Die Krux mit der Gleichberechtigung

Unternehmen mit Frauen in Führungspositionen

Wir Frauen können heutzutage offensichtlich alles sein: die perfekte Mutter, Businesswoman, Ehefrau und beste Freundin zugleich. Jedenfalls wird uns das von Super-Mutti-Instagram-Profilen und Ikonen des deutschen Fernsehens wie Heidi Klum vorgelebt. Doch das scheint nicht genug zu sein: In der Wirtschaft scheint die Frau einen schier grandiosen Aufstieg zu erleben. Möge man behaupten, wenn man sich Studien großer Konzerne anschaut, denen nach Frauen besser führen können, empathischer sind, offener kommunizieren und sowieso alles besser können. Es steht außer Frage: Frauen an die Macht! Wir sind sowieso das bessere Geschlecht! Und wer braucht dann eigentlich noch unsere lieben Männer?

Nun, ganz so einfach ist es wohl nicht. Dies könnte natürlich ein weiterer Artikel darüber werden, weshalb Frauen die Übermenschen unserer Gesellschaft sind. Angereichtert mit Fotos von jungen Gründerinnen, mit zwei Kindern auf dem Arm, top gestylt und millionenschwer. Hoch lebe die Frau!

Leider kommen Männer im Zuge solcher Betrachtungen oftmals mit einem eher dümmlichen Rollenbild davon, wenn es zum Beispiel um Arbeitsteilung und Familienkoordination geht. Diese Betrachtungsweise hat leider nicht viel mit Gleichberechtigung zu tun, denn wie das Wort schon sagt, geht es dabei ja darum, dass beide Geschlechter gleich behandelt werden.

Wie Stereotypen uns Frauen das Leben schwer machen

Wenn es um Unternehmen mit Frauen in Führungspositionen geht, sind es nämlich genau diese stereotypischen Betrachtungen, die dazu führen, dass Frauen es seltener in Führungspositionen schaffen als Männer. In der Wissenschaft spricht man hierbei von einer „gläsernen Decke“, die eine Hürde beim Aufstieg ins Management darstellt. Aufgrund von gendertypischen Annahmen überwinden Frauen seltener eine solche „Decke“ und gelangen daher schwieriger in Führungspositionen im Management.

Man spricht auch von einer vorherrschenden „Rolleninkongruenz“. Diese beschreibt ein Paradoxon hinsichtlich der weiblichen Persönlichkeit, um für eine Führungsposition in Betracht gezogen zu werden. Entweder wird die Frau durch Rollenstigmata als nicht passend eingestuft, weil ihr Eigenschaften wie Emotionalität und Empathie zugeschrieben werden, die für die ausgeschriebene Stelle hinderlich sein könnten. Oder aber die Frau verhält sich „typisch männlich“ mit allen Eigenschaften, die die Stelle erfordert und wird daher als nicht authentisch eigestuft, weil diese Eigenschaften eben nicht „typisch weiblich“ sind. Egal, wie man es also wendet und dreht, es ist für Frauen schwieriger aufgrund der vorherrschenden Rollenbilder die gläserne Decke zu durchbrechen.

Das Phänomen kann einer der Gründe sein, weshalb wir Frauen knapp 100 Jahre nach Einführung des Wahlrechts weiterhin für Gleichberechtigung in Form von gleichem Lohn, Vereinbarkeit von Beruf und Familie mithilfe einer Frauenquote kämpfen müssen. Zusätzlich gibt es Tendenzen, die eine solche Quote scheinbar unerlässlich machen.

Politische und wirtschaftliche Entwicklungen erzwingen eine Frauenquote

Damit meine ich konkret Entwicklungen wie die im Bundestag. Von 37 Prozent in der vergangenen Legislaturperiode ist der Frauenanteil auf nur 31 Prozent gesunken. Weiteres Beispiel gefällig? Von 30 verbeamteten Staatssekretären in den Bundesministerien sind momentan 5 Frauen, was einen Anteil von 16,7 Prozent ausmacht. Kein Wunder, dass nach dem Erscheinen eines Fotos der Männermannschaft des Innen- und Heimatministeriums von Horst Seehofer ein Satiremagazin eine Putzfrau auf das Foto retuschierte, quasi als „erste weibliche Angestellte von Seehofer“. Fand ich jedenfalls ganz lustig. Manche Dinge kann und muss man eben mit Humor nehmen.

Es scheint in börsennotierten Unternehmen mit Frauen in Führungspositionen zu klappen, immerhin gibt es hier eine strenge Quote. Dort, wo die Macht allerdings am präsentesten ist und zwar in den Vorständen, findet man nur niedrige Vorgaben von 6 Prozent. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass die Frauenquote im Rahmen der Marketingstrategie benutzt wird — sowohl in Politik als auch in börsennotierten Unternehmen. Feminismus als Verkaufsgarant und gesellschaftliche Entwicklungen als Marketinginstrument. Der Kapitalismus macht eben auch seine Trendanalysen.

Gibt es wirklich angeboren männliche und weibliche Fähigkeiten?

Doch was wäre, wenn Kommunikationsstärke und Emotionalität keine weiblichen angeborenen Eigenschaften wären, sondern ein Resultat aus sozialem Umfeld, Erziehung und vielen anderen Lebensumständen. Für jedermann individuell — ob Weiblein oder Männlein. Was wäre, wenn wir Frauen die gleiche Zielstrebigkeit und das gleiche Durchsetzungsvermögen an den Tag legen wie Männer, um in Führungspositionen zu kommen? Jede Genderforscher*in wird diese Frage berechtigt finden.

Aktuelle Forschungsergebnisse belegen, dass das Phänomen einer gläsernen Decke nach wie vor vorherrscht. Allerdings unterscheiden sich die Persönlichkeitsmerkmale von Frauen und Männern in Führungspositionen in keinster Weise. Schon paradox, oder? Frauen in Führungspositionen und die, die solche anstreben, sind gleichermaßen emotional stabil, gewissenhaft und leistungsorientiert wie ihr männliches Pendant. Auch sind sie gleichermaßen narzisstisch ausgeprägt wie ihre männlichen Kollegen, so die Studie, die die Persönlichkeitsausprägungen von 300 Frauen und Männern in TOP-Führungspositionen Deutscher Unternehmen untersucht hat.

Was Gleichberechtigung wirklich bedeuten würde

Wenn das in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft angekommen ist, können wir endlich mal damit aufhören Weiblichkeit als gewinnbringende Marke zu betrachten und beginnen, es als eine Selbstverständlichkeit zu sehen, dass Frauen und Männer sich Führungspositionen in Wirtschaft und Politik teilen, dabei das gleiche verdienen und die gleichen Rechte bei der Familienorganisation besitzen. In meinen Augen wären wir dann dort angekommen, was wir heute versuchen „Gleichberechtigung“ zu nennen.