WAS MACHT DIE KUNST?

ALLES IST ERLAUBT

Schon seit über einem Jahr trifft sich Volkers Gattin mit einer Gruppe gleichgesinnter Mallorquinerinnen und Alemanninnen. Gleichgesinnt im Sinne von kunstsinnig. Und kunstsinnig im Sinne von Anything goes. Dieser Devise der Postmoderne verdankt sich der Name des Kunstladens, den ein Mitglied der Gruppe im Nachbarstädtchen Artà betreibt. Genauer gesagt steht über dem Eingang des Ladens die mallorquinische Version jener Devise, nämlich “Tot està permès”, also “Alles ist erlaubt”.

Volker kann sich leider nicht alles erlauben, wenn er mit seiner Gattin über ihren Kunstsinn spricht. Könnte er das, so wären seine Kommentare etwas freimütiger, wenn es um die Aquarell-Portraits geht, die sie von ihm, von der Katze und von einer verstorbenen Zikade angefertigt hat. Dann würde er ihre Werke nämlich mit denen vergleichen, welche in der Grundschule um die Ecke die Sechsjährigen in die Fenster ihrer Klassenräume gehängt haben. So aber kann er es sich noch nicht mal erlauben, die Aquarelle als naive Kunst zu bezeichnen, obwohl in dieser Bezeichnung doch das Wort Kunst vorkäme. Er habe ja keine Ahnung von Kunst, wäre dann die Reaktion seiner Gattin. Oder sie würde mit der Kunst des bedeutsamen Schweigens reagieren, eine Kunst, die sie nach Volkers Meinung weit besser als die des Aquarellierens beherrscht.

In der letzten Zeit ist Volkers Gattin mit Sorgenfalten auf der Stirn von den Treffen in Artà zurückgekommen. Denn die Miete des Ladens ist erhöht worden. Im Gegensatz dazu sind die Einnahmen aus dem Verkauf von Kunstgegenständen zurückgegangen. Das Schiff der Alles-ist-erlaubt-Kunst treibt somit dem finanziellen Ruin entgegen. Volkers Gattin und einige andere kunstgesinnte Damen aus der Gruppe haben schon Rettungsmaßnahmen erwogen, erlaubte wie auch unerlaubte. Zum Beispiel einen Trauerzug durch Artà, mit einem Sarg, auf dem in großen Lettern TOT ESTÀ PERMÈS stünde. Oder eine Performance, bei der diejenigen Damen, die es sich leisten können, ihre künstlerisch gestalteten Brüste künstlerisch entblößen würden. Oder gar eine Aktion im Stil von Pussy Riot, während der Artàs Wallfahrtskirche Sant Salvador künstlerisch besetzt werden müsste. Die etwas Gemäßigteren unter den Damen haben hingegen vorgeschlagen, den Ausstoß von Stieren im Abendrot, von getöpferten Schafsköpfen und von Tischlämpchen aus Ziegenhörnern drastisch zu steigern. Volkers Gattin kam schließlich auf die geniale Idee mit der Ausstellung.

Eigentlich war es ja Volkers Idee. Als er von den verzweifelten Überlegungen der Künstlerinnen hörte, erlaubte er es sich, seine Gattin grinsend zu fragen, wie es denn mit einer Ausstellung von Fäkalkunst wäre. Er habe mal was über einen italienischen Künstler gelesen, der seine Exkremente in Dosen gefüllt und als “merda d’artista”, also als “Künstlerscheiße”, zum Verkauf angeboten habe. Und irgendein Amerikaner habe sogar mal anlässlich einer Kunstausstellung in Zürich 80 Tonnen getrockneten Kot ins Museum verfrachtet. Die mit Kalk getrockneten Blöcke hätten zwar nach ihrer Bearbeitung immer noch ein bisschen geduftet, aber das habe dem Erfolg des Kunstwerks keinen Abbruch getan.

Hier ein kurzer Ausflug in das Verhältnis der Alemannen zu ihren duftenden Hinterlassenschaften: Die oben erwähnten internationalen Beispiele des künstlerischen Umgangs mit menschlichen Ausscheidungen zeugen von einer Unbefangenheit, die den Alemannen in der Regel abgeht. Dazu ist ihnen dieses Thema viel zu wichtig. Nicht umsonst hat die Klosett-Industrie so lange gebraucht, bis sie uns auf alternative sanitäre Sitzgelegenheiten umgewöhnen konnte. Nämlich vom sogenannten “Flachspüler”, bei dem das Ergebnis unserer Sitzung auf einer einsehbaren Fläche vorliegt, hin zum “Tiefspüler”, bei dem der Befund unrettbar verloren in einem mit Wasser gefüllten Siphon schwimmt. Der Alemanne analysiert eben gern, was er produziert hat. Und wenn sein Produkt sich nach getaner Arbeit nicht in Farbe, Form und Substanz analysieren lässt, verunsichert ihn das. Auch wenn am Ort der Produktion beziehungsweise der Analyse noch einige Zeit danach ein strenges Aroma herrschen sollte. Frei nach Wilhelm Busch:

Stuhlgang wird spannend oft empfunden / Auch wenn er mit Geruch verbunden

Doch nun zurück zu Volkers Vorschlag mit der Fäkalkunst. Natürlich hat Volkers Gattin diesen erst mal entrüstet von sich gewiesen. Heimlich jedoch googelte sie mit den entsprechenden Suchwörtern im Internet herum. Und wurde fündig. Und das sogar auf Mallorca. Vor einiger Zeit nämlich hat hier ein gewisser Maestro Bennàssar, ein Bewunderer des großen alemannischen Meisters Josef Beuys, eine einschlägige Ausstellung kuratiert. In einem Kulturzentrum im Südosten der Insel zeigte er Kunstwerke auf der Basis eben jenes anrüchigen Materials. Infolge dieser materialbedingten Anrüchigkeit und des daher mangelnden Zuspruchs durch das Publikum stellte der Maestro seine Kunst später auf einen weniger anrüchigen Werkstoff um. Und zwar auf ein Gemisch aus Lehm und Kreideschlamm, das dem ursprünglichen Material jedoch täuschend ähnlich sah. Mit durchschlagendem Erfolg.

Die etwas Gemäßigteren unter den Damen waren nicht so recht begeistert von dem Wagnis einer solchen Ausstellung. Doch sie wurden von den weniger Gemäßigten erst mal an den Namen ihres Kunstladens erinnert und dann gefragt, was man in ihrer Lage denn zu verlieren habe. Und ob man nicht immer schon darauf aus gewesen sei, sich von der Konkurrenz im Städtchen zu unterscheiden. Und da die weniger Gemäßigten in der Mehrzahl waren, wurden die eher Gemäßigten überstimmt. Man kontaktierte also Maestro Bennàssar.

Der Maestro wollte sich zuvor die Räumlichkeiten anschauen. Die Besichtigung fiel positiv aus und er verkündete, er wolle die Ausstellung kuratieren. Aber unter der Bedingung, dass er und nur er allein die Vorbereitungen dazu treffen dürfte. Die eher gemäßigten Damen erhoben Einspruch, doch die weniger gemäßigten waren einverstanden. Also konnte der Maestro ans Werk gehen.

Der Tag der Vernissage ist gekommen. Die Betreiberin des Kunstladens hält eine Rede auf Mallorquinisch und Volkers Gattin eine zweite auf Alemannisch. Die beiden haben sich darauf geeinigt, dass es in den Reden um den Namen und die Botschaft des Kunstladens gehen sollte. Wobei die Mallorquinerin sich auf die Bedeutung des Wortes “alles” und Volkers Gattin sich auf den Begriff des “Erlaubt-Seins” konzentrieren würde.

Eine ansehnliche Menge von Besuchern hat sich vor dem Laden versammelt. Unter ihnen Volker. Er hat es sich zum ersten Mal erlaubt mitzukommen, ebenso wie einige Ehemänner und Bettgenossen der übrigen Damen vom Tot està permès. Denn die Vernissage sollte zumindest schon mal durch die Anzahl der Besucher ein Erfolg werden. Dank der Werbetrommel, welche die Damen seit Tagen im Ort und in der Umgebung gerührt haben, stehen aber auch etliche fremde Neugierige vor dem Eingang und hören den Rednerinnen interessiert zu. Sogar die Lokalpresse ist vertreten.

Nach der Rede von Volkers Gattin entsteht eine etwas peinliche Pause. Dann geht endlich die Eingangstür des Kunstladens auf und der Maestro tritt heraus. Lächelnd und — im Pyjama. Mit einer Pyjama-Hose, die in der Gegend des Gesäßes einen zu öffnenden Ausschnitt hat. Und dieser Ausschnitt ist in der Tat geöffnet und gibt die Hinterbacken des Maestros zur Besichtigung frei. Die Kamera des Zeitungsmenschen klickt und klackt.

Aus dem Innern des Ladens dringen Geräusche nach draußen. Sie kommen aus der Richtung einer riesigen Leinwand, auf der — auch schon von der Straße aus — Videoaufnahmen von Personen zu sehen und zu hören sind, die auf Klosetts, Latrinen und Nachttöpfen sitzen. Einige der wartenden Besucher haben damit offenbar schon genug gesehen und gehört. Sie entfernen sich schweigend oder untereinander tuschelnd. Die übrigen reagieren auf die einladenden Gesten des Maestros und treten zögernd näher. Diejenigen, die sich direkt hinter ihm befinden und es ihren Blicken erlauben, zu seinen Hinterbacken herabzuschweifen, entdecken dort ein paar braune Stellen. Auch die Pyjamahose hat eine paar braune Flecken. Wieder klickt und klackt die Kamera.

Der Maestro habe radikal umgeräumt, raunt Volkers Gattin ihm zu, als sie im Hauptraum des Kunstladens stehen. Sie zeigt auf einen hohen, mehrstufigen Sockel in der Mitte des Raums. Dort hätten sonst immer die Tische mit den neuesten Kreationen der Gruppe gestanden, flüstert sie beunruhigt. Sie sieht sich um, entdeckt aber keines der kostbaren Kunstwerke, auch nicht in den Regalen und Vitrinen an den Wänden. Der Maestro schreitet auf den Sockel zu, besteigt ihn feierlich und zieht ein weißes, braungeflecktes Bettlaken von einem größeren Gegenstand weg. Ein braungeflecktes Klosettbecken mit braungeflecktem Wasserkasten kommt zum Vorschein. Der Maestro klappt die braungefleckte Klosettbrille herunter, zieht den Ausschnitt seiner braungefleckten Pyjamahose sorgfältig auseinander und setzt sich vorsichtig auf die Brille. Im Publikum ist ein unterdrückter, spitzer Aufschrei zu hören. Es entsteht Gemurmel.

Auf dem Gesicht des Maestros breitet sich allmählich ein Ausdruck der Verklärung aus. Nach einer Weile langt er hinter sich und drückt auf den Knopf des Wasserkastens. Ein Zischen, ein Gurgeln, ein Blubbern, dann quillt auf einmal eine braune Flüssigkeit unter dem Maestro hervor. Jetzt sind es schon drei spitze Schreie aus dem Publikum. Diejenigen, die dem Sockel am nächsten stehen, treten hastig ein paar Schritte zurück. Ihre Vorsicht ist berechtigt, kommt jedoch zu spät. Irgendetwas platzt und spuckt und brodelt und plötzlich sprudelt und spritzt es braun aus der Klosettschüssel heraus, hebt den Maestro von der Klosettbrille und spült ihn die Stufen des Sockels herunter, braune Brandungswellen ergießen sich über die Schuhe der Besucher, braune Gischt klatscht ihnen ins Haar, braune Sturmböen reißen sie um, gellende Schreie, panische Flucht, rette sich, wer kann, Frauen und Kinder zuerst, Gekreisch, Gewimmer, Gestöhn, verebbendes Geröchel, dann nur noch die Geräusche aus den Boxen unter der braungefleckten Videoleinwand…

Die Befürchtungen der kunstgesinnten Damen — sowohl die der eher gemäßigten als auch die der weniger gemäßigten — bestätigen sich nicht. Im Gegenteil. Seit der Vernissage gehen ihre kostbaren Kunstwerke weg wie warme Semmeln. Sie haben natürlich sofort die Preise erhöht. Es sind ja auch wunderschöne Kreationen, zu denen sie der Maestro inspiriert hat. Zum Beispiel die Stierhörner, die so überaus dramatisch aus den Kackwürsten herausragen. Oder die Windmühlen, die so ungemein romantisch in den Kackhaufen stecken. Oder die Caganer, die so ausnehmend lustig über ihren Kackkringeln stehen. Viel lustiger als die Marionetten, die hier früher an der Wand hingen. Ohne alles Erlaubte oder Unerlaubte.