JULI UND AUGUST (VIII)

30. Juni 1969

Eckhart ist von seinem ersten Arbeitstag im Bahnhofsviertel zurückgekehrt. Der Erwachsenenladen, in dem er arbeitet, wird von Erwachsenen frequentiert, die eigentlich eher weniger wie Erwachsene aussehen. Die wenigen eher erwachsen aussehenden Erwachsenen verhalten sich aber ebenso wenig erwachsen wie die eher weniger wie Erwachsene aussehenden Erwachsenen. Alle miteinander stehen sie nämlich in dem Laden herum und schauen sich Bilderbücher an. Bilderbücher für Erwachsene. Bilderbücher, in denen weibliche Geschlechtsteile in allen Perspektiven und in allen Spektralfarben zu betrachten sind.

In einer Ecke des Ladens steht ein Videoautomat. Wenn einer der mehr oder weniger erwachsenen Erwachsenen ein 5-Mark-Stück einwirft, um sich zur Abwechslung Geschlechtsteile anzusehen, die sich in Bewegung befinden, dann wird er sofort zu beiden Seiten von Kibitzen eingerahmt. Zuweilen zusätzlich von einem großgewachsenen Kibitz, der von oben her kibitzt. Eckhart hat sich heute den ganzen Tag lang über die Verrenkungen amüsieren können, die die Kibitze anstellen, um möglichst große Portionen der sich in Bewegung befindlichen Geschlechtsteile abzukriegen.

Beim Abendessen kriegen auch wir heute was ab. Nämlich Geschlechtsteile aus Magazinen für Erwachsene, von Eckhart zwischen Zungenwurst und Butterkäse auf dem Küchentisch ausgebreitet. Wir begutachten die Geschlechtsteile auf den Hochglanzfotos ohne jede kleinbürgerliche Verschämtheit oder Verklemmtheit. Denn wenn wir uns über die Posen amüsieren, mit denen die abgebildeten Damen ihre intimen Körperteile ausstellen, dann nur, weil wir da ja drüber stehen. Und weil wir selbstverständlich wissen und es uns auch sofort und eindringlich und wiederholt gegenseitig versichern, dass hier Erotik zur Ware verdinglicht wird. Und weil man so was eben distanziert und souverän und kritisch betrachten muss. Weil wir ja von Adorno gelernt haben und es so gut wie auswendig aufsagen können, dass der Spießbürger mit der Pornographie den Sexus als Teil der verwalteten Welt präsentiert kriegt.

Und nach der Pflicht dann die Kür. Prustend und vor Lachen brüllend zeigen wir uns gegenseitig die deftigsten Fotos und hauen einander dabei auf die Schultern. Eckhart hält eins der Magazine hoch und macht die Grimassen und die Verrenkungen nach, mit denen die Kibitze in den Videoautomaten kriechen, und wir halten uns die Bäuche vor Lachen. In diesem Moment kommen Maren und Margit in die Küche.

Eckhart hält Maren erwartungsvoll grinsend eins der Fotos hin, auf dem eine verheißungsvoll lächelnde Nackte unter ihrem horizontal aufgesperrten Lippenpaar ein vertikal klaffendes Schamlippenpaar präsentiert. Aus der Froschperspektive. In rosalila Glanz.

“Wie f-f-findst’n das, Maren? Is’ doch w-w-widerlich, oder?”

Maren sieht ein paar Mal zwischen den Schamlippen und Eckharts Grinslippen hin und her und lächelt dabei stumm und untergründig. Und nimmt dann Gunnars Senftube, schraubt langsam die Kappe ab und quetscht einen unappetitlichen Klecks auf die klaffenden Schamlippen. Dann richtet sie die Senftube auf Eckhart. Doch der hält sich geistesgegenwärtig sein Magazin vors Gesicht und flüchtet. Maren verfolgt ihn krakeelend um den Küchentisch herum und verziert sein Kraushaar und seinen Hemdkragen mit Senfklecksen.

Margit sieht erst vergnügt kichernd und dann aufgedreht gackernd zu. Sie greift in den Teller mit der Zungenwurst und klatscht Heiner zwei Scheiben davon in den Leninbart. Anschließend langt sie nach dem Teller mit dem Butterkäse, doch den hat Gunnar schon lachend in Sicherheit gebracht. Er muss sich aber sofort selber in Sicherheit bringen, weil Maren mit Kriegsgeheul auf ihn eindringt und ihn mit ihrer Senfkanone bedroht. Gunnar bricht in Richtung der Teeküchentür aus, stolpert über ein Stuhlbein, landet auf dem Tisch und wird dort von Margit mit Tee begossen. Doch er kriegt die Margarine zu fassen und schleudert eine Handvoll davon in Margits Haar, erhält dafür von Maren einen Senfspritzer ins Ohr und will sich umgehend mit dem nächsten Klumpen Margarine rächen. Der streift jedoch nur Rüdigers Kinn und fliegt an Eckhart vorbei an die Wand. Weil der aber ausweichen wollte und dabei ausgerutscht und hingefallen ist, muss er nun, auf dem Boden herumzappelnd, Margits und Marens Tee- und Senf- und Zungenwurstattacken über sich ergehen lassen.

Endlich hat Gusti ein Thema gefunden, über das er mit Juli reden kann. Er erzählt ihr über seine Kindheit in der Rhön. Sie will alles über die Tiere wissen, mit denen er auf dem Bauernhof seiner Großeltern umging. Während er auf dem Bett sitzend erzählt, kommt sie zu ihm herüber, setzt sich erst neben ihn und legt nach ein paar Minuten ihren Kopf wieder auf seinen Schoß. Wie vor ein paar Tagen im Wagen.

Diesmal wird er es nicht dabei belassen, ihr nur übers Haar zu streichen, denkt er, als er sich über sie beugt und in ihre graugrünen Augen sieht. Diesmal wird er den Juli-Hauch nicht nur einatmen, sondern auf den Lippen spüren. Auf der Zunge. Im Bauch.

Jemand klopft an. Noch ehe Juli reagieren kann, geht die Tür auf und Rolf tritt ein. Er bleibt an der Tür stehen und sieht amüsiert zu den beiden herüber.

“Trautes Beisammensein?”

Er schließt die Tür hinter sich und geht, als gehöre das Zimmer ihm, zum Schreibtisch. Dort legt er seinen Motorradhelm ab, geht zum Fenster und sieht hinaus.

“Eine herrliche Aussicht hast du hier oben, Juliane.”

Juli hat sich aufgerichtet. Nun steht sie auf und geht zu Rolf ans Fenster.

“Du sollst mich doch nit Juliane nenne’. Oder ich nenn dich Rudolf, hab ich de’ gesacht.”

Immer noch aus dem Fenster sehend legt Rolf den Arm um ihre Hüfte.

“Ich hab’n Piece dabei. Wenn du willst, könn’n wir’s uns nachher wieder’n bisschen gemütlich machen.”

Juli wendet Gusti einen kurzen Moment lang das Gesicht zu, sagt aber nichts. Gusti steht auf.

“Ich geh dann mal.”

Juli will sich von Rolf losmachen, doch er lässt sie nicht los und zieht sie an sich. Sie sieht wieder zu Gusti herüber.

“Tschau, Gusti. Bis dann ema’, gell?”

“Tschüss, Juli.”

Er geht zur Tür. Als er sie öffnet, ruft Rolf, ohne sich umzudrehen:
 
 “Grüß Gott, August.”

Gusti bleibt stehen. Er braucht einen Moment, bis ihm der richtige Gruß einfällt.

“Waidmannsheil, Rolf.”

Unsichtbar und unhörbar hat sich die Stille wieder in unsere Flure geschlichen und nimmt den Abendappell unserer Türen ab. Wie immer bleibt sie hier und da stehen und horcht. Es sind die Türen der Zweisamen, an denen sie besonders lang horcht. Zum Beispiel an dieser hier im elften Stock.

Dahinter genießen Juli und Rolf gerade die aphrodisische Wirkung von Haschisch. Auch wenn Juli diesmal die Pink-Floyd-Klänge vermisst, die vorige Woche bunte Muster an die Decke von Rolfs Schlafzimmer gemalt haben. Dafür kann sie sich diesmal aber leichter auf Rolfs fordernde Bewegungen einstellen. Sie fühlt sich unter seinen Händen zerfließen.

Die Stille schüttelt missbilligend den Kopf und zieht still weiter. Wer weiß, an welchen Türen sie in früheren Eckenheimer Zeiten mal so gehorcht hat, damals vielleicht uniformiert und gnadenlos und gefürchtet. Und wer weiß, was damals mit den ausgehorchten Zweisamen passiert ist.

Für uns heutige Zweisame ist hingegen die Stunde der reuelosen Zweisamkeit angebrochen. Unsere Lippen nibbeln, unsere Nippel kribbeln, die Zungen zuzeln und die Kitzler bitzeln, Zähne zwicken und Nägel zwacken, Brustwarzen schwellen an und heißfleischige Eicheln recken sich zu freudig feuchten Höhlungen hoch, auf sinnliche Seufzer antworten gehauchte Raunzer, Wange an Wange, Kinn an Kinn tasten wir uns im Dunkeln ins Dunkel des andern oder forschen uns im Hellen gegenseitig aus, wir lassen uns eigensüchtig in die eigene Lust fallen oder steigen zusammen hoch und höher, wir steuern und beschleunigen, wir schalten und bremsen, wir fahren mal diese, mal jene Tour und spüren mal uns, mal den andern kommen, wir verlieren uns oder analysieren uns, wir gieren oder protokollieren, wir galoppieren oder voltigieren.

Und wenn wir uns endlich nacheinander oder zusammen schaudernd beschenkt haben und omne-animal-triste-schlapp-und-schlaff aufeinander oder nebeneinander liegen, dann wird zärtlich raunend oder auch rüde pflaumend verbalisiert und freudianisch oder marcusianisch kommentiert, dann räsonieren wir, dann ordnen wir unsere gegenseitige Beschlafung ein in den kulturellen und historischen Kontext des zwanzigsten Jahrhunderts, dann reflektieren und kritisieren wir ad hoc und per se, wie oral oder anal fixiert, wie genital emanzipiert oder repressiv entsublimiert wir mit der Lust umgegangen sind.

Aber egal, auf alle Fälle haben wir es den Eckenheimern und den Frankfurtern und den Deutschen da draußen wieder mal gegeben und vor allem unsern verklemmten Vätern und unsern prüden Müttern, den bigotten Lehrern und den heuchlerischen Pfarrern, den sadistischen Feldwebeln und ihrem masochistischen Kasernenvolk, all den sexuell verelendeten bürgerlichen Kleinfamilien, in denen verkrampfte Jungfrauen und verschüchterte Jünglinge ausgebrütet und aufgezogen werden, damit sie konditioniert und dressiert in einer lustfeindlichen Welt parieren und funktionieren.

Denn wir sind die Schöne Neue Welt, wir sind Barbarella, wir befreien euch von Unschuld, Tugend, Anstand und Sittlichkeit, wir nehmen euch die Angst vor der Onanie, wir öffnen eure Augen und durchlöchern eure Jungfernhäutchen, wir retten euch vor dem Rein-raus-Gerammel eurer Jugendliebe und vor dem Coitus interruptus eures Ehemanns, wir verschaffen euch die Pille und wir zeigen euch die Feinheiten und Zärtlichkeiten des… Was? Oswalt Kolle?

Komm mir doch nicht mit Oswalt Kolle, Mann! Oswalt Kolle, das ist doch nichts als kleinbürgerliche, kleinfamiliäre, repressiv entsublimierte KACKE.

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.