Karten in der Verwaltung

Dies ist das grob überarbeitete Transkript zum Vortrag von Stefan Sander auf der ersten Kommunalen Open Government Konferenz 2018 in Köln zum Thema “Karten in der Verwaltung” (04.09.2018)

Der Vortrag bestand aus einer kurzen Präsentation mit einer anschließenden sehr interessanten Diskussion.

Ein Video des Vortrages finden Sie hier.

Warum sind Karten im Bereich Open Government und Open Data überhaupt für kommunale Daten wichtig?

Ein relativ kleinteiliger geographischer Raumbezug, häufig auf Adressen basierend, ist für kommunale Daten die Regel. Die Visualisierung der Daten auf einer Karte macht einen solchen Datensatz sofort plausibel. Man erkennt dann direkt die räumliche Verteilung und die Dichte dieser Daten. Außerdem sieht man, ob es sich um flächenbezogene, punktbezogene oder linienbezogene Informationen handelt.

(Deshalb ist bei vielen Open Data Portalen schon ein Kartenviewer integriert. Bereits bei der Bereitstellung der Datensätze, die man herunterladen kann, gibt es so eine Möglichkeit zur Sichtkontrolle.)

Außerdem haben die Kommunen an vielen Stellen auch eine rechtliche Verpflichtung, Daten in Kartenform zu publizieren. Zum Beispiel sind sie durch die letzte Novellierung des Baugesetzbuchs verpflichtet worden, die Daten der Bauleitplanung (Bebauungspläne und Flächennutzungsplan) im Internet zu präsentieren.

Der typische Lösungsansatz, den die meisten Kommunen (auch Wuppertal) in der Vergangenheit gewählt haben, ist das sogenannte Geoportal.

In einem solchen Geoportal bleiben die Geodaten, also die raumbezogenen Daten einer Kommune, aber in ihrem eigenen “Silo” gefangen. Es wird kein darauf aufbauender Mehrwert geschaffen.

Auf der anderen Seite ist ein Geoportal völlig ausreichend für die Veröffentlichung der Daten. Insbesondere wenn es um die Erfüllung einer rechtlichen Verpflichtung geht, könnte man denken, dass die Arbeit damit erledigt ist.

Die entscheidende Frage ist also: Kommt danach noch etwas?

Die Antwort ist leider meistens: “nichts” (oder zumindestens ziemlich wenig). Das Publikationsgeschäft hat so viel Kraft gekostet, dass man keinen Impuls hat, den Nutzwert der vorhandenen Daten weiter zu steigern. Die Konsumenten der Daten erhalten also keine weitere Unterstützung bei der Beantwortung ihrer eigentlichen Fragen und Anliegen.

Deshalb beschränkt sich die Integration der Geodaten in die kommunale Informationslandschaft tatsächlich meist auf eine reine Publikation.

Eine auffallende Gemeinsamkeit vieler Geoportale ist, dass man meistens, wenn man den “Silo” der Geodaten betritt, den kommunalen Webauftritt mehr oder weniger spürbar verlässt. Das heißt, wer zu den Geodaten will, der muss aus dem sonstigen Informationsangebot aussteigen.

Um das zu illustrieren, finden Sie untenstehend 3 frei gewählte kommunale Webauftritte. Zunächst kommt jeweils eine Seite aus dem Content-Angebot von Dortmund, Wuppertal und Düsseldorf. Danach folgen (in anderer Reihenfolge) Screenshots der zugehörigen Geoportale.

Man muss genau hinschauen, um die Zuordnung der drei Geoportale zum jeweiligen Webauftritt nachvollziehen zu können!

Der zweite Punkt neben der starken Trennung des Geoportals vom sonstigen inhaltlichen Angebot ist, dass die Geoportale meistens auf technischen Standards und Normen basieren. Für eine Kommune ist es sehr naheliegend, auf diesen Standards aufzubauen, da sie die komplette Interaktion mit Karten abdecken. Das Problem damit ist, dass diese Standards, die eigentlich für die Kommunikation auf der technischen Ebene gemacht wurden, regelmäßig auch als Grundlage für die Bedienung des Geoportals herangezogen werden.

Ein typisches Geoportal ist deshalb nur in der Lage, die Basisfunktionalitäten, die in den Standards definiert wurden, bereitzustellen. Diese Basisfunktionalitäten sind:

  • das Anfordern einer Karte
  • das Positionieren auf der Karte über einen raumbezogenen Begriff
  • eine punktuelle Sachdatenabfrage
  • Anpassung des Portals durch Ausblenden von Funktionalität und Layerauswahl (seltener)

Einige Dinge, die man als Nutzer von einer guten Kartenanwendung erwarten würde, fehlen dagegen:

Ein umfassendes, themenspezifisches Informationsangebot, in das die Karte an geeigneter Stelle integriert ist und das dem Benutzer auch die zum Verständnis erforderlichen Hintergrundinformationen über die angezeigten Daten bereitstellt, fehlt üblicherweise genauso wie die Möglichkeit, über fachspezifische Suchbegriffe in der Karte zu navigieren und verkettete Suchen auszuführen (z. B. von einer Adresse zur Koordinate und von der Koordinate zum an dieser Stelle gültigen Bebauungsplan). Darüber hinaus fehlen regelmäßig Möglichkeiten, die Daten nach passenden Kriterien zu filtern und mit gefundenen Objekte sinnvolle Anschlussaktivitäten zu starten.

Das Ganze soll natürlich heute technisch zeitgemäß und in einer Weise präsentiert werden, die ein “responsives” Design hat, also auf Smartphones und mobilen Endgeräten mit Touch Display funktioniert. Es soll die Möglichkeiten des Browsers nutzen (History, Bookmarks, etc.) und es soll intuitiv bedienbar sein.

Das sind die Punkte, die wir mit unseren Geoportalen in der Fläche eigentlich kaum einlösen. Oder etwas provokanter ausgedrückt: Das was die bisherigen Geoportale ausdrücken ist “get your maps and go home”.

Das ist der Punkt, an dem wir vor ca. zwei Jahren standen und gemerkt haben, dass ausschließlich immer weitere Daten in unser Geoportal zu pumpen, in eine Sackgasse führen könnte. Die Unzufriedenheit wuchs, insbesondere bei den wirklich wichtigen Kartenthemen. Die eben erwähnten fehlenden Funktionalitäten wurden wiederholt von den Nutzern identifiziert. Es wurde erwartet, dass wir den fachlichen Kontext berücksichtigen, dem Nutzer die naheliegenden Entscheidungen abnehmen und ihm maßgeschneiderte Auswahlmöglichkeiten für seine eigentlichen (vorhersehbaren) Fragestellungen anbieten.

Diese Unzulänglichkeiten haben wir zum Anlass genommen, gemeinsam mit unserem Dienstleister im Geoinformations-Bereich, der Firma cismet GmbH, konzeptionell einen neuen Weg zu beschreiten. Dabei ist eine andere Analogie entstanden:

Der Tanker (das Geoportal) kann in verschiedenen Konfigurationen und Ausbaustufen existieren. Wenn aber etwas wirklich Spezielles realisiert werden muss, das die angesprochenen Probleme für einen speziellen Anwendungsfall lösen soll, steht man vor einer schwierigen Situation. Dann ist der Tanker Geoportal ein schwierig zu modifizierendes Konstrukt.

Aus diesen Diskussionen sind dann die Topic Maps entstanden: Karten mit einem ganz speziellen Fokus auf ein begrenztes Thema.

Intern werden diese Projekte auch “Schnellboote” genannt. “Schnell” ist hier aber weniger bedeutsam als “schlank” im Sinne einer einfachen Anpassbarkeit an die tatsächlichen Anforderungen in einem spezifischen Thema.

Es folgen Beispielscreenshots der Realisierungen von 2 verschiedenen Topic Maps:

Die Einbettung der Topic Map “Interaktive Ehrenamtskarte” in das Web-Angebot der Stadtverwaltung (Integration über iFrame):

Die Ehrenamtskarte (Projektname “Infoportal Ehrenamt”, obwohl eigentlich kein Portal) dient zur Vorselektion offener Ehrenamtsstellen durch den Bürger, der sich ehrenamtlich engagieren will. Mit dieser Vorselektion wird er zum Verein “Zentrum für gute Taten e.V.” weitergeleitet, wo eine persönliche Beratung (matching) des Interessenten stattfindet.

Hier dieselbe Topic Map im Web-Angebot des Zentrums für gute Taten:

Es folgen die spezifischen Filtermöglichkeiten der Ehrenamtskarte, die im Applikationsmenü (Anklicken der Schaltfläche oben rechts in der Karte) angeboten werden:

Man sieht, dass wir versuchen, den Nutzer in seiner Lebens- und Entscheidungssituation abzuholen. Wir ermutigen ihn, sich Fragen zu stellen wie “Welches Aufgabenfeld interessiert micht? Mit wem möchte ich arbeiten? Mit wem möchte ich nicht arbeiten?

Als Kontrast hier die spezifischen Filtermöglichkeiten einer Topic Map zum Suchen und Finden einer geeigneten Kindertageseinrichtung (Projekt “Kita-Finder Wuppertal”):

Auch hier wird die Lebenssituation in den Filteroptionen berücksichtigt: Der Nutzer kennt sein Kind, seinen Betreuungsbedarf und seine allgemeinen Vorlieben zum Träger der Einrichtung. Genau dazu werden die passenden Filterbedingungen angeboten.

Ebenfalls im Applikationsmenü finden sich unter “Einstellungen” die Möglichkeiten zur Personalisierung der Kartendarstellung. Unser Fokus lag dabei auf intuitiver Bedienbarkeit, die vor allem durch die Vorschaufunktion unterstützt wird, und ersten Schritten zur Barrierefreiheit (einstellbare Symbolgröße). Hier der Bereich der Einstellungen im Kita-Finder Wuppertal:

Hier die Möglichkeiten des Checkouts in der Ehrenamtskarte, mit denen der Nutzer die für ihn interessanten Stellen in einer persönlichen Merkliste festhalten und als Vorabinformation vor einem Beratungsgespräch z. B. per E-Mail an das Zentrum für gute Taten übermitteln kann:

Die E-Mail enthält zusätzlich auch einen Link, über den die Ehrenamtskarte mit der Merkliste des Nutzers geöffnet werden kann.

Zum Schluss noch eine Zusammenfassung, ein Ausblick in die Zukunft und einige Bemerkungen zu den organisatorischen Rahmenbedingungen:

Im Moment gibt es 4 umgesetzte Topic Maps:

Wir planen viele weitere:

  • Starkregengefahrenkarte
  • Elektromobilität
  • Sportstätten & Bäder
  • P&R-Karte
  • Flächennutzungsplan
  • Wohnbauflächen
  • Brachflächen / städtebauliche Potenzialflächen (zugriffsbeschränkt)
  • Geobasisdaten / Bestellung von Amtlichen Kartenauszügen
  • Atlas des fairen Handels in Wuppertal
  • Klimakarte / Hitzeinseln

Das Ganze funktioniert natürlich nur, wenn das Erstellen einer solchen Anwendung relativ schnell geht. Obwohl sich die Technologie noch im Aufbau befindet, haben wir die Kita Topic Map in einer Gesamtlaufzeit von 6 Wochen umgesetzt (Anteil Dienstleister: 10 Tage). Wir erwarten bei einfacheren weiteren Themen sogar noch eine deutlich kürzere Laufzeit mit einem noch geringeren Anteil des externen Dienstleisters.

Im Anschluss kam es noch zu einer angeregten Diskussion.