DIE HÖFLICHKEIT SPANISCHER KLEMPNER

EIN 24-STUNDEN-DIENST
Volker hat heute zwei Probleme, das erste ist sein Durchlauferhitzer, das zweite der Klempner seines Vertrauens. Eigentlich sei sein Vertrauen das dritte Problem, meint Volkers Gattin. Sie werde schon sehen, meint Volker.
Die Sachlage: Das erste Problem verweigert seinen Dienst, das zweite Problem hat zwar Dienst, hat seine Dienste aber schon zur Behebung anderer Probleme zugesagt. Trotzdem will sich das zweite Problem des ersten Problems noch heute annehmen, und zwar noch vor allen anderen Problemen, zu frühester Morgenstunde, um Punkt 8:45 Uhr. Volkers Gattin lacht. Ein spanischer Klempner, der sich noch vor 10:00 Uhr eines Problems annehme, das sei so rar wie die Auszahlung eines Lottogewinns mit sechs Richtigen trotz versäumter Absendung des Lottoscheins.
Pünktlich um 10:00 Uhr meldet sich der Klempner telefonisch und kündigt sein Erscheinen im Lauf des Vormittags an. Volkers Gattin lacht wieder. Ein spanischer Vormittag, erst recht der eines spanischen Klempners, erstrecke sich einschließlich Siesta bis reichlich in den Nachmittag. Volker bemerkt zwar wieder, sie werde schon sehen, sagt aber vorsichtshalber seine 73 Termine für heute ab, darunter einen Zahnarztbesuch, die Teilnahme am Begräbnis seiner Erbtante und eine Reise nach Oslo zur Verleihung seines Literatur-Nobelpreises.
Um 16:30 Uhr vormittags ruft der Klempner an und teilt mit, er sei jetzt unterwegs, brauche aber noch zirka eine Stunde bis zum nächsten Anruf, in dem er Volker mitteilen werde, dass er erst gegen Abend kommen könne. Volkers Gattin lacht, Volker sagt, sie werde schon sehen, und der Klempner ruft nach drei Stunden an und teilt mit, er werde pünktlich gegen Abend eintreffen. Volker ist versucht ihn darauf hinzuweisen, dass es doch bereits Abend sei, ist sich aber nicht ganz sicher, wann für einen spanischen Klempner ein Tag endet und ein Abend beginnt. Auf seine Frage hin klärt seine Gattin ihn lachend darüber auf, dass die Kinder von spanischen Klempnern erst um Mitternacht ins Bett gebracht werden.
Um Mitternacht ruft der Klempner an und sagt, er singe gerade seine Kinder in den Schlaf, danach werde er sich auf den Weg machen. Um drei Uhr morgens schnarrt die Türklingel, die zwar lieber klingeln würde, aber nur schnarren kann. Der Klempner, dem Volker die Haustür aufschließt, ist nicht der Klempner, sondern die Gattin des Klempners. Sie überbringt Volker die Nachricht, dass ihr Mann immer noch damit beschäftigt sei, die Kinder in den Schlaf zu singen, dass er sich aber am nächsten Morgen in aller Frühe um Punkt 8:45 Uhr Volkers Problem annehmen werde. Volkers Gattin lacht schlaftrunken und Volker versucht wieder einzuschlafen. Da dies weder ihm noch seiner Gattin gelingt, entspinnt sich zwischen ihnen ein liebevolles Streitgespräch über die Unpünktlichkeit der Spanier im Allgemeinen und die der spanischen Klempner im Besonderen. Volkers Gattin vertritt die These, Spanier hätten kein Zeitgefühl und spanischen Klempnern fehle außerdem das Zeit-Gen. Volker sieht das Problem eher kulturell bedingt. Wenn Spanier zu einem Termin pünktlich erschienen, dann setzten sie ihre Mitmenschen damit unter Zeitdruck und das sei unhöflich. Und wenn spanische Klempner ihre Aufträge pünktlich abarbeiteten, dann setze das nicht nur ihre Mitmenschen unter Druck, sondern vor allem ihre Mit-Klempner. Und das sei mehr als nur unhöflich.
