WER SEIN FAHRRAD LIEBT…

WANDERN MIT FITZCARRALDO UND EINEM STEINMÄNNCHEN

Es heißt, vor Gericht und auf hoher See sei man in Gottes Hand. Von welcher weisen Person auch immer dieser Spruch stammt, sie ist ganz sicher noch nicht auf Mallorca wandern gewesen, sonst hätte sie ihre Lebensregel entsprechend ergänzt. Lassen Sie mich hier, werter Leser, zur Verdeutlichung das Epigramm zitieren, das in der Tramuntana, dem Gebirge im Norden der Insel, an einer Wegkreuzung in einen Findling eingeritzt wurde: Wanderer, kommst du heim nach Alemannia (du Glücklicher), verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie der Wanderführer es befahl.

Die da liegen sind in den meisten Fällen auf Wanderwegen, die im Nirgenwo enden, verhungert und verdurstet. Oder ihre zerschmetterten Gebeine bleichen in Schluchten, die auf den Wanderkarten nicht eingezeichnet waren. So mancher unglückliche Wanderer ist auch Opfer von kurzsichtigen Grundbesitzern auf Ziegenjagd geworden. Und nicht unbeträchtlich ist — vor allem in der Hochsaison — die Anzahl der tödlichen Unfälle von Wandergruppen durch Frontalzusammenstöße mit anderen Wandergruppen oder mit Geisterwanderern.

Die hohen Verluste unter Mallorcas Wanderern erklären sich in der Hauptsache aus der seltsamen Markierung der Wanderwege. Denn Schilder oder Wegweiser im engeren Wortsinn gibt es auf Mallorca nur äußerst selten. Und diese stehen dann in der Regel nicht an Wanderwegen in den Wäldern und Macchien, sondern dort, wo es überhaupt keine Wanderer gibt, nämlich an den Straßen im Innern der Städte und Dörfer. Sobald es aber in die mallorqinische Natur hinausgeht, sucht man meist vergeblich nach irgendwelchen beschrifteten oder bebilderten Hinweistafeln. Stattdessen müssen sich die Wanderer mit sogenannten Steinmännchen begnügen, kniehohen Pyramiden aus aufeinandergeschichteten Steinen und Kieseln. Oder mit verblassten Farbklecksen auf Felsbrocken am Wegrand. Oder mit Knoten in Grasbüscheln, die mitleidige mallorquinische Wanderer für ihre alemannischen Leidensgenossen als zusätzliche Kennzeichnung einer Route geflochten haben.

Mein Freund Volker und seine Gattin haben die Gefahren des Wanderns auf Mallorca bisher nur deshalb überlebt, weil sie ihre Ausflüge nicht per pedes, sondern per Pedal unternehmen. Dabei streifen sie zwar gelegentlich jene hochriskanten Wandergründe, doch ihre stets mitgeführten Fahrräder haben sie bis heute davor bewahrt, den Sirenenrufen verderblicher Erdpisten und todbringender Klippenpfade in die Wanderwildnis zu folgen. Bis heute!

Es ist Mai und herrlich leuchtet Mallorcas Natur. Volkers Gattin findet, es sei wieder einmal Zeit für eine Radtour. Und das obwohl für heute ausgemacht ist Renate und Günther zu besuchen, ein befreundetes alemannisches Ehepaar, das in der Nähe der Cala Mesquida ein Ferienhäuschen erworben hat und im Moment dort residiert. Statt die Frühlingsluft mit Autoabgasen zu verpesten und außerdem Geld für Benzin auszugeben, könne man den Besuch doch auch mit dem Fahrrad machen, argumentiert Volkers Gattin. Besonders von dem zweiten Argument lässt sich der alemannisch sparsame Volker gern überzeugen. Und so machen sie sich denn auf zur Cala Agulla, von der aus laut Karte ein “breiter Karrenweg” zur Cala Mesquida führen soll.

Sie haben die Cala Agulla halb radfahrend, halb radschiebend hinter sich gelassen und halten nun Ausschau nach einem breiten Weg, der von einem Karren und hoffentlich auch von einem Fahrrad befahren werden könnte. Es bietet sich ihnen aber nur eine breite, steinige Fläche an, uneben, zerfurcht und hier und da mit Ginstergestrüpp, Kiefern und Steineichen bewachsen. Also schieben sie ihre Fahrräder ins steinige Ungewisse und halten Ausschau nach einem Wegweiser, der ihnen den Weg zur Cala Mesquida weist.

Und welch Glück! Halb verdeckt von Gras und Ginster steht ein kniehoher Holzpflock an einer Art Abzweigung, mit dem eingestanzten Symbol eines Rucksackwanderers und mit einem lilafarbenen Pfeil, hinter dem Cala Mesquida steht. Der Pfeil gebietet ihnen zwar, sich in derselben Richtung wie bisher auf der breiten, steinigen Fläche fortzubewegen, aber ein zweiter Pfeil mit derselben Beschriftung weist in die Richtung der Abzweigung. Sie haben also die Qual der Wahl, wie sie zur Cala Mesquida gelangen mögen. Volkers Gattin, die keinen Gefallen an der breiten, steinigen Fläche gefunden hat, entscheidet sich für den zweiten Pfeil. So gelangen sie auf einen malerischen, zur Linken und Rechten von einem immergrünen Wäldchen gesäumten Weg, der an der Küste entlang führt. Hier können sie sogar radeln, wenn auch recht mühevoll.

Nach einer Weile kommen ihnen zwei Wanderer entgegen, die schon von Weitem als Alemannen zu erkennen sind und sich von Nahem als ein Sachsenpärchen entpuppen. Das Pärchen berichtet in breitem Sächsisch, dass der Weg an einer kleinen Bucht ende, also nicht zur Cala Mesquida führe. Sie hätten zwar irgendwo eine Abzweigung ins Hinterland gesehen, aber da gebe es nur einen Pfad, der in die Berge hoch gehe und der sei ihnen zu unwegsam erschienen. Und mit dem Fahrrad sei da wohl erst recht kein Durchkommen, fügt der Sachsenmann hinzu, wenn man nicht mehr zu den Jüngsten und Sportlichsten gehöre. Den letzten Nebensatz sächselt er mit einem amüsierten Blick auf die verschwitzten T-Shirts und die roten Gesichter Volkers und seiner Gattin.

Das hättest du nicht sagen dürfen, du elender Kaffeesachse, denkt sich Volker, Unheil ahnend. Und ein Blick ins Gesicht seiner Gattin bestätigt es ihm. Sie wird sich von nichts und niemandem mehr davon abbringen lassen, erst recht nicht von einem elenden Kaffeesachsen, sich auf jenem Pfad zur Cala Mesquida durchzuschlagen.

Nach fünf Minuten stehen sie vor der Abzweigung in die Berge. Ein Holzpflock am Wegrand, diesmal ohne Beschriftung, definiert den Weg mit dem bereits bekannten Symbol des Rucksackwanderers als Wanderweg. Der sehe doch gar nicht so schlimm aus, behauptet Volkers Gattin. Volker schweigt weise, richtet den Blick aber demonstrativ auf die Anhöhen, die sich am Horizont abzeichnen. Und außerdem gehe der ganz sicher nicht in die Berge hoch, garantiert ihm seine Gattin, sondern verlaufe in einer Senke dazwischen. Volker schweigt weiter weise. Und seine Gattin setzt sich in Bewegung, eine Hand am Lenker, die andere am Sattel. Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt.

Der Wanderweg wird allmählich zum Wanderpfad und läuft an einem breiten Bachbett entlang, in dem Felsbrocken liegen. Und aus dem breiten Bachbett wird allmählich ein schmales, tieferes Bachbett. Und aus dem Bachbett wird in Ermangelung eines Wanderpfads allmählich — der Wanderpfad. Und auf dem liegen immer noch Felsbrocken.

Volker bleibt stehen. Seine Gattin dreht sich zu ihm um. In Volkers Gesicht steht: Okay, das war’s, Schluss mit dem Blödsinn, umkehren! Oder? Im Gesicht seiner Gattin aber steht wie schon vor zwanzig Minuten: Den Kaffeesachsen da, denen werd ich’s zeigen!

Wegen der im Weg beziehungsweise im Bachbett liegenden Felsbrocken müssen sie ihre Fahrräder jetzt immer wieder ein Stück weit tragen. Wer sein Fahrrad liebt, der trägt es, sagt sich Volker, nach Luft schnappend. Weiter oben gehe es ganz sicher aus dem Graben raus und wieder auf dem Weg weiter, versichert Volkers Gattin. Von welchem Weg sie spreche, schnauft Volker.

Weiter oben geht es tatsächlich aus dem Bachbett heraus. Denn die Felsbrocken haben sich so sehr vermehrt, dass die beiden Fahrradträger auf das Ufer des Bachbetts ausweichen müssen. Hier kämpfen sie sich nun durchs Ufergestrüpp, bis Volkers Gattin eine wunderbare Entdeckung macht. Es ist zwar kein Weg, noch nicht mal ein Pfad, eher eine Art Fährte, aber Volkers Gattin zeigt mit triumphierender Miene auf ein paar aufeinandergeschichtete Steine neben der Fährte. Das sei ein Steinmännchen, erklärt sie. Also sei man auf dem richtigen Weg. Volker verzichtet auf die ironische Bemerkung, die ihm auf der Zunge liegt, denn er braucht seinen Atem, um sich zu verpusten.

Dem Bachbett sind sie zwar entkommen, doch die Felsbrocken bleiben ihnen erhalten. Wenn sie die Fahrräder über die Steine hinweg hochwuchten, rutschen sie oft auf sandigen Stellen ab, denn es geht jetzt steiler bergauf als im Bachbett. Die Fährte ist jetzt nur noch durch die Hilfsbereitschaft der Steinmännchen als solche zu erkennen. Und es kommen jetzt steile Stellen, die sie mit dem Fahrrad unterm Arm nicht mehr bewältigen. Also müssen sie von der Fährte abweichen, um die strenge Steigung mit Serpentinen zu besänftigen. Inzwischen benutzen sie die Fahrräder als Wanderstöcke. Nur dass diese Wanderstöcke zwei Räder haben, die überall abzurollen drohen.

Volkers Knie fangen an zu protestieren. Seine Zunge klebt am Gaumen. Die Maisonne knallt ihm auf den Schädel, als hätte er keine Mütze auf. Er fasst nach dem Mützenschild und stellt fest, dass er tatsächlich keine Mütze mehr aufhat. Die muss da unten irgendwo im Bachbett liegen oder im Ufergestrüpp hängen.

Ihm wird auf einmal schwindlig und er setzt sich neben einem Steinmännchen auf den Boden. Sein Blick schweift nach oben, wo seine Gattin ihren Vorsprung auf ihn ausbaut. Wie weit müssen sie den Berg denn noch hochklettern? Was? Berg? Hoch? Aber es sollte doch zwischen den Bergen langgehen. In einer Senke. Volker fühlt sich in den Film “Fitzcarraldo” versetzt, in dem ein Irrer sein Schiff von tausend Indios über einen Berg im südamerikanischen Dschungel tragen lässt. Mit dem Unterschied, dass Volker hier zugleich der Irre und die tausend Indios ist.

Das Steinmännchen grinst ihn an. Die Wanderer, die es aufgeschichtet hätten, seien Bergwanderer gewesen, klärt es Volker auf. Sie hätten aber keine Fahrräder dabeigehabt, wenn es sich recht erinnern könne. Nach einer Weile fragt es Volker, wozu er denn das Fahrrad mitgenommen habe. Volker denkt nach, weiß aber keine plausible Antwort. Fitzcarraldo antwortet für ihn: Das Fahrrad sei ein Symbol. Ein Symbol wofür, will das Steinmännchen wissen. Jemand ruft mehrmals Volkers Namen und er will aufstehen, schafft es aber nicht. Ein Symbol für die Eroberung der Nutzlosigkeit, ruft Fitzcarraldo mit stolzgeschwellter Brust und mit nachhallender Stimme aus. Volker fragt ihn, wie spät es sei. Kurz nach sieben, antwortet Fitzcarraldo mit noch stärkerem Nachhall in der Stimme. Nachts sei es kälter als draußen, gibt das Steinmännchen kichernd zu bedenken. Jemand schüttelt Volker an den Schultern und er versucht die Augen aufzumachen, schafft aber auch das nicht. Da sei einfach kein Durchkommen, stellt Fitzcarraldo in breitem Sächsisch fest. Vielleicht im kleinsten Gang, wirft Volker mit schwerer Zunge ein, er habe doch vierzehn Gänge… Nabenschaltung Marke Rohloff… Speedhub 500. Was es denn jetzt tun solle, schreit ihn plötzlich das Steinmännchen in hysterischem Tonfall an. Es kommt Volker jetzt vor, als ob er eine Treppe runterginge. Und dann ist es ihm, als ob er getragen würde. Er hat Durst und will bei Fitzcarraldo ein Bier bestellen, doch der ist nirgends mehr zu sehen. Auch das Steinmännchen ist verschwunden.

Als Volker zu sich kommt, liegt er auf der Tragbahre eines fahrenden Ambulanzwagens. Seine Gattin sitzt neben ihm und sieht ihn mit großen Augen an. Wo Fitzcarraldo und das Steinmännchen seien, fragt Volker sie. Die habe sie unter einem Baum abgestellt, antwortet seine Gattin und tätschelt ihm beruhigend die Hand. Er brauche sich keine Sorgen zu machen, sie seien abgeschlossen und morgen werde sie sie zusammen mit Renate holen gehen.

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