PÜNKTLICHKEIT IST EINE ZIER…

MIT BUS UND BAHN UND AUSGEDÖRRTER KEHLE

Mein Freund Volker erzählt, er sei, als er sich auf Mallorca niedergelassen habe, noch ein Mensch gewesen, der an ewig gültige Werte wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Ordnung geglaubt habe. Ein Termin sei in Stein gemeißelt gewesen. Zur verabredeten Uhrzeit habe man pünktlich auf der Matte gestanden, ob bei Hagel oder Glatteis oder bei der Sonne glühendem Brand, ob mit vierzig Grad Fieber oder mit einer frischen Schusswunde. Und absolute Pünktlichkeit habe man auch von den öffentlichen Verkehrsmitteln erwarten können. Fahrpläne hätten an sittlich-moralischer Geltung den zehn Geboten in nichts nachgestanden.

Schon die ersten Wochen auf Mallorca aber hätten seinen Glauben an das Zuverlässige, Pünktliche und Ordentliche im Menschen in den Grundfesten erschüttert. Dass zum Beispiel eine Verabredung mit einem Mallorquiner erst nach einer Karenzzeit von mindestens einer Stunde eingehalten werde, sei völlig unerträglich, schimpft Volker. Nach einem skeptischen Blick meinerseits fährt er aber etwas ruhiger fort, er habe sich inzwischen ja darauf eingestellt. Und zwar auch deshalb, weil ihm ein alteingesessener alemannischer Resident die Sache mal aus der mallorquinischen Perspektive erklärt habe:

Der Alemanne ist in den Augen des Mallorquiners wie das Weiße Kaninchen aus Alice im Wunderland, das mit der Taschenuhr in der Hand herumrennt und andauernd jammert “Ojemine, ich komm zu spät!” Diesen — nach Meinung des Mallorquiners — kindischen Zug in seinem Charakter nennt der Alemanne dann seine Zuverlässigkeit und erwarte von aller Welt, sich gefälligst ebenso kindisch zu verhalten. So sehr aber der Mallorquiner den alemannischen Fleiß und die alemannische Effizienz bewundert, so sehr verachtet er die alemannische Pünktlichkeit. Denn für den Mallorquiner ist es einfach eine Zumutung, sich einer Zeitvorgabe beugen zu müssen. Ein Termin, das ist ein Eingriff in seine unveräußerlichen Menschenrechte. Schließlich ist immer noch er selbst der Herr über seine Entscheidungen, nicht irgendein dahergelaufener Quadratkopf, der ihn zu irgendeiner unmöglichen Uhrzeit anlässlich irgendeiner sinnlosen Verabredung erwartet. Soll er doch warten. Und froh sein, wenn überhaupt einer kommt.

Nach einer Pause fügt Volker hinzu, dass es natürlich dieses Verhalten des Mallorquiners sei, das man kindisch nennen müsse, und nicht die Pünktlichkeit des Alemannen. Aber er habe sich ja, wie gesagt, inzwischen an dieses kindische Verhalten gewöhnt. Es gebe jedoch Grenzen. Er sei beispielsweise nie ganz darüber hinweggekommen, dass hierzulande der häretische Umgang mit seiner kostbaren Lebenszeit sogar von der sakrosankten Institution des FAHRPLANS ausgehe. Und er erzählt mir von seinen Erfahrungen mit Fahrplänen auf Mallorca.

Er ist mit seiner Gattin auf der Rückreise von einem Besuch in der Heimat und der Abflug in Frankfurt hat sich um mehr als eine halbe Stunde verzögert. Damit ist die von Volkers Gattin minutiös ausgeklügelte Planung des Heimwegs mit dem Stadtbus und dem Überlandbus über den Haufen geworfen worden. Noch im Flughafengebäude will sie anhand der ausgehängten Fahrpläne die in Frage kommenden Verbindungen neu austüfteln. Als sie damit durch ist, treibt sie Volker, der gerade seine von der Klimaanlage im Flieger ausgedörrte Kehle mittels einer Flasche Bier befeuchtet, zur Eile an, denn der Bus nach Palma soll in drei Minuten abfahren. Sie zerren ihre Rollkoffer durch den Ausgang und müssen zusehen, wie ihr Bus gerade den letzten Passagier aufnimmt und losfährt. Drei Minuten zu früh, jammert Volkers Gattin.

Während sie auf den nächsten Bus warten, muss Volker seine immer noch ausgedörrte Kehle— das behauptet er jedenfalls — mit dem nächsten Bier befeuchten. Dabei stichelt er, dass er es nicht sehr sinnvoll finde, die Abfahrt eines Busses nur deshalb zu verpassen, weil man die Abfahrtszeit eben dieses Busses eruieren wolle. Seine Gattin überhört das geflissentlich und studiert die Notizen, die sie sich über alle möglichen und unmöglichen Busverbindungen gemacht hat. Es würde knapp werden, verkündet sie dann mit unheilschwangerem Ton, denn nur fünf Minuten nach der vorgesehenen Ankunft des Stadtbusses in Palma fahre der Überlandbus nach Cala Ratjada ab. Und wenn dessen Fahrer es auch so eilig habe wie der im Stadtbus vorhin, dann hätten sie das Vergnügen, zweieinhalb Stunden lang auf den nächsten Bus zu warten.

Am Plaça d’Espanya in Palma eingetroffen zerren sie ihre Rollkoffer mit Höchstgeschwindigkeit die Rolltreppen zu den unterirdischen Verliesen des Estació Intermodal hinunter. Gott sei Dank! Der Bus nach Cala Ratjada steht noch da. Aber es stehen auch zirka fünf Millionen Passagiere da. Beziehungsweise solche, die es zu werden wünschen. Nur der Hälfte von ihnen wird ihr Wunsch gewährt. Volker und seine Gattin sind nicht darunter, weil sie und ihre Rollkoffer sich eher im Außenbezirk des Fünf-Millionen-Gewühls befinden.

Die Dame an der Information versteht zwar Englisch, versteht aber offenbar nicht, warum die beiden Alemannen so erbost sind. Nein, einen Ersatzbus gebe es nicht, da müssten die Madam und der Sir auf den nächsten Bus warten. Ja, der fahre, äh, just a moment, please, äh, ja, in zwei Stunden und fünfundzwanzig Minuten ab. Es gebe aber eine zeitigere Zugverbindung nach, äh, Manacor mit Umsteigemöglichkeit in den Bus nach, äh, Cala Ratjada. Während Volkers Gattin sich die Abfahrts- und Ankunftszeiten von Zug und Bus notiert und sofort an den ausgehängten Fahrplänen überprüft, beschafft sich Volker eine weitere Flasche Bier, denn — so lautet seine Erklärung — der Rollkoffer-Parkour hat seine Kehle wieder eintrocknen lassen.

Doch schon steht der nächste Rollkoffer-Parkour an. Und folglich auch das nächste Bier. Beim Warten auf den Zug nach Manacor stichelt Volkers Gattin, dass sie es nicht sehr sinnvoll finde, eine Kehle mit einem Getränk zu befeuchten, das eben diese Kehle umgehend wieder eintrocknen lasse. Volker trinkt und schweigt.

Als die vorgesehene Abfahrtszeit des Zugs näher rückt, nicht jedoch der vorgesehene Zug, beginnt Volkers Gattin ihren Rollkoffer auf dem Bahnsteig hin und her zu zerren und sich hektisch umzuschauen. Die Abfahrtszeit verstreicht. Volkers Gattin überprüft die Anzeigetafel auf dem Bahnsteig sowie ihre Notizen nach Anzeichen einer Fehlinformation. Volker überprüft seine Kehle nach Anzeichen von Trockenheit. Doch da, endlich! Der Zug trudelt gemächlich ein. Und bleibt erst mal eine Weile stehen. Während sie im Zug auf die Abfahrt warten, studiert Volkers Gattin nervös ihre Notizen. Wenn das so weitergehe, murmelt sie, könnten sie den Anschluss in Manacor vergessen.

Und es geht auch so weiter. Der Zug bummelt durch die einsetzende Abenddämmerung und hält alle fünf Minuten an irgendeiner verlassenen Station, ohne dass irgendjemand ein- oder aussteigt. Außerdem wird er immer langsamer und bleibt irgendwann ganz stehen. Da alle Fahrgäste daraufhin aussteigen, tun die beiden Alemannen es ihnen nach. Volkers Gattin sieht sich nach einem Fahrplan um und Volker nach einem Bier, doch weder sie noch er werden fündig. Auf die englisch gestellte Frage Volkers an einen neben ihm stehenden Einheimischen, wo der Zug nach Manacor abfahre, antwortet dieser etwas auf Mallorquinisch und deutet nach links. Zehn Minuten später ruckelt von links eine Diesel-Lok mit ein paar angehängten Waggons heran. Es geht im Schritttempo in die Richtung zurück, aus der sie eben gekommen sind. Volker stichelt, dass er es nicht sehr sinnvoll finde, zwischen Palma und Manacor hin und her kutschiert zu werden, wenn ihr Ziel eigentlich Cala Ratjada sei. Volkers Gattin studiert mit finsterem Blick ihre Notizen und schweigt.

Endlich am Bahnhof von Manacor angekommen fragt Volkers Gattin den Fahrkartenkontrolleur auf Spanisch — jedenfalls in dem Idiom, das sie für Spanisch hält — nach der Bushaltestelle. Sie erntet aber nur ein stummes Kopfschütteln. Volker versucht es auf Englisch und erntet noch nicht mal das Kopfschütteln. Die einheimischen Fahrgäste sind inzwischen im Abenddunkel verschwunden, so dass die beiden Alemannen und ihre Rollkoffer verloren auf dem Bahnhofsplatz herumstehen. Weder ein Fahrplan noch ein Bier in Sichtweite. Sie zerren ihre Rollkoffer aufs Geratewohl in eine Richtung, in der die Straßenlaternen ein bisschen heller zu leuchten scheinen. Volkers Gattin gesteht zerknirscht, dass der Bus nach Cala Ratjada ohnehin längst abgefahren sei. Volker verkneift es sich, mit irgendeiner stichelnden Bemerkung zu antworten, und hält stattdessen Ausschau nach einer Möglichkeit, seine Kehle zu befeuchten.

Als sie kurz darauf in eine größere Straße einbiegen, bietet sich ihnen an einer Bushaltestelle der schon bekannte Anblick einer wartenden millionenköpfigen Menschenmenge. Es sind einige alemannische Touristen darunter, die mit dem Bus aus Palma gekommen sind. Von ihnen erfahren sie, dass der Bus, in den alle umsteigen sollen, schon seit einer Dreiviertelstunde überfällig ist. Ein älteres alemannisches Pärchen schlägt Volker und seiner Gattin vor, zusammen eins der Taxis zu nehmen, die wie motorisierte Geier mal auf dieser, mal auf der anderen Straßenseite auf und ab cruisen.

Während der Fahrt kommen sie ins Gespräch. Thema ist natürlich die Zuverlässigkeit der öffentlichen Verkehrsmittel auf Mallorca. Das Pärchen scheint sich auszukennen. Die beiden berichten Volker davon, was sie über ein kleines Busdepot wissen, das sich nicht weit weg von der Haltestelle befindet, an der sie vorhin zusammen gestanden haben. In dem Depot stehe der Bus, auf den im Moment alle warten. Leer. Ohne Fahrer. Denn dieser sitze in der Tapas-Bar nebenan und schreibe einen Bericht über die Motorpanne, die er gerade gehabt haben will.

Volker, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat, nickt, wirft dem Taxifahrer einen Blick zu und grinst vor sich hin. Aber seine Gattin hat das nicht verstanden. Warum der Busfahrer denn so was tue, will sie wissen. Das solle sie den Taxifahrer da vorn mal fragen, ist die Antwort.