JETZT WIRD IN EUROPA SCHWÄBISCH GENUSCHELT

Was Schlitzaugen, Schlitzohren und Schuhcreme mit dem digitalen Sektor, mit der Frauenquote und der Homo-Ehe zu tun haben

Der Oettinger, von Beruf Schwabe und in seiner Freizeit bisher digital in Brüssel tätig, hat dem Trump zugehört und hat verstanden. Im Wahlkampf — und in dem befinden wir uns inzwischen auch in Deutschland und in Frankreich — sind von jetzt ab Sprüche (und sogar Griffe), die unter die Gürtellinie gehen, erlaubt. Auch wenn der eine oder andere Spruch mal mitgeschnitten wird. Ist doch alles nur ein bisschen salopp formuliert. Sagt der Oettinger.

Finde ich allerdings auch. Mal unter uns Sportlern in der Umkleidekabine gesagt: Es stimmt doch, dass die Chinesen alle Schlitzaugen haben. Und alle Schlitzohren sind. Und alle ihr Haar von links nach rechts scheiteln und mit Schuhcreme schwärzen. Von der Partei haarklein vorgeschrieben und von den Genossen haargenau befolgt.

So was darf man doch mal sagen, oder? Ja, auch in der Öffentlichkeit, warum denn nicht? Vor allem, wenn das “in keinster Weise” respektlos gegenüber China gemeint ist, wie der Oettinger sagt. Er wollte doch bloß mal, sagt er, “im digitalen Sektor aufzeigen, wie dynamisch die Welt ist.”

Wem bei dieser Erklärung nicht klar werden sollte, was das mit Schlitzaugen, Schlitzohren und Schuhcreme zu tun hat, dem sei das hier unter Zuhilfenahme von WIKIPEDIA erklärt: Digital (aus lateinisch digitus “Finger”) steht für “mit den Fingern”, der Begriff Sektor (aus lateinisch sector “Schneider”) bezeichnet etwas oder jemanden, “das oder der schneidet”, und dynamisch (aus griechisch δυναμική, dynamiké, “mächtig”) bedeutet “kräftig”.

Und damit sind Oettingers Sprüche über die Chinesen klar wie Kloßbrühe: Die ziehen ihre Augen mit den Fingern zu Schlitzen zusammen, nachdem sie sich Schlitze in die Ohren geschnitten und ihr Haar kräftig mit Schuhcreme eingeschmiert haben. Und überrennen so die Welt. Und Europa zu allererst.

Dem Oettinger ist übrigens als Einzigem aufgefallen, dass die Chinesen in ihren Delegationen nie Frauen dabeihaben. Die haben nämlich keine Frauenquote in China. Noch ein Grund, warum die Schlitzaugen uns so schlitzohrig über den Tisch ziehen. Wir müssen uns hier mit den Quotenfrauen in den Vorständen und Aufsichtsräten rumschlagen und die können, unbehindert von Östrogenen, ihre testosteronen Kapazitäten voll ausspielen. Das ist SOO unfair, finde ich. Als würde dem Yogi Löw vorgeschrieben mit vier Frauen in der Mannschaft gegen Brasilien anzutreten.

Und dann das mit der “Pflicht-Homo-Ehe”. Jetzt mal ehrlich, Leute. Wollen wir denn wirklich solange warten, bis nur noch Schwule und Lesben heiraten und Heteros sich in irgendwelchen Spelunken treffen, um dann heimlich miteinander ins Hotel gehen zu müssen? Da hat der Oettinger schon recht, finde ich, wenn er das Thema Pflicht-Homo-Ehe jetzt mal “um das Thema Wettbewerbsfähigkeit ergänzt”, wie er nachträglich erklärt hat. Sollen wir Heteros etwa die Homos an uns vorbeiziehen lassen? Bevorzugt mit Ehegattensplitting, Erbschaftspauschalen und Witwerrenten versorgt?

Doch, doch, der Oettinger hat schon ein bisschen recht mit seinen Sprüchen. Wenn die auch ab und zu mal ein bisschen salopp klingen. Was manchmal aber auch ein bisschen an seinem schwäbischen Dialekt liegt. Und an seinem Genuschel. Da kann man leicht missverstanden werden. Außerdem sagt er mit Recht: “Man muss den Gesamtzusammenhang sehen, in dem ich mich geäußert habe.”

Der Gesamtzusammenhang bestand nämlich in den folgenden Fragen vom Oettinger: “Wollen wir nur S-Klasse oder wollen wir auch Werte exportieren? Wollen wir unser Menschenbild einbringen in die globale Diskussion?” Darum geht es doch, finde ich. Ich mache es mal mit meinen Worten konkret: Wollen wir auch Werte wie Rundaugen, Rundohren und von rechts nach links gekämmtes, blondes Haar exportieren? Wollen wir unser rassistisches, frauenfeindliches und homophobes Menschenbild in Europa und der Welt verbreiten?

Mit Oettingers Fragen ist, finde ich, alles gesagt. Beziehungsweise gefragt. Wenn auch auf Schwäbisch und ein bisschen genuschelt. Aber an Letzteres werden wir uns nun gewöhnen müssen, mit einem Haushaltskommissar Oettinger.

Denn von jetzt ab wird in Europa schwäbisch genuschelt.