Auf Mallorca — Franco steckt alle sibirischen Hamster in den Gulag

Eine fliegende Rolex, ein fliegender Händler, ein fliegender Rentner…
Vorbildliche und weniger vorbildliche Toleranz
Mein Freund Frank ist eigentlich ein vorbildlich toleranter Mensch. Gegen Ausländer zum Beispiel hegt er keinerlei Vorurteile. Nicht zuletzt deshalb, weil er unter den Einheimischen hier in Cala Ratjada selbst ein Ausländer ist.
In seinem beziehungsweise unserem deutschen Freundeskreis aber macht sich zuweilen eine gewisse Skepsis, um nicht zu sagen eine Abneigung gegenüber den Ausländern — Pardon! — den Einheimischen bemerkbar. Denn einen auf Ruhe, Pünktlichkeit und Disziplin geeichten Deutschen stört nun mal des Mallorquiners Lärmtoleranz, seine Komm-ich-heut-nicht-komm-ich-morgen-Mentalität und seine Großmut im Umgang mit Hundehaufen, Verkehrsunsitten und korrupten Polizeichefs.
Rundköpfe und Quadratköpfe
Einen Mallorquiner wiederum stört des Deutschen “capeza cuadrada”, sein Quadratkopf, der nicht in das elastisch gerundete Regelwerk des mallorquinischen Alltags passt. Doch würde ein Deutscher sich chirurgisch mit einem Rundkopf versehen lassen, er würde trotzdem nicht in so ein Regelwerk passen. Denn dieses ist weniger ein Werk von Regeln als eines von Ausnahmen, und zwar von Ausnahmen, die nur für Mallorquiner gelten.
Wenn in Cala Ratjada ein paar Einheimische einen über den Durst getrunken haben und das auf dem mitternächtlichen Heimweg der Nachbarschaft lauthals singend mitteilen, dann ist das zwar gegen die Regeln, aber “¡Qué va!”. Wenn dagegen ein deutscher Mitternachts-Chor durch die Straßen hallt, dann verlangen die Einheimischen nach fünfstelligen Bußgeldern, nach Einkerkerung und nach der Garotte.
Sie sehen, werter Leser, auf der Insel sind sich die Einheimischen und wir heimisch gewordenen Alemannen über die wichtigen Fragen des Lebens nicht immer einig.
Die mallorquinische Regel und die alemannische Ausnahme
Wie schon erwähnt ist die Ausnahme auf Mallorca die Regel. Aber auch wir Alemannen machen — bei aller Quadratköpfigkeit — hier und da Kompromisse bei unserem Anspruch, die Mallorquiner am deutschen Wesen genesen zu lassen. In einer Sache sind wir uns nämlich mit ihnen einig: im Unmut über die senegalesischen Straßenhändler, die den Touristen Sonnenbrillen, Armbanduhren und aufziehbare Plüschesel verkaufen.
“¡Vete al diablo!”, ruft der einheimische Inhaber eines Souvenirgeschäfts zornig, aber vergeblich den Schwarzen zu, die vor seinem Laden stehen und ihren Krempel den flanierenden Touristen aufdrängen. Denn der Krempel der Schwarzen ist — spätestens nach einer halben Stunde Verkaufsverhandlung — um die Hälfte billiger als der gleiche Krempel in seinem Laden.
“Vas t’en, salop!”. In der Amtssprache des Senegal versucht ein alemannischer Großvater den senegalesischen Strandhändler zu verscheuchen, der seinem im Sand spielenden Enkelkind soeben eine blinkende Sonnenbrille aufgesetzt hat. Aber der Händler lässt sich nicht verscheuchen. Er weiß, dass der Bengel gleich zu seinem Opa rennen und so lange quengeln wird, bis der ihm die Sonnenbrille kauft.
“Verpiss dich!”, schreit der auf der Terrasse eines Hafenrestaurants sitzende Glatzkopf mit FC-Köln-Tätowierung einem afrikanischen Händler entgegen. Eben erst hat er einem anderen “Klütt” eine Tracht Prügel androhen müssen, bis der endlich seinen Krempel wieder einpackte und ihn sein Bier weitertrinken ließ. Doch der Händler, eine voluminöse Umhängetasche über der Schulter, steuert grinsend weiter auf den Glatzkopf zu.
Ein Fall für Frank — oder — Die Rolex-Probe
Ich flaniere mit meinem Freund Frank über die Hafenpromenade von Cala Ratjada. Frank zeigt schmunzelnd auf den Senegalesen, der dem entnervt zappelnden kölschen Glatzkopf gerade eine garantiert echte Rolex-Uhr aufzuschwatzen versucht.
Ihm würde der mit Sicherheit nicht lange auf die Nerven gehen, gluckst Frank. Auf meine Frage, warum er sich da so sicher sei, erklärt er mir, dass es in solchen Situationen nur auf den richtigen Ton ankomme. Freundlich, aber bestimmt müsse man sein. Ihm persönlich sei es dank seiner Geduld, seines Humors und seiner natürlichen Autorität ein Leichtes, jeden dieser Burschen im Nu abzuschütteln. Auf meinen skeptischen Blick reagiert er mit dem Angebot, mir an Ort und Stelle den Beweis zu liefern.
Noch bevor ich ihn zurückhalten kann, schlendert er zu dem krakeelenden Glatzkopf und dem grinsenden Händler hinüber. Ich ahne Schreckliches und kämpfe mit mir, ob ich bleiben oder mich aus dem Staub machen soll. Mein Freundschaftsgefühl obsiegt, ich bleibe und halte mich für den Notfall bereit.
Ich sehe zu, wie Frank sich französisch parlierend an den Händler wendet. Wie der ihm grinsend die garantiert echte Rolex anzudrehen versucht. Wie der Glatzkopf die beiden lautstark auffordert, ihre Verkaufsverhandlung woanders zu führen. Wie ein Kellner erscheint und den Händler davonjagen will. Wie Frank den Kellner mit einer humorvollen, aber offenbar unpassenden Redensart beruhigen will und ihn damit gegen sich aufbringt. Und wie der Glatzkopf mit der Faust auf den Tisch schlägt und sein Bier bezahlen will.
Frank dreht sich zu mir um und zwinkert mir zu. Ich antworte mit einer Kopfbewegung, die ihn zur Beendigung seines Experiments und zum Mitkommen auffordern soll. Doch Frank legt unbeirrt den nächsten Gang ein.
Eine Lektion in Höflichkeit
Mit den wenigen spanischen Wortbrocken, die ihm zur Verfügung stehen, ermahnt Frank den Kellner energisch zur Höflichkeit dem Händler gegenüber. Woraufhin der Kellner zuerst ihn, dann den Händler und dann den Glatzkopf grimmig mustert. Und dann jedem von ihnen verbal und gestisch klarmacht, was er von schmarotzenden deutschen Rentnern, von primitiven deutschen Hooligans und von kriminellem afrikanischem Gesindel hält.
Sogar der Glatzkopf hat das verstanden. Er steht auf und verbittet sich in kölschem Singsang, ein Hooligan genannt zu werden. In der entstehenden Pause unterbreitet der Händler dem Glatzkopf grinsend ein neues Verkaufsangebot für die garantiert echte Rolex.
Ich sehe den Moment des Eingreifens gekommen und mache zwei Schritte auf Frank zu, mache aber gleich fünf zurück, denn gerade fliegt etwas in meiner Richtung durch die Luft. Es ist die garantiert echte Rolex, die der Glatzkopf dem Händler aus der Hand gerissen und über die Begrenzung der Promenade in die darunter liegenden Uferfelsen geworfen hat.
Geschrei und Gerangel, ein zweiter Kellner erscheint, noch mehr Geschrei und Gerangel, ein zweiter Afrikaner samt Afrikanerin taucht auf, Gekreisch, Geschrei und Gerangel, ein fliegender Aschenbecher, eine fliegende Untertasse, ein fliegender Händler, ein dritter Kellner, Gebrüll, Geheul und Geprügel, der fliegende Inhalt einer senegalesischen Umhängetasche, noch ein Afrikaner, fliegende Stühle, fliegende Tische, ein fliegender Frank…
Das Verhör
Bei der Vernehmung behandelt mich der Ortspolizist zu meiner Erleichterung nur als Zeugen. Frank und den Glatzkopf dagegen werden als Täter eingestuft. Wie die Kellner und die Afrikaner eingestuft werden, lässt sich nicht feststellen, denn von ihnen konnte oder wollte man keinen dingfest machen.
Die herbeigerufene Dolmetscherin kann oder will kein Deutsch, sondern nur “a little bit” Englisch. Der Glatzkopf kann und will nur Kölsch. Und Frank will Deutsch, kann aber nur wirres Zeug.
Denn Frank ist von einem garantiert echten Malachit-Stein aus einer senegalesischen Umhängetasche am Kopf getroffen worden. Ich rede auf die Dolmetscherin ein. Doch die kann oder will nicht verstehen, dass Frank wahrscheinlich eine schwere Gehirnerschütterung hat und untersucht werden muss.
Leider besteht Frank darauf, er könne und wolle seine Beobachtungen an Ort und Stelle zu Protokoll geben. Zum Glück beziehungsweise zum Unglück kann und will der Zeitungsreporter, der inzwischen eingetroffen ist, die Fragen des Polizisten ins Deutsche und Fritzens Antworten ins Spanische übersetzen.
Gehirnerschütterte Wahrheiten (eine Anleihe bei “Fawlty Towers”, gibt der Autor unumwunden zu)
Während Frank vernommen wird, geht er im Zimmer auf und ab, schwankend, den verbundenen Kopf auf den Schultern balancierend und vor sich hin murmelnd. Auf die Frage des Polizisten, wer mit den Tätlichkeiten angefangen habe, bleibt er stehen, reißt die Augen auf und antwortet, er habe vor seiner Aussage eine Erklärung abzugeben. Dass nämlich die Ortspolizei vom Kopf her stinke und mit Taschendieben gemeinsame Sache mache. Dass man aber mit Geduld und Spucke weiter komme als mit… (hier stockt er und zwinkert angestrengt) …dem Spatz in der Hand.
Der Ortspolizist sieht daraufhin stirnrunzelnd von dem Reporter zu der Dolmetscherin und zurück zu dem Reporter. Dann lässt er beide noch einmal seine Frage übersetzen, wer für die Gewalt verantwortlich sei. Frank lächelt freundlich, aber bestimmt und antwortet, verantwortlich sei ein gewisser Franco. Der habe mit Hilfe eines gewissen Hitler und eines gewissen… äh, Italieners, wie heiße der doch gleich, ach ja, Mussolini, also, mit denen habe dieser Franco unter einer Decke gesteckt. Und die drei hätten… (wieder stockt Frank, dann hat er den Faden wiedergefunden) …alle sibirischen Hamster in den Gulag gesteckt.
Vorbildliche Intoleranz
In einem Ambulanzwagen fährt man Frank und mich nach Manacor ins Krankenhaus. Während Frank in der Notaufnahme durch die Reihen der Wartenden schwankt, hält er eine Rede über die angeborene Gesetzlosigkeit der Mallorquiner. Vor einer älteren Mallorquinerin mit Gipsarm bleibt er stehen, sieht sie durchdringend an und fragt, warum ihn die kläffende Ratte auf ihrem Balkon bis in die Morgenstunden wachhalte. Ich versuche Frank wegzuziehen, doch er macht sich los, dreht sich dabei um die eigene Achse, hält sich den verbundenen Kopf und beschwert sich stöhnend über die Baustelle in seinem Schlafzimmer.
Dem nigerianischen Assistenzarzt, der ihn untersucht, erklärt er freundlich, aber bestimmt, warum Neger erfahrungsgemäß schmutzig und außerdem dafür bekannt seien, Krankheiten zu übertragen.
Morgen wird es meinem Freund Frank wieder besser gehen. Hoffe ich.