JULI UND AUGUST (I)

29. Juni 1969

Im Sonntagsstaat paradiert die Stille durch unsere schlierigen Flure, durch die dunstblinzelnden Küchen und wasserhahntropfenden Waschräume. Ab und zu macht sie halt und lauscht an den Einzimmertüren, hinter denen wir in unseren Eintürenzimmern liegen und den Schlaf der Gerechten schlafen. In unseren einsamen oder zweisamen Betten liegen wir, eingerahmt von einem Schrank, einem Schreibtisch und zwei Bücherregalen, eingezwängt zwischen einer Längswand aus Beton und einer aus Holz, zu unseren Füßen eine Eintürenwand, zu unsren Köpfen eine Einfensterwand. An dieser Wand hier gehört zum Establishment, wer zweimal mit derselben pennt, an jener Wand dort befreien unsere Weiber die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen und an einer anderen Wand reden alle vom Wetter, wir nicht. Denn wir sind Benno Ohnesorg und Uschi Obermaier, Angela Davis und Che Guevara, Karl Marx und die Marx-Brothers. In unseren Regalen steht ein halb gelesener Adorno neben einem ungelesenen Heidegger und jener zeiht diesen der vorsätzlichen Eigentlichkeit und dieser jenen der zersetzenden Dialektik, auf unseren Fenstersimsen liegt ein zerlesener Reich auf einem angelesenen Lukacs und bedrängt ihn mit einem funktionierenden Orgasmus, auf unseren Schreibtischen liegen ineinandergeschoben ein ohne Interesse überflogener Habermas und ein voller Hoffnung studierter Bloch. In unseren Schränken fordert eine Plakette am Parka dazu auf, Springer zu enteignen, in einer Zimmerecke langweilt sich eine eingerollte Vietkong-Fahne und in einer anderen skandiert ein vergessener Stoß Flugblätter, dass wieder einmal irgendwas vom Kopf auf die Füße zu stellen sei.

Mit der ersten zuschlagenden Waschraumtür macht sich die Stille still von dannen. Die nächste Tür schlägt zu, Schlappen schlurfen, Toiletten plätschern, Duschen rauschen. Unser Morgenzug, der ein Mittagszug ist, ruckt an und rollt schlafäugig und gähnend und bauchkratzend zwischen den Zimmern, den Waschräumen und den Küchen hin und her. In den Fluren bekannte und unbekannte Silhouetten. In den Toiletten bekannte und unbekannte Duftmarken. In den Zimmerfenstern ein wolkenloser Junimorgen. Aber alle reden vom Wetter, wir nicht.

“Zur Kiesgrube, is’ doch klar, bei so’m Wetter. Der Dany will komm’ und der KaDe. Und der Krahl.”

Heiner sitzt auf seinem Brunftplatz am Tischende. Er hat seinen Harem um sich geschart und röhrt und rülpst und verplant den gemeinsamen Tag. Anke, das Hauptweib, widerspricht pflichtgemäß.

“Ach, der Krahl, der kommt ja doch net.”

Heiner versichert, er habe es von Tilmann und der habe es direkt aus der Beethovenstraße. Während er röhrt und rülpst und kaut, äugt er unter halb zugezogenen Augenlidern zu den Kniekehlen der Kleinen rüber, die in der Nähe der Tür an der Anrichte steht und Brotscheiben bestreicht und wieder still in ihrem Zimmer verschwinden wird, wenn er nicht eingreift.

“Morgen, Genossin, setz dich doch mal her.”

Das Schmaltier an der Anrichte dreht sich verschreckt um. Heiner schüttelt seine Frank-Zappa-Mähne und fährt sich durch den Leninbart.

“Ich bin der Heiner. Setz dich doch mal her, wir kenn’ dich doch gar nich. Willst’n Kaffee? Komm, hier is’ noch Platz.”

Gedrehte und gereckte Köpfe. Da steht wohl Zuwachs an. Hoffentlich nur am Frühstückstisch.

Juli grinst sich durch die Runde und kichert mit, wenn Heiner kollert und sein Anhang gicksend und gacksend einfällt. Sie hält sich an dem Kaffeebecher fest, den die große Hellblonde ihr, ohne sie dabei anzusehen, rübergeschoben hat. Die Blicke der drei anderen spürt sie wie durch Brenngläser auf ihrem Gesicht. Umso lauer ist die Freundlichkeit, mit der sie ihr die Würmer aus der Nase ziehen.

“Ja, Zimmer 907.” “Nein, erst seit vorgestern.” “Nein, nicht für länger, nur für’n paar Tage.” “Ja, mit’ner Freundin.” “Nein, eine Lehre, kaufmännische Angestellte.”

Aha. Die vier wissen jetzt, was sie über Juli wissen müssen. Die Lage ist überschaubar. Also darf Heiner wieder ran.

“Genossin, ihr zwei beide kommt mit zur Kiesgrube. Is’ doch klar, bei so’m Wetter.”

“Wir ham aber keine Badesachen.”

“Macht doch nix. Ham die Genossinn’ hier.”

Die Genossinnen sehen sich an und schütteln einstimmig die Köpfe. Badesachen sind kleinbürgerlich, Nacktbaden ist angesagt. Na, da haben wir’s doch schon. Die Kleine sind wir erst mal los.

Der Sonntagmorgen, der ein Sonntagmittag ist, rumort und rappelt in unseren bauchnabligen Eigenbrötler-Buden und Klaus-und-Klara-Klausen und bewegt sich mäandernd von Wand zu Wand und krimst und kramst und bimst und bumst. Bis in die letzten langschläfrigen, dicklüftigen Löcher dringt er vor, zum Beispiel in das von Gunnar hier, dessen Schädel, zwischen Matratze und hölzerner Längswand eingeklemmt, die wummernden Jack-Bruce-Bässe aus dem Nachbarzimmer aufnimmt und in einen wummernden Jack-Bruce-Hotchkiss-Schützenpanzer-Albtraum übersetzt, der in diesem Moment ein abruptes Ende erfährt, ausgelöst von einer Ferse, die Gunnar von hinten ins Gehänge stößt. Er fährt hoch, sackt in seinen Albtraum zurück, schlägt mit der Stirn gegen die Stahltür seines geträumten Schützenpanzers, prallt zurück und landet mit dem Hinterkopf in einer gepolsterten Masse, die sich als die Rückenpartie eines schlafenden, ihm unbekannten Wesens herausstellt.

Gunnar stützt sich auf die Ellbogen, eine tonnenschwer hin und her schwingende Abrissbirne zwischen seinen Schultern balancierend, und betrachtet den teigigen, blassen, sich hebenden und senkenden, schniefenden und schnaufenden Fleischberg, dem er kein Gesicht, keine Stimme, keinen Namen zuordnen kann. Doch das wird sich ergeben, sobald er seine Morgenblase geleert und seinen Morgenbrand gelöscht hat.

Als er aus der Toilette zurückkommt, sitzt sein Gast schweigend auf der Bettkante und stiert verschlafen vor sich hin. Gunnar bleibt an der Tür stehen und betrachtet eingehend, was die Nacht mit sich gebracht hat. Da der Fleischberg ihm aber immer noch nicht bekannt vorkommt, fummelt er sich zum Fenster durch, öffnet es und schiebt die Sonnenblende zur Seite. Das Wesen auf der Bettkante wird durch das Tageslicht nicht bekannter, nur etwas weiblicher, wenigstens was ihr eindeutig weiblich geschminktes Gesicht angeht. Wenn die Schminke auch eindeutig verschmiert und das Gesicht dadurch eindeutig verscheuselt ist.

Gunnar lässt sich in seinen Studierstuhl sinken und zündet sich eine Rothändle an. Die Erfahrung sagt ihm, dass es in dieser Lage erst dann einen Sinn hat, das Weib anzusprechen, wenn er sich an einen Namen erinnern kann. Gunnar geht ein paar der gestrigen Gesichter und Gespräche durch, erst auf der Fête bei Elke, dann im Aquarius, dann beim schon ziemlich verschwommen sich einstellenden Haxenessen im Kochersperger. Vielleicht hat sie sich da bei ihnen eingeklettet. Vielleicht auch erst später auf dem Heimweg. Hat sich in den Mitternachts-Chor eingehakt und mitgesungen, auf der Ausschau nach einem Mitternachts-Bett. Oder noch später, im Zimmer von Jünn, da hingen doch irgendwelche Weiber rum und tranken Jünns elenden Pflaumenschnaps und zogen mit an Jünns Joint. Gunnar hält dem Weib die Zigarettenpackung hin. Sag endlich was, denkt er. Dann erinnere ich mich vielleicht dran, wie du heißt, und muss dich nicht danach fragen. Das Weib nimmt schweigend eine Zigarette, zündet sie umständlich an, macht nach dem ersten Zug ein angeekeltes Gesicht und gibt sie ihm zurück.

“Merci, j’fume pas cette merde là, ‘xcuse moi.”

Gunnar staunt. Eine Französin. Wo hat er eine fette Französin aufgegabelt? Bei Jünn, wo sonst. Damit ist jetzt wenigstens der Name kein Problem mehr. Wie soll man sich einen französischen Namen merken können.

“Comment tu t’appelles? Ma belle?”, fragt er in die verschmierten Augen und steckt sich beide Zigaretten zwischen die Lippen, eine in den linken, die andere in den rechten Mundwinkel. “Moi, je m’appelle Jean Paul Belmondo.”

Die ersten zwiebligen Dampfschleier kringeln aus den Bratpfannen und Kochtöpfen und werden zu Dufttentakeln, die in die Flure hinausgreifen und in unsere Kabuffs kriechen und unsere Geruchsorgane kitzeln und uns in die Küchen locken, aus denen uns nicht wie wochentags der Mundgeruch der Müllschlucker und der Moderhauch verschimmelter Speisereste entgegenschlägt. Nein, heute spuckt und spritzt und brodelt und blubbert es in den Pfannen und Töpfen. Egal, ob die Küchentüren offen oder geschlossen sind, bald riechen die Flure, riecht der ganze Studentenbunker nach Mittagessen. Doch der Muff aus unseren Kabuffs stinkt trotzig dagegen an und bildet mit den Küchenmiasmen zusammen ein olfaktorisches Gesamtkunstwerk aus Speckbouquet und Spermaduft, aus Achselhöhlenodeur und Maggiwürfelwürze, aus dem Aroma von Backenfurchen und Backhähnchen, aus dem Wohlgeruch von Spiegeleiern und Eisprüngen. Von den dunklen Niederungen des ersten Stocks bis in die lichten Höhen des elften duftet und dunstet es nach uns und unseren Speisen. Wir schwatzen und scherzen, wir reiben und rühren, wir salzen und pfeffern, wir hüten die eigenen wie die fremden Nudeln unter den Deckeln, wir teilen solidarisch Kochlöffel und Topflappen und vergessen ist das Gezänk und Gezerre während der Woche, vergessen der geklaute Beutel Schnittbrot, vergessen die verschwundenen Schinkenscheiben, die zerbrochene Teekanne, die ungefragt benutzte und nicht abgewaschene Salatschüssel. Wir stecken uns gegenseitig Brocken zu, wir kosten von halb fertigen und ganz fertigen Suppen, wir kauen und plaudern und rauchen, wir schlürfen und schmunzeln und verschlucken uns und schütten uns aus vor Lachen. Erst später oder viel später oder eigentlich gar nicht räumen wir das Geschirr ab und vergessen die Pfanne auf der Kochstelle und verschieben das Geschirrspülen auf morgen. Und schon morgen werden wir uns darüber in den Ohren liegen und Mitte der Woche wird die Pfanne auf den Gletscher ungespülter Pfannen und Töpfe und Teller wandern und wenn sie irgendwann in der Endmoräne angelangt ist und lange genug vor sich hin gemuffelt hat, dann wird sie den Weg aller Pfannen gehen, denn irgendwer wird sie heimlich oder halbheimlich dem Müllschlucker überantworten.

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