ALAIN BADIOU — BERATER DES GROSSEN ERDOGAN?

Die Demokratie als WEG, nicht als ZIEL

Der von uns allen hoch geachtete, menschenfreundliche, weise türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, hat vor einiger Zeit seinem Volk in bewundernswerter politischer Weitsicht eine tiefe philosophische Einsicht verkündet. Dass nämlich die westliche Demokratie nicht das ZIEL, sondern der WEG ZUM ZIEL sei. Hat Erdogan der Große diese Einsicht durch eigene intellektuelle Anstrengung gewonnen? Oder hat er sie einem Berater zu verdanken? Etwa dem französischen Philosophen Alain Badiou? Denn an dessen Demokratieverständnis erinnert mich jener Satz des großen Erdogan.

Wenn meine revolutionär gestimmten Kommilitonen und ich damals in den 68er-Zeiten weder theoretisch noch praktisch weiterwussten, dann verlegten wir uns aufs Differenzieren.

“Was? Eine Hausbesetzung soll Gewalt sein? — Na gut, dann nennt es halt Gewalt. Aber es gibt da einen gewaltigen Unterschied. Eine Hausbesetzung ist Gewalt GEGEN SACHEN, nicht GEGEN PERSONEN, also eigentlich keine WIRKLICHE Gewalt.”

Und weiter ging es mit dem Besetzen von Häusern.

Wenn es dabei Zusammenstöße mit den “Bullen” gab, dann differenzierten wir eben eine Umdrehung weiter.

“Was? Steine zu werfen soll Gewalt gegen Personen sein? — Was soll’s, dann ist es eben Gewalt gegen Personen. Aber es gibt da einen gewaltigen Unterschied. Unsere Steine sind Gewalt als REAKTION auf Gewalt, nicht als URSACHE von Gewalt, also LEGITIME Gewalt.”

Und weiter ging es mit dem Häuserkampf.

Irgendwann brachen wir diese Kette der Differenzierungen aber doch ab. Denn als die Rote Armee Fraktion unsere Differenzierungen von Gewalt übernahm, an ihnen weiter herumdifferenzierte und sich auf das “Schweinesystem” einzuschießen begann, da sahen wir die Welt — und uns in ihr — lieber wieder etwas undifferenzierter.

Man wird eben älter.

Alain Badiou, der mittlerweile recht betagte französische Philosoph, ist im Gegensatz zu uns gewöhnlichen Sterblichen jung geblieben. Und hat seinerseits weiter herumdifferenziert. Er blieb jedoch bei seinen philosophischen Leisten und differenzierte sich nicht — die Waffe im Anschlag — in den anarchistischen Untergrund hinab, sondern hinauf in die lichten Höhen des Platon’schen, Hegel’schen und Lacan’schen Ideen-Olymp. Um aber da oben — seine philosophischen Werke unterm Arm — nicht ungehört und ungelesen und vor allem UNGEKAUFT umherzuwandeln, begab er sich unter die Bouquinisten auf dem Marktplatz.

“Was ist eine POLITISCHE WAHRHEIT?”, ruft Badiou in die Menge. Ich bleibe stehen und höre zu. Die Antwort auf diese Frage höre ich mir doch gern mal an. Nach einigen längeren Ausführungen präsentiert der Philosoph aber erst mal die Antwort auf die Frage, was eine politische Wahrheit NICHT sei, nämlich die westliche DEMOKRATIE.

“Na so was!”, entfährt es mir. “Die Demokratie soll keine Wahrheit sein? Was denn sonst? Eine Lüge?” Der Philosoph wendet sich mir zu.

“Na gut”, räumt er ein. “Dann ist sie eben eine Wahrheit. Aber es gibt da einen wesentlichen Unterschied. Die Demokratie ist Wahrheit als MITTEL, nicht als ZWECK, also ist sie keine WIRKLICHE politische Wahrheit.”

Ich runzele die Stirn und erinnere mich vage an unsere diversen Differenzierungen damals. Badiou liest die Skepsis in meiner Miene.

“Die Demokratie ist nicht das ZIEL, sondern der WEG, auf dem die politische Wahrheit zu erreichen ist”, erläutert er.

Ich schweige und beuge mich innerlich über den letzten Satz des Philosophieprofessors. Dann wage ich es — trotz des unwilligen Gegrummels der Studenten um mich her — eine Anschlussfrage zu stellen: “Was ist aber, wenn wir auf dem Weg zur politischen Wahrheit auf einmal bei der Diktatur ankommen? Ist die nicht auch eine Wahrheit?” Der Professor lächelt nachsichtig.

“Was soll’s”, ruft er aus, “dann soll man sie halt eine Wahrheit nennen. Aber es gibt auch da einen wesentlichen Unterschied. Die Diktatur ist die PRAXIS der Wahrheit, nicht die THEORIE, also keine GERECHTE Wahrheit.”

Ich nicke zögerlich und schiele aus den Augenwinkeln in die Runde der mich misstrauisch beäugenden Zuhörer. Trotzdem traue ich mich eine letzte Frage zu stellen: “Gehe ich also recht in der Annahme”, beginne ich zaghaft lächelnd, fahre dann aber mit einer mimischen Andeutung von Sarkasmus fort, “dass wir eigentlich gar keine Ahnung davon haben können, was eine politische Wahrheit ÜBERHAUPT ist?”

Der Professor räuspert sich unwillig. “Doch, das können wir!”, donnert er und lässt seinen Blick zum Horizont schweifen. “Die politische Wahrheit ist ein WAHRHEITSEREIGNIS.” Und bevor ich weiterfragen kann, nimmt er ein Buch von dem Stapel auf seinem Büchertisch und hält es in die Höhe.

“DAS SEIN UND DAS EREIGNIS” steht auf dem Cover.

“Nur 49 Euro”, ruft der Professor in die Menge. “Und meine Signatur gratis dazu!” Die jugendlichen Zuhörer um mich her drängen sich an mir vorbei, mit Fünfzig-Euro-Scheinen winkend.

Ach ja, die Jugend! Sie mag Verbote nicht. Erst recht keine Denkverbote. Warum sollte es denn auch verboten sein, sich unseren Staat mal nicht als Demokratie, sondern auch mal als Diktatur auszudenken. Als Durchgangsstation auf dem Weg zur politischen Wahrheit. Als Praxis der Wahrheit. Ohne Gerechtigkeit. Ohne das allgemeine Wahlrecht. Ohne die Menschenrechte.

Der jung gebliebene Philosophieprofessor Alain Badiou ist vor solchen Denkverboten nicht zurückgeschreckt und hat es den Kids in den Abhandlungen und Wälzern auf seinem Büchertisch vordifferenziert. An der Demokratie hat er so lange herumdifferenziert, bis sie für alles und nichts mehr stand. Bis sie gleicherweise als Synonym für den Kapitalismus, für den Sowjetstaat der Bolschewiki und für den langen Marsch Maos in den chinesischen Kommunismus taugte.

Ich habe Badious Buch über das Ereignis nicht gekauft und nicht gelesen, sondern nur mal hier, mal da einen Blick hineingeworfen. Was sich darin zu ereignen scheint, ist philosophischer “Frog Fog”, so nennen die angloamerikanischen Philosophiekollegen des Professors die vernebelte Sprache der französischen Poststrukturalisten. Dieser Philosophieschule entstammt nämlich Badious Werk.

Mithilfe von Formeln der mathematischen Mengenlehre (?), die auf Sätze der Heidegger’schen Ontologie angewandt (?) und mit Versen aus der altgriechischen Liebeslyrik (?) verblümt werden, zieht er eine dicke chinesische Nebelmauer um sein Reich der Wahrheitsereignisse herum. Wehe dem gewöhnlichen Sterblichen, der hier einzudringen versucht. Er lasse alle Hoffnung fahren, über die politische Wahrheit aufgeklärt zu werden. Geschweige denn über die Demokratie.

Es sei denn, er heiße Recep Tayyip Erdoğan. Aber Erdogan der Große ist ja auch kein gewöhnlicher Sterblicher.