KOMM WIR GEHEN KRAMEN

VON DICHTUNGSRINGEN UND FABRIKNEUEN GEBEINEN MADE IN CHINA

Es ist Anfang September. Die Touristen auf der Strandpromenade von Cala Ratjada leiden jetzt seltener an Kindersegen, die Tanknadeln in den Mietwagen sind ein paar Millimeter ehrlicher geworden und die Hälfte der Kellner glaubt inzwischen, ihr Alemannisch reiche nun für einen Vortrag über Hegels “Phänomenologie des Geistes” aus.

Volker und seine Gattin beherbergen seit einer Woche Volkers Bruder und zum ersten Mal auch dessen brandneue zweite Gattin. Die beiden sind gekommen, um zwei Wochen als Gäste in Cala Ratjada zu verbringen und um ihren Sohn abzuholen, der sich während des Sommers ziemlich “inkrustiert” hat, wie Volker es mal gegenüber seiner Gattin ausdrückte. Außer ihn von seinem Sohn zu erlösen, will Volkers Bruder ihm wieder seine Überlegenheit auf ausnahmslos jedem Gebiet, besonders aber auf dem sportlichen, in Erinnerung rufen. Und seine neue Schwägerin will Volkers Gattin — so kommt es dieser jedenfalls vor — mit Gastgeschenken überhäufen, die deutlich machen, wie sehr es ihrem Haushalt am Nötigsten mangelt. Diese Gastgeschenke hat die neue Schwägerin aber nicht aus Alemannia mitgebracht, sondern sie sammelt sie nach und nach in den beiden chinesischen Kramläden, die auf dem Weg zum Bäcker liegen und über denen “Bazar Oriental” steht. Für den unkundigen Leser sei hier ein Exkurs eingeschoben.

Es ist ein urmenschlicher, besonders aber urweiblicher Trieb, in einer unbestimmten Menge von bestimmten Gegenständen herumzukramen, zum Beispiel in Kleidungsstücken. Um dann nach einem unbestimmten Zeitraum einen bestimmten Gegenstand auszuwählen und nachträglich zum Sinn und Zweck des Herumkramens zu erklären. In der Steinzeit schon kramten die Damen gern in den Fellen herum, die von den erlegten und verspeisten Mammuts und Säbelzahntigern stammten und in abseitigen Höhlen aufbewahrt wurden. Später durften sie dann an abseitigen Marktständen nach Leinwand, Seide und Tuch kramen. Und heute kramen sie in ganz sicher nicht abseitigen Modebasaren nach Viskose, Acetat und Polyester. Inzwischen haben aber chinesische Händler die Kramkultur von Grund auf revolutioniert, am gründlichsten auf Mallorca.

Denn in den erst recht nicht abseitigen chinesischen Kramläden Mallorcas kramen nicht nur Weiblein, sondern auch Männlein herum, von frühmorgens bis spätabends, ohne Siesta, wochentags wie sonntags, jahraus und jahrein. Und sie kramen beileibe nicht nur nach Kleidungsstücken, sondern nach allem, wonach man zwischen Himmel und Erde kramen kann. Hier gibt es für jeden Topf einen Deckel, für jeden Vogel einen Käfig, für jeden Politiker ein Toupet, für jede Oma eine Hüfte und für jeden Terroristen einen Gürtel. Und das alles ist hier nach einem ausgeklügelten Prinzip angeordnet, das über Jahrtausende in China entwickelt wurde und inzwischen unter der Bezeichnung Chaos-Theorie in die Wissenschaft eingegangen ist. Im Gegensatz etwa zu alemannischen Kramläden, in denen eine gewisse Ordnung in der Unordnung zu erkennen ist, wird in chinesischen Kramläden alles, was im herkömmlichen Sinn nach Planung und Übersicht aussieht, gründlich ausgemerzt. Das Notizpapier liegt direkt neben dem Toilettenpapier, die Sonnenmilch neben dem Mondkalender, das Rattengift neben den Barbiepuppen, das Kruzifix neben der Nietzsche-Gesamtausgabe, der nur einmal gebrauchte Eichensarg neben den fabrikneuen Gebeinen der heiligen Theresia, die Zuckerdose made in Taiwan neben der Entsalzungsanlage made in Somalia und das Original der hängenden Gärten von Babylon neben einer Kopie der Arche Noah mitsamt Noah-Darsteller, etlichen Komparsen und Viehbestand.

Chinesische Kramläden finden sich in jeder Einkaufsstraße auf Mallorca, aber auch auf besonders frequentierten Wanderwegen und an den bei Bergsteigern beliebten Felsabhängen. Sie fehlen in keiner Wegbeschreibung (“an der Kirche links, über die Kreuzung, am chinesischen Kramladen vorbei, dann rechts und Sie sind im Zentrum”), es wimmelt von ihnen auf Google Maps und sie prangen auf jeder Street View. Chinesische Kramläden bilden inzwischen das kommerzielle und ökonomische Rückgrat Mallorcas. Denn ohne sie stünden die fliegenden Händler mit leeren Händen am Strand, ohne sie blieben die Wochenmärkte unversorgt und ohne sie würden zahllose Souvenirläden dicht machen. Warum aber gerade auf Mallorca?

Auf Mallorca treffen mehrere Umstände aufeinander, die das Aufblühen der chinesischen Kramläden begünstigt haben. Da wäre zum einen der alemannische Tourist, der in der Regel ein fleißiger, ordentlicher und gewissenhafter Sammler von Staubfängern ist. Zum anderen wäre da der Zeitfaktor. Was soll der in der Heimat gewöhnlich von Termin zu Termin hetzende Mallorca-Urlauber mit all der Zeit anfangen, die ihm hier zur Verfügung steht? Sich nur stundenlang durch das ewig gleiche Frühstücksbuffet durchfressen? Oder nur am Strand herumliegen? Oder nur dem abendlichen Karaoke-Gejaule der Hotel-Animateure lauschen? Und zum dritten wäre da die Preisfrage. Auf Mallorca gibt es keine Ein-Euro-Läden. Man könnte die chinesischen Kramläden auch Fünfzig-Cent-Läden nennen, obwohl das eher für die wenigen Läden zutrifft, die zur gehobenen Preisklasse zählen, etwa auf den Boulevards von Palma.

Doch zurück zu Volker und seinen Gästen. Im Verlauf der Hahnenkämpfe mit seinem Bruder hat er sich beim Tennis eine Zerrung geholt, beim Boule ist es zwischen den beiden beinahe zu Tätlichkeiten gekommen und beim Schach hat Volkers Bruder eine neue Rochade-Regel, eine neue Definition von Schachmatt und sogar eine völlig neue Schachfigur eingeführt. Und Volkers Gattin hat sich mit einem der Gastgeschenke ihrer Schwägerin, einem revolutionär neuen Schälmesser, in den Finger geschnitten, sie hat sich obendrein beim Ausprobieren eines revolutionär neuen Schuhlöffels einen Hexenschuss zugezogen und sie musste eine revolutionär neue Klobürste aus ihrer hoffnungslos veralteten Kloschüssel herausoperieren.

Nachdem Bruder und Schwägerin in der ersten Woche ihre Dominanz in sportlichen und haushälterischen Belangen zur Genüge bestätigt haben, wenden sie sich in der zweiten Woche ernsteren Dingen zu. Nämlich dem, was Volker mit seinen zwei linken und seine Gattin mit ihren zwei rechten Händen innerhalb eines Jahres in der Wohnung angerichtet haben. Unter anderem sind demolierte Birnenfassungen zu ersetzen (siehe “In Gefahr und großer Not…”, Blog-Eintrag vom 5. Mai 2017) oder Damokles-Gardinenstangen einzudübeln oder labyrinthische Siphon-Konstruktionen zu entwirren. Dabei bilden die beiden eine Jäger-und-Sammler-Gemeinschaft, in der Volkers Bruder die Rolle des Jägers übernimmt, der die zu reparierende Beute aufspürt, und in der Volkers Schwägerin als Sammlerin fungiert, die aus den chinesischen Kramläden die zur Erlegung der Beute nötigen Waffen besorgt. Da diese nicht als Gastgeschenke zählen, muss Volker dafür berappen. Und das — trotz der unschlagbaren Preise — nicht zu knapp.

Denn die nunmehr von ökonomischen Zwängen befreite Sammlerin schleppt nicht nur angeforderte Ersatzteile und Werkzeuge herbei, sondern ergänzt diese selbstständig und freizügig in Anzahl, Art und Beschaffenheit. Aus einem benötigten Dichtungsring wird beispielsweise ein Satz von Dichtungen aus Silikon, Neopren, Polyurethan und — mit einem geringen Aufpreis — auch aus Naturkautschuk. Und aus einer gewünschten Flachzange wird ein Zangenset mit Flachrundzange, Rundflachzange, Storchschnabelzange, Entenschnabelzange, Wasserpumpenzange, Wasserrohrbruchzange, Telefonzange, Telefonbuchzange, Unterhosenzange und sterilisierter Geburtszange.

Doch damit nicht genug. Nachdem die Schwägerin die insgesamt vier chinesischen Kramläden von Cala Ratjada ausgekundschaftet hat, beginnt sie das Spektrum der angeforderten und von ihr ergänzten Utensilien erheblich zu verbreitern. Zum Beispiel gibt sie der bestellten Wasserwaage eine gebrauchte, aber gut erhaltene Viehwaage bei, nebst einem Bolzenschussgerät und einem Schlachtermesser. Oder sie fügt einer gewünschten Spule Lötzinn einen altiberischen Zinnkrug made in China hinzu, einschließlich des passenden Zinngeschirrs, außerdem eine Kompanie spanischer Zinnsoldaten, die Memoiren des hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn und die Videokassette einer englischen Humoristentruppe mit dem Titel “Der Zinn des Lebens”.

Volker wäre von seiner Schwägerin in den Ruin getrieben worden, hätte seine Gattin nicht irgendwann die Notbremse gezogen. Nachdem sie sich mit Volker beraten hat, eröffnet sie den beiden Gästen, dass man sie nachträglich mit einem Hochzeitsgeschenk überraschen wolle. Es ist eine Flugreise für drei Personen zu den Bahamas, einschließlich eines dreitägigen Aufenthalts in einem dortigen Fünf-Sterne-Sporthotel.

Als Bruder, Schwägerin und Neffe abgereist sind, machen es sich Volker und seine Gattin aufatmend in ihrer neuen Polstergarnitur made in China bequem. Volker ist sich nicht sicher, ob er sich jemals wieder einen Besuch seiner Schwägerin leisten kann.