Volkswagen? Von Wegen!

Wie man bei einem Weltkonzern sieben Monate auf eine Reparatur warten kann.

Ein offener Brief an die Volkswagen AG von Christian Heinke

Liebe Volkswagen AG,

Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch. Ihr Konzern hat im Jahr 2018 soviel Fahrzeuge verkauft wie nie⁠ zuvor. Genießen Sie diesen Erfolg … 
Er wird nicht von Dauer sein.

»Ein armes Schwein«

Natürlich bin ich kein Prophet und ich bin auch kein Wirtschaftsexperte. Ich bin nur ein kleiner Angestellter, der nebenbei Bücher schreibt. Doch ich habe Augen im Kopf und ein paar Zentimeter dahinter ein wenig Verstand.
Wobei, Ich an letzterem mittlerweile ein wenig zweifle, denn ich war so dumm meiner Frau zum Kauf eines Volkswagens zu raten.
Aha!, wird nun der informierte Leser denken: Wieder so ein armes Schwein, dass sich von VW einen Diesel hat andrehen lassen! Weit gefehlt! Meine Frau und ich haben uns bewusst zum Kauf eines Benziners entschieden, der als einziges deutsches Fabrikat auf der VCD Auto-Umweltliste steht.⁠ Das war im Jahr 2014. Vier Jahre lang macht der VW-Up für uns dass, was er sollte. Er funktionierte und transportierte meine Frau und mich von A nach B.
Alles war gut.

»Die sind unfähig!«

Doch Ende des Jahres 2018 gab es an dem VW-UP mehrere Defekte. Ich möchte Sie nicht mit den Details langweilen. Aber eine Anekdote muss ich Ihnen doch erzählen: Die veranschlagten Kosten unsers VW-Händlers erschienen uns recht hoch. Und siehe da: Nachdem ein befreundeter VW-Experte einen Blick auf den Kostenvoranschlag der Vertragswerkstat warf, stellte er fest, dass unser Händler von Volkswagen die Ersatzteile bezieht und dann die Mehrwertsteuer als ›Gebühr‹ draufschlägt. Dann wird das Ersatzteil eingebaut und auf die Gesamtrechnung von Arbeitskosten und Material wird dann nochmals die Mehrwertsteuer draufgeschlagen.
Ich bin natürlich kein Jurist. Ich bin nur ein kleiner Angestellter, der Bücher schreibt. Aber die Aussage unseres VW-Experten zu diesen interessanten Rechnungspraktiken war: »Die sind unfähig und das sind Verbrechermethoden! Sucht Euch eine andere Werkstatt!«

Wir beherzigten daraufhin den Rat unseres VW-Experten und wandten uns mit dem immer noch bestehenden Fehler an eine andere Werkstatt.
Bei dem Defekt handelte es sich um den Ausfall des ABS-Steuergerätes.
Oh je, wird der informierte Leser nun wieder denken: Das wird teuer!
Ganz genau. So etwas ist ein teurer Defekt. Nun könnte man sich ja darüber wundern, dass in einem vier Jahre alten Kraftfahrzeug ein Steuergerät so einfach den Geist aufgibt. Aber so war es nun einmal. Auch ein Konzern wie Volkswagen macht ja bekanntlich Fehler. Ein intaktes Bremssystem war und ist uns wichtig. Also muss das ABS-Steuergerät ersetzt werden, auch wenn es ein teures Vergnügen ist.

»Es wird viel Zeit gespart«

Als ein Ehepaar der Mittelschicht wächst für uns das Geld natürlich nicht auf Bäumen. Man könnte also überlegen, das ABS Steuergerät reparieren zu lassen, anstatt des auszutauschen. Doch Experte raten davon ab. Auf der Seite eines Werkstatt-Portals fand ich dazu folgenden Hinweis:

Vieles spricht also dafür, ein defektes ABS Steuergerät in einer Werkstatt wechseln zu lassen. Die Kosten für den Austausch sind meistens nicht höher als die Reparaturkosten für das Steuergerät. Zudem wird viel Zeit gespart, da der Austausch in etwa zwei bis drei Stunden erledigt ist. Wird das Steuergerät zu einer speziellen Werkstatt eingeschickt, vergehen mehrere Tage, bis es repariert zurückkommt. Zudem erhalten Sie in der Werkstatt ein komplett neues ABS Steuergerät mit einer Gewährleistung, die nicht nur das Steuergerät abdeckt, sondern auch den einwandfreien Aus- und Einbau.

Interessant ist hier der Hinweis, dass die Bereitschaft ein Steuergerät für teures Geld zu kaufen einem im Gegenzug ein schnell repariertes Fahrzeug beschert. Dieses Werkstatt-Portal hat wohl noch nicht viel Erfahrung mit dem Volkswagen-Konzern gemacht. Wir schon.

Die Geschichte geht weiter: Unsere Odyssee ein funktionstüchtiges Kraftfahrzeug unser eigen zu nennen, führte uns zu einer freundlichen VW-Werkstatt in unserer Nachbargemeinde. Hier stimmte der Preis. Hier stimmte der Service. Alles würde nun gut werden. Wir haben das Geld für die Reparatur beiseite gelegt und hofften nun darauf allerspätestens Anfang Januar 2019 unseren VW-Up wieder benutzen zu dürfen.
Wir würden ein wenig ärmer an Geld aber dafür reicher an Erfahrung sein. Aber dieser Handel genügte offenbar dem Volkswagen-Konzern nicht.
Wenn man sich schon für das geringste Übel aus dem Volkswagen-Fuhrpark entscheidet, dann soll man sich auch Bitteschön solidarisch mit all den anderen geprellten Volkswagen-Kunden zeigen, die wirklich geglaubt haben, was ihnen ein niedersächsischer Auto-Konzern und ein bayrischer Verkehrsminister so gepredigt haben: Am Veto der deutschen Automobilindustrie führt kein Weg vorbei.

»Sieben Monate ohne funktionstüchtiges Fahrzeug«

Damit ist aber nicht gemeint, es zu fahren. Man darf ein Volkswagen kaufen und besitzen. Mehr nicht. Das ist der Deal. Mit allem weiteren wird man bei diesem, — gerichtlich belegten — überraschend unsauberen Konzern allein gelassen.

Unsere Reparatur-Odyssee begann am 6. November 2018. Nun hat uns der Volkswagen Konzern über unsere Werkstatt, nachdem der Termin inzwischen zum dritten Mal verschoben wurden, mitgeteilt, dass wir mit einem neuen Steuergerät für unseren VW-Up erst am 24. Mai 2019 rechnen dürfen. Wenn dieser Termin stimmt werden wir sieben Monate ohne funktionstüchtige Fahrzeug sein. Ein Mietwagen wurde uns natürlich nicht angeboten. Von Kulanz-Leistungen wurden wir exkommuniziert, da wir es gewagt haben nach Ablauf der Garantie unseren VW-Up bei einer freien Werkstatt nach Herstellervorgaben haben inspizieren lassen.

Wer gegen die Mobilitäts-Garantie des Volkswagen-Konzerns verstößt, darf nicht fahren. So einfach ist das. Ich weiß nicht, wie es ihnen bei dieser Geschichte geht, aber uns fehlt langsam der Humor, um mit dieser Situation gelassen umzugehen. Meine Frau ist mittlerweile im vieren Monat schwanger. Anstatt 30 Minuten Fahrzeit mit dem Wagen musste sie nun Anderthalb bis zwei Stunden mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren. Ein Zustand, den sie auch ohne ihre Morgenübelkeit zum kotzen fand. Vier Stunden Arbeitsweg hin und zurück sind auch für jemanden, der nicht schwanger ist, eine Zumutung.

Nun, wir sind natürlich selbst Schuld. Wir haben ein Jahr bevor bekannt wurde, dass der VW-Konzern im großen Umfang illegale Abschalteinrichtungen in der Motorsteuerung verbaut hat einen VW-Up gekauft. Wir haben über das arrogante Verhalten unseres Händlers hinweggesehen. Die armen Schlucker. Kaufen sich einen Neuwagen für unter 10.000 Euro. Und wenn sie nicht arm sind, dann sind das bestimmt solche linksversifften, bäumeumarmende Gutmenschen die einen SUV mit großen Motor nicht zu schätzen wissen.

Nun, wir sind in der Tat letzteres. Aber wir sind bald nicht mehr allein. Meinem Kind werde ich eines Tages dieses Geschichte erzählen. Und mit etwas Glück wird es verstehen, warum wir nie wieder in unserem Leben ein Fahrzeug des Volkswagen Konzerns unser eigen nennen werden. Sie können soviel Augenwischerei betreiben wie sie möchten. Sie können uns und alle, die so denken wie wir zuscheißen mit Ihren Visionen einer emissionsfreien Zukunft ihrer tollen Elektroflotte.

»Volkswagen stinkt vom Kopf her«

Wir glauben ihnen nicht mehr. Bei VW stinkt es nicht nur hinten. Volkswagen stinkt vom Kopf her. Wenn ein Weltkonzern nicht in der Lage ist ein einfaches Ersatzteil innerhalb von vier Wochen zu liefern, dann sind das Anzeichen erster Erosionserscheinungen.
Ihrer Industrie wohlgesonne Politiker kommentieren gerade die 16jährige Greta Thurnberg in Grund und Boden. Warum? Weil sie mit allem recht hat. Sie wissen das. Sie wollen nur noch ein bisschen länger für ihre Aktionäre ein wenig Kohle rausholen. So ist nun mal das Geschäft. Aber glauben sie wirklich, dass alle diese jungen Menschen die Freitags für den Klimaschutz protestieren einen Volkswagen kaufen werden? Glauben sie wirklich, sie müssen nur einen pensionierten Lungenfacharzt mit Rechenschwäche aus dem Hut zaubern und alle Fahrverbote lösen sich in Luft auf? Dann haben Sie die Rechnung ohne die Jugend gemacht. Denn in ein paar Jahren dürfen all diese Schüler wählen. Diesen jungen Menschen ist ein Smartphone wichtiger als ein Fahrzeug aus ihrer Flotte.

Nochmals, genießen Sie Ihren Erfolg.
Er wird nicht von Dauer sein.