat es irgendwas auf sich. Ich suche mir eine Ecke, breite meine Matte aus, kuschele mich in den Schlafsack, vorm Einschlafen zittere ich kurz, und dann PENG sehe ich als erstes, wie sich die Dame des Hauses erschießt. Am Piano sitzend erschießt sie sich, das Jagdgewehr treibt Hirnfetzen heraus, und ich höre Stimmen, eine Stimme gewiss, es ist ihre, irgendwann vor diesem Schuss, sie sagt “Ich hätte nie meine Kunst aufgeben dürfen für dich”, und eine männliche Stimme empfange ich auch noch, was sagt er, zu dünn, nein, nicht zu hören, wie sich der Mann verteidigt, kurz wird mir dunkel, aber dann sehe ich, es ist derselbe Salon und jetzt doch ein anderer Raum, nach dem Schuss, wie der Mann sie findet, und dann wegläuft, um nie wieder einen Schritt in dies Haus zu setzen.

(…)

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